Die Begriffe der Sünde und der Sündenvergebung haben viele Verwirrungen im Seelenleben der Menschen hervorgerufen. Dies rührt von der falschen Anschauung über die Natur des Menschen her.
Nach der dogmatischen Lehre soll der Mensch ein aus Asche und Staub bestehender und von vornherein verlorener und verdammter Sünder sein, der eines äußeren Erlösers bedarf und der nur im Jenseits vollkommen werden kann.
Nach der intellektuellen Auffassung sei der Mensch ein selbständiger, machtvoller Genius, der sich schon jetzt so hoch entwickelt hat, daß er keinen Erlöser und auch keinen Gott mehr braucht.
Diese beiden Auffassungen sind, von göttlicher Weisheit aus betrachtet, falsch, denn sie widersprechen der Wahrheit. Die erste Auffassung sieht nur den äußeren Menschen und seine erbärmliche, niedere Natur, verkennt die göttliche Abstammung seiner Seele und ihre Gottebenbildlichkeit und führt zur Verknechtung, Unterwürfigkeit, Entweihung der Menschenwürde und zu geistiger Blindheit.
Die zweite Auffassung verrät Anmaßung, Selbstüberheblichkeit, Kurzsichtigkeit und Torheit.
Die Wahrheit jedoch besteht darin, daß der menschliche Geist als Funke des Gottesgeistes alle schöpferischen Kräfte potentiell und latent in sich besitzt, die aber erst zur vollen Entfaltung gebracht werden müssen. Der heutige Mensch ist noch weltenweit von seiner Vollkommenheit entfernt.
Wenn wir den von Gott für den Menschen geplanten und bestimmten Weg der Entwicklung uns als eine Leiter mit tausend Sprossen vorstellen, dann müssen wir erkennen, daß der heutige Mensch noch nicht die ersten zehn Sprossen erstiegen hat.
Er steht zu seiner künftigen, fernen Entwicklung in demselben Verhältnis wie ein Kern, der kaum aus der Erde emporgeschossen ist, zu dem großen Baum, zu dem er werden wird, oder er gleicht dem Embryo im Mutterschoß im Vergleich zu dem reifen und höchst intelligenten Menschen. Er besitzt aber in sich die potentielle Macht, ein Planet und gar Sonnenlogos oder Herrscher zu werden und Welten zu regieren und zu erhalten.
Die uns aus der Weltgeschichte bekannten, großen Seelen, wie Heilande, geistige Führer, Meister und Weise, sind nur einige Schritte auf diesem langen Weg der Entwicklung vorangegangen. Dennoch müssen wir sie als vollkommene Meister und Lehrer anerkennen und ihnen unsere tiefste Dankbarkeit und Verehrung darbringen.
Darum müssen wir erkennen, daß die Sündhaftigkeit des Menschen eine vorübergehende Periode seiner Entwicklung ist. Doch die erwachsenen und erwachten Seelen sind verpflichtet, diese hemmende und die Göttlichkeit des menschlichen Geistes entweihende Sündhaftigkeit zu überwinden und umzuwandeln.
1. Das Wesen und der Ursprung der Sünde
Die Sünde entsteht aus der Unterlassung der Bekämpfung des Bösen oder aus der Unterlassung der Vollbringung des Guten!
Das Problem der Sünde hat die Menschen seit uralter Zeit beschäftigt, weil die Sünde mit dem Leben des Menschen unzertrennlich verwoben ist und auf sein Schicksal und seine Entwicklung eine große Wirkung ausübt.
Über das Wesen und den Ursprung der Sünde sind bei allen Völkern, Religionen und Philosophien verschiedene Lehren, Dogmen und Weltanschauungen verbreitet worden, die sehr voneinander abweichen und auch gegensätzliche Meinungen darstellen.
Zuerst wollen wir einige dieser Meinungen und Lehren uns vor Augen führen:
1. Die Sünde ist dem Heilswillen Gottes widersprechendes Verhalten des Menschen.
2. Die Sünde ist das Abfallen von Gottes Gebot oder die Auflehnung wider die göttliche Weltordnung.
3. Die Sünde ist das Abweichen von Gottes Gesetz oder die Übertretung desselben.
4. Die Sünde ist das Zurückbleiben hinter den Forderungen des Willens Gottes.
5. Die Sünde ist der Ungehorsam gegen Gott oder das Widerstreben gegen Seinen Willen.
6. Die Sünde ist das Verüben oder Begehren des Bösen oder das Unterlassen und Verneinen des Guten.
7. Die Sünde ist das Handeln des Menschen gegen die Forderungen der Sittlichkeit.
8. Die Sünde ist das widersprechende Verhalten des Menschen gegen die Warnung seines Gewissens.
9. Die Sünde ist die mit bewußter, böser Absicht ausgeführte, zerstörende Tat.
10. Die Sünde ist ein vorübergehender Zustand der menschlichen Verfassung und keine Wirklichkeit.
11. Die Sünde ist eine auf Irrtum und Schwäche beruhende Vernunftwidrigkeit.
12. Die Sünde ist ein Entwicklungszustand, also ein notwendiger Vorgang des menschlichen Lebens.
13. Die Sünde ist die Äußerung der Veranlagung oder die Geneigtheit des Menschen zum Bösen.
14. Die Sünde ist die bewußte Verletzung einer Pflicht oder eines Rechts.
15. Die Sünde ist der Vorgang des natürlichen Strauchelns des Menschen.
16. Die Sünde ist das willkürliche Handeln des Menschen gegen die Prinzipien der Wahrheit.
17. Die Sünde ist eine geistige Krankheitserscheinung und zerstört die Harmonie des Organismus.
18. Die Sünde ist die Begleiterscheinung der geistigen Verstockung.
19. Die Sünde ist das Auslöschen des in jeder Seele verborgenen Feuers der Sehnsucht nach Licht und Freiheit.
20. Die Sünde ist ein aus Unwissenheit gewobener Schleier, der das Auge des Gewissens verdunkelt.
Über den Ursprung der Sünde sind ebenfalls die Dogmen der Religionen und die Anschauungen der Philosophie sehr verschieden. Einige von ihnen lauten wie folgt:
1. Nach den meisten Religionen und vor allem den drei semitischen Religionen ist die Sünde die Folge des Sündenfalls von Adam, also ein vererbtes Verhängnis.
2. Die Sünde ist die Folge des Begehrungstriebes des Menschen.
3. Die Sünde entsteht aus dem Zusammenleben der Menschen, sie ist also eine ansteckende, soziale Krankheit.
4. Der Ursprung der Sünde ist schlechthin die Materie und die materielle Natur und das Leben des Menschen.
5. Die Sünde entsteht aus der Unvollkommenheit oder der natürlichen Schwäche des Menschen.
6. Die Sünde entsteht aus der Spannung zwischen den Forderungen der Gesetze und dem Verlangen des Menschennach seinem Eigenleben.
7. Die Sünde entsteht aus dem Gegensatz zwischen dem Eigenwillen des Menschen und seiner Bestimmung.
8. Die Sünde ist die Folge der Willensfreiheit des Menschen, denn da er die Freiheit besitzt, wählt er meist das Böse, und daraus entsteht die Sünde.
9. Die Sünde ist die Folge der Unwissenheit des Menschen, denn er ist an die Fesseln der Materie und an seine niedere Natur gebunden und muß ihrem Impuls folgen, und daraus entsteht die Sünde.
10. Die Sünde entsteht aus der mangelnden Pflege des Seelenlebens.
11. Die Sünde entsteht aus der geistigen Trägheit, denn jeder weiß um das Gute und um das Böse, und dennoch will er sich keine Mühe geben, das Böse zu unterlassen und das Gute zu vollbringen.
Im folgenden soll nun dieses Problem von einem ganz anderen Standpunkt aus zu lösen versucht werden, der dem Geist der göttlichen Weisheit entspricht und entspringt:
1. Wir wissen, daß die Entstehung und Entwicklung der Welt auf dem Gesetz der Dualität oder Gegensätzlichkeit beruht. In allen Phasen und Stufen der Schöpfung herrscht die Gegensätzlichkeit der Kräfte und der Elemente. Ihr Kampf oder Widerstand gegeneinander erzeugt die Bewegung und erhält das Leben der Geschöpfe.
Eine lebendige und entwicklungsfähige Welt ist ohne die Gegensätzlichkeit der Kräfte undenkbar und unmöglich.
Das Licht und die Finsternis, das Gute und das Böse, der Geist und die Materie, das Bewußtsein und der Stoff, das Leben und der Tod, das heißt, das Werden und Vergehen usw., gehören zueinander und zur Schöpfung und sind unentbehrliche Notwendigkeiten.
Da diese Gegensätzlichkeit auch im Menschen herrscht und sein Wesen aus gegensätzlichen Elementen und Kräften besteht, darum ist seine Sündhaftigkeit nichts anderes als der Ausdruck oder die Widerspiegelung der Finsternis, der Materie oder des Bösen in ihm. Die Sündhaftigkeit gehört also zum Wesen des Menschen und entsteht aus Notwendigkeit.
Aber wir müssen anerkennen, daß auch das Kämpfen der Gegensätze, wie das Licht und die Finsternis, der Geist und die Materie, das Gute und das Böse, sowohl im Universum wie auch im Menschen ebenfalls notwendig und Wirklichkeit ist. Denn die Gegensätzlichkeit schließt ja diesen Kampf in sich mit ein, und dieser Kampf ist der Sinn ihres Daseins.
Auf Grund dieser Tatsache ist auch der Kampf des Menschen gegen den negativen oder bösen Aspekt seiner eigenen Natur und mit anderen Worten gegen seine Sündhaftigkeit ebenfalls eine Notwendigkeit und damit seine heilige Pflicht.
Dieses Prinzip der zweifachen Notwendigkeit, nämlich des Daseins des Bösen und der Bekämpfung desselben ist die Grundlage der Schöpfung und der Ausdruck der Allweisheit Gottes. Es muß auch die Grundlage jeder Moral oder Ethik und des Lebens überhaupt werden und als solche gelten.
Dieses Prinzip ist die größte Wahrheit und der Schlüssel zu allen Rätseln des Lebens und des Schicksals.
Nach diesem Prinzip müssen wir einen Unterschied machen zwischen der Sündhaftigkeit, das heißt der Veranlagung des Menschen zum Sündigen, und der Sünde selbst. Danach sagen wir, daß die Sünde nichts anderes ist, als die Unterlassung des Kämpfens gegen das Böse in der Welt und vor allem in sich selbst, das heißt gegen die eigene Sündhaftigkeit des Menschen.
Der Mensch ist ja ein unteilbarer Teil der Welt, gleich einem Atom im menschlichen Leib oder Organismus. Er besteht, wie dieses Atom, nicht durch sich selbst und für sich selbst allein. Deshalb muß er nicht bloß für seine persönliche Erlösung und Höherentwicklung kämpfen, sondern auch für die gesamte Schöpfung.
Danach ist die Weltflucht, der Verzicht auf das irdische Leben und auf den Kampf gegen das Böse in der Welt eine Sünde, weil dies alles Selbstsucht ist und gegen das Prinzip der Schöpfung und gegen die Bestimmung Gottes verstößt.
Denn ohne diesen Kampf, als Folge der Gegensätzlichkeit, ist, wie schon bemerkt, die Höherentwicklung und die Vollendung des Menschen wie auch aller anderen Geschöpfe unmöglich.
2. Durch das Erleben der Folgen des Kampfes gegen das Böse in sich und der Welt wird der Mensch dazu getrieben, seine schöpferischen Kräfte zu entfalten und so sich zu entwickeln und von der Materie zu befreien.
Die Sündhaftigkeit des Menschen, ob wir sie als Folge der Notwendigkeit oder als Resultat des Sündenfalls betrachten, bildet immer Hindernisse für seine von Gott bestimmte Entwicklung. Darum ist die Beseitigung dieser Hindernisse seine Pflicht.
Danach können wir sagen: Alles, was einen Menschen auf seiner jeweiligen Entwicklungsstufe an seinem weiteren Fortschritt hindert, ist Sünde und böse.
Dieser Gedanke ist in den Worten von Paulus zum Ausdruck gekommen wo er sagt: "Die Sünde schließt den Menschen von Gottes Herrlichkeit und Leben aus!" (Röm. 3, 23, 7, 10; Eph. 2, 1, 4, 18) 3. Nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit der Kräfte in der Schöpfung ist in jedem Menschen sowohl ein Drang nach Gutem wie auch nach Bösem von Anfang an vorhanden.
Der Drang nach Gutem, nach Licht oder nach Tugend ist aber im allgemeinen bei allen Menschen und Geschöpfen viel stärker als der Drang nach Bösem, denn der schließliche Sieg des Guten oder des Lichts über das Böse oder die Finsternis ist für die Vollendung der Geschöpfe notwendig und von Gott bestimmt.
Diesen ursprünglichen Drang nach Gutem zu kräftigen und ihn durch den Widerstand gegen das Böse zu entfalten, ist deshalb die heilige Pflicht des Menschen.
Das Versäumen dieser Pflicht, das heißt die Erstickung des Drangs nach Gutem ist Sünde.
Anders ausgedrückt kann man sagen: Das Böse ist die Wesenshemmung des Guten im Menschen, und daher ist die Unterlassung der Beseitigung dieser Hemmungen Sünde.
Darum sagt der erleuchtete Weise mit einem Wort: "Die Sünde ist nichts anderes als die Trägheit oder die Feigheit!" das heißt das Aufgeben der Bekämpfung des Bösen!
4. Die Fähigkeit, das Böse in sich zu überwinden, ist jedem Menschen als göttliches Erbgut gegeben worden. Diese Macht ist in jedem Menschen potentiell vorhanden, sie muß nur entfaltet und gebraucht werden. Denn das Gute in jedem Menschen, ohne Ausnahme, ringt nach der Bekämpfung des Bösen und nach alleiniger Herrschaft.
Diese Fähigkeit in die Tat umzusetzen, das heißt sie in Leistung umzuwandeln oder mit anderen Worten den Sieg des Guten über das Böse in sich zu sichern, ist die Pflicht des Menschen. Das Unterlassen dieser Pflicht ist Sünde.
5. Das Gute ist alles, was das Herz des Menschen reinigt und sein Gewissen beruhigt, seinen Geist oder Verstand erleuchtet und mit einem Wort ihn veredelt und vergöttlicht.
Das Böse ist dagegen alles was das Herz befleckt, die edlen Empfindungen erstickt, das Gewissen betäubt und den Verstand benebelt und verdunkelt und schließlich den Menschen auf die Tierstufe hinabzieht.
Das Gute ist fördernd, verbindend und versöhnend. Es ist das aufbauende, das reinigende und das erleuchtende Prinzip des Lebens. Dagegen ist das Böse das Trennende, das Zerstörende und das Verdunkelnde und Hinabziehende.
Die sittliche Reinheit oder das Edelmenschentum ist der schönste Ausdruck des Guten oder des Willens Gottes im Menschen.
Wer das Gute vollbringt und ihm zur Herrschaft verhilft, der wird zum Vollzieher des Willens Gottes und mit göttlicher Seligkeit gekrönt.
Er wird zum wahren Ebenbild Gottes, zum Heil und Segen für die Menschen und für die Kreatur.
Das Gute zu unterlassen oder seine Herrschaft zu hindern, ist Sünde.
6. In dem Kampf der gegensätzlichen Kräfte müssen und werden auch schließlich, wie erwähnt, die positiven Kräfte, wie Licht, Geist, Leben, das Gute, die Wahrheit usw. siegen. Dies ist die Bestimmung und der Wille Gottes. Denn wenn die negativen Kräfte wie Finsternis, blinde Materie, das Böse, der Tod, der Irrtum usw. siegen würden, würde ja dann Gott und Sein Werk grausam und teuflisch. Und wenn die beiden Kräfte in gleicher Macht und Höhe blieben, dann gäbe es keine Höherentwicklung und keine Vollendung und dann wäre die Erschaffung der Welt Unsinn und törichte Tat, ja ein Gaukelspiel.
Darum muß das Gute in der Schöpfung und damit auch im Menschen endlich siegen, und der Mensch muß danach streben und ringen, das Gute zum Sieg in sich und in der Welt zu bringen. Das Aufhören zu ringen, dem Guten zum Sieg zu verhelfen, ist Sünde.
7. Die menschliche Seele liegt zwischen den zwei Polen der Schöpfung, der Entstehung und der Vollendung.
Sie gleicht einem Emigranten, der binnen einer sehr langen aber bestimmten Zeit zum Auswandern und zum Erreichen eines bestimmten Zieles unterwegs ist.
Sie hat die volle Freiheit, unter vielen Wegen, die zu demselben Ziele führen, zu wählen und ihre Auswanderung schneller oder langsamer auszuführen. Sie hat also nur zwischen dem Anfang und dem Ende ihrer Auswanderung die volle Freiheit, so zu leben und zu wandeln, wie sie will. Auf ihrem langen Wege ist sie aber immer zugleich von guten und bösen Kräften als Freunde und Feinde begleitet, gemäß ihrer eigenen Natur, die aus den gegensätzlichen Kräften und Elementen besteht. Jede von diesen Kräften will sie für sich allein gewinnen.
Die bösen Kräfte wirken durch die Verlockung der materiellen Güter, der tierisch-sinnlichen Triebe und der Laster, um sie zurückzuhalten, ja sie noch tiefer hinabzustürzen. Diese Kräfte sind die Werkzeuge der Mächte der Finsternis, die um ihr Dasein ringen.
Die guten Kräfte oder Begleiter der Seele sind die edlen und geistigen Veranlagungen und Aspirationen oder Eigenschaften und Tugenden, die ebenfalls in ihr um die Herrschaft ringen. Sie versuchen immer die Seele vorwärtszutreiben und in die höhere Sphäre der Geistigkeit emporzuheben und so ihre Befreiung und das glückliche Erreichen ihres Ziels zu beschleunigen und zu ermöglichen.
Diese Kräfte sind die Werkzeuge der Mächte des Lichts.
Die Seele hat aber die Willensfreiheit, zu wählen zwischen diesen beiden Mächten des Lichts und der Finsternis. Ihr ist auch die Kraft gegeben worden, die bösen Kräfte zu bekämpfen.
Der Nichtgebrauch dieser innewohnenden Kraft und der Verzicht auf die Bekämpfung des Bösen ist nun Sünde.
Diese Darstellung des Ursprung der Sünde schließt alle von den Religionen und der Philosophie angegebenen Lehren und Erklärungen mit ein.
Ob man diesen Ursprung im Sündenfall, im Ungehorsam, in der Schwäche und Naturhaftigkeit oder in der Unwissenheit und Unvollkommenheit des Menschen usw. findet, bleibt sich gleich, denn dies alles hat wieder seinen Grund in dem Gesetz der notwendigen Gegensätzlichkeit der schöpferischen Kräfte im Menschen wie auch in der Schöpfung überhaupt.
Die Erschaffung der Welt, wie schon bemerkt, ist ohne Gegensätzlichkeit der Kräfte, also ohne das sogenannte Böse, unmöglich. Und die Entwicklung oder Vollendung der Welt wird auch ohne Bekämpfung des Bösen wieder unmöglich.
Die Notwendigkeit des Bösen in der Schöpfung macht den Menschen sündhaft, das heißt gebunden an Sündhaftigkeit, welche die Möglichkeit und Fähigkeit zu sündigen bedeutet.
Und die Notwendigkeit der Bekämpfung des Bösen macht ihn von Sündhaftigkeit frei, wie der an die Materie gebundene Geist sich durch die Bekämpfung derselben frei macht.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Sündhaftigkeit des Menschen wie auch die Bekämpfung derselben auf der Gegensätzlichkeit der Kräfte beruht, welche die Grundlage der Schöpfung ist.
Die Sünde ist die Schuld, die aus der Unterlassung der Bekämpfung des Bösen in sich und in der Welt entsteht.
Und das Böse ist alles, was die Veredlung und die Befreiung oder die Entwicklung und Vollendung des Menschen hindert.
Die Bekämpfung des Bösen bedeutet jedoch keine Vernichtung, sondern nur Umwandlung, denn schließlich müssen auch die Gegensätze zu Gott zurückkehren, und in Gott gibt es keinen Raum für Gegensätze sondern nur Harmonie, Liebe und Einheit!
2. Die Relativität der Sünde
Alles ist in dieser Welt relativ und individuell.
Da in dieser Welt das Gesetz der Relativität herrscht, so ist auch die Sünde, gleich dem Bösen und dem Guten, relativ.
Gott allein ist das Absolute und alles andere ist relativ, das heißt daß alle Eigenschaften der Dinge in dieser Welt nur in Bezug aufeinander oder im Vergleich miteinander unterschiedlich sind und einen bestimmten Wert haben können, nicht an sich und durch sich selbst.
Das Gesetz der Relativität sagt also:
Nichts besteht durch sich selbst, nichts hat einen absoluten Wert, und nichts bleibt in seinem Zustand bestehen.
Relativität bedeutet danach Bedingtheit, Abhängigkeit und Veränderlichkeit aller Dinge in dieser Welt.
Da diese Welt aus Vielheit und Verschiedenheit der Formen und der Zustände besteht, so sind alle Dinge in unendlichen Graden oder Stufen der Eigenschaften eingeteilt, und jedes Ding unterscheidet sich nur gradweise von dem andern.
Jedes Ding besitzt seine Qualität und Quantität oder Beschaffenheit und Größe nur in bezug auf die Qualität und Quantität des andern. Jedes Ding ist z. B. nur im Vergleich mit andern klein oder groß, gut oder schlecht, tief oder hoch, schön oder häßlich, nützlich oder schädlich usw. Es ist auch mit den geistigen Werten so, wie z. B. mit dem Wissen unter den Menschen. Einer kann nur in bezug auf einen anderen Wissender sein.
Es gibt daher weder im Materiellen noch im Geistigen etwas Absolutes in dieser Welt. Deshalb gibt es nichts absolut Gutes und nichts absolut Böses, kein absolutes Wissen und kein absolutes Unwissen, keinen absolut Freien und keinen absolut Unfreien, keinen absolut Gerechten und keinen absolut Ungerechten, keinen absolut Fehlbaren und keinen absolut Unfehlbaren und keinen absolut Vollkommenen und keinen absolut Unvollkommenen usw.
Außer Gott gibt es nichts absolut Gutes, keine absolute Weisheit, Liebe, Gerechtigkeit, Reinheit, Heiligkeit und Vollkommenheit usw.
Es gibt daher keinen einzigen Menschen, der sein ganzes Leben lang nur Gutes oder nur Böses getan hat.
Wie in der Natur z. B. der Regen, der Wind, die Hitze und die Kälte je nach der Zeit, dem Bedarf, dem Land und dem Zustand der Dinge nützlich oder schädlich sein können, so ist es auch der Fall mit allen anderen Dingen, Eigenschaften oder Zuständen.
Ein Ding kann auf einen Menschen als Gift und auf einen andern als Heilmittel einwirken.
Ein Ding kann in einer bestimmten Zeit oder in einem bestimmten Land einen großen Wert haben, während es in einer anderen Zeit oder in einem anderen Land überhaupt keinen Wert hat.
So ist es auch auf dem geistigen Gebiet. Was bei einem Menschen oder in einer Zeit als Tugend oder gut bezeichnet wird, kann bei einem anderen oder in einer anderen Zeit als Laster und schlecht bezeichnet werden.
Der Fleischgenuß wäre zum Beispiel bei einem vollkommenen Meister eine Sünde, während er bei einem Kannibalen oder Menschenfresser eine Tugend ist. Was bei einem Kinde oder Wilden erlaubt ist, kann bei einem Erwachsenen oder Kulturmenschen unerlaubt und böse sein.
Ein unnützes Wort, ein unfreundlicher Blick, eine kleine Nachlässigkeit und ein negativer Gedanke und das unnötige Töten eines Insektes usw. wäre von einem Weisen oder Heiligen eine Sünde, während solche Taten von anderen Menschen keine Sünde sind.
In allen Urteilen über die Dinge und die Menschen muß daher immer das Gesetz oder das Prinzip der Relativität in Betracht gezogen werden.
Auf Grund dieser Wahrheit muß man erkennen, daß die Sünde sich nicht auf das religiöse und sittliche Gebiet beschränkt und daß es falsch ist zu behaupten, daß, wie manche fanatische Dogmatiker glauben, alle Handlungen der Heiden, wenn sie auch gut sind, als Sünde betrachtet und bestraft werden, eben wegen ihrer Ungläubigkeit. Im Gegenteil ist diese Annahme selbst eine große Sünde. Es gibt wahrlich viele Heiden, und gar Gottlose, deren Lebensführung viel heiliger und heilvoller ist, als die vieler sogenannter Gläubigen unserer Zeit.
Wir müssen nicht vergessen, daß, wie schon betont wurde, das Böse an sich als Gegensatz des Guten eine nützliche Mission zu erfüllen hat, da es ja notwendig ist, wenn es auch bekämpft werden muß.
Darum sagt der Weise: "Das Böse ist im Grunde nichts anderes als das ungeläuterte Gute, wie eine unreife Frucht. Das Böse ist das werdende Gute, es ist auf dem Wege zum Guten. Das Böse birgt in sich den Keim des Guten!"
Alles was Gott erschaffen hat ist im Grunde gut, denn alles dient schließlich dem Hervorbringen des Guten, der Ausführung des Willens Gottes und der Vollendung seiner Schöpfung.
Auch die menschlichen Triebe, Begierden und Leidenschaften sind an sich, wie alle Naturkräfte, von Gott für gute Zwecke geschaffen worden, also gut. Nur der Mißbrauch derselben durch die Menschen macht sie verderblich und unheilvoll.
Es ist daher nur der Mensch, der das Gute in Böses verwandelt, und dies durch den Mißbrauch des Guten.
Wer mit tiefer Einsicht die Ursachen aller Nöte und des Elends der Menschen erforscht, wird erkennen, daß in der Tat alle Übel und das Unglück der Menschen aus dem Mißbrauch des Guten entstehen. Auch die Liebe, die Freiheit und die Wahrheit, welche die höchsten Güter sind, können durch den Mißbrauch zum Bösen und zum Unheil werden.
So entsteht auch die Sünde aus dem Mißbrauch des Guten. Die Sünde oder das Böse im Menschenreich ist daher keine von Menschen unabhängig in der Welt bestehende Wirklichkeit, sondern das Erzeugnis des Menschen selbst.
Wie Kant gesagt hat, wenn der Mensch sich ganz entwickelt hat, so wird auch das Böse und damit die Sünde aufhören.
Die Entwicklung ist aber nichts anderes als die unaufhörliche Umwandlung des Bösen ins Gute, der Materie ins Geistige oder der niederen Formen des Lebens in die höheren.
Die Vervollkommnung der Geschöpfe ist nur durch den Sieg des Guten über das Böse oder der Tugenden über die Sünden möglich.
Nach diesem von Gott bestimmten Gesetz der Relativität kann es weder endgültiges Verderben noch ewige Verdammnis geben, denn alles muß ja schließlich zu Gott zurückkehren oder -fließen. Die Ewigkeit ist etwas Absolutes, und, wie wir erkannt haben, kann es in der erschaffenen Welt, wozu auch die sogenannte Hölle gehört, nichts Absolutes geben. Gott allein ist und bleibt der Ewig Eine, die Ewigkeit.
Außerdem ist auch die ewige Verdammnis mit der Allweisheit, Liebe und Gnade Gottes unvereinbar.
Nach dem Gesetz der Gegensätzlichkeit und der Relativität besitzt der Mensch sowohl die Keime des Bösen wie auch des Guten in sich, also das Licht und die Finsternis, den Geist und die Materie, den Engel und den Teufel, das Paradies und die Hölle.
Diese gegensätzlichen Kräfte ringen in ihm unaufhörlich um die Herrschaft und gebrauchen viele Mittel und Werkzeuge, um alle körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen an sich zu fesseln und für ihr Ziel zu verwenden. Dies ist der Ursprung des Kampfes ums Dasein. Doch hat der Mensch als vernunftbegabter und lichterfüllter Geist die Fähigkeit und die Pflicht, dem Guten oder dem Licht in sich zum Siege zu verhelfen über das Böse oder die Finsternis.
Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt, daß die Menschheit allmählich und langsam, aber mit sicheren Schritten durch Sünden und Tugenden diesem hohen, von Gott bestimmten Ziel der Erleuchtung und der Vollkommenheit entgegenwandert.
3. Die Arten der Sünden und ihre Wirkungen
"Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewänne, litte aber Schaden an seiner
Seele." (Matth. 16.26) Diese Sünden müssen in erster Linie in Betracht gezogen werden.
Man kann die Sünden zuerst nach ihren Gegenständen oder Objekten einteilen in:
1. Sünde gegen Gott, wie zum Beispiel die Leugnung seiner Existenz oder seiner Allmacht und Allgerechtigkeit usw.
Wie schon angedeutet wurde, berührt solche Sünde Gott gar nicht, und der Sünder schädigt damit nur sich selbst, indem er seine Seele des Lichtes der Wahrheit beraubt.
2. Sünde gegen sich selbst, wie zum Beispiel die Verunglimpfung seines Körpers durch Vergeudung seiner schöpferischen Kräfte, harte Askese oder durch Verkümmernlassen seiner Seele durch Mangel an geistiger Nahrung und Pflege.
3. Sünde gegen seinen Mitmenschen durch Schädigung oder Vernichtung ihrer Körper oder Unterdrückung und Verknechtung ihrer Seelen. Das Rauben der Gewissensfreiheit und das Vorenthalten der Wahrheit wegen weltlicher und selbstsüchtiger Interessen und Zwecke ist die größte Sünde dieser Art. Die Sünden, die materiellen Schaden verursachen, gehören auch dieser Gruppe an.
4. Sünde gegen seine Mitwesen oder Geschöpfe wie Tiere, Pflanzen usw. durch unnötiges Vernichten oder Erschweren ihres Daseins. Für diese Sünden hat der heutige Kulturmensch noch kein richtiges Verständnis, und doch hat diese Sünde neben dem physischen Schaden eine größere Wirkung auf die seelisch-geistige und sittliche Verrohung der Menschheit.
Man spricht auch von Erbsünden und aktuellen Sünden. Unter Erbsünde versteht die dogmatische Theologie die Minderwertigkeit aller Menschen und ihre Sündhaftigkeit als Folge des Sündenfalls von Adam und Eva, wonach der Mensch die Sündhaftigkeit geerbt haben soll und von Natur aus sündig ist. Sie betrachtet den Tod als Sold dieser Erbsünde.
Die aktuellen Sünden sind die täglichen und häufigen Sünden der Menschen, die verschiedene Gründe haben können.
Man kann auch die Sünden in bezug auf ihre Mittel und Werkzeuge in Sünden durch Gedanken, Worte oder Taten einteilen.
Der heutige Kulturmensch, der behauptet hat, daß die Gedanken zollfrei seien, beginnt allmählich zu begreifen, daß die Gedanken in der Gestaltung des Schicksals und des Lebens der Menschen die größte und erste Rolle spielen.
Er wird noch weiter anerkennen müssen, daß die Gedanken als dynamisch schöpferische Energie viel gewaltiger wirken können als alle bekannten Naturkräfte.
Die bösen, negativen und zerstörenden Gedanken der Menschen sind die Hauptursachen ihres Elends und ihres Unglücks, ihrer unheilvollen Kriege und ihres Verderbens.
Die bösen Gedanken sind viel schlimmer und gefährlicher als die bösen Taten, denn die Taten sind selbst die Folgen der Gedanken und sind im Raum und in der Zeit beschränkt, während die Gedanken durch Raum und Zeit nicht gehindert werden, einzuwirken. Sie eilen schneller als Blitze und können Jahrtausende hindurch ihre Energie bewahren und weiter wirken. Sie können sich vermehren und neue Gedanken und Taten gebären. Außerdem sind die Taten sichtbar und können schneller entdeckt und beseitigt werden, während die Gedanken unsichtbar sind und lange verborgen bleiben können.
Zum Glück und Segen der Menschheit werden die guten und heilvollen Gedanken immer mehr und mehr den Boden gewinnen und mächtiger einwirken als die bösen. Denn das Licht oder das Gute muß ja schließlich siegen. Dies ist der Wille und die Bestimmung Gottes und ohne dies ist die Entwicklung und Vollendung der Menschen unmöglich.
Die wichtigste Einteilung der Sünden ist aber die, welche die Beweggründe oder Ursachen der Sünden in Betracht zieht, wie folgt:
1. Sünden, die aus Unwissenheit entstehen, wie die Sünden der Kinder, der Wilden und auch vielen unwissenden Kulturmenschen. Diese sind aber eigentlich keine Sünden, weil hinter ihnen keine böse Absicht steckt. Dennoch können sie viel Schaden anrichten.
2. Sünden, die aus Irrtümern und Fehlern entstehen. Diese bilden die meisten Sünden der Kulturmenschen. Sie beruhen auf Schwäche und Unvollkommenheit der menschlichen Natur. Sie sind meistens die Folgen der Nachlässigkeit, der naiven Unbedachtsamkeit, der Überlegenheit oder des Vergessens im täglichen Leben.
Und dennoch müssen sie vermieden und überwunden werden, denn sie können manchmal zu viel größeren Gefahren und schlimmerem Unheil führen als die bewußten Sünden.
3. Sünden, die aus Ungehorsam entstehen, sind jene, die der Mensch wissentlich und willentlich mit wohlbedachter und vollbewußter böser Absicht vollbringt.
Dies sind die eigentlichen, wahrhaften Sünden, wie bei allen Verbrechen, Mordtaten und anderen Sünden, wo die überlegte, böse Absicht die Triebfeder der Missetat bildet.
Diese ziehen sowohl bei den menschlichen als auch bei den göttlichen Gesetzen die schärfsten Strafen nach sich. Denn diese Sünden gefährden am stärksten die Weltordnung und das soziale Leben und bilden größere Hindernisse für die Entwicklung der Sünder selbst, wie auch für diejenigen, die ihren Sünden zum Opfer gefallen sind.
Bei den Sündern der ersten Gruppe, nämlich die aus Unwissenheit entstehenden Sünden, wird sich nach der Verübung der Missetat gar keine oder in seltenen Fällen nur geringe Reue und Gewissensbisse einstellen, wie bei den Kindern und Wilden. Sie werden meistens beim Anschauen der sichtbar gewordenen Schäden ein mehr oder weniger tiefes Bedauern empfinden.
Die Täter der zweiten Art von Sünden werden die Reue und Gewissensbisse viel stärker empfinden.
Bei der dritten Gruppe von Sünden, wo die böse Absicht die Triebfeder gewesen ist, werden die Täter, wenn sie überhaupt sich der Tragweite ihrer Verantwortlichkeit bewußt werden, die tiefsten und die bittersten Gewissensqualen empfinden.
Solch unsagbare Höllenqual haben viele Sünder, die Umkehr erlebten und den Heilsweg fanden, gekostet, wie die Lebensgeschichte einiger großer Heiliger und Mystiker, welche vor ihrer Umkehr große Sünder gewesen sind, es darstellt.
Diese unerträglichen Gewissensqualen und Schmerzen werden aber nach dem Tode des Körpers von den Seelen der Sünder tausendmal stärker und peinigender empfunden als es im irdischen Leben möglich ist. Denn nach dem Tode werden die sinnlichen Triebe, Begierden und Leidenschaften, welche die Seele ständig betäuben und sie an ihrem Bewußtwerden hindern, aufgelöst oder ausgeschaltet, und die befreite Seele wird vollbewußt vor den schrecklichen Bildern ihrer irdischen bösen Taten stehen. Diese Bilder der Rückschau werden dann ihr Herz wie glühendes Feuer brennen oder wie ein scharfes Schwert durchbohren. Sie werden entsetzliche Formen annehmen, die Seele unaufhörlich peinigen, verfolgen und quälen.
Es ist dieser tatsächlich qualvolle Zustand der Seele im Jenseits, den man als Hölle bezeichnet und mit allen erdenklichen, schrecklichen Bildern ausgemalt und geschildert hat, um den Menschen ein vorstellbares und ergreifendes Bild vor Augen zu führen und wirksam zu mahnen und zu warnen.
Diejenigen Seelen, die im Gegenteil ein reines, ideales Leben geführt und viele gute Taten und Werke vollbracht haben, werden sicher nach dem Tode des Körpers einen Zustand himmlischer Freude, Frieden, Harmonie, Wonne und Seligkeit empfinden und erleben. Dieser selige Zustand versinnbildlicht das Paradies. Hölle und Paradies sind also nur Zustände der Seele im Jenseits, sie sind innerliche Wirklichkeiten, aber keine Örtlichkeiten.
Alle Sünden sind vor Gott strafbar, weil sie die Seelen an ihrer weiteren Höherentwicklung hindern und so gegen den Willen und die Bestimmung Gottes gerichtet sind.
Gott wirkt aber unaufhörlich ein, um die Wirkungen der Sünden und die darauf folgenden Leiden der Menschen zu neutralisieren und sie in Heil und Segen umzuwandeln. Dies ist das Zeichen und das Heilswerk Seiner Liebe und Allweisheit.
Seine Güte, Barmherzigkeit und Liebe zu Seinen Geschöpfen sind so grenzenlos und ewig, daß Er auch diejenigen liebt, ernährt und leben läßt, die ihn verleugnen.
Er kann auch nicht anders sein und anders handeln, denn dies ist Sein Wesen und Er bleibt ewig Seinem Wesen treu.
Wie die Sonne, wenn man sie beleidigen würde oder ihre Existenz leugnete, nie aufhören kann, ihre Strahlen über alle Menschen und alle Tiefen und Höhen auszugießen und keine Ausnahme macht, so verhält sich Gott in unermeßlich größerem Maße gegenüber Seinen Geschöpfen.
Derjenige, der gegen Gott sündigt, weiß nicht, daß er in Wirklichkeit gegen sich selbst sündigt und sich selbst schädigt. Denn er beraubt dadurch seine eigene Seele des Heils und des Segens der göttlichen Gnade, gleich jenem, der sich durch dicke Mauern der Strahlen der Sonne beraubt.
Bei den Sünden gegen die Menschen oder andere Geschöpfe entstehen die Wirkungen oder Schäden entweder rein materiell oder rein geistig oder auch beides zugleich.
Doch sind die Schäden an der Seele viel schlimmer und verhängnisvoller als die materiellen oder die am Leib verursachten.
Dies ist auch erklärlich und selbstverständlich, denn die materiellen Dinge oder Güter sind vergänglich und leicht ersetzbar, während die seelisch-geistigen Vermögen nicht leicht erwerblich und ersetzbar sind. Jede Seele hat ihre geistigen Güter und Fähigkeiten mit undenkbar großen Opfern im Laufe von Jahrtausenden errungen.
Darum sind die gegen Seele und Geist verübten Sünden, wie z. B. die Verknechtung einer Seele oder Verführung derselben, viel verhängnisvoller als man sich denken kann.
Deshalb sind auch Rückwirkungen oder Folgen und Strafen solcher Sünden viel schwerer als bei den anderen Sünden.
Es ist diese Sünde, die der Seele ihre geistige Freiheit raubt und ihre Erleuchtung und Entwicklung behindert, die als Sünde wider den Heiligen Geist betrachtet werden muß.
Denn der Gottesgeist in jedem Menschen, der ihn zum Ebenbild Gottes macht und sein wahres Selbst ist, ist eben der Heilige Geist, der in ihm seiner Offenbarung harrt. Diesen Geist in seiner Offenbarung zu hindern, ist daher die größte Sünde und hat verhängnisvolle Folgen.
Wir müssen noch erkennen, daß bei der Vernichtung der Körper, sei es der Tiere oder der Menschen, man sich nicht von falschen Gedanken verleiten lassen soll, daß dadurch ja nur die Hülle der Seele vernichtet wird und die Seele selbst keinen Schaden erleidet.
Im Gegenteil ist es gerade die Seele, die darunter leidet, denn erstens wird sie dadurch einer Hülle oder eines Werkzeuges beraubt, für dessen Vorbereitung sie viel Opfer und Mühe gebracht hat.
Zweitens wird sie in ihrem jetzigen Erdenleben daran gehindert, ihre Entwicklung weiter aufzubauen. Sie wird dadurch gezwungen sein, so lange zu warten, bis sie wieder einen neuen Leib für ihre weiteren Erfahrungen und Tätigkeiten erhält.
Dies ist genau so, wie wenn man einem Künstler alle seine Werkzeuge und sein Material, die er sich während seines ganzen Lebens verschafft hat und durch die sein schöpferischer Genius zur Offenbarung gekommen ist, wegnehmen würde.
Aus diesem Grunde sind in der Feststellung der Tragweite der Wirkung einer Sünde die Schäden an der Seele oder dem Geist ausschlaggebend.
Bei der Verurteilung und Bestrafung aller Sünden, aus welchem Grunde sie auch verübt worden sein mögen, muß man dem Vorhandensein einer bösen Absicht und dem Schaden an der Seele oder der sittlichen Reinheit großen Wert zumessen und diese zwei Faktoren in den Vordergrund der Beurteilung stellen!
4. Die Erlösung oder Vertilgung der Sünden
Vor allem müssen die Ursachen der Sünden, vernichtet werden.
Die Tilgung der Sünde oder die Sühne bedeutet nichts anderes als die Aufhebung oder Beseitigung ihrer Wirkungen oder verursachten Schäden.
Der erleuchtete Weise begnügt sich aber nicht mit der Beseitigung der Wirkungen der Sünde, sondern er sucht nach den Ursachen derselben und strebt danach, diese vollständig auszurotten, denn es kommt in der wahren Tilgung der Sünde nur um die Ausrottung der Wurzeln derselben an.
Wir müssen uns immer vor Augen halten, daß alle Sünden, aus welchem Grund sie auch entstehen und welche Wirkungen sie hervorbringen mögen, immer einen Schaden an der Seele des Sünders verursachen und daß auch die Sünden, welche rein materielle Zwecke verfolgen, wie Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Übervorteilung im geschäftlichen Leben, auf die Seele des Täters schädigend und zerstörend einwirken, auch wenn der Täter es nicht bemerkt und empfindet.
Diese Schädigung oder zerstörende Einwirkung geschieht in dreifacher Art wie folgt:
1. Sie bringt die Atome des Empfindungsleibes oder Astralkörpers wie auch des Gedankenleibes oder Mentalkörpers der Seele außer Gleichgewicht und verursacht so eine Verletzung dieser feineren Körper des Menschen. Sie hinterläßt mehr oder weniger tiefe Furchen oder Narben in der Struktur dieser seelischen Organismen.
2. Sie begünstigt die Herrschaft der Begierden und Laster und vermindert die Widerstandskraft des Willens gegen dieselben. Sie lähmt also den höheren sittlichen Willen und betäubt das Gewissen des Menschen. Dadurch schwächt sie in übernormalem Masse die positiven Schwingungen der Atome der feineren Organismen der Seele und steigert die negativen Schwingungen derselben.
Sie zerstört dadurch den natürlichen und normalen Rhythmus ihrer Schwingungsrate und verursacht Disharmonie und Chaos im Seelenleben.
Dies ist der Grund für viele seelische Hemmungen, Verkrampfungen und Mißstimmungen, deren eigentliche Ursachen der gewöhnliche Mensch nicht findet und darunter leidet.
3. Sie erzeugt in den Atomen dieser feineren Seelenkörper eine Geneigtheit zu diesen abnormalen Schwingungen, das heißt, daß diese Atome auf ähnliche Impulse der verübten Sünden viel schneller und leichter reagieren und antworten. Dadurch wird dem Menschen die Verübung oder Wiederholung derselben Sünden und auch aller anderen Greueltaten von Tag zu Tag leichter.
Der Mensch gewöhnt sich allmählich an diese neuen, verletzenden und giftigen Impulse und Schwingungen.
Die Sünden verlieren auf diese Weise ihren Schrecken, und das Gewissen des Menschen wird stumpf und sein sittlicher Wille gelähmt, so daß sie nicht mehr dagegen reagieren können.
So entwickeln sich allmählich alle Laster bei den Menschen und werden zu Gewohnheiten und zu festen Charaktereigenschaften. Die Tugenden verlieren für solche Menschen ihren Reiz und ihren Wert. Ihre Seele verhungert und verkümmert, und sie werden seelisch-geistig tot, das heißt zur tierischen Stufe hinabgedrängt.
Auf diese Weise wirken auch die kleinsten Sünden oder Fehler hemmend auf die Seele. Sie hindern die normale Entfaltung der geistigen Kräfte der Seele und dadurch auch ihre Entwicklung. Die gröberen Schwingungen der niederen sinnlichen Triebe und Begierden nehmen überhand, und der Mensch fällt zum Opfer der Roheit, der Falschheit, der Sitten- und Charakterlosigkeit, der Lüsternheit und allen anderen verderblichen Lastern und Unmenschlichkeiten. Diese Tatsachen, die jeder an sich selbst und bei den andern sehr leicht beobachten und feststellen kann, zeigen genügend die Wichtigkeit und die Notwendigkeit der sittlichen Lebensführung und der Vermeidung der kleinsten Sünden und der Beseitigung ihrer Ursachen und Wirkungen.
Alle Mittel und Wege der Tilgung der Sünden müssen diesen Standpunkt berücksichtigen, das heißt die Befreiung der Seele von den hemmenden und zersetzenden Schwingungen und Wirkungen der Sünden sich vor Augen halten.
Dies sollte vor allem die Grundlage der Erziehung und Strafgesetze bilden.
Das Übel muß bei der Wurzel ausgerottet werden, denn sonst wird es immer wieder wachsen. Man darf sich daher nicht auf die Beseitigung der augenblicklichen Wirkungen der Sünden beschränken, sondern auf die Vernichtung der tiefliegenden Ursachen derselben eingehen.
Die Ursachen der Sünden und aller Übel liegen aber im seelisch-geistigen Gebiet des menschlichen Lebens.
Diese gründliche Beseitigung der Ursachen der Sünden kann aber nur durch die echte Umkehr, das heißt die Umänderung der Gesinnung des Menschen zustande kommen.
Denn im Grunde genommen hat die falsche Gesinnung oder Denkweise bei den eigentlichen Sünden, wo die böse Absicht die Triebfeder der Missetaten ist, die alleinige Schuld.
Man muß den Sündern beibringen können, vor allem ihreSchuld anzuerkennen, ihre falsche Gesinnung aufzugeben und sich eine neue, reine und edle Gesinnung anzueignen.
Die Bestrafung soll also als seelisch-geistige Schulung und Erziehung betrachtet und vollbracht werden.
Diese innere seelische Umkehr oder geistige Umwandlung wird zwei große, wichtige Wirkungen zur Folge haben:
1. Sie wird sofort den weiteren zerstörenden und negativen Schwingungen der alten, falschen Gedanken und Impulse Halt gebieten und mit einem Wort der Herrschaft der niederen Begierden und Gelüste ein Ende machen.
2. Sie wird im Herzen der Sünder den sittlichen Willen und Mut erwecken, sich zu ihrer Schuld zu bekennen und ihre ganze Kraft einzusetzen, die negativen Impulse ihrer niederen Natur zu bekämpfen, das heißt sie zu läutern und umzuwandeln.
5. Die Bedingungen der wahren Umkehr
Wahre Umkehr kann den Sünder zur Heiligkeit emporheben.
Umkehr bedeutet die Abwendung des Willens vom Bösen durch die Umänderung seiner Gesinnung, mit einem Wort: durch das Umdenken. Diese geistige Änderung der Gesinnung bildet die Grundlage der wahren Buße.
Die natürlichen Folgen dieser wahren Umkehr sind Anerkennung der Schuld, die Reue, die Bitte um Vergebung, die Buße oder Wiedergutmachung und der Entschluß, hinfort nicht mehr zu sündigen.
Die folgenden Bedingungen bilden die Grundsteine der wahren Umkehr.
1. Das Anerkennen der Schuld ist, wie schon bemerkt, der erste Schritt zur Umkehr, und ohne diese ist kein weiterer Schritt auf diesem Gebiet möglich. Das Empfinden der Schuld ist schon ein Zeichen dafür, daß man den Weg der Umkehr betreten hat.
Dieses Anerkennen kann entweder durch die Folge der erlittenen Leiden und Strafen der Sünde geschehen oder auf anderem Wege. Es kann durch Besinnung und Überlegung, durch die Worte eines Freundes, die Mahnungen eines Predigers, durch Erleben aufrüttelnder und erschütternder Ereignisse oder durch innerlich ergreifende Erlebnisse zustande kommen, wie es bei manchen Heiligen und Mystikern der Fall gewesen ist.
Die Wege zum Erwachen, zum Lichte der Wahrheit und damit zur Umkehr sind also mannigfach, und jede Seele hat einen anderen, ihr geeigneten Weg, denn alles ist im Leben individuell. Jede Seele reagiert nur auf einige bestimmte innere und äußere Eindrücke. Dies hängt ab von ihrem Reifezustand, ihrer Entwicklungsstufe und dem kosmischgeistigen Strahl, unter dessen Einfluß und Leitung sie steht.
2. Nach der Anerkennung der Schuld findet die Reue statt. Reue ist der schmerzliche Unmut oder das starke Empfinden der Seelenqual. Die Seele fühlt sich verwundet und blutend.
Wahre Reue ist das offene Einstehen des Menschen vor Gott und vor seinem höheren Selbst, dem Gottesgeist in sich, für seine Schuld, verbunden mit tiefem Gefühl der Beschämung.
Wahre Reue reinigt das Herz von allen Schlacken der bösen Triebe, Impulse, Gefühle und Gedanken. Sie erweckt zugleich eine starke Widerstandskraft gegen die Versuchungen der sündhaften Regungen und Laster.
Je tiefer und schmerzlicher die Reue empfunden wird, desto stärker wird ihre Wirkung und desto schneller und gründlicher wird auch die Reinigung des Herzens und die Heilung der Wunden der Seele stattfinden.
Doch darf diese Reue oder Gewissensqual nicht so weit gehen, daß sie die Widerstandskraft verzehrt und so den Willen lähmt. Sie darf also nicht zur Zerknirschtheit, Unterwürfigkeit und Verzweiflung führen, denn dies wäre eine Schwäche und somit eine neue Sünde.
Die Reue muß auch echt und ehrlich sein, denn Gott kann man nicht täuschen, Ihm bleibt nichts verborgen.
Sie darf auch nicht oberflächlich und vorübergehend sein, denn sonst bleibt sie wirkungslos. Sie muß die Seele tief ergreifen und sie gründlich aufrütteln, um ihre göttlich-schöpferischen Kräfte neu zu erwecken und zu entfalten. Darin liegt ja ihre Wirksamkeit.
3. Die echte Reue führt zum Eingestehen seiner Schuld vor Gott und zum Erbitten Seiner Vergebung.
Gott allein kann die Sünden, die gegen ihn verübt worden sind, vergeben. Kein Mensch ist berechtigt und befähigt, die andern von ihren Sünden loszusprechen, das heißt ihre Sünden zu vergeben, es sei denn, daß er dies im offenkundigen Auftrag Gottes verkündet, wie dies durch manchen Propheten geschehen ist.
Das Bekennen oder die Beichte vor den Priestern oder vor den Freunden ist sicher nützlich, denn sie erleichtert das Herz und gibt Trost und Stärke, sie gewährt aber keine Sicherheit für die Vergebung Gottes.
Die Vergebung kann ohne Vermittler, von Gott selber, erteilt werden, und diese Vergebung empfindet jeder selbst in seinem eigenen Herzen. Kein anderer kann feststellen und wissen, ob Gott jemandem vergeben hat, als der Sünder selbst, der um diese Vergebung gebeten hat.
Denn die Vergebung ist ein innerlicher Vorgang, der in der Tiefe der Seele stattfindet, wo kein anderer Mensch Zutritt hat. Die Lossprechung der Priester ist daher Anmaßung und Täuschung. Sie ist das Eingreifen in die Heilswirkung Gottes und kann oft zur Heuchelei und zum Selbstbetrug führen. Wenn diese Lossprechung richtig und wirksam wäre, dann müßte keine Sünde mehr auf der Erde bestehenbleiben.
Darum sagt der Weise:
"Gott allein ist dein Vergeber und Sein alleiniger Stellvertreter ist der Heilige Geist, der in dir selber wohnt und der dein wahres höheres Selbst ist. Er ist dein eigentlicher Beichtvater, der allein berechtigt ist, deine Sünden im Namen Gottes zu vergeben. Wende dich darum ihm zu in jedem Augenblick, und er wird dir immer vergeben, wenn du Ihn mit reumütigem und reinem Herzen um Vergebung bittest. Seine ewige göttliche Liebe zu dir ist die Sicherheit für seine Vergebung, und diese Seine Liebe ist viel größer als du dir denken kannst!"
Das Kennzeichen der göttlichen Vergebung ist die Rückkehr des Seelenfriedens und der Gewissensruhe.
Echte Reue führt unbedingt zur Gottesvergebung, denn zwischen beiden steht eine gegenseitige Anziehung. Das Herz Gottes verlangt mehr nach dem Vergeben als das Herz des Menschen es tut.
Echte Reue befreit die Seele von ihren schwerwiegenden Lasten und wird für sie zur heiligen Weihe.
Darum ruft die zum Lichte der wahren Erkenntnis erwachte Seele Gott an:
"Mit dem heißen Sehnen eines reuevollen Herzens nach Vergebung wende ich mich zu Dir, o Du allgütiger Gott!
Vergib mir meine Sünden und leite Du mich nunmehr auf Deinem Wege, dem Wege Deiner Reinheit!
Mit stillem, heiligem Geloben: Ich will umkehren und nicht mehr sündigen, und mit unerschütterlichem Glauben an Deine grenzenlose Liebe und an Deine Vergebung wende ich mich der herrlichen, seligen Zukunft zu, der Du mich nun entgegenbringst!"
Dies ist die wahre Beichte und Vergebungsbitte aller großen Heiligen und Weisen gewesen.
4. Wahre Reue ist von Buße untrennbar. Die Buße ist die Wiedergutmachung der verursachten Schäden nach Kräften und Möglichkeiten.
Es ist klar, daß durch die Reue und Beichte und auch durch die Vergebung Gottes das geschehene Unrecht oder Unheil nicht ungeschehen gemacht und die anderen Menschen zugefügten Schäden nicht ersetzt werden können.
Durch die Vergebung verzichtet Gott erstens nur auf Sein eigenes Recht, den reumütig flehenden Sünder zu bestrafen, und zweitens gibt Er ihm die Kraft, seine Schuld an anderen Menschen selbst zu tilgen und zu sühnen, gleich einem irdischen Vater, der seinem reumütigen Kind, das sich verschuldet hat, vergibt und ihm das nötige Mittel gibt, seine Schuld zu begleichen.
Darum wird ein Dieb zum Beispiel durch bloße Reue und Beichte nicht seine Sünde los, solange er noch die Möglichkeit besitzt, das Gestohlene zurückzugeben. Solange er das nicht getan hat, nützen ihm weder Reue noch Beichte noch die Lossprechung des Priesters noch sogar die Vergebung Gottes.
Gott wird ja überhaupt dem nicht vergeben, der nicht von Herzen bereit ist, seine verübten Missetaten nach Kräften und Möglichkeiten wiedergutzumachen.
6. Sünde Vergebung Erlösung
Mit bloßer Reue und abgelegter Beichte kann niemals ein Mensch wieder mit sich ins reine kommen, solange er nicht alles getan hat, was in seiner Macht steht, um die verursachten seelischen oder materiellen Schäden durch Versöhnung und Ersetzung zu beseitigen.
In den vielen Fällen, wo die Wiedergutmachung aus irgendeinem Grund nicht mehr möglich ist, muß der Sünder eins von den folgenden zwei Mitteln anwenden.
a) Wenn er die geschädigten Menschen nicht kennt und die Opfer seiner Sünden nicht feststellen kann, dann muß er in ihrem Namen anderen bedürftigen Menschen Gutes tun. Er muß so viel Gutes vollbringen, daß seine guten Taten alle Schäden seiner Sünden aufwiegen. Denn die guten Taten vernichten die Keime der bösen Taten. Solange aber die Möglichkeit besteht, die geschädigten Menschen unmittelbar zu entschädigen oder um Vergebung zu bitten, solange kann die Güte gegenüber anderen Menschen die Folgen und die Wirkungen der Sünde nicht aufheben.
Wer mit einer Hand stiehlt und mit der anderen das Gestohlene den Armen verteilt, wird dadurch nie von der Strafe seines Diebstahls, weder vor dem menschlichen noch vor dem göttlichen Gericht, befreit.
b) Wo aber der durch die Sünde geschädigte Mensch nicht mehr am Leben ist oder der Schaden unersetzbar ist, wird Gott in seiner Allbarmherzigkeit die Wirkungen dieses Schadens beseitigen, dem Sünder vergeben und die durch seine Sünde geschädigte Seele anderweitig vergüten und entschädigen, denn dies fordert Seine Allgerechtigkeit.
Gott ist also immer bereit, in Seiner Allgüte und Gnade für einen reumütigen, opferwilligen Menschen alles das wiedergutzumachen, was außerhalb dessen Kraft und Möglichkeit steht.
Doch muß der Sünder in beiden Fällen in tiefster Reue und mit heißem Verlangen Gott um diese Gnade anflehen. Er kann sicher sein, daß ein solcher Ruf niemals ohne Widerhall und ohne Antwort bleiben wird.
Die Wiedergutmachung der verübten Missetaten nach Kräften und Möglichkeiten ist also die unerläßliche Bedingung der echten Buße und Umkehr.
Darum beschönigt eine erwachte Seele nichts bei sich, sondern bleibt gegen ihr persönliches Ich, dem äußeren Menschen, ehrlich und streng. Sie prüft in jedem Augenblick die Beweggründe der Taten und Gedanken ihres persönlichen Ich, und wenn sie darin etwas Gottwidriges findet, dann zwingt sie es sofort zu bereuen und wiedergutzumachen. Sie bittet nicht nur Gott allein, sondern auch diejenigen, die durch ihr persönliches Ich gelitten haben, um Vergebung, zuerst in ihrem Herzen und dann persönlich. Dadurch gelingt es ihr, alle Spuren der begangenen bösen Taten und Gedanken im Keime zu vernichten und zu entwurzeln.
Sie prüft und mißt anderseits alle ihre guten Taten am unbedingt gültigen Maßstab der göttlichen Liebe und Weisheit. Sie nimmt die großen, vollkommenen Seelen als Vorbild. Dies hält die Flamme des Ringens nach Reinheit und Erlösungvon Sünden in ihrem Herzen immer lodernd.
Sie meidet dadurch jede Selbstzufriedenheit und Eitelkeit und jeden Ehrgeiz und Hochmut, weil diese ihre Buße und ihre Befreiung von der Sündenlast hindern und scheitern lassen.
Sie strebt immer danach, durch Reinheit des Herzens und durch Opferwilligkeit ein froher und machtvoller Mitarbeiter Gottes zu werden in Seinem Werk der Heiligung und der Erlösung der Menschheit.
c) Die letzte Bedingung der wahren Umkehr und der Beseitigung der Wirkungen der Sünden ist das Fassen des festen Entschlusses, von nun an nicht mehr zu sündigen, das heißt, weder die alten Sünden zu wiederholen noch neue Sünden zu begehen.
Diese Bedingung ist die wichtigste von allen, denn ohne diese sind die anderen nur unvollkommen und werden niemals zur vollen Befreiung der Seele führen.
Die Sünden haben die Eigenschaft, wie jeder dies bei sich prüfen kann, sich mannigfaltig ineinander zu verschlingen, sich gegenseitig zu verstärken und zu befruchten.
Alle Sünden, ob Begehrungs- oder Unterlassungssünden, haben die Gewohnheit zur Wiederholung und verstecken sich in allen möglichen täuschenden Verkleidungen.
Wie der Mystiker sagt, sind die Sünden oder Laster sehr tückisch, listig und frech, sie versuchen mit allen Mitteln, die Seele zu betrügen. Sie schleichen durch jedes kleine Loch hinein in das Herz, denn sie sind die geheimen Agenten und Waffen der Mächte der Finsternis oder des Bösen, welche um die Gefangennahme und Versklavung der menschlichen Seeleringen.
Daher darf man sich nicht mit dem leichten Abgewöhnen einer bösen Neigung zufriedengeben, sondern muß alle Keime der Sünden und der Laster gründlich vernichten.
Wie manche geheilten Krankheiten sich nach einiger Zeit wieder melden, so ist es auch mit den Sünden, welche Krankheiten der Seele sind und die nicht leicht überwunden werden können, sondern gründliche Heilung oder Umwandlung nötig haben.
Darum müssen sie gründlich geheilt werden, um keiner Rückkehr und keinem Wiederauftauchen die Möglichkeit zu geben. Dies verlangt aber einen harten Kampf und eine dauernde Anstrengung, Beobachtung und Selbstüberwindung, wie dies aus dem Leben aller großen Heiligen und Mystiker zu ersehen ist.
Man muß sich immer vor Augen halten, daß die Quelle der Sünden im Herzen liegt, und solange das Herz nicht gereinigt ist, sondern in seiner alten Gesinnung verbleibt, so lange ist noch keine wahre Umkehr vollzogen worden. Daher haben alle Mystiker und Meister der Weisheit jahrelang an der Reinigung ihres Herzens gearbeitet.
Da die Sünde von falscher, verirrter Gesinnung herrührt, kann auch die wahre Umkehr nicht anders vollführt werden als durch die gründliche Umwandlung dieser falschen Gesinnung. Dies allein kann Sicherheit geben gegen die Wiederkehr der Sünden, und dies ist das eigentliche Ziel der wahren Umkehr.
Wahre Umkehr ist das alleinig wirksame Heilmittel gegen die Erkrankung der Seele und die alleinige Macht, die sie erlösen kann. Denn die wahre Umkehr beseitigt alle Hindernisse zwischen der Seele und Gott und stellt die Verbindung zwischen dem Schöpfer und Seinem Geschöpf, dem Menschen, wieder her. Und wo die Seele mit Gott innig verbunden ist, da ist schon die Erlösung vollzogen, da kann nur Friede, Harmonie und Seligkeit herrschen!
Selig, wer durch ständige innere Umkehr mit Gott verbunden bleibt, denn er wird von Sünden frei und erlöst!
7. Die Sündenvergebung als Heilung der Seele
Sündenvergebung erlöst keine Seele für immer und macht sie für künftige Sünden nicht unempfänglich.
Wie die physische Krankheit des Körpers im Grunde aus der übernormalen Erhöhung oder Verminderung der Schwingungen der Atome der Organe entsteht, so ist es auch bei der Erkrankung der Seele durch die Sünde.
Wie bei der körperlichen Erkrankung das Gleichgewicht der Zellen gestört wird und die Heilung in der Wiederherstellung dieses Gleichgewichts besteht, so ist es auch bei der Erkrankung der feineren Leiber der Seele der Fall.
Diese feineren Leiber sind, wie schon erwähnt, der Empfindungsleib oder Astralkörper und der Gedankenleib oder Mentalkörper, welche dem Herz und dem Gehirn des physischen Körpers entsprechen.
Auch hier bei der Heilung der Seele durch die Sündenvergebung, handelt es sich um die Wiederherstellung der gestörten Harmonie der Organe dieser feineren Körper der Seele.
Wie bei dem körperlichen Leiden die Heilung dadurch zustandekommt, daß die übernormal erhöhten Schwingungen der erkrankten Organe herabgesetzt oder ihre übernormal verminderten Schwingungen erhöht werden, so geschieht es auch bei den durch Sünde erkrankten Seelenorganen.
In beiden Fällen handelt es sich daher entweder um die Aufhebung oder Auflösung der überflüssigen Elemente und Kräfte oder um die Zufuhr mangelnder Elemente und Kräfte.
Wie beim Körper die Unterernährung und die Überernährung die Krankheit erzeugen, so ist es auch bei der Erkrankung der Seele. Mit anderen Worten, die Übertreibung oder die Ermangelung der Pflege im physischen, wie auch im seelischen Organismus ist die Ursache der Erkrankung.
Wir müssen hier bemerken und uns immer vor Augen halten, daß die meisten körperlichen Krankheiten und Leiden von der Seele herrühren, das heißt seelischen Ursprung haben. Mit anderen Worten, es sind immer die durch Sünden erkrankten feineren Seelenleiber, nämlich der Empfindungs- und der Gedankenleib, die ihre Zustände im physischen Körper widerspiegeln und in leiblichen Leiden erscheinen lassen.
Darum sagte auch Christus jedesmal bei der Heilung der Kranken: "Deine Sünden sind dir vergeben worden." Er heilte also in erster Linie die Seele der Kranken, welche der Herd ihrer körperlichen Leiden war, und dadurch wurden auch ihre Körper geheilt. Es ist aber klar, daß zugleich eine starke heilmagnetische Kraft von seinem Körper ausströmte und in den Leib der Kranken hineindrang. Diese Kraft stellte den zerstörten Rhythmus des Ätherkörpers wieder her und machte den Kanal für den spirituellen Strom seiner Heilkraft frei und offen.
Aus diesem Grunde wird in der Zukunft die medizinische Heilmethode der Seelenheilkunde mehr Gewicht und Wert beilegen als heute. Sie wird die seelische Heilung als Grundlage der körperlichen Heilung anerkennen und anwenden.
Wir müssen nun erkennen, daß in beiden Heilverfahren, nämlich bei der Heilung des Körpers durch den Arzt wie auch der Seele durch Sündenvergebung, zwei Bedingungen erfüllt werden müssen, die eine von den Leidenden und die andere von den Heilenden.
Bei der körperlichen Heilung muß der Patient das Vertrauen zum Arzt und dieser den guten Willen oder den Wunsch zum Helfen und Heilen haben. Diese Bedingung ist ja selbstverständlich und wird ohne äußerliches Zeichen immer von selbst erfüllt, denn ohne Vertrauen kommt ja kein Kranker zum Arzt und ein Arzt ohne guten Willen ist undenkbar.
Bei der Seelenheilung erfahren diese zwei Bedingungen oder Eigenschaften eine Steigerung, so daß das Vertrauen sich zum Glauben und der gute Wille sich zur Liebe erhöht und umwandelt.
Glaube und Liebe sind aber höchste Potenzen, welche die stärkste dynamische Kraft besitzen. Das tägliche Leben zeugt von der Richtigkeit und Wahrheit dieser Tatsache.
Der Glaube macht den Leidenden aufnahmefähig für den Heilstrom, er schließt seine Seele für diesen Strom auf, wie die Blume ihren Kelch für die Strahlen der Sonne aufschließt.
Der Glaube zerreißt mit einem Male alle Schleier und löst alle Nebel auf, die das Eindringen des Heilstroms in die Seele hinderten. Er öffnet die Schleuse der Seelen für die Heilflut der großen Liebe.
Darum sagte Christus bei allen seinen Heilungen: "Dein Glaube hat dir geholfen!" Und wo kein Glaube vorhanden war, da konnte er auch nicht wirken und keine Heilung hervorbringen, wie die Bibel selbst berichtet, denn ohne Glaube bleibt die Seele für den Heilstrom des Heilers verschlossen.
Die Liebe des Seelenheilers ist ebenfalls mächtig und notwendig, denn diese erzeugt ja den Heilstrom und gibt ihm die Impulskraft, in den Leidenden einzufließen und zu wirken.
Liebe und Glaube sind die zwei Pole der Seelenheilung und des Lebens überhaupt, sie sind die ausgießende und die aufnehmende Schale für den Heilstrom der göttlichen Gnade.
Die Liebe ist die gebende und der Glaube die empfangende Hand für die göttliche Gabe der Vergebung und der Gnade.
Zwischen diesen beiden Polen der Seele besteht eine gewaltige Anziehungskraft, die durch keine menschliche Macht beseitigt werden kann. Sie folgen einander überall, und der eine ist ohne den andern undenkbar.
Wie der Strom des Magnetismus des Heilers die negativen Schwingungen des erkrankten Organs ausschaltet, seine Lücken mit dem Heilstrom erfüllt, ihm die mangelnde Kraft zuführt und so die Heilung vollbringt, so wird auch der Heilstrom der Liebe eines Heilands oder Meisters die Seele des Sünders entschlacken, reinigen und mit dem belebenden Heilstrom seiner Liebe erfüllen.
Auf diese Weise wird die Seele von ihren Verkrampfungen und Hemmungen befreit und von der Last ihrer drückenden Sünden erlöst.
Sie wird nunmehr für die ewig flutenden und alldurchdringenden Strahlen der göttlichen Gnade offen und aufnahmefähig.
Die Sündenvergebung wirkt jedoch nur rückwärts, das heißt für die Vergangenheit und niemals für die Zukunft. Sie kann nur die Bedingungen für die Gesunderhaltung der Seele schaffen und angeben, aber keine Garantie bieten, daß der, dessen Seele geheilt wurde, nicht mehr sündigen wird, genauso wie der Arzt dem geheilten Patienten Ratschläge und Vorschriften für die Gesunderhaltung seines Körpers geben, aber niemals garantieren kann, daß er hinfort immer gesund bleiben wird.
Diese Garantie kann auch Gott selber nicht geben, denn dies wäre gegen die Willensfreiheit des Menschen. Sowohl der körperlich geheilte Kranke wie auch die von Sünden geheilte und erlöste Seele behalten ja ihre Willensfreiheit, und demgemäß ist es nicht ausgeschlossen, daß sie in Zukunft wieder sündigen und krank werden können.
Deshalb sagte auch Christus allen denen, die er durch die Sündenvergebung geheilt hatte: "Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr, damit dir nicht Schlimmeres widerfahre!" Christus hat niemals und niemandem gesagt, daß er ihn für immer geheilt und erlöst hätte. Er vermochte sogar nicht einmal seine eigenen Jünger, die Tag und Nacht im Kreise seiner heilströmenden Gegenwart lebten, für immer zu erlösen und sie von ihren künftigen Sünden zu befreien.
Denn wie wir wissen, hat der eine von ihnen zu seiner Lebzeit ihn schon auf erbärmliche und niederträchtige Weise verraten und der andere ihn drei Mal hintereinander verleugnet. Er wußte aber im voraus um diese menschliche Schwäche und Sündhaftigkeit seiner Jünger und konnte nicht helfen. Dies war ihr Schicksal, und er vermochte das Gesetz des Schicksals nicht aufzuheben, wie auch sein eigenes Schicksal nicht.
Wenn er alle Menschen, oder wenigstens seine eigenen Anhänger, durch seine göttliche Macht erlöst hätte, dann hätte er ja selbst weiter nicht zu kämpfen und nicht zu leiden brauchen.
Die tragische Geschichte der Menschheit beweist genug, daß die Menschen trotz Christi Opfertodes und seiner Erlösungsbotschaft und Lehre nicht nur unerlöst geblieben sind, sondern daß sie weiter sündigen und daß seine eigenen Gläubigen in seinem Namen mehr gesündigt haben und noch weiter sündigen als alle Ungläubigen.
Auf Grund dieser unleugbaren Tatsache muß jeder gesunde Menschenverstand zugeben und anerkennen, daß das Dogma des Sühneopfers, wonach Christus durch seinen Kreuzestod die Menschheit von ihren Sünden befreit und für immer erlöst hat, gründlich falsch und bar aller Wahrheit und Weisheit ist.
Wo das von den Gläubigen Christi gestiftete Unheil die Menschheit und ihre Kultur zu Grabe geführt hat, wie kann man da noch geistig so blind sein zu behaupten, daß Christus durch seine Leiden als Heilsgeschehen die Welt bereits erlöst habe?
Sieht eine erlöste Welt so aus wie heute die unsrige, die zur Hölle geworden ist?
Wahrlich steht die heutige Welt von ihrer Erlösung weltenweit entfernt.
Gott schenkt unaufhörlich Seine Liebe und Gnade und alle zum Heil der Menschheit nötigen Kräfte durch Seine Auserwählten und Sendboten, durch Seine heiligen Geister und durch die vollkommenen Seelen oder Meister, als Diener und Helfer der Menschheit. Doch hat jeder Mensch sein Heil selbst zu wirken und zu erringen durch Anstrengung und durch den Empfang und den weisen Gebrauch dieser geschenkten Kräfte und Gaben Gottes.
Heil dem, der sich durch ernstes Streben und Opfer für die erlösende Heilkraft seiner eigenen göttlichen Seele, den inneren Christus, den Heiligen Geist in sich empfänglich macht, denn er wird die Seligkeit der wirklichen Erlösung erleben!
8. Die Heilwirkung der Gebete und der Fürbitte
Der Mensch kann Gott durch seine Gebete niemals beeinflussen. Er macht dadurch nur sich selbst für die Gaben Seiner Gnade empfänglich.
Die Heilwirkung der Gebete, sei es ein persönliches oder gemeinsames oder als Fürbitte für andere Menschen, ist nicht zu leugnen, denn sie ist eine Tatsache, die bei allen Völkern und in allen Zeiten im täglichen Leben erfahren und bestätigt worden ist.
In allen Fällen der Heilwirkung der Gebete finden alle Änderungen und Besserungen zuerst auf dem Gebiet der Seele statt, sie sind also vom Grunde aus seelischer Art.
Es vollzieht sich eine seelische Verbindung und Umwandlung sowohl bei dem Betenden wie auch bei dem, für den gebetet wird.
Es werden die Gefühle und Gedanken des Betens beeinflußt, das heißt, daß sein Empfindungsleib oder Astralkörper und sein Gedankenleib oder Mentalkörper eine Änderung in der Schwingungsrate und Art ihrer Atome erfahren werden. Ihre Schwingungen werden positiver, harmonischer und höher eingestellt.
Dann werden diese Schwingungen durch die Kraft des Wunsches oder der Liebe, welche als Kanal dient, auf den anderen Menschen übertragen. Sie erzeugen dann in den ätherischen, astralen und mentalen Körpern dieser Menschen eine ähnliche Änderung und Steigerung der Schwingung und machen sie aufnahmefähig für den Heilstrom des Betenden.
Auf diese Weise werden beide Menschen oder Gruppen von Menschen miteinander seelisch verbunden, und die seelische Heilkraft der Betenden fließt in den Organismus des Bedrängten über und bringt Änderung und Besserung in ihm hervor.
Dieser Vorgang ist eine selbstverständliche Tatsache, die durch Erfahrungen und Erlebnisse bestätigt wird.
Jeder weiß und kann immer erfahren und beobachten, wie gewaltig die Gedanken, Gefühle und Vorstellungen anregend oder erheiternd, aufwühlend oder beruhigend auf seinen eigenen, wie auch auf den Körper der andern einwirken.
Die Kraft des Heilmagnetismus ist aus drei Elementen oder Strömen zusammengesetzt:
a) Die Lebenskraft, die von der Erde ausgeht und durch die sakralen Organe am unteren Ende des Rückgrates in den Körper einströmt und aufgenommen wird. Dies ist die Primärkraft, und die Zeugungskraft ist mit ihr eng verbunden.
b) Die Vitalitätskraft, die von der Sonne ausgeht, wird durch den Ätherkörper aufgenommen und strömt durch die Milz in den physischen Körper ein. Diese Kraft nennt man Sonnenenergie und im Sanskrit "Prana".
c) Die Nervenkraft oder das Nervenfluidum, das von der Nahrung und Atmung im Körper selbst erzeugt wird. Dieses nennt man die animalische oder die Lebenskraft. Das Blut ist der Träger dieser Lebenskraft.
Die medizinische Wissenschaft von heute kennt nur diese letztere Kraft, die beiden ersteren, wichtigeren Kräfte sind ihr noch unbekannt. Sie wird dieselben erst im kommenden Zeitalter anerkennen, weil sie dann imstande sein wird, diese erfahrungsmäßig erforschen und feststellen zu können.
Diese drei Kräfte oder Ströme bilden also zusammen den Heilmagnetismus, der in jedem Körper in unendlich verschiedenen Graden vorhanden ist.
Da die Menschen in ihrem Temperament und in ihrer körperlichen und seelisch-geistigen Konstitution sehr verschieden sind, so ist auch natürlich diese heilmagnetische Kraft in ihrer Beschaffenheit und Menge, das heißt in ihrer Qualität und Quantität und auch in ihrem Wirkungsvermögen, bei den Menschen ganz verschieden.
Es ist nun klar zu verstehen, daß, wenn ein Mensch ein reines Leben führt, das heißt seinen Körper mit reinen Elementen ernährt und dadurch höhere, positive Schwingungen erzeugt, er eine feinere, stärkere und reinere heilmagnetische Kraft erzeugt.
Die vegetarische Lebensweise ist für die Heilmagnetiseure sehr wichtig und unentbehrlich. Denn durch die Fleischkost wird der Heilmagnetismus nicht so rein bleiben und viele erregende Elemente enthalten, die nicht alle Organismen vertragen können, und vor allem die Organismen derer nicht, die vegetarisch leben.
Außerdem muß bemerkt werden, daß durch den Heilmagnetismus der Heilmagnetiseur auch die Elemente seiner eigenen seelisch-geistigen Natur oder Beschaffenheit unbewußt auf den Seelenorganismus der Patienten überträgt. Denn sein Heilmagnetismus ist ständig vom Strom seiner Seele durchtränkt und durch seine Behandlung übertragbar.
Seine Gefühle und Gedanken, seine Gesinnung und Einstellung, seine Neigungen und Triebe, mit einem Wort sein seelischer Zustand wird mehr oder weniger, je nach der Aufnahmefähigkeit des Patienten, auf diesen übertragen.
Diesen wichtigen Punkt erkennen die Heilmagnetiseure noch nicht und üben daher oft unbewußt mehr Unheil aus als Heil. Dies ist auch der Grund für ihre vielfachen Mißerfolge.
Reine, sittliche Lebensführung und vor allem die sinnliche Enthaltsamkeit ist für eine heilvolle und erfolgreiche heilmagnetische Behandlung unbedingt notwendig.
Eine weitere, wichtige Art der Kraft, die durch Gebete und Fürbitte übertragen wird, ist die spirituelle Heilkraft, die von den geistig gereinigten Seelen ausströmt und ihre Umgebung durchflutet.
Diese Kraft ist rein geistig im höchsten Sinne des Wortes und wirkt unmittelbar auf den Geist derer, die ihrem Wirkungskreis näherkommen, oder zu denen sie mit konzentriertem Willen entsandt wird.
Je weiter ein Mensch geistig entwickelt ist und ein reines, heiliges Leben führt, desto mächtiger und göttlich wirksamer wird auch seine spirituelle Heilkraft sein.
Alle Propheten, Heiligen, Mystiker und Meister der Weisheit besaßen diese umfassende große Heilkraft in verschiedenen Graden.
Dies ist der Grund, warum diese großen Seelen auf ihre Umgebung eine so segensvolle, beruhigende Wirkung ausgeübt haben. Für ihre spirituelle Heilkraft bilden aber Raum und Zeit keine Beschränkung. Jedes Land, in dem solch große Seelen leben, wird von ihrem Dasein nur Heil und Segen empfangen, Schutz und Frieden genießen. Ihre spirituelle Heilkraft besteht aus den Elementen ihrer göttlichen Gedanken, Gefühle, Wünsche und Liebe, daher die umfassende und mächtige Wirkung ihrer Gebete und Fürbitte.
Sie bildet um ihr Haupt eine Lichtscheibe, die man Heiligenschein nennt.
Noch ein wichtiger Punkt soll erwähnt werden, der sich auf die Wirkung der Gebete der Heiligen und der reinen Seelen bezieht.
Wie in der Natur die Sümpfe und Misthaufen jene Insekten und Käfer erzeugen oder anziehen, die nur an solchen Orten leben und gedeihen können, während in einem Blumengarten nur feinere Insekten und Käfer leben und gedeihen, so verhält es sich auch mit der geistigen Atmosphäre der Menschen, mit dem Umkreis ihrer Gedanken und Gefühle. Sie ziehen ihresgleichen an.
Es gibt in der Geisteswelt und in der geistigen Atmosphäre der Menschen viele halbbewußte Elementar- oder Geistwesen, die sich von den Elementen gröberer, sinnlicher Triebe und häßlicher Gefühle und Gedanken der Menschen ernähren.
Die meisten dieser lästigen Wesen sind die Erzeugnisse der teuflischen und verbrecherischen Gedanken und Leidenschaften der Menschen selbst. Sie schwärmen immer um solche Menschen, die ihr Herz zum Nest und zur Brutstätte solcher Gedanken und Gefühle gemacht haben.
Diese unreinen Geistwesen bevorzugen die Umgebung solcher Menschen und üben auf sie oft einen gefährlichen Einfluß aus, indem sie dieselben zu lasterhaften Trieben, Begierden und Taten antreiben und verführen.
In manchen Fällen führt diese ungute Beeinflussung bis zur schlimmsten Besessenheit.
Dagegen scharen sich um die geistig Reinen und Heiligen nur hochentwickelte, gute Geister oder Engel, die sich nur von feineren Schwingungen der göttlichen Gedanken und Gefühle ernähren. Dadurch verstärken sie bei diesen Menschen solche edlen und heilvollen Gedanken und Taten.
Darum wirkt die geistige Umgebung solcher Menschen friedvoll, harmonisch, erheiternd und beruhigend. Dies ist auch einer der Gründe für die wohltuende Atmosphäre der Kirchen und der Gebetshäuser.
Die vollkommenen Meister können sich sogar solch gute Geistwesen für heilvolle Zwecke dienstbar machen.
Die sogenannten Schutzengel und Schutzpatrone sind solch dankbare und hilfreiche Geistwesen.
Wir erkennen daraus immer wieder, daß der Mensch selber das Zentrum aller schönen, göttlichen Kräfte ist oder sein kann und daß alles Heil und aller Segen in der reinen und heiligen Lebensführung des Menschen ruht. Andererseits ist es auch der Mensch selber, der sich zum Geburtsort aller häßlichen und bösen Elemente und Kräfte macht.
Es kommt also alles auf die persönliche Anstrengung und das innere geistige Verhalten des Menschen selber an. Er hat wahrlich die Hölle und das Paradies in sich, das heißt, er schafft sich selber seine Qualen und seine Seligkeit. Die Heilkraft der Gnade ist überall wirksam, sie zu empfangen und zu gebrauchen hängt aber vom Menschen selber ab.
Das Gebet oder der heilige Wunsch, andern zu helfen, stellt nur die Verbindung her zwischen zwei oder mehreren Menschen, zwischen dem Betenden und dem Leidenden, dem Liebenden und dem Geliebten, dem Helfenden und dem Empfänger der Hilfe usw.
Auf diese Weise dient das Gebet nur als Kanal zur Übertragung dieses Heilstroms der Seele eines Menschen zu anderen Seelen. Es öffnet nur die Schleuse zwischen den Herzen oder Seelen und läßt die Flut der Heilkraft der göttlichen Liebe hineinfließen und alles Unreine und Hemmende hinwegtragen.
Das Gebet schaltet nur das spirituelle Licht, die Seelenenergie und Wärmekraft ein und läßt sie in die aufnahmefähigen Herzen der Menschen hineindringen und hineinwirken.
Die Heilwirkung der Gebete durch die Übertragung der heilmagnetischen oder der spirituellen Heilkraft auf den Körper der anderen ist auf keine besondere Gruppe oder Klasse von Menschen beschränkt.
Sie ist das Allgemeingut aller Menschen, also kein Besitztum oder Monopol einer religiösen Kaste, einer Priesterschaft oder einer Kirche irgend einer Religion oder Konfession und Sekte.
Wie Gott diese magnetische und spirituelle Heilkraft jedem Menschen gegeben hat und jeder sie in mehr oder weniger reichlichem Masse besitzt, so hat Er auch jedem das Recht und die Fähigkeit gegeben, diese Heilkraft seiner Seele durch hingebende Gebete auf die andern zu übertragen. Jeder ist daher berechtigt und berufen, diese Kräfte in sich zu entwickeln und dadurch Heilwirkungen hervorzubringen, ob er sich zu dieser oder jener Religion und Konfession oder sich zu keiner bekennt, bleibt sich gleich.
Das Beten ist ein ursprüngliches, innerliches Bedürfnis jeder Seele. Es ist eine himmlische Gabe, die jede Seele mitbringt und ist ihr mit keiner äußeren Macht oder Gewalt zu rauben. Diese Gabe kann aber vermehrt oder vernachlässigt werden oder verlorengehen. Dies hängt vom Menschen selber ab.
Gottes Liebe und Gnade sind allumfassend und allgegenwärtig und machen weder eine Ausnahme noch stoßen jemanden von ihrem Lichtkreis zurück, wenn er sich in Demut und kindlichem Vertrauen Gott zuwendet.
Die Gnade Gottes macht keinen Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Sünder, dem Gläubigen und dem Heiden. Sie kennt keine Begünstigung und keine Aufsplitterung. Wer in Demut und Inbrunst um ihre Gaben bittet, wird sie empfangen.
Die Erfüllung und Heilwirkung der Gebete ist auch an keinen Ort gebunden und auf keine bestimmte Zeit beschränkt und von keiner besonderen religiösen Zeremonie und Kulthandlung abhängig.
Überall kann man Gott anbeten und sich Ihm zuwenden und Ihn um Hilfe rufen, denn Er ist allgegenwärtig, allhörend, allsehend und -wirkend.
Wie Christus und alle Weisen der Welt verkündet haben, kann man Gott am besten im Kämmerlein seines eigenen Herzens anbeten, denn Er ist auch dort anwesend. Und dieses Kämmerlein hat jeder Mensch immer und überall bei sich und in sich.
Darum sagt der iranische Mystiker Rumi aus dem 13. Jahrhundert nach Christus folgendes:
"Ich habe die Welt auf der Suche nach Gott durchwandert und habe Ihn nirgends gefunden. Als ich aber verzweifelt nach Hause zurückkam, sah ich Ihn an der Tür meines Herzens stehen und auf mich warten!"
Die einzige Bedingung für den Empfang einer Antwort von Gott und einer Gabe Seiner Gnade ist das Rein- und Offenhalten des Herzens.
Das Reinhalten des Herzens bedeutet, es von allen Schlacken der bösen Gedanken und Gefühle wie Haß, Neid, Hochmut usw. und von allen selbstsüchtigen Begierden und Wünschen frei und leer machen.
Das Offenhalten des Herzens bedeutet, die Verbundenheit mit Gott herstellen und aufrechterhalten. Und dies kann nur durch reine, innige Liebe zu Gott und zu allen Seinen Geschöpfen geschehen.
Diese Bedingung kann jeder erfüllen, ob er Geistlicher oder Laie, Arbeiter oder Gelehrter, Diener oder Herrscher, jung oder alt, von diesem oder jenem Stand und Glauben ist. Deshalb gehen die Gebete und Wünsche der Kinder und der Mütter meistens schneller in Erfüllung, weil ihre Liebe am reinsten ist.
Reine, selbstlose Liebe macht Tür und Fenster des Herzens für den heilvollen Odem der Gottesgnade offen. Sie beseitigt die zerstörenden Mißklänge der negativen Gefühle und Gedanken, befreit das Herz von allen Schlacken der niederen Wünsche und Triebe und erfüllt es mit dem lebendigen Heilstrom der göttlichen Liebe.
Diese reine, selbstlose Liebe ist aber vom wahren Glauben und Gottvertrauen untrennbar, und diese Dreieinheit von Liebe, Glauben und Vertrauen bilden das göttliche Erbgut jeder Seele. Sie sind die Quelle aller Harmonie, und aller Heilkraft und Seligkeit in jedem Menschen.
Aus dieser Darlegung geht klar hervor, daß der Mensch durch seine Gebete und Fürbitte weder auf Gott einen Einfluß ausübt, noch Änderungen in Seinen Bestimmungen und Geboten hervorruft oder sie aufhebt.
Solche Gedanken sind Gotteslästerungen und Überbleibsel der alten Vorstellungen der primitiven Völker, die glaubten, durch Opfergaben und -Kulte die Gunst ihrer Götter zu gewinnen und den Zorn und die Feindschaft der bösen Geister und Dämonen abzuwenden.
Gott allein ist die Quelle aller Kräfte der Welt, Er hat aber alle diese Kräfte von Uranfang an zur Verfügung aller Seiner Geschöpfe gestellt, so wie die Sonne und die Erde durch Seine Gnade und Liebe mit ihren Kräften und Schätzen es tun.
Alles hängt von der Anstrengung und richtigem und weisem Gebrauch des Menschen ab.
Selig, wer durch reines Leben und inniges Gebet zum Heilquell seiner eigenen Seele, worein die Gnade Gottes sich ergießt, gelangt, denn er wird damit alle nach Heil suchenden Seelen erquicken können!
Zur Beseitigung der Seelennot einige Gebete
Die Reue ist das erste Zeichen des Erwachens des Gewissens, welches die Stimme Gottes oder des höheren Selbst des Menschen ist.
Die Reue drückt sich durch das Geständnis oder die Beichte und die Umkehr aus.
Dieses Geständnis oder die Beichte soll aber zuerst vor Gott geschehen, denn durch unseren Ungehorsam haben wir in erster Linie gegen Seinen Willen gesündigt und müssen Ihm unsere Schuld gestehen und um Vergebung bitten.
Reue und Umkehr
Allgütiger und barmherziger Gott! Aus menschlicher Schwäche und Unkenntnis habe ich gegen Deine Gebote gehandelt! Oft habe ich Deine mahnende Stimme überhört, und Deine mir geliehene Macht und Kraft zum Unheil meiner Mitmenschen mißbraucht! Oft habe ich Deine Gesetze der Gerechtigkeit und der Liebe verletzt und in blinder Torheit mich von Dir abgewandt. Erwacht zum Lichte der Wahrheit kehre ich jetzt reumütig zu Dir zurück! Mit wundem, von Reue bebendem Herzen wende ich mich in vollem Vertrauen an Dich! O Du, dessen Gnade unermeßlich und dessen Liebe grenzenlos ist, demütig sinkt meine Seele an Deinem Throne nieder und bittet um Vergebung! Gib mir die Kraft, o Gott, hinfort nicht mehr zu sündigen, sondern in Reinheit und Heiligkeit zu leben und in Deiner Kraft der Menschheit zu helfen und zu dienen! AMEN
Schuldbekenntnis gegenüber Bruder oder Schwester
Ich wende mich reumütig an Dich, o Du edle Seele meines Bruders oder meiner Schwester, und bitte um Vergebung meiner Schuld! Laß Dein Herz sich meiner erbarmen und erkennen, daß die Vergebung eine göttliche Eigenschaft ist.
Mein Herz sehnt sich nach Frieden und Ruhe die Du allein mir schenken kannst! Stille meines Herzens Weh, mit der Botschaft Deiner Vergebung! Möge Gottes Gnade auf Dir ruhen und Dein Herz mit dem Lichte der Erleuchtung und Vergebung erfüllen! AMEN
Gebet für die Feinde
Ihr meine verirrten, böswilligen Feinde! Ihr meine mit geistiger Blindheit geschlagenen Brüder und Schwestern! Ich bete von Herzen für Eure Erlösung! Mögen Eure Geistesaugen geöffnet werden, damit Ihr den Abgrund erblickt, dem Ihr zusteuert! Kehrt um auf den Weg des Heils und der Erlösung, damit Ihr wieder das Licht der Wahrheit empfangt und den Segen der innern Harmonie erlebt. Friede sei mit Euch und mit allen Wesen! AMEN
Gebet für die dunklen Wesen
Ihr verirrten Geister! Ihr gehört nicht zu dieser Welt! Ihr habt kein Recht, euch an mich zu klammern und mich zu quälen! Ich bete für eure Erlösung! Wendet euch nach oben und kehrt zu jenem Lichtland zurück, dem ihr angehört! Möge Gottes Gnade euch führen und euch von eurer geistigen Blindheit befreien! Licht und Segen euch und allen Wesen! AMEN
Wie man durch das Öffnen der Fenster die Strahlen der Sonne empfängt, die Sonne selbst aber dadurch nicht im geringsten beeinflussen kann, so verhält es sich auch mit unseren Gebeten.
Wir öffnen durch Beten die Fenster unseres Herzens und unserer Seele zu den belebenden und beseligenden Strahlen der Sonne der göttlichen Gnade und Liebe, die vom Uranfang an da war und unaufhörlich wirkt, erleuchtet und erlöst.