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Die Heilkraft des Schweigens
von H. K. Iranschähr
Suchende Seele!
Laß dir die Erfahrungen der Weisen der Welt als Lehre dienen und erprobe sie, wenn dich nach Frieden und Harmonie dürstet!
Vorwort
Die Heilkraft des Schweigens in ihrem dreifachen Sinn, wie in dieser Schrift dargestellt, tut heute, in unserer mit Hast, Unruhe und Friedlosigkeit erfüllten Zeit, am meisten not.
Denn nie hat die Menschheit so viel an Friedlosigkeit, Disharmonie, innerer Zerrissenheit, Nervosität und Verzweiflung gelitten, wie heute.
Darum ist auch heute das Verlangen nach den Mitteln, diesen zersetzenden Zustand aufzuheben, sehr groß.
Die nach innerem Frieden und Harmonie strebenden Seelen kennen aber nicht den richtigen Weg zu diesem ersehnten Ziel.
Sie suchen oft diesen Weg in der äußeren Welt, bei anderen Menschen und in den weltlichen, materiellen Mitteln und Gütern, während er in ihrer eigenen, inneren Welt liegt. Deshalb wandern sie von Täuschung zu Enttäuschung und vom Zweifel zur Verzweiflung.
Diese Schrift, die heute in fünfter, verbesserter Auflage erscheint, zeigt jeder suchenden, erwachten Seele den kürzesten Weg zum Tempel der Erlösung, des Friedens und der Harmonie, im Herzen jedes Menschen.
1963, H. K. Iranschähr
Einleitung
Das Schweigen bedeutet hier kein bloßes Stillhalten der Zunge, sondern eine innere Schulung zur Beherrschung und Umwandlung aller niederen Triebe und negativen Gefühle, Neigungen und Gedanken, welche die eigentlichen Ursachen aller körperlichen und seelischen Leiden sind.
Die Heilwirkung einer solchen seelisch-geistigen Schulung ist unleugbar und unvorstellbar groß, denn durch diese Schulung werden Herz und Gehirn von allen Schlacken der gröberen Gefühle und ungöttlichen Gedanken gereinigt und für die Einwirkung der zerstörenden Kräfte der Außenwelt unerreichbar gemacht.
Dadurch wird jegliche Aufregung und Erregbarkeit überwunden und jeglicher Anfall der zersetzenden Kräfte ausgerottet.
Durch diese Schulung wird das Herz stark und friedvoll, das Gemüt froh und heiter, das Gewissen rein und ruhig und das Denken klar und lichtvoll.
Dieser innere, harmonisch-seelische Zustand wird sich im Körper widerspiegeln und ihm Gesundheit, Kraft und Leistungsfähigkeit verleihen. Dadurch wird der Mensch körperlich und geistig gesund und fähig sein, zum Wohl und Heil der Menschheit beizutragen.
Dies ist Sinn und Ziel dieser geistigen Schulung, die wir Heilkraft des Schweigens nennen. Darum ist dieses Buch im Grunde eine Einführung in die Seelenheilkunde und Selbstheilung.
Die Wichtigkeit und die Heilwirkung dieses Schweigens wird erst im neuen Zeitalter von der medizinischen Wissenschaft richtig erfaßt und geschätzt. Sie wird anerkennen, daß die Ursachen der meisten Krankheiten im seelisch-geistigen Gebiet liegen und von dort aus auf den Körper einwirken.
Der Mensch besitzt außer seinem physischen Körper noch drei andere, feinere Körper, durch die die Seele in erster Linie wirkt und die in der Gestaltung seines Lebens die Hauptrolle spielen, während der physische Körper nur den Resonanzboden oder das Tätigkeitsfeld dieser feineren Körper bildet.
Diese drei feineren Körper sind der Ätherleib, der Empfindungsleib oder Astralkörper und der Gedankenleib oder Mentalkörper.
Der Ätherleib, der dicht an den physischen Körper gebunden ist und sich drei Tage nach dem Tode auflöst, ist das Sammelbecken der Sonnenenergie, die man im Sanskrit Prana nennt und die dem Körper die Lebenskraft gibt. Die Milz ist im physischen Körper das Werkzeug des Ätherkörpers und der Kanal für die Sonnenenergie. Wenn die Milz oder der Ätherkörper irgendwie in ihrer Tätigkeit gehindert wird, so wird der Körper unter dem Mangel an Sonnenenergie leiden.
Der Astralkörper, den man auch Doppelgänger nennt und in dem die Seelen im Traum und im Jenseits weilen, ist der Sitz aller gröberen wie auch feineren Gefühle, Triebe, Neigungen, Leidenschaften und Regungen des Menschen. Das Sonnengeflecht und das sympathische Nervensystem sind seine Werkzeuge und Kanäle.
Der Gedankenleib oder Mentalkörper ist der Sitz aller geistigen Kräfte oder Ströme der Seele wie Denk-, Vorstellungs-, Willens- und Gedächtniskraft usw. Das Gehirn mit all seinen Nerven und Zellen bildet seinen Kanal und sein Werkzeug.
Diese drei feineren Körper bilden die eiförmige, leuchtende Aura um den Körper und können von Hellsehern geschaut werden. Hier möchte ich noch betonen, daß viele physische Leiden ihre Wurzeln in diesen feineren Körpern haben, daß die meisten Krankheiten von der Störung des Nervensystems herrühren und daß das Gehirn nicht Erzeuger der Seelenkräfte, sondern nur Werkzeug der Seele ist.
Die Keime vieler Krankheiten liegen in diesen drei feineren Körpern und wirken von dort aus auf den physischen Körper ein und müssen daher zunächst dort gesucht und beseitigt werden.
Deshalb ist es nötig, bei allen Krankheiten erst die seelisch-geistigen Ursachen festzustellen, denn 90 Prozent aller Krankheiten entstehen aus seelischen Hemmungen, Erschütterungen und Verkrampfungen und müssen in erster Linie durch Seelenheilkunde oder Psychotherapie behandelt und geheilt werden.
Im kommenden Zeitalter wird die Seelenheilkunde die erste Stelle in der Medizin einnehmen, und die Ärzte werden mehr seelische Heilmittel anwenden und verschreiben als Arznei.
Die Psychoanalyse hat den Zugang zu dieser Seelenheilkunde gefunden, aber noch nicht die richtige Heilmethode, denn es handelt sich bei der Seelenheilkunde nicht um das Heraufholen und Auflebenlassen der im Unterbewußtsein gelagerten, ungeläuterten und unverdauten Triebe und Komplexe, sondern nur um die gründliche Umwandlung derselben in rein geistig schöpferische Kräfte.
Dieses hohe Ziel kann nur durch seelisch-geistige Umwandlung, wie in diesem Buche dargelegt, erzielt werden.
Das in diesem Buche mit klaren, leichtverständlichen Belehrungen und Übungen dargestellte Schweigen ist also nichts anderes als die Ausübung der Kunst der Selbstheilung durch seelisch-geistige Umwandlung. Darum hat dieses Buch vielen Leidenden geholfen, ihnen neue Kraft und Lebensmut gegeben und zu ihrer schnelleren Gesundung viel beigetragen.
Diese Heilkraft des Schweigens ist das, was heute seelisch den so erschütterten und aufgerüttelten Menschen sehr not tut.
Mögen alle Leser aus diesem erlösenden Heilquell, der in ihrer eigenen Seele liegt und den dieses Buch nur zu entdecken verhilft, Kraft, Harmonie und Frieden schöpfen!

Der Pilger und der Tempel
Der Wächter:
Herr! Ein armer Wanderer steht vor der Tür und bittet um Einlaß!
Der Herr:
Laß ihn eintreten und frage ihn, woher er kommt und was er begehrt.
Der Wächter:
Tritt herein, lieber Wanderer, und erzähle mir, woher du kommst und womit ich dir dienen kann?
Der Pilger:
Heil dir, Bruder! Lang und leidvoll ist mein Weg gewesen; jetzt aber ist meine Freude groß, denn ich habe mein Ziel erreicht.
Seit sieben Tagen und Nächten wandere ich auf dem Wege zu diesem Tempel. Meine ganze Kraft ist erschöpft, aber vor den heiligen Mauern dieses Tempels fühle ich mich schon wieder glücklich und wohl.
Ich stamme aus der Familie der Versunkenen und wohnte in der Stadt der Unwissenheit. Von Kindheit an hegte ich große Sehnsucht nach Wanderschaft, doch ist dieser Wunsch jahrelang in meinem Herzen verborgen geblieben, denn ich hatte keinen Mut und keine Möglichkeit, ihn zu erfüllen. Oft hat die Sehnsucht mein Herz verzehrt, aber kein Mittel und keine Hoffnung waren vorhanden, sie zu stillen!
In einer Nacht träumte ich, daß ich mich an einem unbekannten Ort befände, und eine Hand, die wie ein leuchtendes Bild aussah, mir einen Weg wies, an dessen Ende dieser Tempel sichtbar war.
Ich sah dann eine weiße Taube, die dem Weg entlang flog, diesen Tempel erreichte und darin verschwand.
Am nächsten Morgen fühlte ich in mir eine ungewöhnliche Kraft und Freude und wußte, daß ich nunmehr meine Wanderschaft antreten mußte. Ich habe meine Familie und meine Stadt verlassen und den geträumten Weg gesucht.
Nach siebenstündigem Wandern gegen Osten kam ich an einen Ort, wo der Weg sich teilte, und ich wußte nicht, welchen von beiden Wegen ich folgen sollte. Während ich so von Zweifel erfüllt war, gewahrte ich eine weiße Taube vor mir herfliegen. Ich hörte aus meinem Innern die Stimme dieser Taube.
Sie nahm den Weg, welcher rechts von mir lag, und ich ging diesen Weg, bis es Abend wurde. Die Taube war längst verschwunden. Müde vom Laufen legte ich mich bei einem Stein nieder und schlief ein. Als ich nach einigen Stunden aufwachte, war es schon ganz dunkel. Plötzlich erschien vor mir ein Licht, wie ein in Nebel gehüllter Stern, und die innere Stimme sprach: "Folge diesem Licht!"
Das tat ich freudig, bis die Morgendämmerung anbrach und die goldenen Strahlen der Sonne die dunkle Erde mit einem Lichtmeer umgaben.
Das Licht war verschwunden, aber die weiße Taube erschien jedesmal wieder, wenn sich Wege vor mir kreuzten, und führte mich auf den richtigen Weg.
So, lieber Bruder, bin ich sieben Tage und sieben Nächte gewandert. Sieben Täler mußte ich durchziehen und sieben Berge ersteigen, bis ich diesen Tempel erreichte.
Die sumpfig unheimlichen Täler und die steilen gefährlichen Felsen haben mir oft meine Hoffnung und meine Kraft geraubt – aber mein Glaube war stärker.
Oft waren die weiße Taube und der leuchtende Stern vor meinen Augen verschwunden, und ich fühlte mich ganz verlassen. Jedesmal, wenn meine Kraft versagen wollte, vernahm ich die innere Stimme, die mir ermunternd zuflüsterte: "Mut, und immer Mut."
Heute ist der siebente Tag, und als ich diesen Tempel von weitem erblickte, sah ich gerade die weiße Taube in den Tempel hineinfliegen.
Jetzt weiß ich, daß ich mein Heil nur hier zu suchen habe und daß dieser Tempel mein Ziel ist.
Darum lege ich mich mit wunden Füßen vor sein Tor hin und hauche glückselig meinen letzten Atemzug aus!
Der Wächter (nachdem er in den Tempel zurückgekehrt war):
Herr! Der arme Wanderer hat mir seine Pilgerfahrt ausführlich geschildert, und mit dem letzten Wort hat er auch seinen letzten Atemzug ausgehaucht.
Der Herr:
O nein, wer meinen Tempel zu erreichen sucht und meinem Licht und meinem Worte folgt, der kann niemals sterben!
(Der Wächter nimmt plötzlich wahr, daß der Pilger neben dem Herrn erscheint.)
Der Herr:
Siehe! Wie königlich er an meiner Seite sitzt; er, mein geliebter Sohn, der heilige Pilger zum heiligen Tempel!
Berlin, den 7. Oktober 1929

Bedeutung der Symbole
1. Der Pilger = der erwachte Mensch
2. Der Osten = wahre Erkenntnis, Weisheit
3. Weiße Taube = die Seele
4. Weißes Licht = der Glaube
5. Innere Stimme = die Intuition
6. Die 7 Täler = die 7 Hauptlaster
7. Die 7 Berge = die 7 Haupttugenden
8. Der Wächter = göttliche Vernunft
9. Der Tempel = die erlösende Wahrheit
10. Der Herr des Tempels = der Gottesgeist im Menschen


I. Das Schweigen der Zunge

1. Im Vorhof des Tempels
Verletze nicht, o Zunge, wo du heilen kannst!
Sträube dich nicht, o müdes Herz; flackere nicht, o Flamme des Mutes, damit ich meinem Weg zum Tempel des Schweigens folgen kann.
Die Heilkraft des Schweigens empfängt man nur im Tempel der Erleuchtung.
In diesen Tempel tritt nur die Seele ein, die das Schweigen schon ernstlich geübt hat.
Das Schweigen ist der Atemzug, das Gebet, die Sprache und der Gottesdienst der erleuchteten Seele.
Wenn alles in dir schweigt, kannst du die Stimme deiner Seele wahrnehmen.
Erst im vollen Schweigen kannst du die Wunder deiner Seele erschauen, gleich wie in klarer Nacht erst die Herrlichkeit des Firmaments sichtbar wird.
Wenn alles Irdische in deiner Seele aufhört zu tönen, dann wirst du der himmlischen Symphonie des Lebens lauschen können.
Nur im Schweigen kannst du dein wahres Selbst erkennen, wie du nur im reinen Spiegel deine Gestalt erschaust.
Ich träumte einmal vom "Schweigen", und diesen Traum möchte ich nicht gegen tausend irdische Leben eintauschen.
Ich habe den Meister gefragt: "Wo befand sich Gott, bevor Er die Welten schuf?" Er sagte: "Im Schweigen!"
Ich habe den Meister gefragt: "Wie wird man seiner selbst bewußt?"
Er schwieg.
Ich habe den Meister gefragt: "Was ist das Geheimnisvollste aller Geheimnisse?"
Er legte den Zeigefinger auf die Lippen.
Ich habe den Meister gefragt: "Wie beten die Engel zu Gott?"
Er sagte: "Indem sie, Seine Herrlichkeit bewundernd, im Schweigen verharren."
Ich habe den Meister gefragt: "Warum schweigst du so oft?"
Er sagte: "Weil ich mit Gott rede".
Ich habe den Meister gefragt: "Was ist die Weisheit?"
Er sagte: "Weisheit ist eine himmlische Blume, welche in Erkenntnis wächst, in Liebe gedeiht und im Schweigen erblüht."
O meine Seele, offenbare dich mir!
"Ich offenbare mich nur dann, wenn alles in dir schweigt."
Wahrlich, begnadet ist, wer den Tempel der Erleuchtung gefunden hat und ihn nunmehr im Schweigen betreten darf.
O ihr himmlischen Mächte! Erbarmt euch meiner, ich gelobe vor euch das Schweigen. Öffnet mir das Tor!
O gütiger Meister, wie im Himmel, so sei du auch auf dieser Erde mein Licht und mein Führer zum Tempel der Erleuchtung.
Wache auf, o Seele, und schweige! Denn du stehst inmitten des Tempels der Erleuchtung.
O göttlicher Tempel, erfülle mich mit deiner Heilkraft! Nimm mich in deinen Mutterschoß. Laß mich vor deinem heiligen Altar knien und deiner Stille lauschen! Laß mich deinen heilenden Odem einatmen und mich von allen irdischen Lastern befreien!
Erhabener Meister, du, dessen Hand mich zu diesem Tempel geführt hat, nimm meinen innigsten Dank an!
O heiliger Tempel der Erleuchtung, ich gelobe, dir ein ewig dankbarer und opferfreudiger Diener zu bleiben!
Ich will meine Pflicht in Kraft und Licht des Schweigens erfüllen.
2. Was für Unheil das Nichtschweigen verursacht
Achte auf deine Worte! Denn sie können sowohl Träger des Heils wie auch des Unheils werden.
Erkenne, o heilsuchender Pilger, daß du die erste Halle dieses Tempels, die Halle der Erkenntnis, erst dann betreten kannst, wenn du deine Füße auf den sieben Stufen des Vorhofs, welche die sieben Gebote des Tempels darstellen, gereinigt hast.
Auf jeder Stufe hast du eine besondere Pflicht zu erfüllen; sonst wirst du unfähig sein, die höhere Stufe zu beschreiten.
Die sieben Gebote des Tempels oder Pflichten des Pilgers sind:
1. Rede nicht, bevor du gefragt wirst.
2. Frage niemals, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.
3. Ohne unbedingte Notwendigkeit teile keine traurige, negative, zerstörende und unangenehme Nachricht mit.
4. Höre und lies möglichst keine solche Nachricht, damit du keinen giftigen Strom in deinem Herzen erzeugst.
5. Teile deine Freude und dein Glück nur dann andern mit, wenn du weißt, daß du damit in ihnen Freude hervorrufst.
6. Teile aber deine Schmerzen und deine Leiden andern möglichst nicht mit, damit du ihre Ruhe nicht störst.
7. In der Trübsal des Lebens suche deine Zuflucht beim Schweigen vor dem heiligen Altar deiner eigenen Seele!
So lauten die Anweisungen des Meisters über die ersten Gebote des Tempels der Erleuchtung. Über den tiefen Sinn dieser Worte versuche jetzt, o gottsuchender Wanderer, nachzudenken! Übertrage diese Regeln auf dein tägliches Leben und erfülle sie mit Eifer und Fleiß.
Diese Gebote sind relativ und auf drei Gebieten anwendbar. Sie haben einen allgemeinen und einen esoterischen Sinn. Die Weisheit hebt ihre Strenge auf und gibt den Schlüssel zur Anwendung derselben:
1. Diese Gebote sind in erster Linie im Innern des Tempels der Erleuchtung zu beachten, wie am Anfang des Kapitels geschrieben steht.
Dieser Tempel versinnbildlicht den Meditationsraum, wo mehrere gleichgesinnte und geistig geschulte Seelen zur gemeinsamen Meditation zusammenkommen. Da müssen diese Regeln befolgt werden, damit die geistige Atmosphäre des Raumes rein bleibe und der Heilstrom und Odem der Inspiration des Heiligen Geistes, die man empfängt, nicht getrübt werde.
2. Dieser Tempel symbolisiert auch das menschliche Herz, wo die Seele, der himmlische Meister, die Andacht hält. Hier müssen alle Triebe, Gefühle und Gedanken schweigen, um die Stimme der Seele besser zu vernehmen und ihre Anweisung deutlich zu empfangen und zu erfassen. Das Gemüt darf nichts fragen und nichts reden, sondern muß stille sein, schauen und horchen und in Ehrfurcht schweigen, wie im Alten Testament geschrieben steht:
"Der Herr ist in Seinem Tempel. Es sei vor Ihm stille alle Welt."
3. Dieser Tempel stellt auch die Menschheit dar. Wenn der Jünger oder die erwachte, erleuchtete Seele aus innigem Drang nach Hilfeleistung und aus Eifer und Begeisterung ihre empfangenen Gaben anderen austeilen, das heißt die Worte der Weisheit verkünden will, muß sie diese Regel achten.
Das Gebot: "Rede nicht, bevor du gefragt wirst", bedeutet hier im esoterischen Sinne: Die Wahrheit niemandem darbieten, der kein Verlangen danach hat. Das lebendige Wort der Gottesweisheit nur denen schenken, die danach hungern und verlangen.
Und die Regel: "Nicht fragen, was nicht unbedingt notwendig ist", bedeutet: Der Jünger darf ohne Notwendigkeit das persönliche Leben und vor allem das Gewissen und das Herz der anderen nicht erforschen. Er muß Ehrfurcht haben vor der Freiheit des Gewissens und des Glaubens und solange vor der Tür des Herzens seiner Mitmenschen stehen bleiben, bis sie von selbst die Tür öffnen und ihm Einlaß gewähren. Auch dann muß er mit Verantwortungsgefühl und ehrfurchtsvoller Liebe eintreten und die Grenzen der Weisheit, der Nachsicht und der Demut nicht überschreiten. Mit anderen Worten: Er darf in seinem Übereifer und Hilfsfieber kein Sektierertum und keine Bekehrungssucht treiben. Er muß nur in voller Güte und Geduld horchen, abwarten und in geeigneter Zeit seine geistigen Gaben in Demut und Dankbarkeit darbieten.
Wie der Schlaf dem Körper wohltut, die Nerven stärkt und die verbrauchte Kraft erneuert, so wirkt auch dieses bewußte innere Schweigen auf den Körper und auf die Seele. Es gibt dir, o Wanderer, die nötige Ruhe und Entspannung, und es schafft in dir neue Kraft und Seelenharmonie.
Du weißt schon, erfahrener Wanderer, daß jedes gesprochene Wort mehrere Organe des Körpers und besonders die Zellen des Gehirns in Bewegung setzt. Du weißt auch, daß jede Bewegung immer etwas Kraft verbraucht und als Rückwirkung eine neue Kraft erzeugt. Nach diesem Gesetz betrachtet, erzeugt jedes Wort, welches du sprichst, wenn es nützlich ist, eine aufbauende Kraft! Wenn es aber überflüssig oder schädlich gewesen, wird es deine Nervenkraft vergeuden und gleichzeitig eine zerstörende Kraft schaffen.
Wenn ich dir zum Beispiel eine fröhliche Mitteilung mache, wird diese eine aufbauende, Freude erzeugende und wohltuende Kraft bei dir auslösen, und dein fröhlicher Zustand wird auf mich selbst zurückwirken und meine Kraft vermehren.
Wenn ich aber eine negative Mitteilung mache, so wird diese bei dir Unlust, Schmerz, Überdruß usw. und als Rückwirkung bei mir Reue und Leid erzeugen. Eine solche Mitteilung wäre also nicht nur überflüssig und unnütz und sie hätte nicht nur meine Nervenkraft vergeudet, sondern sie würde zerstörend und schädlich auf mich und dich wirken.
Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet frage jeden Abend dich selbst, wie viele von deinen Gesprächen am Tage nützlich und aufbauend und wie viele davon überflüssig und schädlich gewesen sind. Dies ist die heilvolle Übung der Selbstprüfung der erwachten Seele und der tiefere Sinn des Schweigens.
Die Reformärzte sagen mit Recht, daß der heutige Mensch zweimal mehr ißt, als er für die Gesunderhaltung seines Körpers nötig hat.
Wir müssen nun die Wahrheit und die Tatsache erkennen, daß der heutige Mensch mindestens fünfmal mehr spricht, als er braucht, und nicht weiß, daß er bei jedem unnötigen Gespräch die Heilkraft seiner Seele vergeudet.
Du aber, o heilsuchender Wanderer, vergeude nicht mehr durch unnütze Gespräche deine Nervenkraft, sondern sammle durch Schweigen genügenden Vorrat dieser lebenserhaltenden Energie in dir. Laß diese Kraft deinen Organismus ernähren und lebendig erhalten.
Die Weisheit lehrt:
"Sprich nur dann, wenn es unbedingt notwendig ist, denn in jeder Notwendigkeit steckt ein Nutzen. Und wenn du sprechen mußt, sprich so kurz und klar als möglich, so daß kein einziges Wort in deiner Rede überflüssig ist.
Deine Worte sollen von Heilkraft reiner Liebe durchdrungen sein. Sei dir bewußt, daß du durch deine Worte, wenn auch unbewußt, eine magische Heilkraft ausübst.
Sprich also nur dann, wenn dein Gespräch für dich oder für andere wesentlichen Nutzen bringt. Sprich mit bewußtem Verantwortungsgefühl und mit reiner Absicht, dadurch deinen Mitmenschen helfen zu wollen."
Du mußt aber erkennen, o nach Erleuchtung ringender Wanderer, daß dein Schweigen unter bestimmten Umständen auch zur Sünde werden kann.
Wenn dein Schweigen dir selbst oder anderen schaden könnte, dann darfst du nicht schweigen. Wenn du zum Beispiel einmal von einem Leid betroffen bist und dein Herz sich auszusprechen wünscht, versäume nicht, dich einem gütigen, liebevollen Menschen anzuvertrauen.
Wenn du überzeugt bist, daß dieser Mensch stark genug und bereitwillig ist, dich anzuhören und dir zu helfen, das heißt wenn er eine gleichgestimmte mitleidsvolle und verstehende Seele besitzt, dann teile ihm ruhig deinen Kummer mit. Die erlösende Heilkraft seiner Liebe wird deine Seele erleuchten, dich über den Gegenstand deines Kummers hinausführen und dir neue Kraft verleihen.
Wenn du andererseits erkennst, daß deine Worte eine heilsame Wirkung auf einen bekümmerten Menschen ausüben können, dann zögere nicht, mit ihm zu reden. Du kannst sicher mit deinen aufmunternden und aufklärenden Worten an seiner Befreiung mitwirken; dies ist ein Dienst an deinem Mitmenschen und eine heilige Pflicht für dich!
Du kannst mit einem ermutigenden Wort und einem warmen Blick großen Trost, viel Hoffnung und Mut schenken. Die Worte sind Gefäße für die Schwingungen des Geistes, und die Blicke sind Schalen für die Strömungen der Seele.
Achte darum darauf, daß du aus diesen Gefäßen und Schalen nur den Heiltrank der reinen, wohlwollenden Gedanken und der warmen erlösenden Liebe darbietest. Schenke stets aufrichtende und liebevolle Blicke und Worte. Denn die Heilkraft dienender Liebe und göttlicher Gedanken ist viel mächtiger als alle niederdrückenden Kräfte der Welt.
Das Unterscheiden zwischen der Notwendigkeit des Schwei-gens oder Redens ist sicher sehr schwer, aber nicht unmöglich! Der Weise allein kann unterscheiden, wann er schweigen und wann und wie er reden soll. Darum trachte vor allem nach Weisheit, denn sie ist wahrlich die Quelle der wahren Erkenntnis der göttlichen Liebe und der Glückseligkeit.
Wenn du jetzt die täglichen Gespräche der Menschen mitanhörst, wirst du finden, daß mindestens die Hälfte davon unnütz ist. Wenn diese Worte nur unnütz und kräftevergeudend blieben, wäre es nicht so schlimm und gefährlich. Aber die meisten dieser Gespräche sind schädlich. Die Menschen ahnen nicht, daß Worte und Gedanken dynamische Kräfte sind und nach Selbstverwirklichung streben, das heißt einwirken wollen. Sie wissen nicht, wieviel Unheil sie durch ihre unnützen Gedanken verursachen. Sie entkräften und vergiften sich selbst und die anderen, ohne es zu wissen.
Da viele die Schule der Weisheit noch nicht besucht und das Schweigen nicht gelernt haben, teilen sie einander oft viel zerstörende und negative Nachrichten mit, wie Krankheit, Tod, Katastrophen, Mord, Verbrechen und allerhand bedrückende und nervenerschütternde Geschehnisse.
Außerdem schildern sie oft dramatisch ihre Schwierigkeiten und Mißerfolge so tragisch als möglich, um ihre Mitmenschen zu rühren und bei ihnen Mitleid zu erwecken!
Mit all diesen Nachrichten und Klagen, Jammern und Plagen belasten und vergiften sie täglich nicht nur ihr eigenes Gemüt, sondern auch das ihrer Mitmenschen. Ihre Worte erwecken erstens in ihrem Gedächtnis die Erinnerung an vergangene, traurige Erlebnisse; in ihrem Unterbewußtsein bilden sich dann trübe Vorstellungen und nehmen Besitz von ihrem Gehirn und ihrem Herzen. Zweitens prägen diese Gedanken und Vorstellungen der Geschehnisse in ihrem Unterbewußtsein Furchen ein, die ihr Gemüt für solche Eindrücke leichter aufnahmefähig und zugänglich machen.
Mit dieser unbewußten Art des Wirkens ziehen diese Menschen durch ihre Worte gleiche negative Gedanken und Schwingungen, die in der Luft schweben, an, und beschweren so unwillkürlich sich selbst und ihre Mitmenschen mit Unglück, Krankheit, Mutlosigkeit und Lebensmüdigkeit.
Siehe, erwachter Wanderer, wie diese Menschen unbewußt, durch unnützes Geschwätz, sündigen, trotz ihres guten Willens! Unwissenheit ist wahrlich die größte Sünde, die Wurzel aller Übel.
Verhängnisvoll ist die Wirkung dieses Zustandes, o Wanderer, auf die Menschen! Denn um sich von den Lasten der Mißstimmung und Friedlosigkeit zu befreien, werfen sie sich in die Arme des Alkohols, der sinnlichen Gelüste und übler Zerstreuung. Sie gleichen jenem Toren, der, um sein Geld zu bewahren, dies in die Hände des Diebes legt, oder dem, der ein neues Gift einnimmt, um sich von dem alten zu retten.
Wenn du jetzt diese geheimen Gesetze und Vorgänge erkannt hast, wirst du begreifen, wieviel du unbewußt täglich sündigst und wieviel Unheil du durch unnütze Worte verursachst. Du wirst dann einsehen, worin das Unheil des Nichtschweigens liegt. Dann wirst du den Sinn der Worte Jesu Christi erkennen, welcher sagt:
"Ihr seid nicht nur für eure Taten, sondern auch für eure Worte verantwortlich!"
Denke und rede darum stets positiv, aufbauend und harmonisch und wandle alles Zerstörende und Negative, das du hörst und schaust, ins Positive und Heilvolle um.
So wird dein Leben zu einem Quell der Freude und des Heils für deine Mitmenschen.

Der Pilger spricht bewegt:
Wahrlich, o ehrwürdiger Meister, meine unwillkürlichen und unbewußten Sünden machen das Tausendfache meiner bewußten aus.
Zu dir, o heiliges Schweigen, flehe ich! Getrennt von dir habe ich viele Sünden begangen. Ohne dich zu kennen, habe ich viele Herzen betrübt, beunruhigt und verwundet.
Jetzt erst erkenne ich dich und spüre deine göttliche Heilkraft in mir, und ich will mich dir vollständig hingeben. Jetzt will ich ein Diener deines Tempels werden, mich in deinem Licht baden und mich von allen Sünden und Leiden befreien.
Allgütiger Gott! Schenke mir die Kraft, diesen Lichtpfad mutig bis zum Ende zu gehen!
O gib, daß die Kraft des Schweigens in mir heiligend wirke und mein Leben umgestalte zum Segen der Menschheit!

3. Welch Heil das Schweigen bringt
Enthülle mir, o heiliger Meister, das Geheimnis des Schweigens, damit ich zum Eintritt in Deinen Tempel würdig werde.

Der Meister:
Du brauchst, o sehnsüchtiger Wanderer, nicht an Weltflucht zu denken und dich in die Berge und Wälder zurückzuziehen, um Schweigen zu üben.
Der erhabene Krischna sagt zu Ardschuna:
"Vereinigung mit Gott wird jenen nicht zuteil, die übermäßig fasten, und auch nicht den Prassern oder Schläfern, auch dem nicht, der durch zu vieles Wachen sich entnervt." (Bhagawadgita)
Krischna ist der Heiland der Hindus und Ardschuna sein Lieblingsjünger.
"Sie wird, o Prinz, nur von jenem erlangt, der mäßig ist im Essen, im Schlafen und im Vergnügen, der zur rechten Zeit der Ruhe pflegt und, wenn nötig, wacht. Ein solcher, der im Innern selbstbeherrscht, selbstbewußt und frei von allem ist, was die Begierde erwecken könnte, wird ein Jukta, ein Begnadeter, genannt."
Wenn du deine Worte beherrschst und das Schweigen übst, wird es dir das ersehnte Heil bringen und dir das Tor des Tempels öffnen. Durch Schweigen steigerst du die Heilkraft in dir, und diese sichert dir dauernde Frische und blühende Gesundheit.
Sei im höchsten Grade sparsam mit deinen Worten und achte darauf, daß diese nie verletzend, sondern heilend wirken.
Ein halbstündiges und richtiges Schweigen jeden Tag im wahren Sinne des Wortes wird dich allmählich ins Reich der Glückseligkeit emporheben.
Im Schweigen lausche immer andächtig der zarten, lautlosen Stimme deiner Seele.
Wenn du einmal die Heilkraft des Schweigens verspürt hast, wird deine Seele sich dauernd danach sehnen, wie ein Dürstender nach erquickendem Wasser.
Wenn du ins Heiligtum des Schweigens eingetreten bist, werden sich dir die Pforten des Himmelreiches deiner Seele öffnen. Du wirst eine Herrlichkeit schauen, die kein irdisches Auge wahrnahm. Du wirst einer Melodie lauschen, die sonst kein menschliches Ohr zu vernehmen vermag. Dann wirst du eine seelische Wiedergeburt und göttliche Seligkeit erleben und wünschen, daß du von diesem himmlischen Schweigen nie getrennt werden mögest.
Ein Quell entsteht dadurch, daß die Wassertropfen und Rinnsale jahrelang im Innern der Erde einander suchen und sich miteinander verbinden und so nach vielem Streben eine Quelle bilden, die den Durstigen erquickt. Wenn diese Tropfen und Rinnsale gleich an die Oberfläche der Erde kämen und nicht im Innern verblieben, wären sie bald vertrocknet und niemals imstande, eine Quelle zu bilden.
So geschieht es auch mit den Worten, welche die Rinnsale und Tropfen der Gefühle und Gedanken sind und in der Tiefe des Herzens aufbewahrt werden sollen, um dort eine Quelle zu bilden. Darum ist es in den Schulen der Weisheit und in den mystischen Orden Sitte, daß die Schüler und Zuhörer nach der Rede oder Meditation des Meisters einige Minuten schweigen. Durch dieses Schweigen dringen die heilvollen Ströme der aufgenommenen Gedanken in das Herz und Gemüt der Zuhörer und wirken dort heilend, erlösend und erleuchtend. Wenn aber ein heiliger Gedanke sich jahrelang nicht durch Worte äußert, sondern sich in der Tiefe der Seele verschließt, gewinnt er mehr und mehr an Kraft und Reinheit. Er bildet dann eine Quelle, die eine Macht erreicht, welche jahrtausendelang die Seele der Menschheit erquickt, führt und nährt.
Die großen, gewaltigen Gedanken, welche das Schicksal der Menschheit seit Jahrtausenden in neue Bahnen gelenkt haben, sind auf diese Weise im Schoße des Schweigens geboren.
So sind die Religionen gegründet, die Erfindungen vollbracht und die Entdeckungen ermöglicht worden.
Die Propheten, die Eingeweihten und die Mystiker aller Völker und aller Zeiten, wie auch alle Weisen der Welt, kannten dieses Geheimnis der Wirkung des Schweigens und lebten mit vollem Bewußtsein danach.
In Einsamkeit und Schweigen haben große Seelen ihre Erleuchtung empfangen.
So lebten Zarathustra und Gautama Buddha jahrelang in der Einsamkeit, um Erleuchtung zu erlangen. Erst nach vielen Selbstbetrachtungen in der Einsamkeit der Wüste wurde die Seele Moses fähig, auf dem Sinai Gottes Worte zu vernehmen.
Selbst Jesus wanderte allein und einsam und fastete vierzig Tage lang in der Stille der Wüste. Mohammed suchte gleichfalls Zuflucht in der Höhle vom Berge Härra bei Mekka und blieb tagelang dort allein, versunken in Andacht und Meditation.
Der größte Philosoph Griechenlands, Pythagoras, hatte ein drei Jahre langes Schweigen als erste Bedingung für die Aufnahme in seine philosophisch-esoterische Schule bestimmt.
Die großen Mystiker, Dichter, Künstler und Philosophen verdanken oft ihre genialen Ideen und Werke und ihr geistiges Schöpfertum den stillen Stunden, die sie in Einsamkeit verlebten.
Meister Eckehart sagt:
"Da alle Dinge im tiefsten Schweigen lagen, kam von oben hernieder, vom königlichen Stuhl, ein verborgenes Wort. Soll Gottes Wort in der Seele sprechen, dann muß sie in Frieden und Ruhe sein! Dann aber spricht Gottes Wort selbst in der Seele, nicht als Vorstellung, sondern wirklich."
Wahrlich, erst im Lichte des Schweigens kann dir dein wahres Selbst, das über alles erhaben ist, erscheinen. Wenn du es gefunden hast, richte dein Gemüt völlig auf dieses göttliche Selbst. Es ist Ebenbild Gottes und harrt seiner Offenbarung in dir. Es allein kann dich von deinem niederen, eitlen Ich erlösen!
Wenn, o nach Heilkraft des Schweigens suchender Wanderer, diese Worte in deinem Herzen einen wohltuenden Klang erwecken, wisse, daß du in die Vorhalle des Tempels des Schweigens eingetreten bist.
Wenn du einmal das Schweigen vergißt und ein leiser Ruf der Reue sich in dir vernehmen läßt, so freue dich und erkenne, daß deine Seele erwacht ist.
Wenn ein unaussprechliches Gefühl der Seligkeit in deinem Herzen bebt, nachdem du geschwiegen hast, dann wisse, daß deine Seele den Hauch des göttlichen Friedens eingeatmet hat!
Wenn ein Drang nach reiner Liebe und Opfer deine Brust bewegt und nach Offenbarung verlangt, dann ist wahrlich der Becher deines Herzens mit dem Elixier der Heilkraft des Schweigens gefüllt.
Wenn die Knospe der Hoffnung und des Glaubens in deiner Brust erblüht, dann erkenne, daß deine Seele dem Gottesdienst des Schweigens im Tempel der Erleuchtung beigewohnt hat!

Der Pilger:
Fürwahr, o Meister, dieser stille Augenblick erfüllt mich mit der Heilkraft des Schweigens.
Erst durch dieses Schweigen erkenne ich, wie reich an heilenden Kräften meine Seele ist.
In Ehrfurcht knie ich vor dem Altar Deines Tempels des Schweigens! Schenke dem Betenden das Brot des ewigen Lebens!
Aus Deiner Hand empfange ich, in diesem Augenblick, den Heiltrank der Unsterblichkeit.
An Deinem Altar bringe ich meiner Liebe knospende Blumen als Opfergabe dar.
Sei mir immer meine Zuflucht, meine Ruhe, mein Heil und mein Frieden!

4. Die Erkenntnis und das Schweigen
Vor allem trachte nach Erkenntnis! Denn in der Nichtkenntnis liegt die Wurzel aller Übel und aller Leiden.
Der Meister:
Wisse jetzt, o lernbegieriger Wanderer, daß Wissen nicht Erkenntnis ist, so wie das Essen nicht das Leben ist!
Solange du dich mit Wissen begnügst und nicht nach Erkenntnis strebst, gleichst du jenem, der die wertlose Schale des Eies ißt und den nützlichen Inhalt wegwirft. Die Erkenntnis aber wird dir nur dann zuteil, wenn du wahres Wissen erringst und diesem Wissen zu leben dich bemühst, das heißt wenn dein wahres Wissen und dein Handeln eins geworden sind.
Das Brot wird nur dann zur Lebenskraft für dich, wenn du es ißt, verdaust und assimilierst, das heißt, es zu Fleisch und Blut verwandelst!
Vom Wissen bis zur Erkenntnis liegen sieben Stufen, die ich dir durch ein Gleichnis klarlegen will.
Wenn du hörst, daß es ein besonderes Brot gibt, welches eine wunderbare Heilkraft besitzt, hast du damit ein Wissen erlangt. Dies ist die erste Stufe des Wissens über dieses Brot.
Wenn du ein Buch oder einen Aufsatz über dieses heilsame Brot liest und darin bestätigt findest, was du gehört hast, und lernst, woraus es besteht und wie es wirkt, dann bist du auf der zweiten Stufe des Wissens.
Auf der dritten Stufe siehst du das Brot nur mit eigenen Augen, aber weiter nichts! Das ist immer noch keine Erkenntnis über dieses Brot.
Auf der vierten Stufe kaufst du dieses heilende Brot. Du besitzt es nun; aber du hast es noch nicht gekostet.
Auf der fünften Stufe ißt du das Brot. Dennoch erkennst du es noch nicht, denn es ist möglich, daß dein Magen es nicht verträgt und wiedergibt.
Auf der sechsten Stufe wirst du es auch verdauen können.
Erst auf der siebenten Stufe, wenn du das Brot assimiliert, das heißt in dein Fleisch und Blut verwandelt hast, erkennst du in Wahrheit dieses wunderbar wirkende Brot, denn es ist ein Teil deines Organismus geworden.
So ist es auch mit der Gottesweisheit, das heißt mit der wahren Erkenntnis – diesem Brot des geistigen Lebens. Dein Wissen wird also nur dann zur Erkenntnis, wenn es der Weisheit entspricht, und wenn du es zu einem untrennbaren Teil deines Lebens machst.
Jetzt erkenne selbst, auf welcher Stufe des Wissens du dich befindest und ob du dich einen wahren Erkenner der Gottesweisheit nennen darfst.
Erwirb zuerst wahres Wissen; lebe nunmehr dieses Wissen. Dadurch wird es zur Erkenntnis, nährt und erlöst deine Seele!
Wahrlich, du bist nur dann ein wirklicher Erkenner der lebendigen Wahrheit, wenn du von dir zu sagen vermagst:
"Ich bin das Brot des Lebens!"
Schweigen!
Der Meister spricht weiter:
Stelle dir vor, o Pilger, daß am Ufer eines Ozeans eine Menschenmenge versammelt ist, welche mit Bewunderung die rauschenden Wogen des Meeres betrachtet.
Wenn der Ozean ganz still und klar ist, können diese Menschen merkwürdige Fische sehen. Sie haben Bücher in den Händen, worin seltene Korallen und viele andere wunderbare Dinge abgebildet sind, die dieser Ozean in seiner Tiefe birgt, welche aber ihre Augen bisher nicht gesehen haben.
Sie zeigen einander diese Seltenheiten und loben ihre Pracht und Herrlichkeit. Die Dichter haben diesen herrlichen Dingen schöne, sinnvolle Verse gewidmet, und die Künstler haben ihre Schönheit phantastisch und wunderbar gemalt.
Aber keiner von diesen Menschen wagt es, in den Ozean zu tauchen und eines von diesen unschätzbaren Dingen heraufzuholen. Sie begnügen sich damit, die Bilder dieser wunderbaren Dinge in dem Buch zu schauen und die Beschreibungen darin zu lesen.
Begreife, o bewundernder Wanderer, daß dieser Ozean die Gottesweisheit darstellt und die Zuschauermenge aus jenen besteht, die sich Weise nennen, aber in Wirklichkeit von Weisheit nur einige Worte in Büchern gelesen und sich schöne Gedanken daraus angeeignet haben, niemals aber in das innere Wesen der Gottesweisheit eingedrungen sind.
Wahre Erkenntnis ist nichts anderes als die Gottesweisheit selbst. Doch diese Weisheit kann nicht aus Büchern gelernt, sondern muß erfühlt und erlebt werden.
So wisse denn, o nach Erkenntnis strebender Wanderer, daß du, wenn du am Strande dieses Ozeans stehen bleibst und es nicht wagst, hineinzutauchen, mit leeren Händen in deinen Alltag zurückkehren mußt.
Leben und Erleben sind zwei weit voneinander entfernte Begriffe. Alle Wesen leben, aber nur wenige erleben ihr Leben. "Erleben" bedeutet: das sich entwickelnde Leben mit voller Bewußtheit erfühlen, also erkennend vollbringen.
Reden über Gottes Weisheit ist leicht; aber danach leben ist schwer – und nur darauf kommt es an.
Es gibt viele einfache Menschen, welche nach Weisheitsprinzipien leben, ohne überhaupt ein Wort darüber gehört oder gelesen zu haben. Wiederum gibt es Menschen, die jahrelang Philosophie studiert und gelehrt haben und dennoch von der wahren Philosophie des Lebens weltenweit entfernt sind.
Diese Scheinphilosophen gleichen den Menschen, die hinter dem Zaun eines schönen Gartens stehen, reizende Blumen von weitem sehen, sie schildern, bewundern und preisen, ohne eine einzige Blume gepflückt und besessen zu haben.
Wahrlich, sie leben im Schatten der Unweisheit und in Selbsttäuschung!
Von diesen ist in den Upanischaden (den heiligen Büchern der Hindus) geschrieben:
"In der Mitte der Nichtweisheit stehend, sich selber ihre eigene Weisheit begründend und sich als Weise betrachtend, irren sie nach allen Seiten. Sie verlieren sich in der Täuschung, gleich den Blinden, die von Blinden geführt sind."
Darum ruft der heilige Geist der Wahrheit die erwachten Seelen auf und spricht:
Nicht länger warten!
Wie lange willst du, o Seele, am Strande des Ozeans der Wahrheit umherirren? Zögere nicht! Warte nicht länger, denn auf diesem Strande wirst du nichts anderes sehen und finden als Sand und Kiesel.
Lerne Schwimmen und durchdringe dieses große, wogende, schäumende Meer.
Habe Mut und tauche bis auf den Grund dieses tiefen, wunderbaren Ozeans!
Du kannst Perlen der göttlichen Weisheit und Korallen der göttlichen Liebe sammeln und heraufbringen.
Bereichere dich mit diesen himmlischen Gaben und lege sie als bescheidene Spende auf den Lichtaltar des Tempels der Menschheit!
Vernimm, o Pilger, noch folgendes Gleichnis:
In einem Apfelbaum wohnte ein Würmchen, das noch keinen Apfel gesehen hatte. Seine Mutter hatte ihm vor ihrem Tode von diesem süßen, saftigen Ding erzählt und gesagt, wenn es warm werde, solle es wandern, um dieses zu finden und zu genießen.
Als der Frühling vorbei und der heiße Sommer gekommen war, wagte das Würmchen sein Loch zu verlassen und wanderte auf der Suche nach jenem märchenhaften Ding, das seine Mutter Apfel genannt hatte.
Nach langer Reise, von einem Zweig zum andern, erreichte es endlich sein Ziel und fand den ersehnten Apfel. Das Würmchen lief auf dem Apfel herum; aber es fand nichts Süßes an ihm, wovon es hätte naschen können, denn es ahnte noch nicht, daß es erst die Schale durchdringen müsse, um von dem süßen Inhalt kosten zu können.
Begreife, o hoffnungsvoller Wanderer, daß dieser Baum das Leben darstellt; der Apfel ist die Gottesweisheit als Frucht und Zweck des Daseins, und dieses Würmchen ist der erwachte, suchende Mensch. Sei ewig dankbar dafür, daß die Gnade Gottes dich zu dieser Frucht geführt hat. Wisse aber: Solange du auf der Schale des Apfels der Weisheit herumläufst, wirst du niemals ahnen, was darin verborgen ist! Wage es, hineinzudringen, und du wirst finden, daß diese Frucht es wert ist, errungen und gekostet zu werden!
Die Tiefe jeder Religion ist der grenzenlose Ozean der Wahrheit. Er birgt viele göttliche Geheimnisse und Mysterien in sich, die erst erlebt werden müssen. Eines von diesen Mysterien ist das Schweigen, das du hier lernen und üben willst.
In der ersten Halle des Glaubens im heiligen Tempel der Erleuchtung singe auch du mit, o ruhebedürftiger Wanderer, kniend in Ehrfurcht und Dankbarkeit, im heiligen Chor der erwachten Seelen:
Erlösende Kraft des Schweigens!
Erfülle uns mit deinem Heil!
Durchstrahle uns mit deinem Licht,
Durchströme uns mit deiner Flut!
Wir flehen zu dir, Urmutter der Welt;
Schließe uns in deine Arme ein.
Schenke uns deinen liebreichen Blick,
Erlöse uns von Leid und Pein!
Wir spüren die Macht deines Hauches.
Durchpulsend alle Zellen unseres Körpers.
Sie gibt uns neue Lebenskraft
Und wandelt uns zu edlen Menschen!


5. Wie der Heilsucher das Schweigen üben kann
Führe mich, Herr, von Zaghaftigkeit zu Entschlossenheit – und von Flatterhaftigkeit zur Ruhe!

Der Meister:
Wenn du, o nach Heil dürstender Wanderer, den Becher der Heilkraft aus meiner Hand zu erhalten wünschst; wenn du die Gottesweisheit zum belebenden Brot deines Lebens machen willst; wenn du das Mysterium des Schweigens zu erleben suchst, erfülle mit Ehrfurcht folgende Aufgaben:
1. Betrachte immer den Raum, wo du gemeinsam oder allein betest oder meditierst, als heiligen Tempel der Erleuchtung, einen Zufluchtsort für deine Seele!
2. Betritt ihn immer mit Ehrfurcht und Schweigen und bringe nichts von deinem Alltagsleben mit herein.
3. Betrachte alles, was du hier hörst, als geistige Gabe der treuen Diener des Tempels.
4. Schweige und lausche – solange du kannst!
5. Halte deinen Körper entspannt und laß die Schwingungen der Heilkraft bewußt auf dich einwirken.
6. Halte die Luft des Tempels durch den Weihrauch deiner aufbauenden, liebespendenden Gedanken rein und heilsam.
7. Verlasse den Tempel im Schweigen – und nimm seine Heilkraft mit nach Hause, mit in deinen Schlaf.
Wenn du diese Gebote sorgsam und bewußt erfüllst und täglich einige Minuten im Tempel deines Herzens meditierst, wirst du in kurzer Zeit eine gewaltige Änderung in deinem Innenleben verspüren. Du wirst durchflutet sein von der Welle der Heilkraft und das Geheimnis der Gottesweisheit erleben. Dann wirst du ein neuer Mensch, ein wahres Ebenbild Gottes!
Wahrlich, viele Menschen, welche diesen Gedanken begreifen, werden sich gestehen, daß sie die Gottesweisheit noch nicht erkannt haben. Von der Heiligen Schrift der Gottesweisheit haben sie nur den Einband berührt, aber von seinem Inhalt noch kein Wort gelesen.
Viele Menschen klagen oft, daß die Kirche den wahren Sinn für das Mysterium ihrer Kulte verloren hat. Sie ahnen aber nicht, daß das ganze Leben ein göttliches Mysterium ist und daß sie sich inmitten dieses großen Mysteriums befinden, ohne es zu beachten, ohne es zu erleben!
Das göttliche Leben durchflutet sie unaufhörlich; doch sie suchen ihr Heil und ihre Erlösung anderswo, gleich einem Fisch, der inmitten des Meeres schwimmt und nach Wasser sucht!
Sie vergessen die Worte Jesu, der da sprach:
"Das Gottesreich ist inwendig in euch!" und: "Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin Ich mitten unter ihnen!"
Christus ist aber Leben, Licht und Wahrheit. Leben gibt schöpferische Macht, Licht bringt Heil, und Wahrheit gewährt Befreiung. Der Mensch muß nur die Geistesaugen öffnen, um das Licht der Wahrheit zu empfangen, und die Herzenstür öffnen, um den Strom der Heilkraft des Lebens hereinfluten zu lassen.
Ja, jedesmal, wenn sich reine, wahrheitsuchende Menschen versammeln, ist der Meister gegenwärtig. Aber wenn die geistige Atmosphäre der Versammlung durch egoistische Gedanken und gröbere Schwingungen der persönlichen Wünsche und Begierden erfüllt ist, verläßt der Meister den Raum. Denn Seine Heilkraft geht verloren, weil sie die schwer geladene Luft nicht durchdringen kann, wie die Sonne nicht durch einen dichten Nebel zu leuchten vermag.
Wenn du aber durch Schweigen den Raum deines Herzens reinigst und ihn von den Schlacken unedler Empfindungen leerst, dann füllt ihn der Meister mit seiner Heil- und Segenskraft. Es hängt nur von deiner inneren Einstellung ab, wieweit du von seinen Kräften Gebrauch machen kannst.
Spürst du nicht in dir schon in diesem Augenblick die wohltuende Kraft seiner Gegenwart? Du atmest heilsame Luft und fühlst, wie die energievollen Schwingungen des Meisters dich durchdringen, reinigen und lebendig machen!
Betrachte daher, o befreiter Wanderer, wo du dich auch befinden magst, ob einsam oder in Gemeinschaft, deine Meditation und dein Gebet als Andacht und erfülle Gottes Gebote. Dann wird deine Seele erleuchtet, und du wirst reif, das Mysterium der Erlösung zu empfangen.
Wer im Tempel des Schweigens alles Persönliche auszuschalten versteht, das heißt mit voller Hingabe seinen selbstsüchtigen Gedanken und Gefühlen Stille gebieten kann, der erhält in reichem Maße die Heilkraft des Tempels. Denn es öffnet sich das Tor seines Herzens weit; von seinem Gemüt steigt kein grober und dichter Nebel der niederen Schwingungen empor. So dringen die feinen Schwingungen der Heilkraft viel besser und leichter in Gemüt und Körper ein.
Jetzt mußt du, o gereinigter Wanderer, lernen, wie du das Schweigen üben kannst. Da du noch in der ersten Halle des Tempels weilst, mußt du noch dein Schweigen durch Meditationen und gedankliches Sprechen üben.
Diese Meditation ist nur eine Vorbereitung; sie macht erst deinen Körper gesund und dein Herz für den Strom der Heilkraft aufnahmefähig.
Jedesmal, wenn du meditieren oder beten willst, setze dich ganz bequem und gelassen hin, entspanne deinen Körper, lege deine Hände auf die Knie, schließe die Augen und sprich drei- bis siebenmal zuerst leise und dann nur im Herzen folgende Meditationssprüche:
Ich bin im Tempel des Schweigens! Alles schweigt und ruht in mir. Mein Körper ist ruhig und entspannt!
Die Heilkraft des Schweigens erfüllt mich, Heilt meine Leiden, lindert meine Schmerzen. Sie gibt mir Kraft und Gesundheit!
Liebe und Harmonie, Frische und Mut ziehen in mich ein und beseelen mich. Ich spüre himmlische Ruhe in mir!
Übe jeden dieser sieben Sprüche mehrere Wochen lang, bis alle dir geläufig sind und du alle zusammen üben kannst.
Licht und Liebe erfüllen mein Herz! Freude und Friede erfüllen meine Seele! Sie reinigen meinen Körper ganz.
Ich atme Gottes Heilkraft ein. Sie gibt mir Friede und Harmonie Und erfüllt mich mit neuer Lebenskraft.
In mir ist ein neuer Funke entzündet; eine neue Kraft umflutet mich; ein neues Licht durchdringt mich.
Dieses Licht will ich ewig behalten und in die Welt hinaustragen. Heil allen Wesen! Licht allen Wesen!


II. Das Schweigen des Herzens und des Gemütes

1. Dankgebet
Versäume nicht, o Zunge, mein Dankgefühl auszudrücken!
Gelobt seist du, der du mich zu diesem Tempel des Schweigens geführt hast.
In diesem Tempel habe ich mich selbst erkannt – und bin mir meines Zieles bewußt geworden.
In diesem Tempel hat meine Seele die ersehnte Ruhe gefunden und den göttlichen Rausch der Unsterblichkeit erlebt.

Deine Herrlichkeit bete ich an, o heiliger Tempel der Erlösung! Deine Heiligkeit rufe ich an, o du Quelle des Lebens und des Segens!
Ohne dein reinigendes Feuer bliebe meine Seele ewig mit irdischen Lastern behaftet.
Ohne deine stille Stimme bliebe mir das Geheimnis meines ewigen Selbst verborgen.
Du bist wahrlich ewig in mir und ich in Dir!
Schweigen!
Wenn ich in deinem warmen Schoß ausruhe, fliehen alle meine Schwächen und Leiden wie die Insekten vor dem Feuer.
Wenn ich in dein Heiligtum eintrete, verschwinden die Gespenster meiner Vergangenheit wie die Fledermäuse vor dem Sonnenstrahl.
Deine Heilkraft hat mich erlöst – und aus mir einen neuen Menschen gemacht.
Dein Altar ist für mich das Himmelreich und der Offenbarungsort meiner Seele geworden.
Dir allein bin ich mein Heil, mein neues Leben und mein Glück schuldig.
Die Engel grüßen mich, denn ich habe den Weg zu dir gefunden!
Möge die Gnade des allbarmherzigen Gottes mich befähigen, dir ein treuer Diener zu bleiben!
Schweigen!
Ich habe die glühende Sonne gefragt: "Wie kann ich deine Lebenskraft empfangen?"
Sie sagte: "Indem du meine Strahlen in vollem Schweigen und bewußt einatmest."
Ich habe den Mond gefragt: "Woher hast du die magische Kraft der Anziehung erworben?"
Er sagte: "Durch Hingabe und geduldiges Schweigen!"
Ich sprach zum Ozean: "Verkünde mir dein Geheimnis."
Er sagte: "Nur in der Stille widerspiegelt sich in mir der Himmel mit all seiner Herrlichkeit."
Schweigt in mir, ihr meine Begierden, Triebe, Gefühle, Wünsche, Gedanken, damit das Meer meines Gemüts still und klar werde, und meine Seele sich im Spiegel meines Herzens in ihrer göttlichen Herrlichkeit offenbare.
Wahrlich, das Weltall ist durch den Ton des Schweigens geoffenbart, und im Schoß der tiefen Stille vollzieht sich der Wandel aller Welten!
Ich wünschte, ich hätte tausend Zungen, um deinen Lobgesang zu singen, o Tempel der Erleuchtung!
Ich finde keine würdigere Gabe für deinen Altar als das, was du selbst mir geschenkt hast: das Schweigen!
        O gütiger Meister! Nimm meine bescheidene Dankesgabe an und gib, daß ich in die zweite Halle des Tempels eintrete!
Schweigen!
Ich vernahm innerlich deine Antwort, o Meister. Meine Seele gibt nun ihrer glühenden Sehnsucht mit folgenden Sprüchen Ausdruck und legt feierlich ihr Gelübde vor dem Altar des Tempels ab:
Heiliger Geist der Wahrheit! Führe mich aus der Finsternis zum Licht!
Ich glaube an die heilige Bruderschaft und Einheit aller Wesen!
Göttliche Liebe, wasche mich mit deiner Flut und Glut rein!
Nimm mich, o heilige Bruderschaft des Lichtes, in Dir auf!
Ich gelobe, unermüdlich nach dem Lichte der Wahrheit zu ringen!
Göttlicher Wille! Entflamme das Feuer des Opfermuts in mir!
Möge ich meine heilige Pflicht im Sinne der Wahrheit erfüllen!
Amen!

2. Das Schweigen der Begierden und Gefühle
"Wer seinen Körper äußerlich beherrscht, jedoch im Innern seine Lüste pflegt, der ist ein Heuchler, ein Scheinheiliger!" (Bhagawadgita)

Der Meister:
Erkenne, o dankerfüllter Pilger des heiligen Tempels, daß du die zweite Halle des Tempels nur dann betreten kannst, wenn du in der ersten Halle das Schweigen der Zunge vollkommen gelernt und für das unnütze Gespräch deine Zunge und deine Ohren unfähig gemacht hast.
In der zweiten Halle des Tempels wirst du jetzt das Schweigen des Herzens und des Gemüts erlernen!
Wenn du gelernt hast zu schweigen, dann bist du fähig geworden, seelisch zu lauschen!
Tritt jetzt in dein Inneres ein und lausche da der Stimme deines Herzens.
Hörst du nicht, wie die rauschenden Gefühle dein Herz in ständigem Aufruhr halten, gleich den tiefen Wogen, die den Ozean in ewige Erregung versetzen?
Merkst du es nicht, wie der Sturm deiner Triebe dein Herz wie ein steuerloses Boot hin und her treibt und an den Felsen des Ufers zerschlagen will?
Solange du deinem Herzen und deinem Gemüt nicht Stille gebieten kannst, hoffe nicht, daß die Heilkraft des Tempels in dein Herz und in deine Seele eindringt!
Was hilft es dir, wenn deine Zunge schweigt, aber dein Herz spricht und dein Gemüt aufgewühlt ist?        
Was nützt es Dir, wenn du saubere Kleider anziehst, aber deinen Körper unrein hältst?
Deine Zunge ist der Dolmetscher deines Herzens, dieses aber ist heute ein gebieterischer Herr in dir.
Was hilft es, wenn der Dolmetscher schweigt, doch der Herr weiter spricht?
Die bloß unterdrückten unreinen Gefühle und Gedanken sind noch schädlicher für dich, denn sie wirken in deinem Innern, statt in der Außenwelt verteilt zu werden. Sie durchbohren heimlich dein Herz und vergiften unbewußt deine Seele.
Wenn du wünschst, im Garten deiner Seele die Rose der Heilkraft erblühen zu sehen, mußt du die Dornen deiner negativen Gefühle gründlich ausgerottet haben.
Wenn du dich danach sehnst, das göttliche Antlitz deiner Seele im Spiegel deines Herzens zu schauen, mußt du vorher diesen Spiegel von allen Flecken gereinigt haben!
Darum höre auf, Spielzeug deiner unreinen Gefühle zu sein!
Höre auf, Sklave deiner niederen Triebe zu bleiben!
Höre auf, dich den Händen deiner inneren Feinde auszuliefern.
Sei im Herzen einsam inmitten der Gesellschaft und lerne schweigen inmitten des Redens.
An der Schwelle des Schweigens nimm Abschied von der betörten Welt der Begierde und vergiß das Blendwerk der Leidenschaft, die vergänglichen Schatten!
Die verheerenden Wirkungen deiner negativen Gefühle bleiben aber, o heilsuchender Pilger, nicht auf dich selbst beschränkt. Sie schädigen nicht deine Gesundheit allein, sondern sie wirken weiter auf deine Mitmenschen und auch auf Tiere, Pflanzen und alle Dinge, die um dich sind.
Du bist also, o fortschreitender Pilger, nicht nur für deine Taten und Worte verantwortlich, sondern auch für deine Gefühle, denn auch diese können sowohl dir wie andern Menschen Heil oder Unheil bringen.
Ein Mensch, der unheimliche und zerstörende Gefühle hegt, kann, ohne ein Wort gesprochen zu haben, seine Umgebung bewußt oder unbewußt beeinflussen und sie in Mißstimmung und Unbehagen versetzen. Auch das Gegenteil davon ist richtig. Ein Mensch reinen Herzens, der nur das Wohl aller Wesen wünscht und nur hilfreiche, heilvolle Gedanken hegt, wird, ohne ein Wort zu sprechen, allein durch seine Gegenwart, Heil, Mut, Trost und Freude schenken können.
Betreffend die ausführliche Erklärung der Gestaltung des Schicksals siehe meine Schrift "Die Ursachen des Leids", 2. Auflage (Kommission-Verlag Jacques Bollmann AG, Zürich 5), 1947.
Deine negativen Gefühle, o eifriger Pilger, wirken nicht nur unheilvoll auf deinen eigenen Körper, sondern ihre Schwingungen überschreiten deine Aura; und gleich den Wellen, die ein geworfener Stein im Wasser hervorruft, dehnen sie sich weit aus und wirken wie Pfeile auf die Gemüter derer, auf die sie gerichtet sind! Solange du dein Herz und dein Gemüt nicht geläutert und gereinigt hast, wird dir die Heilkraft dieses Tempels nichts helfen können. Diese Kraft muß durch dich erzeugt und in dir selbst geboren und ernährt werden! Laß darum dein Herz zu einem reinen, geeigneten Geburtsort für diese Kraft werden! Erfülle folgende Aufgaben, bevor du an die Tür der dritten Halle des Tempels zu klopfen wagst:
1. Beobachte stets die Regungen deines Herzens und deines Gemüts; prüfe sie und stelle ihre Beweggründe fest.
2. Lerne die Kunst der Umwandlung der Gefühle, das heißt das Verscheuchen unreiner Gefühle und das Ersetzen derselben durch edle und göttliche.
3. Übe diese Aufgabe unermüdlich mit großem Eifer, Geduld und beharrlicher Ausdauer.
4. Stelle dir immer vor, daß du vor dem Meister stehst und daß Er die verborgensten Gefühle und die feinsten und tiefsten Regungen deines Herzens liest.
5. Meditiere oft die Worte Krischnas:
"Zweifellos, o Ardschuna, ist das niedere Ich des Menschen ruhelos und schwer zu bändigen, aber man kann ihm durch stete Übung und Gelassenheit die Zügel anlegen!"
6. Stelle dir vor, wie die weichen Tropfen des Regens durch ihre Ausdauer Steine aushöhlen und zermalmen.
7. Strebe fest und glaube zuversichtlich an deinen Erfolg! So ringe unermüdlich, o entschlossener Pilger, um Läuterung deines Gemütes und Reinigung deines Herzens, bevor du vor dem großen Altar des Tempels zu erscheinen wagst. Dann wird sein heiliges Feuer alles Wertlose in deinem Herzen verzehren und die göttliche Flamme der Wahrheit darin entfachen.

3. Was für Heil die Beherrschung der Gefühle bringt
Reiß die Begierden aus deinem Herzen, so wirst du Ruhe finden.
Gott sprach zu Seinem Propheten:
"O Mohammed, wenn Ich einen Menschen finde, dessen Herz von Liebe zu irdischen Dingen leer ist, erfülle Ich sein Herz mit Meiner eigenen Liebe!"
Der Meister:
O suchende Seele! Wenn du dein Herz von niederen Gefühlen reinigst, sei sicher, daß die göttlichen Gefühle es erfüllen werden!
Wahrlich, wo die Engel eintreten, verschwinden die Teufel wie die Finsternis vor dem Licht!
Ja, nur dann beginnt das göttliche Selbst in dir zu sprechen, wenn dein niederes Ich schweigt!
Rotte aus das Unkraut der niederen Triebe vom Boden deiner Seele, damit die Blumen der Heilkraft und der Weisheit dort gedeihen können.
Öffne dein Herz den göttlichen Gefühlen der Liebe, der Güte und des Mitleids, damit die Strahlen der Freude, der Seligkeit und des Friedens eindringen können.
Stelle die Schwingungen deines Herzens harmonisch auf diejenigen des Meisters ein, damit die heilenden Ströme seiner Liebe in dein Herz einfließen können.
  Fürwahr, nur durch Reinigung des Herzens und des Gemüts gelangt man zum Quell der Heilkraft und zur Schwelle ewiger Jugend und Freude!
Stelle dir einen Teich vor, o lichtsuchender Pilger, der fünf Zuflüsse hat. Jeder Kanal führt zu diesem Teich ein Wasser, das in Farbe und Zusammensetzung verschieden ist von den anderen.
Diese Kanäle ergießen sich in den Teich und bilden das einfarbige und eigenartige Wasser des Teiches.
Aber durch das stürmische Einströmen dieser Kanäle ist das Wasser des Teiches immer trübe und bewegt.
Wenn du jetzt in der Mitte oder am Rande des Teiches bist und dich umschaust, wirst du bemerken, daß weder die umgebenden Bäume und Blumen noch die Sterne des Himmels sich in diesem Wasser klar spiegeln. Du wirst auf dem Wasser nur einige formlose, zitternde und stets sich ändernde Schatten sehen können.
Erkenne jetzt, o Pilger des heiligen Tempels, daß dieser Teich mit seinen fünf Kanälen dein Gemüt darstellt mit den fünf Sinnesorganen, die deinem Gemüt die Eindrücke der Außenwelt überbringen.
Du selber aber, als göttliche Seele, bist jener Zuschauer in der Mitte des Teiches, in deinem Herzen.
Wenn die Empfindungen, die du durch deine Sinne wahrnimmst, trübe und heftig sind und dein Gemüt beständig aufwühlen, wirst du niemals imstande sein, die irdischen Schönheiten und die himmlischen Herrlichkeiten in deinem Gemüt widerspiegeln zu sehen.
Du wirst auch niemals das Bild deiner eigenen Seele richtig wahrnehmen und erkennen!
Du kannst nur dann wahre Erkenntnis über die Welt und dich selbst erreichen, wenn du die Kanäle deines Gemüts reinigst und ihre Tätigkeit kontrollierst, das heißt deine durch Sinneswahrnehmungen hervorgerufenen Gefühle beherrschst und ihre Tätigkeit nach deinem Wunsch und Willen regulierst! Dann kannst du die Wunder der Heilkraft erleben! Dann kannst du jugendliche Frische in dir verspüren und ein harmonisches, fröhliches und ruhevolles Leben genießen!
Schweigen!
Krischna sagt:
"Laß all dein Tun frei von Begierden sein, so bist du frei von Schuld!"
Wenn die Menschen ihr tägliches Leben betrachten und prüfen wollten, würden sie mit Erstaunen erkennen, daß sie auch durch ihre negativen Gefühle täglich sündigen.
Sie ahnen nicht, daß das ganze Universum eine Einheit bildet und daß die Menschen die untrennbaren Teile dieser Einheit sind.
Sie begreifen nicht die gewaltige Macht des Gesetzes der Kausalität, das heißt von Ursache und Wirkung, welches das ganze Weltall beherrscht.
Sie kennen nicht genug die Wichtigkeit des Gesetzes, daß nichts in dieser Welt verlorengeht, sei es auch nur die geringste Kraft des Atemzuges und die leiseste Schwingung eines Gefühls oder eines Gedankens.
Sie müssen bedenken, daß auch Gefühle nicht verlorengehen, wenn sie auch nicht durch Worte oder Taten ausgedrückt sind. Sie erzeugen irgendwie eine Wirkung – und jede Wirkung verursacht eine Rückwirkung.
Wenn sich die Menschen die allumfassende Macht dieses Gesetzes klarmachten, würden sie erkennen, wie groß ihre Verantwortung und wie schwer und heilvoll die Aufgabe der Selbstbeherrschung ist.

Gautama Buddha sprach:
"Begehren läßt Kummer entstehen. Für jemanden, der frei ist vom Begehren, gibt es keinen Kummer."
Das Schweigen des Herzens und des Gemüts bedeutet aber nicht, gefühllos zu werden. Es besteht nicht darin, daß du dein Herz ganz leer machen und keinem Gefühl Einlaß geben sollst. Das ist ja unmöglich!
Du mußt aber dein Herz und dein Gemüt nur mit reinen und heilsamen Gefühlen erfüllen, so daß für ungöttliche Gefühle kein Platz mehr übrig bleibt.
Mohammed sprach:
"Dein niederes Ich ist herrschsüchtig. Wenn du es nicht beherrschst, wird es über dich herrschen."
Das Fühlenkönnen sollst du nicht verlernen, aber das Fühlen zu beherrschen ist deine wichtige Aufgabe, und das ist das wahre Schweigen des Herzens und des Gemüts.
Wenn du diese Stufe erreichst, werden auch alle deine Leiden verschwinden, denn kein zerstörendes und verzehrendes Gefühl wird mehr Eintritt finden in dein Gemüt.
Die Meister der Gottesweisheit empfinden die Schwingungen ihrer Umgebung tausendfach mehr und stärker als wir, weil ihre Sinne viel feiner und schärfer sind als unsere. Sie fühlen daher auch die Leiden der gesamten Menschheit und aller Kreatur. Aber sie leiden nie durch ihre Gefühle, denn sie erkennen erstens die Ursachen aller Geschehnisse und ihre Gesetze, und zweitens beherrschen sie vollständig ihre Gefühle, um sich die notwendige Ruhe und Kraft für ihre Aufgaben zu sichern. Drittens besitzen sie die selbstopfernde Liebe, die allerhöchste Heilkraft; und wo eine solche göttliche Kraft am Werk ist, kann von Leiden durch Mitleid keine Rede sein! Das ist der Unterschied zwischen dem Mitleid eines Meisters und einem unerleuchteten Menschen.
Das ist der Weg der Entwicklung und der Weisheit, den alle Menschen gehen müssen, um die Meisterschaft zu erlangen!
Wenn du, o liebreicher Pilger, durch reines Fühlen, reines Wollen und reines Denken Herz, Seele und Geist für die Schwingungen der Gedanken deines Innengottes aufnahmefähig hältst, das heißt mit Seinem Geist in Harmonie stehst, dringen Seine heilsamen Gedanken in dein Gemüt mehr und mehr ein. Sie vernichten die Keime deiner Leiden und verleihen dir göttliche Kraft und Gesundheit!
Du erhältst allmählich auch die Kraft der Intuition; du stählst deinen Willen und dein Unterscheidungsvermögen, und beschreitest so langsam den Weg zur Gottesweisheit!
Und wenn du durch Ausdauer und ständiges Streben die erhabene Stufe erreicht hast, wo deine geistige Beziehung zu dem Meister vollständig harmonisch geworden und wo kein Schleier mehr zwischen dir und Ihm vorhanden ist, das heißt wo du fühlst, willst und denkst, wie Er, dann findet die mystische Vereinigung zwischen dir und ihm statt. Dann vernimmst du in der Tiefe deiner schweigenden Seele Seine göttliche Stimme, welche sagt: "Du bist Ich – und ich bin du!"
Schweigen!

Der Pilger:
Ich verspüre in mir, o heiliger Tempel, die Macht deiner Heilkraft, welche mich durchdringt und durchflutet.
Diese Kraft ist das Elixier des ewigen Lebens, das ich aus deiner Hand trinke.
Sie gewährt heilwirkende Ruhe, nach welcher sich meine Seele jahrelang gesehnt hat!
Sie ist jener Morgenstern der Wahrheit, der in dunkler Nacht des Lebens mir den Weg zur Erlösung wies.
Gesegnet seien die Hände, die den Grundstein zu deinem Bau gelegt haben!
Erst durch die Macht der Stille, der ich aus deinem Innern lauschen durfte, habe ich gelernt, mein Schein-Ich zu beherrschen. Erst in deinem Schoß habe ich die ersehnte himmlische Ruhe gefunden. Erst in deiner reinen Atmosphäre habe ich den Hauch des Friedens eingeatmet. Ich werde dir ewig dankbar bleiben.
Schweigen!

4. Wie der Heilsucher lernen muß, seine Gefühle zu beherrschen
"Dem Überwinder will ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist." (Offenbarung Johannes)

Pythagoras hat gesagt:
"Wenige Menschen kennen den Weg des Glücks! Die meisten sind Spielzeuge ihrer niederen Triebe. Sie kreisen auf einem uferlosen Meer und sind willenlose Boote in der Hand der gegensätzlichen Wogen geworden. Gleich den Lahmen haben diese Menschen vor dem Sturm des Meeres weder den Willen, dem Sturm zu folgen, noch die Kraft, ihm zu widerstehen!"
Ali, der vierte Kalif von Mohammed und der Meister aller islamischen Mystiker, hat gesagt:
"Dein Leid kommt von dir selbst, du siehst es nicht, und dein Heilmittel liegt in dir selber, du kennst es nicht!"

Der Meister:
Ein armer Bauer gewahrte erstaunt, daß von seinem Korn in der Scheune gestohlen wurde, obgleich die Türe fest zugeschlossen blieb. Nach gründlichem Suchen entdeckte er, daß seine Scheune mehrere Löcher und unterirdische Gänge hatte, die einer Schar von Mäusen freien Eintritt boten.
Dein Herz, o entsagender Pilger, ist der Kornspeicher deiner Tugenden oder Seelenkräfte. Wenn du dort keinen Vorrat von Ruhe, Freude und Zufriedenheit findest, sei nicht erstaunt, denn deine negativen Gefühle stehlen sie, gleich den Mäusen, täglich und im geheimen, ohne daß du es merkst.
Dein Herz ist der heilige Schrein deiner Seele, worin das Licht der göttlichen Liebe brennt. Wenn du dich oft innerlich betrübt und traurig fühlst, so wisse, daß der Sturmwind deiner negativen Triebe, Gefühle und Wünsche jenes göttliche Licht in deinem Herzen ausgelöscht hat.
Du kannst nur dann auf das Erlangen der göttlichen Heilkraft hoffen, wenn du dein Herz für Schmarotzer und Ungeziefer geschlossen hältst, als da sind: deine niederen Triebe, unedlen Wünsche und unwürdigen Gefühle.
Diese Aufgabe verlangt zweierlei:
Erstens darfst du den unreinen und negativen Gefühlen keinen Einlaß gewähren in die Kanäle deiner Seele.
Zweitens mußt du durch beständiges Streben fähig sein, die Kanäle für die Strömungen der Außenwelt in jedem Moment, wenn du es wünschst, wie mit einer Schleuse zu verschließen. Jedesmal, wenn unedle Wünsche oder unreine Gedanken in deinem Gemüt auftauchen, weise sie sogleich von dir zurück. Sprich zu ihnen ernst und gebieterisch:
"Ihr unreinen Gefühle und Gedanken, ihr dürft nicht mehr in mein Gemüt eintreten. Verschwindet vom Heiligtum meiner Seele oder verwandelt euch in edle und göttliche Gefühle und Gedanken. Ich befehle es euch!"
Auf diese Weise mußt du nur den guten, feinen und aufbauenden Gefühlen Eintritt in deine Seele erlauben und deine Seele für die gegensätzlichen Gefühle verschließen.
Diese göttliche Macht kannst du aber nur durch Ausdauer erlangen.
Du brauchst nicht wie die unwissenden Asketen dich allen Genüssen und Gütern der Welt zu verschließen und all deine Sinne verkümmern zu lassen, sonst wird deine Seele keinen Gegenstand für ihre Erkenntnis mehr haben und wird in ihrer Entwicklung gehemmt und gelähmt, gleich jenem Teich, in welchen kein frisches Wasser mehr fließt und der nach und nach trübe und unrein wird und endlich ganz austrocknet!
Sich von dem Kampfplatz des Lebens zurückzuziehen und all seine Triebe und Gefühle zu töten, ist keine Kunst, es ist einer erleuchteten Seele und eines edlen Menschen unwürdig.
Ein solcher Mensch gleicht jenen irrenden Vätern bei manchen primitiven Völkern, die aus Angst, sie könnten ihre Kinder nicht richtig ernähren und erziehen, sie lieber töteten.
Wahres Menschentum als Ziel des Lebens besteht darin, daß der Mensch alle seine Sinne und Triebe im Zügel hält, sie seinem Willen unterordnet und Herr in seinem inneren Hause bleibt. Er darf sie nicht töten, sondern er muß sie veredeln und umwandeln.        
Trägheit, Zurückgezogenheit und Unterlassung guter Taten aus Angst vor bösen ist nicht Heiligkeit, sondern Feigheit.
Seine niedere Natur zu beherrschen, sie zu erziehen und die niederen Triebe in höhere und edle Triebe umzuwandeln, das ist wahres Heldentum, darin liegt dein Heil und dein Emporsteigen zum schöpferischen Vollmenschentum.
Wahrlich, kein Sieg ist größer, lobenswerter und heilvoller, als der, den man über seine inneren Feinde gewonnen hat.
Schweigen!
Tritt nun, o Pilger des heiligen Tempels, mutig als tapferer Held in den Kampf um das Heil deiner Seele. Wisse, daß dein eigenes Herz der Kampfplatz und deine niedere Natur dein einziger Feind ist!
Sieben Dämonen und Hüter der Schwelle halten die Pforte deiner Seele für die Heilkraft des Schweigens geschlossen.
Diese sieben Dämonen sind:
Eitelkeit, Geltungssucht, Furcht, Hochmut, Habgier, Haß und Neid.
Solange du diese Dämonen, die die Festung deines Herzens erobert haben und über dein Leben herrschen, nicht besiegt hast, so lange wirst du vom Heiligtum dieses göttlichen Tempels entfernt bleiben.
Bewaffne dich, o tapferer Pilger, mit einem diamantenen Willen und einem unbesiegbaren Mut und rufe zu deiner Hilfe die sieben Engel, die seit Jahrtausenden auf deinen Anruf warten und bereit sind, ihre göttlichen Kräfte für deine Rettung einzusetzen.
Diese sieben Engel sind:
Edelmut, Bescheidenheit, Zuversicht, Demut, Entsagung, Liebe und Wohlwollen.
O du nach Heilkraft des Schweigens suchende Seele, öffne die Pforte deines Herzens für diese Engel! – und schließe sie für die Dämonen, die du jahrelang beherbergt und gespeist hast.
Wenn das Feuer deiner Sehnsucht nach Heilkraft dieses Tempels gewaltig auflodert, entschließe dich für den heiligen Kampf gegen deine niedere Natur, denn davon hängt es ab, ob du in diesen Tempel weiter eintreten darfst!
Wahrlich, einen Kampf zu führen gegen seine niedere Natur, ist die heroischste und göttlichste aller Taten.
Wenn du dich dazu entschlossen hast, lege, bevor dir die Tür der dritten Halle geöffnet wird, folgende Gelübde ab:
"In diesem heiligen Augenblick, wo alles Niedere in mir schweigt, spreche ich an der Schwelle deiner segensreichen Halle, o Tempel der Erleuchtung, mein Gelübde:
Ich gelobe, von nun an ewigen Frieden mit allen Menschen zu schließen.
Ich gelobe, eine unerschütterliche Zuversicht zu meinem höheren Selbst, dem Gottesgeist in mir, zu bewahren.
Ich gelobe, allem, was meine niedere Natur zu ihrer Befriedigung verlangt, zu entsagen.
Ich gelobe, mich für die Erlösung meiner Seele stets zur Aufopferung bereitzuhalten.
Ich gelobe, zu allen Menschen und allen Wesen nur Strahlen der Liebe auszusenden.
Ich gelobe, allen Wesen das Gute und Glück zu wünschen und immer bestrebt zu sein, diesen Wunsch zu erfüllen.
Ich gelobe, unbeschränkte Nachsicht zu üben, meinen Feinden zu vergeben und allen Wesen mit grenzenloser Liebe zu begegnen.
O Mächte des Lichtes! Seid meine Zeugen!"

Schweigen!

5. Wie man die Laster umwandeln kann
Das Herz reinigen und das Bösetun unterlassen – dies ist die Religion aller Erleuchteten. (Gautama Buddha)
Du kannst dich, o nach Erlösung suchender Pilger, weder durch Zurückgezogenheit in den Wäldern und Klöstern noch durch Bußübungen und Kasteiungen von deinen Lastern für immer befreien, sondern nur durch ihre Umwandlung.
Solange du die gröberen Triebe und Laster in dir, das heißt deine niedere Natur, noch nicht überwunden und umgewandelt hast, solange wirst du keinen inneren Frieden und keine Seligkeit finden, wenn du auch nach dem Himmel fliehen würdest.
Jesus Christus sprach:
"Ebenso wie das Getreide und die Weintrauben in Fleisch und Blut verwandelt werden, also müssen auch eure irdischen Gedanken in geistige verwandelt werden. Sucht die Verwandlung des Körpers in das Geistige!"
Die großen Denker und erleuchteten Weisen haben die schöpferischen Eigenschaften wie Einsicht, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Weisheit, Opferwilligkeit usw. als Haupttugenden betrachtet und hoch gepriesen. Sie haben auch einige schlechte Eigenschaften und zerstörende Kräfte der menschlichen Natur als Hauptlaster bezeichnet.
Welche schlechten Eigenschaften des Menschen als Hauptlaster betrachtet werden sollen, darüber sind die Ansichten verschieden.
Krischna, der Heiland der Hindus, sagt:
"Der Hölle Tor ist dreifach: dreifach ist der Weg, der zu ihm führt: Die Wollust, der Zorn und die Habgier. Vermeide sie, denn wer sie vermeidet, der geht den rechten Weg und findet Frieden!" (Bhagawadgita.)
Zarathustra bezeichnet den bösen Gedanken, die Ketzerei, die Tyrannei, die Unzufriedenheit und den Zorn als Erzdämonen oder Heerführer von Ahriman (böser Geist oder Satan).
Der Weise betrachtet aber alle Laster als zerstörende Kräfte, die einander gebären und unterstützen, er strebt darnach, sie alle zu überwinden und umzuwandeln.
Bei jedem Menschen hat aber das eine oder das andere Laster die Oberhand und die Herrschaft über das Leben des Menschen.
Der erste Schritt, diese Laster zu beherrschen, ist, sie zu erkennen und sie zu verneinen. Verneinen bedeutet hier, die Laster als etwas Fremdes, nicht zum wahren Wesen der Seele Gehörendes zu betrachten; mit anderen Worten: sein eitles, niederes Ich nicht als sein wahres, göttliches Selbst anzunehmen. Dies ist der wahre Sinn der Selbstverleugnung, die Jesus Christus geboten hat.
In der Tat sind die Laster, o Pilger, nur Schatten, Zerrbilder oder verdorbene Aspekte der Tugenden. Sie sind Auswüchse und Schmarotzer am Baum des Lebens. Sie haben kein ursprüngliches Dasein, sondern sie sind zufällige und zeitliche Erscheinungen und daher überflüssig. Sie sind mißbrauchte, übertriebene, verdorbene oder unreife Tugenden. Die Tugenden aber sind ursprüngliche, heilvolle und notwendige Prinzipien, welche die wahre Substanz der Seele bilden. Das Verneinen der Laster bedeutet also Erkenntnis und Verwirklichung dieser Wahrheit.
Meister Hilarion sagt:
"Sobald man sich einen Fehler eingesteht, hat man ihn schon halb überwunden; sobald man eine Tugend bejaht, wird sie wachsen und sich entfalten!"
Um die göttliche Kunst der Umwandlung der Laster zu üben, stellt die Weisheit, o nach Vollkommenheit trachtender Pilger, drei Methoden oder Mittel zu deiner Verfügung.
Die erste Methode:
Betrachte deine niedere Natur als das Sammelbecken all deiner Laster oder zerstörenden Kräfte. Diese niedere Natur ist dein persönliches kleines Ich, und daher mußt du es richtig erziehen und es dir gehorsam machen.
Wenn dieses kleine Ich deinem göttlichen Geist oder dem höheren Selbst in dir gehorcht und sich seinem Willen unterwirft, dann bist du befreit, denn es herrschen dann in dir nicht zwei Kräfte oder Naturen, sondern nur ein einziger Wille, der höhere geistige Wille deines wahren Selbst.
Und wo es keine Zweiheit gibt und nur Einheit herrscht, da wird unbedingt Friede, Harmonie und Glückseligkeit herrschen.
Die Erziehung und Umwandlung des kleinen persönlichen Ichs kann auf zwei Arten vollzogen werden, je nachdem wie dieses Ich sich manifestiert und benimmt.
Du kannst dein persönliches Ich, je nach seinem Temperament oder seiner Natur, als Kind, als Diener oder als Freund betrachten und darnach behandeln.
Wenn es sich als Kind benimmt und alles Böse nur aus Unwissenheit und Unerfahrenheit verübt, dann mußt du es wie eine Mutter, je nach dem Fall, mit Belohnung oder Bestrafung erziehen.
Du mußt darum auf alle Wünsche, Gedanken und Willensäußerungen deines persönlichen triebhaften Ichs oder deines Kindes achtgeben, sie kontrollieren und richtigstellen, das heißt das Gute loben und das Böse verbieten.
Du mußt alles beobachten und untersuchen, was in dir vor sich geht, um festzustellen, woher alle deine Gefühle, Gedanken, Wünsche und Triebe stammen: aus deinem kleinen Ich oder aus dem göttlichen Geist in dir.
Wenn die Beweggründe deiner Wünsche, Begehren, Gedanken und Handlungen aufbauend, heilvoll, wohlwollend und selbstlos sind, dann wisse, daß sie deinem göttlichen Geist entstammen.
Wenn aber dies nicht der Fall ist, dann sind sie Produkte deines kleinen persönlichen und triebhaften Willens oder Scheinichs. Dann mußt du diese verneinen und verbieten, wie eine Mutter die unerlaubten Spiele ihrem Kinde verbietet.
Wenn dein persönliches Ich sich wie manche schwererziehbaren Kinder benimmt und deinem geistigen Willen nicht gehorchen will, dann betrachte es als Diener; gebiete und befiehl ihm, übe einen gewissen Druck aus und behandle es solange mit Härte und Strenge, bis es vollständig gehorsam geworden ist. Dies ist die Kunst des Selbstbefehlens und der Selbstbeherrschung.
Wenn aber dein persönliches Ich gehorsam ist und nur aus Schwäche oder Unwissenheit deinen Willen nicht erfüllt und dadurch Irrtümer und Fehler begeht, dann betrachte es als einen unerfahrenen und gutwilligen Freund.
Sei ihm Ratgeber, Lehrer und Wegweiser, gib ihm Richtlinien und führe es mit Güte auf den Weg der Reinheit, Selbstlosigkeit und Weisheit.
Oft wirst du bemerken, daß dein kleines Ich die Eigenschaften aller drei besprochenen Personen besitzt. Dann mußt du es je nachdem als Kind, als Diener oder als Freund betrachten und darnach handeln.
Erkenne aber, o Pilger, daß Erziehung nicht heißt, die Laster oder die schlechten Veranlagungen abzutöten oder zu unterdrücken, sondern sie veredeln und umzuwandeln.
Dies kann man nur dann, wenn man es zu positiven und heilsamen Wegen leitet und ihnen eine neue Richtung gibt.
Wisse weiter, daß Liebe und Geduld die Grundlage dieser dreifachen Erziehung oder Umwandlung des kleinen persönlichen Ichs bilden.
Die zweite Methode:
Dies ist jene seelische Umwandlung, die man Alchimie der Seele nennt.
Wie in der Natur die unreinen Elemente, die man als Dünger dem Boden zuführt, zu Blumenduft, Blüte und Frucht werden und wie die Speisen im menschlichen Körper zu Fleisch, Blut, Milch und Nervenkraft umgewandelt werden, so vollzieht sich ein ähnlicher Vorgang auch bei den unreinen Elementen, den Lastern im Seelenorganismus des Menschen.
Die unedlen Metalle der Laster werden zum Gold der aufbauenden Seelenkräfte oder Tugenden umgewandelt.
Wie die mit materieller Alchimie sich beschäftigenden Menschen im Mittelalter für ihre Kunst einen Schmelztiegel, ein Feuer, einen Blasebalg und den Stein der Weisen brauchten, so brauchen auch die Seelenalchimisten für die Umwandlung der Laster diese vier Werkzeuge.
Je nach dem Temperament der Menschen wechseln Schmelztiegel, Feuer und Blasebalg, aber der Stein der Weisen bleibt bei allen derselbe.
In dieser Hinsicht teilen sich die Menschen in zwei Gruppen: in Gefühlsmenschen und in intellektuelle Menschen.
Der Gefühlsmensch ist mehr impulsiv und intuitiv. Daher ist bei diesen Menschen das Herz der Schmelztiegel und die Liebe zu Gott oder zur Wahrheit das Feuer. Und der Blasebalg, der das Feuer ständig glühend erhält, ist der Glaube.
Wenn Liebe und Glaube bei diesen Menschen stark und glühend genug sind, dann werden sie alle niederen Triebe und Begierden schmelzen und in reine schöpferische Kräfte umwandeln.
Alle großen Mystiker und Heiligen gehören zu dieser Gruppe.
Bei den intellektuellen oder mehr geistig veranlagten Menschen ist das Gehirn der Schmelztiegel, die Erkenntnis das Feuer und der Wille der Blasebalg.
Hier spielen also Erkenntnis und Wille die wichtigsten Rollen. Durch diese zwei schöpferischen und dynamischen Kräfte werden die Menschen ihre niedere Natur überwinden, das heißt ihre Laster und Begierden in Tugenden umwandeln.
Alle großen Denker, Philosophen und Meister der Geisteswissenschaft gehören zu dieser Gruppe.
Die erleuchteten und vollkommenen Seelen oder Weisen bringen aber das Herz und das Gehirn oder die Erkenntnis und die Liebe und den Glauben und den Verstand miteinander in Einklang. Aus dieser Harmonie der Seelenkräfte entsteht Gottesweisheit und Vollkommenheit.
Der Stein der Weisen ist aber im geistigen Sinne für beide Gruppen der gleiche, er besteht aus den Elementen: Verlangen, Begeisterung, Ausdauer und Opfer.
Ohne diesen Stein der Weisen ist kein Erfolg, keine Umwandlung möglich. Die Geschichte beweist, daß wirklich alles Große im Leben der Völker erst durch diese gewaltigen Kräfte zustande gekommen ist.
Entfalte darum, o Pilger, diese schöpferischen Kräfte in dir, damit du den Sieg über deine Laster und deine niedere Natur erringen und die Alchimie der Seele vollbringen kannst.
Die dritte Methode:
Diese besteht aus der richtigen Ernährung und Pflege der Seele und ist die wichtigste und wirksamste aller Methoden.
Erkenne nun die Wahrheit, daß die Laster, symbolisch gesprochen, kleine Teufel darstellen, die der Mensch selber schafft, in seinem Herzen beherbergt und täglich mit bösen Taten und Gedanken ernährt. Die Laster sind nicht von Gott erschaffen und haben kein ursprüngliches Dasein. Sie sind daher zufällig und überflüssig. Der Mensch schafft sie durch den Mißbrauch der Tugenden.
Die Umwandlung der Laster besteht darin, diese Teufel in Engel zu verwandeln.
Vor allem mußt du wissen, daß du diese Teufel nicht töten darfst, da auch sie an der göttlichen Liebe in dir teilhaben sollen. Sie sind die gefallenen Engel in dir.
Sie aus dem Herzen herauszuwerfen, wäre keine Weisheit und keine Umwandlung. Hier kann man die Feinde nicht töten, sondern man muß sie zu Freunden und sogar zu treuen Dienern machen.
Vgl. meine Schriften: "Der Weg zur Lebensweisheit und Glückseligkeit", 2. Auflage und "Grundlagen der neuen Erziehung", Amadeo-Verlag, Olten, 1947.
Da diese Teufelchen Geschöpfe der Menschen und auf sie angewiesen sind und die Menschen selber sie täglich durch Neid, Haß, Hochmut, Eitelkeit, Bosheit, Habgier usw. ernähren, so besteht ihre Umwandlung darin, daß man ihnen anstatt dieser Speisen die reinen, heilvollen Speisen wie Liebe, Güte, Demut, Gerechtigkeit, Selbstlosigkeit usw. vorlegt, das heißt Tugenden ausübt.
Diese Teufelchen werden im Anfang diese reinen Speisen zurückweisen, da sie daran keinen Geschmack finden werden; aber da sie nicht länger hungern können, werden sie allmählich die reinen Speisen aufnehmen und sich daran gewöhnen müssen. Sie werden sich dann nicht mehr sträuben, diese Speisen aufzunehmen.
Mit der Zeit werden sie den Geschmack der alten Speisen vergessen und an den neuen Speisen Freude haben.
Mit Hilfe der Ausdauer wird durch diese reinen Speisen ihre Natur umgewandelt, und wie die Raupe sich zum schimmernden Schmetterling entwickelt, so werden auch diese Teufelchen der Laster in Engel der Tugenden umgewandelt. Die Feinde werden zu treuen Freunden und die gewalttätigen Herrscher zu gehorsamen Dienern.
Dies ist die erhabene Kunst der seelischen Selbstüberwindung und der seelischen Umwandlung. Christus hat den Selbstüberwinder mit achtfacher Verheißung hochgepriesen, und Paulus weist darauf hin, wenn er sagt:
"Ihr habt ja den alten Menschen ausgezogen und den neuen Menschen angezogen, der zur vollen Erkenntnis nach dem Bilde dessen, der ihn geschaffen hat, offenbar wird." (Kolosser 3, 9-10.)
Die niedere Natur des Menschen oder sein persönliches Ich kann also, o Pilger, nur dann umgewandelt werden, wenn es an den Eigenschaften des höheren Selbst oder Gottesgeistes im Menschen teilhat.
Durch Aufnehmen und Assimilieren dieser höheren und positiven Eigenschaften, das heißt durch Ausübung der Tugenden allein kann das persönliche Ich seine Natur umwandeln, das Wesen des höheren Selbst erfassen, sich mit ihm verschmelzen und eins werden mit ihm.
Darum übe nur Tugenden und konzentriere dich nur auf diese schöpferischen Kräfte. Setze deine ganze Kraft daran, diese positiven Seelenkräfte in deinem täglichen Leben zu bejahen, zu verwirklichen und lebendig zu erhalten.
Mit anderen Worten: Beschäftige dich nicht mit deinen Lastern, die nur Schatten und negative Kräfte sind, sondern konzentriere dich immer auf Tugenden, welche lichtvolle und positive Kräfte sind.
Wenn man die Dunkelheit beseitigen will, braucht man nur Licht zu bringen, und die Dunkelheit wird von selbst verschwinden. So mußt du auch, um deine Laster zu überwinden, nur das starke Licht der Tugenden entzünden und flammend erhalten!
Wähle nun, o nach Erlösung ringender Pilger, die eine oder die andere von diesen drei Methoden und vollziehe die Umwandlung der Laster.
Sei überzeugt, daß du durch Ausdauer und Geduld das hohe Ziel der Umwandlung der Laster bald erreichst.
Selig, wer seine Laster überwindet und umwandelt, denn er wird mit sich selbst und mit der ganzen Welt in Frieden leben!
Der Pilger:
Deine lichtvollen und erlösenden Worte haben meine Seele, o Meister, vollauf erleuchtet und mich meiner heiligen Aufgabe bewußt gemacht.
Ich gelobe, von nun an meine niedere Natur zu veredeln, umzuwandeln und sie mit göttlichem Geist, meinem höheren Selbst, zu vereinen.
Möge Deine gütige Führung mir bei dieser heiligen Aufgabe helfen!
Allgütiger Schöpfer des Universums, reinige, heilige und erleuchte mich, damit auch ich ein weiser, würdiger und opferfreudiger Diener der Wahrheit und der Menschheit werde!


6. Wie man das Schweigen des Herzens üben kann
"Und wer kein Opfer bringt, für den ist nichts zu hoffen – nicht in dieser und nicht in jener andern Welt." (Bhagawadgita)
Ein persischer Mystiker hat gesagt:
"Du stehst inmitten des Elixiers des Lebens, und du suchst Wasser! Du sitzt auf dem Schatz, und du klagst über Armut. Du suchst den Wohnort des Geliebten, und ahnst nicht, daß du selber sein Wohnort bist."
Auf dem Wege nach Eroberung der Heilkraft des Schweigens gebe ich dir, o erwartungsvoller Pilger, drei Hilfsmittel, die deine Pilgerschaft erleichtern, dich schützen und deine Beine kräftigen werden. Diese bestehen aus einem Licht, einer Speise und einem Schild!
Drei Wahrheiten will ich dir verkünden, o kampfbereiter Pilger, und diese werden dir zur Erreichung deines Zieles verhelfen.
Die erste Wahrheit:
Es gibt keine höhere Erkenntnis als die Selbsterkenntnis. Denn die Selbsterkenntnis ist der Schlüssel zur Welt- und Gotteserkenntnis. Erkenne darum dich selbst zuerst.
Erkenne, daß du weder dein Körper, deine Wünsche und Triebe, noch dein Wille und dein Intellekt bist. Dies alles sind nur deine Werkzeuge, du bist jener göttliche Geist, Künstler und Meister, der diese Werkzeuge gebrauchen soll.
Wenn du diese Wahrheit erkannt hast, dann wird es dir klar sein, daß du über diese Werkzeuge eine Macht ausüben kannst und sollst! Du mußt sie beherrschen, ihnen befehlen und nicht umgekehrt. Diese Werkzeuge müssen dir gehorchen und dienen, wie ein treuer Diener seinem Herrn.
Wenn ein niederer Wunsch, ein unreines Gefühl oder ein negativer Gedanke sich meldet und dich überwältigen will, mußt du sie gebieterisch zurückweisen und ihnen keinen Eintritt in dein Gemüt gestatten.
Sage ihnen:
"Ihr seid meiner göttlichen Hoheit unwürdig, und solange ihr euch nicht zu höheren, reineren und positiveren Kräften umgewandelt habt, werdet ihr von mir nicht empfangen werden."
Wenn du so mit deinen Werkzeugen umgehst, wirst du bald mit Bewunderung erkennen, wie sie sich wandeln und schönen, guten erhabenen und edlen Wünschen, Gefühlen und Gedanken Platz machen. Dann wirst du mit dir selbst, mit der Welt und Gott in Harmonie und Frieden leben.
Diese Wahrheit soll dein Licht auf dem Wege sein!
Schweigen!

Die zweite Wahrheit:
Nervenkraft ist Lebenskraft!
Die Sonnenenergie, welche unserer Welt das Leben spendet und sie ernährt, wird nach vielen Umwandlungen schließlich im menschlichen Körper zur Nervenkraft und gewährt ihm Lebensenergie und Gesundheit. Vergeude darum deine Nervenkraft nicht, sondern sammle davon Vorrat, soviel du kannst.
Wisse: Sieben Schmarotzer, die die gefährlichsten Feinde der Heilkraft sind, verzehren fortwährend deine Nervenkraft. Diese sind: Angst, Aufregung, Nervosität, Schwarzseherei, Unzufriedenheit, Zank und Geschwätz.
Solange du diese Feinde nicht besiegt hast, kannst du von deiner Nervenkraft keine große Leistung und Hilfe erwarten.
Jedesmal, wenn sich einer von diesen tödlichen Feinden zeigt, rufe seinen Gegensatz zu Hilfe und jage ihn weg von der Schwelle deines Herzens:
Überwinde die Angst – durch Mut!
Aufregung – durch Ruhe!
Unzufriedenheit – durch Zufriedenheit!
Nervosität – durch Selbstbeherrschung!
Schwarzseherei – durch Vertrauen!
Zank und Geschwätz – durch Sanftmut und Schweigen!
Sage zu diesen Gespenstern und sprich:
"Ich, als göttliche Seele, Herrscher in diesem Körper, bin stärker als ihr alle, darum müßt ihr euch meinem Willen unterwerfen!"
Erkenne, o Pilger, daß diese Schmarotzer Sprößlinge deiner triebhaften Natur und ihre Gegensätze Ausstrahlungen deines wahren, göttlichen Selbst sind.
Diese Wahrheit soll deine Speise auf deinem Wege sein!
Die dritte Wahrheit:
Ausdauer bringt immer Sieg.
Schrick nicht vor Schwierigkeiten zurück. Gedenke, daß jeder Weg ein Ende hat und nichts in dieser vergänglichen Welt ewig dauern kann. Der Nacht wird immer der Tag folgen, so wie dem Tod das Leben.
Ohne Ausdauer wird in der Welt nichts gedeihen. Selbst das Universum ist im Schoß der Ausdauer geboren, und wird durch Ausdauer vollkommen werden. Ausdauer ist von Geduld und Geduld vom Sieg untrennbar! Ausdauer ist der Ausdruck der Ewigkeit im Menschenleben!
Ausdauer ist die Achse der Entwicklung und der Magnet des Erfolges. Überwinde darum Müdigkeit, Unlust und Trägheit durch Freude, Mut und Beharrlichkeit. Dann wird der Sieg dir zuteil.
Vergiß nicht, daß der erste Sieg über deine niedere Natur die wichtigste und heroischste aller deiner Taten ist. Dann wird deine Arbeit von Tag zu Tag leichter, und der Endsieg bald dein Lohn sein.
Schweigen!
Erinnere dich immer an die Worte Krischnas:
"Alle Tore, durch die die Sinnenwelt in dein Gemüt einziehen kann, verschließe und bewache; dann kommst du Schritt für Schritt dem Tempel nahe und lernst die Herrlichkeit des Friedens kennen, der in dem selbstbeherrschten Herzen wohnt: dort, wo die Weisheit in sich selbst regiert und wo der Seele wahre Freiheit wohnt."
Suche dir oft einen ruhigen Ort, setze dich bequem und entspannt, lege deine Hände auf die Knie, schließe die Augen und meditiere die folgenden Gedanken so oft du kannst. Schalte aber dabei alle Wünsche, Gefühle und Gedanken aus und mache dir nur den Sinn der Worte, die du aussprichst, zu eigen.
Nach jedem Satz schweige einige Sekunden, atme tief rhythmisch ein und aus und laß die Heilkraft der Meditation deinen Körper durchfluten:
"Alles schweigt in mir! Ich atme himmlische Ruhe ein! Ich bin belebt von göttlicher Kraft!
Meine Seele schwingt sich in Seligkeit empor! Friede und Freude funkeln aus meiner Brust! Ich bin von Licht und Kraft erfüllt!
Ich fühle mich erlöst von allen Leiden! Mut und Zuversicht leuchten in mir! Ich bin erwacht zum göttlichen Licht!
O in mir verborgene Sonne der Wahrheit! Erfülle mich – durchstrahle mich – durchflute mich – erwärme mich – beseele mich! – führe mich zum Wege der Reinheit und Weisheit, der Schönheit und der Herrlichkeit!
Mache mich Dir ähnlich! Mache mich strahlend – wie Du!
Aus meinem Herzen sprudelt Wonne!
Ich atme Segen und Seligkeit!
Und eile mit Zuversicht meinem Ziele zu!
Das Dunkle hat keine Macht über mich!
Meine Seele ist nunmehr erlöst.
Ich bin frei, froh und friedvoll!
Ich bin Licht – aus Seinem Licht!
Ich bin Eins mit allen Wesen!
Ich bin Frieden und Harmonie!
Friede sei mit allen Wesen im Weltall!
Heil und Segen allen Wesen im Weltall!




III. Das Schweigen des niederen Geistes

Mit dem niederen Geist ist hier das sterbliche Gemüt oder der niedere, kurzsichtige und hochmütige Intellekt gemeint, der mit dem tierischen und triebhaften Willen behaftet ist.

1. Eine Vision des Schweigens
Sende Dein Licht und Deine Wahrheit, daß sie mich leiten und bringen zu Deinem heiligen Berg! (Psalm 43, 3)
Wenn das Wort Gottes schweigt, hört das Herz des Weltalls auf zu schlagen, denn Sein Wort ist Leben!
Unbeschreiblicher Zustand! – Unaussprechliche Seligkeit! – Unvorstellbare Ruhe!
Alles schwieg um mich herum!
Die Natur schwieg – die Ozeane schwiegen – die Berge schwiegen – die Wälder schwiegen – die Wolken schwiegen! Der Himmel mit all seinen Sonnen, Monden und Sternen schwieg! Das ganze Weltall war ein schauendes Auge, ein lauschendes Ohr!
Ich suchte mich selbst – und fand mich nicht!
Ich wollte feststellen, wo ich war – vergebens! Denn auch mein Selbstbewußtsein schwieg.
Dennoch fühlte ich, daß ich existiere, daß ich bin!
Ich wußte, daß ein Universum da ist und ich dieses Universum bin!
Raum und Zeit waren verschwunden! Ich war überall und nirgends. Ich war gleichzeitig im Augenblick und in der Ewigkeit.
Die Sterne waren mir so nahe, als ob sie alle in mir versammelt wären, ich und die Sterne waren eins. Blendende Herrlichkeit umschloß mich! Die Bewegung aller Himmelskörper erzeugte eine einzige Harmonie: die Harmonie des Friedens. Ihr Kreislauf bildete nur eine einzige Melodie: die Melodie des Schweigens!
Alle Gestirne lauschten nur – sie sahen einander an! Ich war ihr Schauplatz.
Vollkommene Ruhe und tiefer Friede umhüllten mich!
Meine Empfindungen, Sinneswahrnehmungen, Gedanken und alles Irdische in mir waren erloschen! Ich war über alle Vorstellungen erhaben. Ich sah das Weltall eintauchen in mir!
Unausdrückbare Freudigkeit erfüllte meine Seele! Zum ersten Mal wurde mir bewußt: ich bin erlöst! Erlöst von allen Fesseln des persönlichen Ich, von allen Ketten des Schicksals und des irdischen Daseins.
Ich war außerhalb meines Selbst! Ich war nicht mehr sterblicher Mensch – aber auch kein Engel, kein Gott! Ich war all-bewußt geworden!
Ich erkannte die Gesetze, die das Universum beherrschen!
Ich sah die Laufbahn der Entwicklung! Ich sah die Fäden, welche die Ursachen mit ihren Wirkungen und Rückwirkungen verbinden.
Ich wurde der Geschehnisse des Weltalls bewußt, und der Geheimnisse der Schöpfung kundig.
Lichtstrahlen der All-Liebe durchdrangen mich. Ich war selbst die Quelle dieser Strahlen.
Gewaltige Kräfte des All-Geistes durchfluteten mich. Ich war selbst das Zentrum dieser Kräfte!
Menschlicher Verstand kann nie die Herrlichkeit dieses Zustandes erfassen, – sowenig wie eine Ameise die Größe der Sonne.
Solches Erlebnis kann nie durch Worte ausgedrückt werden, – wie aus einem einzigen Ton keine Symphonie entstehen kann.
Im Schoße dieser himmlischen Ruhe war ich selbst ewiger Friede, göttliche Seligkeit.
Plötzlich vernahm ich eine Stimme:
"Wache auf o Seele! – Das leiderfüllte Herz der Menschheit ruft dich!"
Ich kehrte zu meinem irdischen Körper zurück und öffnete meine Augen; ich fand mich inmitten der dritten Halle des Tempels der Erleuchtung.
Ich las auf der Wand des Tempels folgende Tafel:
Die Saatgedanken für die 12 Monate
Meditiere, o Pilger, jeden Tag über den Saatgedanken des Monats so oft du kannst:
Januar:
Öffne meine Geistesaugen, damit ich die Wahrheit erkenne und erkennend liebe und diene.
        Februar:
Reinige mein Herz, o Flamme der göttlichen Liebe, daß ich fähig werde, Geisteslicht zu empfangen.
März:
Laß meine Seele, o Gott, im Tempel der Wahrheit ihre geistige Wiedergeburt erleben.
April:
Erlösender Geist der Wahrheit! Ich habe deine Stimme als Ruf Gottes vernommen und bin erwacht.
Mai:
Erwacht zum Lichte der Wahrheit, will ich        den schlummernden Seelen zum Erwachen verhelfen.
Juni:
Der Wahrheit göttliches Licht hat meiner Seele Augen sehend gemacht. Ich schaue nun         meines Daseins herrliches Ziel.
Juli:
Verzage nicht, o Herz, laß durch die Glut der Liebe und des Glaubens meine Seele für         das Licht der Wahrheit empfänglich werden.
        August:
O Wunder! Der Himmel tat sich auf und ein Lichtstrahl fiel in mein Herz, ein Samen         des Heiligen Geistes in den Schoß meiner Seele!
September:
Befruchtet vom heiligen Geist der Wahrheit ruht meine Seele im Heiligtum der Hoffnung und des Glaubens.
Oktober:
Erhabener Gott! Gib mir die Kraft, die geistigen Geburtswehen: die Prüfungen und Versuchungen zu überwinden.
November:
Mächte des Himmels! Beschützer des Lichtes! Erhabene Führer! Erfahrene Brüder! Verleiht mir eurer Liebe erlösende Kraft, die Schmerzen der Geburt zu ertragen!
Dezember:
In dunkler Nacht der Unwissenheit, laß, o Gott, das Licht der Wahrheit in meiner Seele geboren werden zum Heil der Menschheit!

2. Die Wirkung des Geistes auf das Schicksal
"Alles, was wir sind, ist das Ergebnis dessen, was wir dachten! Es ist auf unsern Gedanken gegründet! Es ist aus unsern Gedanken geworden!" (Gautama Buddha)

Der Meister:
Bevor du, o glaubensvoller Pilger, zu dem großen Altar dieses Tempels treten darfst, mußt du in dieser dritten Halle noch deinen Denkapparat reinigen und lernen, ihn zum Schweigen zu bringen.
Andernfalls würde die Herrlichkeit des Altars deine geistigen Augen blenden; deine Füße würden schwanken, und du würdest von den Stufen des heiligen Altars auf den Boden der ersten Halle zurückfallen.
Sobald die Wogen der unerwünschten Begierden und Gefühle in deiner Seele zur Ruhe gebracht sind, hast du immer noch nicht die tiefen Ursachen gefunden und beseitigt, welche diese Wogen hervorbringen.
Strebe danach, o tatkräftiger Pilger, die Gesetze deiner Gedankenwelt zu erkennen.
Dein Geist oder Intellekt unterliegt folgenden Gesetzen:
1.Jeder Gedanke ist eine feinstoffliche, schöpferische Kraft, welche, wenn auch für die äußeren Augen unsichtbar, auf den physischen und mentalen Organismus der Erde eine Wirkung ausübt.
2. Jeder Gedanke zieht die gleichen Gedanken an – einem Schneeball gleich, welcher beim Rollen andere Schneeflocken anzieht und sich vergrößert.
3. Jeder Gedanke hat die Neigung, sich in eine Tat umzusetzen – einem Pfeile gleich, der, einmal ausgesandt, sein Ziel zu erreichen strebt.
4. Jeder Gedanke gebiert ein mentales, unsichtbares Bild, welches seine eigene Form, Farbe und sein Leben hat! Seine Form und Farbe hängen von der Art und von dem Beweggrund des Gedankens ab, und seine Lebensdauer ist von der Kraft seines Schöpfers, des menschlichen Geistes, bedingt.
5. Dieses mentale Bild, das sich zu einem Geisteswesen entwickeln kann, spielt im Schicksal des Menschen eine wichtige Rolle. – Große Gedanken herrschen jahrtausendelang über die Schicksale der Völker.
6. Jeder Gedanke bleibt, solange er nicht überwältigt und umgewandelt ist, im Unterbewußtsein seines Urhebers bestehen und harrt des Wiederauftauchens, sobald der Moment günstig ist.
7. Die Gefühle und Gedanken bilden die Grundlage unseres Unterbewußtseins und spinnen am Gewebe unseres Schicksals.
8. Jeder Gedanke kehrt, früher oder später, ob er sein Ziel erreicht hat oder nicht, geschwächt oder verstärkt zu seinem Ursprung, seinem Urheber, zurück. Dies zeugt das Walten der All-Gerechtigkeit!
9. Jeder Gedanke, sei er heilvoll oder unheilsam, erweckt und ernährt, bewußt oder unbewußt, höhere oder niedere Gefühle und Triebe bei seinem Schöpfer.
10. Jeder Gedanke übt mehr oder weniger eine Wirkung auf andere Menschen aus, mit denen der Urheber des Gedankens irgendwie in Verbindung steht und deren Geist die gleiche Schwingungsart besitzt wie der Geist des Schöpfers jenes Gedankens.
Wenn du diese Gesetze richtig begreifst, wirst du erkennen, daß erstens deine Gedanken die Schöpfer deiner Handlungen und deines Schicksals sind!
Und zweitens, daß ihre Wirkungen nicht allein auf dein Leben beschränkt bleiben, sondern auch die anderen Menschen und Geschöpfe beeinflussen.
Du mußt darum wissen, daß du für deine unreinen und negativen Gedanken der ganzen Menschheit gegenüber verantwortlich bist!
Demgemäß besteht das Schweigen deines Geistes darin, daß du deine Gedanken zügelst, den unreinen keinen Zutritt gewährst und so deinen Geist jeden Moment zum Schweigen bringst.
Du brauchst und darfst nicht dein Gehirn seiner Tätigkeit berauben und deinen Geist stillstehen lassen. Dieser völlige Stilltand des Denkapparates kann nur im höchsten Grade der Meditation oder der mystischen Ekstase geschehen. Der menschliche Geist schwingt unaufhörlich wie sein Herzschlag und wie die Zeit – im Schoße der Ewigkeit.
Kannst du dir einen Augenblick vorstellen, in welchem die Zeit stillsteht?
So ist es auch mit den Schwingungen deines Geistes. Du mußt nur lernen, deinen Geist inmitten der ständigen Tätigkeit von allen negativen Strömungen zu leeren und zu säubern.
Du mußt lernen, deine Gedanken immer positiv, edel, erhaben und göttlich zu gestalten und zu erhalten!
Schweigen!
Erkenne weiter: Seitdem du das menschliche Antlitz trägst und begonnen hast zu denken, ist kein einziger Gedanke, den dein Geist geboren, verloren gegangen. Diese Gedanken sind miteinander verschmolzen und haben neue geistige Stoffe und Kräfte gebildet, die, in der Tiefe deines Unterbewußtseins aufbewahrt, auf ihre Wiedergeburt warten, um erneut tätig zu sein.
Gedanken sind mächtigste Kräfte, und keine einzige Kraft geht im Weltenraum verloren.
Es ist klar, daß die Gedanken sich verwandeln und sich in verschiedenen Formen manifestieren, wie sich die Sonnenenergie in Licht, Wärme oder dynamische Kraft verwandelt; doch verloren gehen sie nicht!
Die schädlichen Keime der unreinen Gedanken, welche die verborgenen, oft unbewußten Ursachen deiner Leiden und Mißerfolge sind, sollst du erkennen, ausrotten und umwandeln.
Solange diese Keime noch vorhanden sind, hast du keine Sicherheit, daß dein Herz und dein Gemüt gereinigt sind.
Was nützt es dem Gärtner, wenn er die schädlichen Unkräuter abschneidet, aber ihren Samen und ihre Wurzeln nicht vernichtet?
Was nützt es dem Arzt, wenn er eine häufige Blutung zum Stillstand bringt, aber die Ursachen derselben nicht feststellt und beseitigt?
Wenn ein Teich äußerlich klar und rein aussieht, aber auf seinem Boden noch Schlamm und Unrat vorhanden sind, so wird er immer wieder schmutzig und trübe werden.
Mach es dir klar, o tugendhafter Pilger, daß hinter all deinen Trieben und Wünschen immer ein bewußter oder verborgener Gedanke zu finden ist.
Es sind immer deine Gedanken, welche deinen Taten, Trieben und Gefühlen die Färbung, Richtung und Stärke verleihen.
Erkenne auch, daß manche Ursachen der Zustände deines jetzigen Lebens jene Gedanken sind, die du in früheren Erdenleben geschaffen hast, von denen dein jetziger kurzsichtiger Intellekt nichts weiß.
So wie das Universum geoffenbarter Gedanke Gottes ist, so ist auch deine Welt, dein Leben und dein Schicksal nichts anderes als Ausdruck deiner vergangenen und jetzigen Gedanken. Dein Glück und dein Unglück, dein Heil und dein Unheil hängen also von deinen Gedanken ab.

H. P. Blavatsky sagt:
"Nicht das Fleisch ist es, das immer die Versuchung schafft: In neun Fällen von zehn ist es der niedere Geist, der durch seine Bilder das Fleisch in Versuchung führt. Der Gedanke wirkt auf das Gehirn, das Gehirn auf das Organ; und dann erwacht die Begierde. Der äußere Anreiz erregt das Organ nicht. Daher muß zuerst der Gedanke getötet werden, bevor die Begierde ausgelöscht werden kann. Der Schüler muß seine Gedanken bewachen. Ein Gedanke von fünf Minuten kann das Werk von fünf Jahren zerstören."
Der bekannte persische Mystiker Djalal-ud-Din-Rumi aus dem 13. Jahrhundert nach Christi hat gesagt:
"O Bruder, du bist nichts anderes als deine Gedanken! Was in dir übrig ist, sind nur Knochen und Fasern. Wenn deine Gedanken Blumen gleich sind, bist du ein Garten; und wenn sie Dornen gleichen, so bist du nur ein Stück Brennholz für den Ofen!"
Zarathustra sprach also:
"Ich erbitte von Dir, o Ahura Mazda, für mich und für alle, die Deinen Willen tun, das Beste aller Dinge, das ewige Gut des reinen Geistes."
Ahura Mazda ist der Name Gottes bei Zarathustra. Ahura bedeutet Herr und Schöpfer, Mazda der Wissende und Weise. (Siehe mein Werk: "Die Gathas von Zarathustra")
Und der erhabene Gautama Buddha hat diese Wahrheit in folgender Weise verkündet:
"Das Denken erst – dann Wort und Tat! Im Denken ruht des Schicksals Saat. Wer leicht gesinnt die Worte kürt, Wer leicht gesinnt das Werk vollführt, dem folgen Leiden, die er schuf, gleichwie das Rad des Zugtiers Huf! Das Denken erst – dann Wort und Tat! Im Denken ruht des Schicksals Saat. Wer wohl gesinnt die Worte kürt, wer wohl gesinnt das Werk vollführt, dem folgen Glück und Freuden reich, wie einem treuen Schatten gleich!"
Schweigen!
Der Pilger:
Fürwahr, o heiliger Tempel der Erleuchtung, deine Atmosphäre reinigt die Unlauterkeit meiner Seele. Ich dringe mehr und mehr in das Geheimnis des Lebens ein!
Ich verspüre, wie deine Heilkraft meinen Geist entschlackt, entgiftet und erleuchtet!
Ich fühle jetzt erst das wahre Glück: sich selbst zu erkennen!
Ich atme zum ersten Male den Odem des wahren Friedens.
Ich erkenne nun ganz klar mit meinen geistigen Augen den Stern der ewigen Glückseligkeit, der auf deinem großen Altar funkelt.
Ich ahne erst jetzt, daß ich selbst mein Schicksal bewirke und daß es in meiner eigenen Hand liegt, es umzugestalten.
Ich verspüre jetzt die gewaltige Macht des reinen Denkens!
Möge es mir gelingen, mit reiner Zunge, reinem Herzen und reinem Geist vor deinen großen Altar zu treten, um erlösende Weihe zu empfangen!
Schweigen!

3. Der höhere und der niedere Geist
Zwei Prinzipien haben sich am Anfang der Schöpfung wie Zwillinge in der Welt der Ideen offenbart. Das eine ist die Reinheit des Gcdankens, des Wortes und der Handlung, und das zweite ist die Unreinheit des Gedankens, des Wortes und der Handlung. Von dem ersten wurde das Leben und von dem zweiten der Tod geschaffen. Der Weise soll von diesen beiden das Gute wählen!

Der Meister:
Erkenne, o lichterfülltes Erdenkind, daß es im Reiche des geoffenbarten Universums keine göttlichere und mächtigere Kraft gibt als die Kraft des reinen Denkens oder des Gottesgeistes im Menschen.
Der Tiermensch wird nur dann zum Gottmensch, wenn er die gewaltigen Kräfte des Geistes erfassen und sie mit Hilfe der Gottesweisheit zur Verwirklichung höherer Ideale des Edelmenschentums, das heißt zum Heil der Menschheit verwenden wird!
Doch dieser Geist ist nicht mit dem Intellekt zu verwechseln.
Dieser göttliche Geist im Menschen ist eine innere Sonne, und die Gedanken sind ihre ursprünglichen reinen Strahlen.
So wie der Mensch die Strahlen der Sonne zu heil- oder unheilvollen Zwecken, das heißt als lebenspendend, aufbauend und heilend oder als vernichtendes, zerstörendes und verderbendes Element gebrauchen kann, so ist es auch mit den Strahlen der geistigen Sonne.
Wenn man die geistigen Kräfte für gute Zwecke benutzt, entstehen daraus Tugenden, und wenn man sie für böse Zwecke verwendet, erzeugen sie Laster.
Keine der von Menschen bis jetzt erkannten Naturkräfte gleicht der schöpferisch-dynamischen Kraft des Denkens an Geschwindigkeit, Macht und Dauerhaftigkeit. Betrachte nur, o heildürstender Pilger, die Wirkungen der Religionen auf das Menschenschicksal! Die göttlich heilvollen Taten und Werke, welche die herrlichen Kulturen erzeugt und die Entwicklung der Menschheit gefördert haben, sind nur Produkte einiger Ideen gewesen, die aus göttlich-erhabenen Geistern hervorgegangen sind.
Der Grund, warum die heutige Menschheit so furchtbar von Elend, Krieg, Not und Qual heimgesucht wird, liegt darin, daß die Unwissenden und Bösen, besonders die führenden Köpfe wissentlich und mit böser Absicht Tag und Nacht Millionen teuflischer, zerstörender und raubsüchtiger Gedanken aussenden.
Diese Kräfte überwältigen dann, einem Sturm gleich, die Gemüter der Menschen und Völker. Sie unterjochen sie, bringen sie in ihre Gewalt und machen aus schuldlosen, friedvollen Menschen blinde Werkzeuge teuflischer Absichten und Taten.
Dann breiten sich diese bösen Gedanken wie eine Seuche über die Menschen aus, erwecken in ihnen dämonische Leidenschaften, Greuel, Grausamkeiten, Haß usw., bis sie ihrer Blindheit zum Opfer fallen! Erbärmlich und bemitleidenswert sind solche Menschen.
Doch die Gnade Gottes hat bestimmt, daß die aufbauenden Kräfte schließlich stärker wirken sollen als die negativen! Denn sonst wäre keine Entwicklung und Vollkommenheit möglich. Ja, das Licht muß und wird endlich die Finsternis besiegen!
Wahrlich, für die leidende Menschheit gibt es keine andere Rettung als das Umdenken, das heißt göttliche Gedanken hegen und aussenden.
Wenn die erhabenen, erleuchteten Seelen, die Meister der Weisheit und die unsichtbaren geistigen Führer der Menschheit, die eine viel höhere Entwicklungsstufe erreicht haben, nicht mit großer Selbstaufopferung gegen die teuflischen Gedanken der Menschen gekämpft und ihre Wirkungen gehemmt und umgewandelt hätten, so wäre unsere Erde schon längst eine wahre Hölle!
Wenn aber die Menschen wüßten, was für eine mächtige heilvolle Kraft der höhere Geist besitzt, und wenn sie, durchströmt von Gottesweisheit und Liebe, diese Heilkraft für das Wohl der gesamten Menschheit verwenden wollten, dann wäre aus unserer Erde schon längst ein Paradies geworden!
Du aber, o erbarmungsvoller Pilger, werde einer von den heilspendenden, erleuchteten Gottmenschen!
Erhelle das verdunkelte Herz der Menschheit mit dem Lichte der Gottesweisheit und heile ihre Wunden mit dem Balsam der göttlichen Liebe!
Schweigen!
Erkenne jetzt, o erleuchteter Pilger, daß der menschliche Geist aus zwei Schichten, aus Licht und Schatten, oder aus dem höheren und dem niederen Geist besteht, welche durch zwei hermetische, einander kreuzende Dreiecke symbolisch dargestellt werden. Das mit der Spitze nach oben ragende Dreieck versinnbildlicht den göttlichen Geist und das mit der Spitze nach unten sinkende symbolisiert den niederen Geist oder das persönliche Ich des Menschen.
Dieses doppelte Dreieck oder der sechszackige Stern ist das Zeichen des Gottes Vishnu bei den Hindus, das Schild Davids oder das Siegel Salomos bei den Hebräern. Es war auch das Symbol der Vereinigung von Feuer und Wasser bei den Ägyptern und das Symbol der Schöpfung, das heißt die Involution und Evolution, oder Einwicklung und Entwicklung. Es stellt das Absteigen und Aufsteigen der Seele bei den Pythagoräern und bei den Mystikern des Ostens den Geist und die Materie dar.
Der höhere und der niedere Geist unterscheiden sich voneinander in folgenden Punkten:
1. Der niedere Geist ist der triebhafte Intellekt und Wille, der die tierische Natur im Menschen darstellt; er ist vergänglich, denn er ist kurzsichtig, flatternd, veränderlich und mit tierischen Begierden behaftet. Man nennt ihn daher tierische Seele.
Er ist erdgebunden, löst sich mit dem Tode auf und geht ins Tierreich zurück.
        Der höhere Geist aber, das wahre Selbst des Menschen, ist unsterblich, denn er ist der göttliche Funke, die geistige Sonne und der Christus oder heilige Geist im Menschen.
2. Der niedere Geist ist der Täuschung, dem Irrtum und der Schwäche unterworfen, denn er lebt in Getrenntheit und im Abgesondertsein von Gott. Er schafft falsche und selbstsüchtige Gedanken.
Der höhere Geist aber ist das Gefäß wahrer Gotteserkenntnis. Er ist der Spiegel der Wahrheit und das Gefäß der Gottesweisheit.
3. Der niedere Geist ist an Form gebunden und bildet mit dem Intellekt die Persönlichkeit oder das niedere Ich des Menschen.
Der höhere Geist aber ist formfrei und bildet die Individualität, das heißt das wahre höhere Selbst oder Wesen des Menschen.
4. Der niedere Geist erringt das Wissen mit Mühe und Anstrengung, der höhere Geist aber besitzt alle Erkenntnisse. Im Wissen sind Subjekt, Objekt und Ergebnis voneinander verschieden und trennbar; daher ist das Wissen Stückwert, im wahren Erkennen bilden aber Erkenner, Erkannte und Erkenntnis eine Einheit.
        5. Der niedere Geist benutzt als Werkzeug oder Offenbarungsort das Gehirn und den Intellekt, der höhere Geist aber zugleich das Herz und die Vernunft. Der niedere Geist schafft nur konkrete Gedanken; der höhere Geist schließt auch abstrakte Gedanken in sich.
6. Der niedere Geist erzeugt Intelligenz und Klugheit, der höhere Geist Intuition und Weisheit.
Der niedere Geist ist unfrei; er muß der Triebkraft und dem Impuls der tierischen Natur gehorchen und ihnen untertan bleiben.
Der höhere Geist ist selbständig und frei von allen innerlichen und äußerlichen Fesseln, denn er steht in Harmonie mit dem Willen Gottes und den Gesetzen des Weltalls.
7. Der niedere Geist, verbunden mit der niederen Natur, ist von Eitelkeit, Ehrgeiz, Überhebung und vielen anderen Begierden befleckt und führt, wenn er nicht geläutert wird, zum Materialismus, zum Egoismus und zur schwarzen Magie.
Der höhere Geist aber ist gänzlich frei von niederen Begierden. Er ist die Reinheit und Weisheit selbst. Er führt immer zum Idealismus, zur Weisheit, Opferwilligkeit, Erlösung, Glückseligkeit und Vollkommenheit. Er ist der heilige Lebensbaum, der seine Wurzeln im Himmel hat.
Von diesem höheren Geist sagt Krischna:
"Der Geist des Menschen, der voller Ruhe und Selbstbeherrschung ist, wohnt in sich selbst, dort bleibt er unberührt von äußeren Dingen, gleichgültig gegen Hitze und Kälte, Lust oder Leid, Verehrung und Mißachtung. Er ist ein Yogi, ein Vollkommener; erkenntnisreich, das Herz voll Seligkeit; erleuchtet steht er auf des Geistes Höhen, und seine Sinne sind ihm untertan."
Wenn du ein Werk beurteilen willst, wisse und unterscheide:
Der Wert eines geistigen Produkts, sei es auf dem Gebiete von Religion, Kunst, Philosophie, Ethik oder Wissenschaft, hängt davon ab, ob und wie weit an seinem Entstehen der niedere oder der höhere Geist gewirkt hat.
Schweigen!
Bei dieser Betrachtung und Unterscheidung mußt du dir, o aufgeklärter Pilger, zwei Punkte merken:
1. Der niedere Geist oder Intellekt ist nicht etwa zu verachten und überflüssig. Er ist eine notwendige Stufe der Entwicklung. Ohne diese Zwischenstufe wäre das Emporsteigen unmöglich. Er ist das Werkzeug des höheren Geistes und muß nur von Tag zu Tag geläutert und vervollkommnet werden. Er muß dem göttlichen Geist gehorchen und dienen.
Du sollst, o strebsamer Pilger, das Flämmchen des Intellekts so lange hochhalten und es nicht eher auslöschen, bis du damit die Fackel des höheren Geistes entzündet hast. Die Entwicklung des Intellekts ist für die Menschen im Fischzeitalter, das jetzt zu Ende geht, sehr notwendig gewesen.
Da du dich aber für das aufdämmernde glorreiche Wassermannzeitalter vorbereiten und geistig ausrüsten willst, genügt dir dieser kleine, kurzsichtige Intellekt nicht mehr.
Du hast dich entschlossen, auf dem geistigen Pfad des höheren Menschentums zu wandeln; dieser Weg aber ist für schwache Seelen viel dunkler, steiler und weiter, als man denkt. Deshalb vermag das winzige Flämmchen des Intellekts nicht diesen Höhenweg genügend zu beleuchten.
Darum mußt du, o nach höherem Ziel eilender Pilger, ein größeres Licht entzünden, ein flammendes Herz, das durch das lodernde Feuer der göttlichen Weisheit ewig brennt! Ja, du mußt den Blitz der Intuition und der göttlichen Inspiration in deinem Herzen und Gehirn zu erzeugen lernen.
Das ist auch der Sinn der Worte Jesu, der da sprach:
"Selig sind, die da geistlich arm sind", das heißt jene, die des kleinen Lichts, des niederen, sich irrenden und dennoch stolzen und hochmütigen Intellekts nicht mehr bedürfen, da sie die Fackel des höheren Geistes in sich entzündet haben.
2. Du darfst dir auch nicht vorstellen, daß der höhere und der niedere Geist oder die tierische und die göttliche Natur des Menschen zwei voneinander gänzlich getrennte, einander vernichtende Gegensätze sind. Sie stehen zueinander in demselben Verhältnis wie die Sonne zu ihren Strahlen.
Gleich wie die Sonne ihre Strahlen zu unserer Erde sendet und sie diese Strahlen mit irdischen Elementen und Kräften verbindet und verschmilzt, so schickt auch der höhere Geist, unsere innere Sonne, ihre Strahlen, die intellektuellen Kräfte, durch die Seele in die materielle Welt des Körpers, um sie zu beleben, zu erleuchten und zu vergeistigen.
Die Niedrigkeit und Unlauterkeit des Intellektes entsteht nur durch seine Berührung mit der gröberen Materie, in der er gefesselt ist und von der er allmählich wieder befreit werden muß. Der höhere Geist gleicht dem Vater und der niedere dem Kind, der höhere Geist ist der König und der niedere sein ausgewanderter und zurückgekehrter Sohn. Wie der Sohn durch Wachstum zum Vater wird, so wird auch der niedere Geist im Laufe der Entwicklung sich erlösen und veredeln, bis zum höheren Geist emporheben und eins werden mit ihm.
Mit seinen Worten:
"Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten" hat der Psalmist den höheren Geist im Menschen richtig dargestellt.
Und wenn Jesus sagt:
"Ihr sollt vollkommen werden, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist", so will er damit sagen:
"O ihr auf die Erde herabgestiegenen Seelen, erhebt euch zu eurem Vater, dem höheren Geist, das heißt zur spirituellen Ebene, zur höheren Sphäre eures Daseins, und seid vollkommen wie der Gottesgeist in euch."
In dir allein, o unwissender Sprößling der Schöpfung, liegt das Himmelreich, und in dir selber wohnt dein Vater, dein Gott!
Auf diese tiefe, mystische Wahrheit weist auch Mohammed hin, wenn er sagt:
"Wer sich selbst erkannt hat, der hat auch wahrlich seinen Gott erkannt."
Darum suche, o mit Geistesaugen schauender Pilger, vor allem dein höheres Selbst, deinen Gott in dir, ergib dich Ihm und handle immer nach Seinem Willen, wie der erhabene Krischna sagt:
"Und das bin Ich, o Prinz, das wahre Selbst, der höchste Geist, in Dem ein jedes Wesen Sein und Leben hat, und Den ein jeder erlangen kann, wenn er sich Ihm ergibt."
Trachte darum, o Pilger, wie Christus sagt, vor allem nach dem Reiche Gottes, das in dir selber ist.
Nun erkenne weiter, o nach Weisheit strebender Wanderer: Je mehr du deinen höheren Geist anrufst, ihm gehorchst und nach seinem Willen strebst, desto mehr wird dein niederer Geist geläutert, emporgehoben und mit dem höheren Geist vereint.
Diese Umwandlung ist der wahre Sinn des irdischen Lebens und der einzige Weg zur Erlösung und Vollkommenheit. Das ist das höchste Ziel des wahrhaft suchenden Pilgers.
Du kannst jedoch diese hervorragende Stufe nur dann erreichen, wenn du deinen Intellekt von niederen, ungöttlichen Gedanken reinigst.
Du stehst zwei Mächten gegenüber, die dich zu sich rufen: deiner göttlichen und deiner tierischen Natur, und der Sieg der einen über die andere liegt in deiner Hand.
Beobachte darum aufmerksam, o kampfbereiter Jünger, den Widerstreit dieser beiden Mächte in deinem Innern. Dein Emporsteigen zum Gipfel der göttlichen Weisheit oder dein Hinabsinken in den Abgrund des tierischen Lebens hängt nur von deinem Willen und deinem Opfermut ab.
Fasse jetzt deinen Entschluß, o nach dem Siege verlangender Pilger, habe Mut, nimm den rechten Weg und erinnere dich an die Worte Zarathustras:
"O Ahura Mazda! Der Pfad des reinen Geistes, von dem du sprachst, ist aus dem Licht der Wahrhaftigkeit erbaut. Er ist der Weg, auf welchem die Weisen und Deine vernünftigen Diener gehen, um den Lohn zu empfangen, den Du versprochen!"
Diesen rechten Weg zeigt dir auch Krischna:
"Wohl sind die Sinne stark, allein das Herz ist stärker; stärker noch als dies ist die Vernunft. Und über die scheint erhaben der Wahrheit göttlich Licht. Hast du den Höchsten Herrscher dann in dir erkannt, so stärke deine Kraft durch Ihn und tritt mutig an zum Kampf."
Schweigen!

Der Pilger:
Vor dem Licht deiner göttlichen Weisheit, o heiliger Führer, verschwindet vor meinen geistigen Augen die dunkle Nacht der Unkenntnis; die Fesseln des Irrtums und des Wahns sind nun abgestreift.
Der Ozean deines himmlischen Geistes hebt mich zu dir empor und versenkt alle meine niederen Gedanken in die Tiefe.
Deiner Weisheit werde ich nimmer satt, und meine Dankbarkeit hat keine Grenzen.
Möge der Strom deiner Liebe mein Herz erfüllen und der Blitz deines göttlichen Geistes das Licht der Weisheit in meiner Seele entzünden.
O heiliger Tempel der Erleuchtung, wie erhaben sind deine treuen Diener! Wie reinigend wirkt das Feuer deines Altars, und wie erlösend und stärkend ist deine himmlische Atmosphäre.
Heil dir, o Zuflucht meiner Seele! Heil allen Wesen!

4. Du und dein höherer Geist
"Wenn der Weise sein wahres Selbst erkannt hat, welches körperlos inmitten der Körper steht, und fest inmitten der Wahrheiten bleibt und sein Horizont sich breit ausstreckt, dann beunruhigt ihn kein Leid mehr!" (Kath-Upanischad 2, 22)

Der Meister:
In der Tat, o langmütiger Pilger, kommt wahre Erkenntnis aus dem Glauben, das heißt aus dem inneren Erlebnis, und wahrer Glaube, der Berge versetzt, kommt aus wahrer Erkenntnis!
Ringe darum unermüdlich nach wahrer Erkenntnis! Wende dein ganzes Interesse dem inneren Erleben zu und ergib dich ihm mit deinem ganzen Wesen.
Wahre Erkenntnis und Weisheit sind die Nahrung der erwachten Seelen! Solange du deine Seele nicht mit dieser Speise ernährst, wirst du nicht in der Lage sein, aus der trügerischen Welt der Täuschung herauszukommen und den Tempel der Wahrheit zu betreten. Gereinigt durch den Heiltrank der Selbstaufopferung, tritt die Seele in das Heiligtum der Einigung mit Gott.

Opfere dein Sondersein
Erkenne dich selbst, o Seele, erfasse deines Daseins Ziel! Mit der Wahrheit göttlicher Macht entfalte den Geisteswillen in dir. Durch der Liebe Schöpferkraft befreie dich von deinen Fesseln! Aus ihren Schwingen steige zu Gottes hehrem Thron empor. Opfere dein Sondersein und werde ewig eins mit Ihm!
Es ist diese höhere Erkenntnis, auf welche Mohammed hinweist, wenn er sagt:
"Gott hat für Seine Auserwählten auf Erden einen Trank; wenn sie ihn trinken, werden sie berauscht. Wenn sie berauscht sind, werden sie verzückt. Wenn sie verzückt sind, werden sie geläutert. Wenn sie geläutert sind, werden sie umgeschmolzen. Wenn sie umgeschmolzen sind, werden sie auserlesen. Wenn sie auserlesen sind, werden sie suchend. Wenn sie suchen, werden sie finden. Wenn sie gefunden haben, werden sie das Ziel erreichen. Wenn sie das Ziel erreicht haben, werden sie eins mit Gott. Wenn sie mit Ihm eins geworden sind, dann besteht kein Unterschied zwischen ihnen und ihrem geliebten Schöpfer!"

Und Krischna sagt:
"Voll Seelenruhe, frei von aller Furcht und im Gelübde (der Keuschheit) unerschütterlich, an Mich nur denkend und in Mich versenkt, ergibt er sich mit seinem ganzen Wesen in Mich. Und so beständig in Mir ruhend, ein mächtiger Herrscher in dem eigenen Reich, geht er zum Frieden, ins Nirwana ein."
In Wirklichkeit ist wahre Erkenntnis, o gegen den Zweifel ringender Pilger, nichts anderes als dein wahres Selbst! dein höherer Geist, denn wahre Erkenntnis ist von dem Erkennenden untrennbar – wird daher Selbst- und Gotterkenntnis genannt.
Erkenntnis, Erkenner und Erkanntes bilden eine Dreieinheit!
Suche darum nach deinem göttlichen Geist! – und wenn du Ihn gefunden hast, gib dich Ihm hin, nimm Zuflucht in Seinem Herzen und empfange von Ihm deines Daseins höchste Seligkeit.
Lausche jetzt im Herzen dem beseligenden Liede, das einst der erhabene Krischna sang:
"Doch wer sich selbst gefunden hat, ist Herr des Selbst, erhaben über alles Wirken.
        Ihn bindet nichts, und seine Zweifel schwinden im Lichte der Erkenntnis Gottes hin."
        
Wisse aber, daß diese Erkenntnis nicht etwas zum Erlernen ist, sondern nur zum Erleben. In den Upanischaden, den heiligen Schriften der Hindus, ist geschrieben:
"Dieses Selbst ist durch Schilderung nicht erkennbar und nicht erreichbar, weder mit geistigem Verstehen noch mit dauerndem Studium. Aber wer sich nach Ihm sehnt, den erreicht Er! Für jenen offenbart dieses Selbst seine wirkliche Gestalt."
  Diese Wahrheit hat auch Ali, der vierte Khalif von Mohammed folgenderweise ausgedrückt:
"Erkenntnis ist nicht etwas im Himmel, das herabsteigt zu euch, und auch nicht etwas in der Erde, das heraufkommt zu euch, sondern etwas Inneres, verborgen in eurem Herzen! Lebt wie die Heiligen, dann wird sie sich euch offenbaren!"
Schweigen!
Wisse noch weiter, o Pilger, daß deine Erkenntnis nur dann wahr ist, wenn sie zur Glaubensmacht geworden, und dein Glaube wiederum nur dann wahr ist, wenn er zum Erkenntnislicht geworden ist.
Denn ohne Erkenntnislicht – keine Selbsterkenntnis,
ohne Selbsterkenntnis – keine Macht des höheren Geistes,
ohne Macht des höheren Geistes – keine Überwindung der niederen Natur
und ohne Überwindung der niederen Natur – keine Erlösung!
Dein höherer Geist will sich dir von Herzen offenbaren, dich mit seiner Herrlichkeit entzücken, sich von dir bewundern lassen und dich mit seinen göttlichen Kräften erfüllen.
Es ist nur deine niedere Natur, die ihn daran hindert. Deine niedere Natur ist es, die sich wie eine schwarze Wolke zwischen dich und deine geistige Sonne stellt. Der verhängnisvolle Schleier, der das göttliche Antlitz deines höheren Geistes verhüllt, ist nichts anderes als deine niedere Natur.
Versuche darum, o mit diamantenem Willen bewaffneter Pilger, diesen Vorhang mit dem Schwert deines Opfermutes und kraft deines göttlichen Willens zu durchschneiden!
Der persische mystische Dichter Hafis hat gesagt:
"Das Antlitz des Geliebten hat keinen Schleier, keinen Vorhang! Du selber stehst wie eine Staubwolke zwischen Ihm und dir! Beseitige diesen Staub, dann wirst du Seine Schönheit erschauen können! Du, der du aus dem Hause deiner niederen Natur nicht herausgehen willst, wie und wann kannst du den Weg der Wahrheit finden?"
Dein innigst Geliebter, dein höherer Geist, sehnt sich, o Seele, mehr nach dir, als du denkst. Er verlangt viel inbrünstiger nach dir, als du es dir vorstellen kannst. Er sagt zu dir, wenn du ihm zu lauschen vermagst:
"Meine Liebe zu dir ist viel inbrünstiger als deine, und die Glut meiner Sehnsucht nach dir viel heißer als die deine.
Wenn du einen Augenblick in mein glühendes Herz eintreten könntest, würdest du das ewig lodernde Feuer meiner Liebe spüren.
Wenn du dein vergangenes Leben durchschauen könntest, würdest du mit Erstaunen sehen, wie oft du mich verstoßen hast und wie oft ich dich geschützt und unter deiner Eitelkeit gelitten habe!
Seit Millionen von Jahren warte ich auf dich! Du bist noch wie ein mit bunten Steinen spielendes Kind; du schaust nicht einmal empor, um zu sehen, wie ich mit feuriger, mütterlicher Liebe meine Arme ausgestreckt halte, um dich zu empfangen, du mein liebes Kind!
Der Meister von Nazareth wurde durch die Hände der Selbstsucht vor zweitausend Jahren auf Golgatha gekreuzigt; du kreuzigst mich aber durch deine unreinen Gedanken und Taten jeden Tag und jede Stunde! – mich, deinen Christus in deiner Brust!
Wache nun auf, o schlummerndes Heldenkind!
Öffne deine Augen und erschaue den Kampfplatz, wo dein Schicksal entschieden werden muß! Sieh da, wie eine neue Morgendämmerung aufsteigt und ein heller, herrlicher Tag anbricht!
Ein neues Zeitalter dämmert herauf, ein neuer Odem wird der Menschheit eingehaucht, und eine neue, lichtvolle, freie Generation wird bald geboren!
Bleibe nicht unter den geistig Toten! Erhebe dich aus dem Grab deiner niederen Natur und werde einer von den geistig Auferstandenen!
"Suche mich, du wirst mich finden! Klopf an meine Tür, sie wird dir aufgetan! Rufe mich an, du wirst meine Stimme hören. Steige herauf zu mir, du wirst aufgenommen! Schaue mich an, du wirst mich erkennen, Mich, deinen Erlöser in deiner eigenen Brust!"
So redet, o mit dem Herzen lauschender Pilger, dein höherer Geist, wer weiß, seit wie vielen Jahrtausenden zu dir – und du nimmst es nicht wahr, wie ein schlafender Säugling!
Bleibe darum nicht im Kerker deiner niederen Natur, öffne ihn und mache deine niedere Natur zu einer Leiter, um emporzusteigen zur Gralsburg deines höheren Geistes, deines wahren Selbst, der Quelle aller Heilkraft und Herrlichkeit in dir!
Dann wird sich deine Seele durch Opfer und Kreuzigung von der tierisch-irdischen Natur befreien und zu ihrem Vater, dem höheren Geist im Himmel der Wahrheit auffahren.
Dort wird sie als Gotteskind neugeboren und im Lichtgewand des Geistes aus dem Grab des physischen Körpers auferstehen!
So werden Licht und Finsternis, Gottessohn und Menschensohn, das Himmlische und das Irdische, das Niedere und das Höhere, Seele und Geist, Sohn und Vater wieder eins!

Der Pilger:
Himmelfahrt zum Licht
Im Morgenlicht der Sehnsucht
erklang in meinem lauschenden Herzen
die Glocke des Glaubens.
Ich schaute den hohen Flug
des Adlers der Intuition:
Wie eine Wolke zog er
vor meinem Geistesauge hin.
Im Schosse der Stille
legte sich des Zweifels heftiger Sturm.
In tiefer Demut war ich versunken.
Und meine Seele flog freudevoll
auf den Flügeln der Klarheit
dem "Lichte der Wahrheit" zu.
Erfüllt von glühender Sehnsucht nach Erlösung, spüre ich deine befreiende Kraft, o heiliger Tempel! Mein Glaube an die Macht des Gottesgeistes in mir ist unerschütterlich. Mit unermüdlichem Eifer will ich weiterschreiten, um meine Erlösung durch die Macht der Wahrheit zu erlangen!
Erhabener Gott! Wie Deine Gnade mich zu dieser Heilstätte geführt hat, so verleihe mir die Kraft, alle meine Mitmenschen zu diesem Tempel der Erleuchtung und der Erlösung zu führen.
Mögen alle Seelen den Weg zum Tempel der Wahrheit in ihrem Herzen finden und sich vor dessen Hochaltar durch die Heilkraft des Schweigens reinigen und erleuchten lassen!
Schweigen!

5. Wie der höhere Geist als Heilkraft wirkt
"Wer an Mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die Ich tue, und wird größere denn diese tun." (Johannes: 14, 12)

Der Meister:
Wenn du, o begnadeter Pilger, die schöpferische Kraft des höheren Geistes erkannt hast, wirst du überzeugt sein, daß es keinen erhabenen Wunsch und kein göttliches Ideal gibt, das man durch die Kraft des Geistes nicht erreichen kann.
Entwicklung ist nichts anderes als Erweiterung des Bewußtseins, das heißt der Erkenntnis der Wahrheit.
Vom Un-Bewußtsein zum All-Bewußtsein zu wandern, aus der Knechtschaft zur Herrschaft zu gelangen, und vom Menschentum zur Gottheit emporzusteigen, ist der Menschenseele Daseinsziel.
Nur durch Vergeistigung kann der Mensch auf diesem Wege fortschreiten.
Nur mit dem Lichte des Geistes wird er sich im Bereich der endlosen Entwicklung bis zu Gott emporheben!
Erkenne jetzt, o vom Zweifel befreiter Pilger, daß der höhere Geist, die Quelle aller göttlichen Kräfte, immer seine Strahlen zu deinem physischen Körper niederströmen läßt.
Es liegt nur in deiner Hand, die Bahn dafür freizuhalten und von der Heilkraft deines höheren Geistes Gebrauch zu machen!
Erhebe dich darum zu deinem höheren Selbst! Laß durch Ihn die Saiten der Harfe deines Körpers vibrieren, so daß ihr Klang sich in Harmonie mit den Schwingungen des Weltalls verbinde. Dann wird ihr Ton rein und klar und im Einklang stehen mit der großen Weltallharfe. Dann wird deinen Körper eine herrliche Aura mit goldenen Strahlen umhüllen und die Lebenskraft der Sonne dich durchfluten.
Wie die Sonne am Tage immer da ist und nur die Wolken, der Nebel und die von Menschen errichteten Bauten sie daran hindern, ihre Strahlen bis in alle Ecken unserer Häuser zu senden, so ist es auch mit dem höheren Geist, der inneren Sonne des Menschen. Er ist immer bereit, den Körper als ein Offenbarungsfeld zu erleuchten.
Nur der Dunst und Rauch der niederen Triebe, Begierden, Wünsche und Gedanken hindern gleich dem Nebel seine heilenden Strahlen daran, zu allen Teilen des Körpers zu dringen und sie mit seinen Kräften zu beleben.
Überzeuge dich, o nach Wahrheit strebender Pilger, daß die Heilkraft des höheren Geistes dich nicht nur von deinen vergangenen Sünden erlösen, sondern auch dein Leben neu gestalten, dir feste Gesundheit, Lebensfreude und Seelenharmonie verleihen kann.
Sei stets eingedenk, daß dein höherer Geist ein Schöpfer im kleinen ist und dein Organismus ein Sonnensystem darstellt. Die sieben Kraftzentren deines ätherischen und physischen Körpers bilden ihre Planeten.
Da der höhere Geist das Gefäß der göttlich-schöpferischen Kräfte ist, durchdringen diese Kräfte, gleich Lebensströmen, welche von der Sonne als Odem (Prana) ausgehen, unseren mentalen Körper und geben uns die Macht des Bewußtseins unserer Geistigkeit und Göttlichkeit.
Wie der Lebensstrom der Sonne unseren für physische Augen unsichtbaren, feineren und außerphysischen Körper durchdringt und belebt, so durchflutet auch der höhere Geist unseren Mentalkörper oder Gedankenleib mit dem Strom des göttlichen Bewußtseins.
Jedes Wesen hat seine eigene Grundvibration oder Schwingungseinheit wie auch seinen Grundton und seine eigene Grundfarbe. Dies bedeutet, daß die Atome, welche seine Zellen zusammensetzen, eine bestimmte Geschwindigkeit und Schwingungszahl haben. Wer seinen Grundton und seine Grundfarbe gefunden hat und sie in Einklang bringt mit den Gesetzen der Natur, der wird eine blühende Gesundheit genießen.
Diese Atomgeschwindigkeit befindet sich in Wechselwirkung zum Herzschlag und Atem des Wesens.
Solange diese Schwingungseinheit besteht, das heißt die Harmonie zwischen Natur, Herzschlag und Atem nicht gestört wird, bleibt der Mensch gesund.
Wenn aber einmal irgendwie eine Änderung in der Schwingungszahl vorkommt oder die Harmonie gestört ist, entsteht eine Krankheit, weil der höhere Geist dadurch verhindert wird, das Organ normalerweise zu durchdringen und es lebendig zu erhalten.
Krankheit ist also nichts anderes als Störung der Harmonie und der Schwingungszahl in einem Organ.
Diese gestörte Harmonie wiederherzustellen, vermag nur der höhere Geist. Er allein hat die Macht und die Fähigkeit, dies zu vollbringen. Ohne seine Hilfe ist keine Heilung möglich, wie ohne Sonne kein Leben auf Erden denkbar ist.
Aber da im allgemeinen der höhere Geist bei der heutigen Menschheit noch nicht offenbart und wirksam ist, muß man, um diese Heilung zu vollbringen, erst die Bahn für die Einwirkung des höheren Geistes freimachen. Das kann nur durch Reinigung des niederen Geistes und des Herzens geschehen. Die Meditation ist das beste Mittel dazu.
Die bis jetzt von Menschen entdeckten und angewandten Heilmethoden sind nur Mittel, um die Einströmung der Heilkraft des höheren Geistes freizulegen, denn er allein ist der wirksame Heiler!
Rufe ihn, o Pilger, von ganzem Herzen an:
Urquell der Macht und Kraft!
Du reinigst und heilst, Du stärkst und erwärmst alle Organe meines Körpers. Ich verlange nach Dir, ich empfange Deinen Strom, ich atme Deinen Odem ein. Du machst mich lebendig, Du erhältst mich gesund, Du bist mein Lebensgrund!
Um die Wirkung unseres höheren Geistes zu ermöglichen, ist dem Menschen eine Kraft gegeben, die Berge sprengt: die Kraft, die Jesus in höchstem Maße besaß und anwandte und die auch im Herzen jedes Menschen schlummert.
Diese Kraft ist nichts anderes als lebendiger Glaube an den höheren Geist, den inneren Christus im Menschen.
Paramahansa Yogananda gebraucht anstelle des Begriffs "Innerer Christus" den Begriff "Christusbewußtsein, das überall in jedem Atom der Schöpfung gegenwärtig ist"; vgl. dazu seine "Autobio-graphie eines Yogi", O. W. Barth Verlag.
Jesus vollbrachte die größten Heilungen, weil Er vor allem seinen höheren Geist, den Gott, der in jedem Menschen wohnt, erkannte! Er erweckte diesen Glauben im Menschen, und dieser Glaube machte die Bahn frei für das Zuströmen der Heilkraft seines göttlichen Geistes in den Organismus der Kranken. Darum sagte er den Geheilten, ihr Glaube habe ihnen geholfen und sie geheilt.
Er nannte seine Jünger, die noch nicht heilen konnten, Kleingläubige und sagte, wenn sie einen Glauben hätten wie ein Senfkorn, könnten sie Berge versetzen und die schlimmsten Teufel austreiben. Gleichzeitig sagte er zu ihnen:
"Aber diese Art von Wundern könnt ihr nicht ausführen, denn durch Gebet und Fasten." Das heißt durch Meditation, durch seelische und körperliche Reinigung! – Denn das Gebet reinigt die Seele – und das Fasten den Körper, um beide fähig zu machen für Empfang und Übertragung der Heilkraft des höheren Geistes.
Dieses Heilen kannst auch du erreichen, wenn du an deinen höheren Geist, den Innengott in dir, glaubst und ihn in dir herrschen läßt. Denn Christus, der Heiler und Heiland, wohnt ja in dir selber. Er wirkt in dir, ist dein höherer Geist, dein wahres göttliches Selbst.
Glaube darum, o befreiter Pilger, an deinen höheren Geist und an seine Heilkraft. Dieser Glaube, auf wahrer Erkenntnis beruhend, wird dir Rettungsanker und Licht auf deinem Wege sein.
Lebe, wirke und atme im Glauben an dein höheres Selbst, den heiligen Geist in dir!
Wahrer Glaube ist kristallisierte Erkenntnis, die lebendige Wahrheit und vergeistigte Überzeugung. Glaube an dein höheres Selbst, dann wirst du dessen Macht verspüren – und staunen über die Wunder, die es durch dich vollbringen wird!
Wahrlich, wer seinen höheren Geist gefunden, wird über alles Leiden erhoben.
Wer in seinem höheren Geist lebt, das heißt seinen Körper von ihm leiten und lenken läßt, der wird frei vom Leid, denn er ruht an der Quelle des Lebens und des Heils!
Im kommenden Zeitalter wird der Mensch die Gesetze der geistigen Kräfte entdecken und sie für die Gesunderhaltung seines Körpers verwenden.
Jeder wird sein eigener Arzt und Heiler sein und in Harmonie leben mit der Natur und seinem Schöpfer.
Wer den Gottesgeist als sein wahres höheres Selbst anerkennt und sich durch volle Hingabe mit ihm vereint, hat den Kreislauf seines irdischen Daseins vollendet und das Ufer der Unsterblichkeit erreicht.
Wenn du dich, o glaubensdurstiger Pilger, danach sehnst, diese Macht schon in diesem Leben zu erwerben und dein eigener Heiler zu werden, mußt du vor allem die Kunst des geistigen Schweigens lernen und ausüben!
Nur durch die Heilkraft des geistigen Schweigens kannst du deinen niederen Geist rein, gesund und frei machen. Erst dann wird dein höherer Geist seine Kräfte auf dich ausströmen – und durch seine Kräfte wirst du von allen Leiden befreit. Dieses geistige Schweigen erlangt man durch die göttliche Kunst der Meditation!
Siehe mein Buch: "Wie sollen wir meditieren?"
Suche aber, o erleuchteter Pilger, deinen höheren Geist, deinen Heiler und Meister nicht außerhalb von dir, sondern in deinem eigenen Herzen, denn dort wohnt er und wartet auf dich!
Schweigen!
Der persische Dichter Hafis hat diese große Wahrheit wunderbar ausgedrückt:
Jahrelang hat mein Herz den Becher des erlösenden Elixiers von mir verlangt.
Sieh da! Es verlangte von einem Fremden das, was es selber schon besaß!
Sieh das Rätsel: Das Herz verlangte die göttliche Perle der Wahrheit, welche außerhalb des Ozeans von Raum und Zeit liegt, von den armen Wanderern, die am Ufer der Vergänglichkeit ihren Weg verloren hatten.
Ich habe dieses schwere Problem vor das heilige Oberhaupt der Magier, der großen Erkenner, gebracht, das mit Hilfe der göttlichen Eingebung alle Rätsel zu lösen fähig war.
Ich sah den Meister froh und selig – den Becher des Elixiers in der Hand haltend, erschaute er in diesem Weltspiegel die hundertfältigen Wunder!
Ich fragte ihn: "Wann hat dir der allweise Gott diesen weltspiegelnden Becher geschenkt?"
Er sagte: "An dem Tag, an dem Er das kristallene, blaue Gewölbe des Himmels baute."
Ich habe ihn weiter gefragt: "Was könnte von dem Reiz der Schönheit Gottes verloren gehen, wenn Er den Schleier des Geheimnisses von Seinem Antlitz lüften würde?"
Er antwortete: "Jener Geliebte, durch den das Kreuz der ewigen Verehrung geweiht wurde, hatte keine andere Schuld als die, daß er Geheimnisse Gottes enthüllte!"
Er weist auf Jesus hin, den die Hohepriester mit der Enthüllung der Geheimnisse Gottes angeschuldigt und verurteilt hatten. Damit wollte der Meister sagen, daß er seine Frage nicht beantworten und solche Geheimnisse ihm nicht enthüllen darf.
Wenn der Heilige Geist noch einmal seine Hilfe verleiht, werden auch andere das vollbringen können, was einst der Messias vollbracht hat.
Dein Herz aber, das von dir das welterlösende Elixier verlangt, ist gefühllos, denn es ahnt nicht, daß Gott immer mit ihm ist. Daher sucht es Ihn außerhalb seiner selbst und ruft nur aus der Ferne: "O Gott! O Gott!"
Schweigen!

6. Wie der Heilsucher das Schweigen des niederen Geistes üben kann
Eine einzige Stunde rechten Denkens ist besser als siebzigjährige Anbetung! (Mohammed)
Sei nicht Finsternis, wo du Licht werden kannst! Sei nicht Dorn, wo du Rose werden kannst! Sei nicht Dämon, wo du Engel werden kannst!


Der Meister:
Alle Religionen und alle Einweihungen in den Mysterientempeln und den mystischen Orden bei allen Völkern bezwecken das Erreichen der Selbsterkenntnis, das heißt das Erkennen des Gottesgeistes als wahres Wesen des Menschen! Diese hohe Stufe der Entwicklung kann aber nicht erreicht werden, ehe der niedere Geist schweigt, das heißt bis die tierische Natur des Menschen umgewandelt und vergeistigt ist.
Wahrlich, es ist sehr schwer, sich selbst zu überwinden!
Dies ist aber der einzige Weg zur Erlösung; und der geistige Wille im Menschen ist mächtiger als alle anderen Kräfte der Natur!
Einige Mitglieder der Menschenfamilie haben schon diese übermenschliche Stufe erreicht und sind zu Geistesmenschen und zu Gottmenschen geworden. Sie haben durch ihr segensreiches und aufopferndes Leben zur Genüge bewiesen, daß das Erreichen dieses hohen Ziels zugleich möglich und notwendig ist!
Ich will, o mutiger Kämpfer, deinen Wagen auf dem Kampfplatz deines Herzens lenken; du selber mußt aber mit eigener Kraft den Feind, der in deiner Brust wohnt, bekämpfen und besiegen.
Laß die Worte Christi stets in deinem Herzen ertönen:
"Den Überwinder will ich zu einer Säule in meinem Tempel machen."
Ich will dir zeigen, wie du deinen inneren Feind, deine niederen Gedanken, den Urheber aller deiner ungöttlichen Gefühle, Begierden und Leidenschaften besiegen kannst.
Sieben Waffen stelle ich zu deiner Verfügung, o kampfbereiter Pilger. Du kannst die eine oder die andere, je nach deiner inneren Einstellung und je nach dem Falle, zu deiner Verteidigung oder zum Angriff verwenden!
1. Wenn ein unerwünschter Gedanke, ein unreines Gefühl oder eine Leidenschaft in deinem Gemüt auftaucht, stelle dir sofort und lebendig den Gegensatz derselben vor. Zum Beispiel stelle gegen Haß – die Liebe! gegen Neid – das Wohlwollen! gegen Zorn – die Ruhe usw. Sprich in solchen Fällen einige Male laut oder im Geiste:
"O nein! Diese Gedanken und Gefühle gehören nicht zu mir, sie stammen nicht von meinem höheren göttlichen Selbst. Ich muß lieben, gut sein, gönnen, verzeihen, mich beherrschen, vergeben usw."
Wisse aber, daß alle diese grauenhafte Produkte deines niederen Geistes nur Schatten sind – und ihre Gegensätze in deinem höheren Geist als Lichtstrahlen liegen. Erhebe dich bis zu ihm, empfange sie und setze sie gegen diese Gespenster in Tätigkeit. Wo das Licht erstrahlt, da verschwindet von selbst die Dunkelheit.
2. Stelle dir sofort die gefährlichen Folgen der auftauchenden niederen Gedanken vor. Male dir den seelischen Schaden, die moralische Schande und den Gewissensschmerz aus, die danach folgen könnten. Dieses Mittel ist aber nur dann zu gebrauchen, wenn alle anderen Mittel unfruchtbar bleiben.
Noch besser wäre es jedoch, wenn du die Resultate des gegensätzlichen, positiven, lichtvollen Zustandes dir so lebhaft wie möglich vorstellen könntest, zum Beispiel, wie das Verhalten eines Heiligen oder Meisters an deiner Stelle sein würde. Denke und handle so, als ob du wirklich ein Heiliger oder Meister wärest.
3. Beim Auftauchen eines negativen Gefühls oder Gedankens ändere sofort deine körperliche Lage, atme einige Male tief ein und aus und stelle dir dabei vor, daß du beim Einatmen die Heilkraft und den reinen Lebensodem des Gottesgeistes einziehst; damit reinigst du gründlich deinen niederen Geist, und beim Ausatmen stößt du die unreinen Gedanken und Gefühle mit aus.
4. Hefte deine Blicke sogleich und scharf auf irgend etwas, worauf deine Augen fallen. Betrachte es so gründlich, als ob du es zu erforschen beauftragt wärest. Bei lebhafter Erregung schaue sofort dein eigenes Gesicht im Spiegel an oder dein eigenes Bild oder das eines unschuldigen Kindes. Dein niederer Geist wird sich schämen, beruhigen und umdenken.
5. Stelle dir sofort die Gegenwart und die Gestalt deines Heilands oder deines geistigen Führers, eines Meisters oder einer Person, die du liebst und verehrst, vor! – oder betrachte das Bild eines solchen Menschen und denke, daß er alle Tiefen deiner Seele erforscht, alles, was da geschieht, sieht, erkennt – und dich warnt!
6. Fange sofort an – zu singen! – oder zu meditieren! Das Gebet ist ein seelisches Bedürfnis und Schutzmittel gegen unreine Gefühle und Gedanken. Wenn es richtig und innerlich gesprochen oder meditiert wird, wirkt es heilend und gewährt Frieden und göttliche Ruhe!
7. Sprich sofort laut oder im Geiste so oft wie möglich zu deinem niederen Ich:
"Sei still, o mein niederer Geist, sei vernünftig und gehorsam! Ich, als dein Herr, verbiete dir, unreine Gedanken hervorzubringen, unerwünschte Gefühle zu hegen und unheilvolle Triebe zu erzeugen! Du bist meiner göttlichen Gesinnung nicht würdig, und wenn du dich nicht umwandelst und veredelst, wirst du aus meiner Gegenwart für immer verbannt. Reinige und entschlacke dich selbst und werde erleuchtet, gleich meinem göttlichen Zustand. Gehorche meinem göttlichen Willen, dann wirst du geliebt, verehrt und geschützt von mir!
Wandle nicht mehr im Schatten, sondern laß dich durch meine Strahlen erleuchten! Ernähre dich nur mit meinen heilsamen Gefühlen und Gedanken. Wisse, daß dein Dasein von deinem Gehorsam abhängt. Wähle dir den Weg der Weisheit und der Vernunft, statt des Selbstwahns und des Verderbens!
Hege reine Gedanken, gesunde Gefühle, geistige Triebe, aufbauende Erinnerungen, edle Ausdrücke und wohlwollende Wünsche, denn diese sind Bedingungen deiner Erlösung. Solange du dich in den tiefen Schichten der Finsternis aufhältst, wirst du nicht erlöst und wirst an meiner Herrlichkeit nicht teilhaben können."
Diese Einstellung empfiehlt auch Thomas Kempis in seiner "Nachfolge Christi" und läßt Jesus zu ihm sprechen:
"Rechne es ihm (dem niederen Geist) zu, wenn dir böse und unreine Dinge einfallen, und sprich zu ihm:
,Gehe hin, du unreiner Geist, schäme dich, du armer, unsauberer Geist, daß du solche unreine Dinge in meine Ohren trägst. Weiche von mir, du böser Betrüger, du wirst keinen Teil an mir haben! – sondern Christus wird bei mir sein, wie ein starker Streiter, und du wirst nur mit Schanden bestehen. Schweig und verstumme! Ich will dich ferner nicht hören, wieviel du mir auch Leides und Ungutes antust.
Der Herr ist mein Licht und mein Heil! Der Herr ist mein Helfer und mein Erlöser!' "
Wie du merkst, o überzeugter Pilger, haben alle diese Mittel nur ein einziges Ziel, nämlich das Ablenken der Gedanken auf eine neue positive Bahn hin, um den Vorgang der Umwandlung, der seelisch-geistigen Alchimie, zu vollbringen.
In allen diesen Mitteln sind Wille, Vorstellung und Besinnung als Werkzeuge zu gebrauchen! Nun triff du selber deine Wahl nach deinem jeweiligen Zustand.
Wohl ist es schwer, o Geistesheld, den Kampf gegen seine niedere Natur zu gewinnen, aber unmöglich ist es nicht.
Nur der kann die Krone des Sieges tragen, der mit dem Schild des Opfermutes und mit dem Panzer der Beharrlichkeit ausgerüstet ist.
Wenn du auf diesem Wege mit Zuversicht unermüdlich verharrst, sei sicher, daß auch du den erwünschten Erfolg erreichen und als Sieger den Kranz des Seelenfriedens und der Erlösung empfangen wirst.
Stelle dir ein Gefäß voll schlammigen Wassers und schädlicher Lebewesen vor. Wenn du dieses Wasser, ohne das Gefäß zu entleeren, reinigen willst, mußt du so lange reines Wasser in das Gefäß pumpen, bis das alte Wasser mit dem neuen überläuft und kein Tropfen schmutzigen Wassers und kein schädliches Lebewesen mehr übrigbleibt.
Du mußt aber ausgiebig und beharrlich pumpen, damit kein einziges schädliches Lebewesen übrigbleibt, das sich im frischen Wasser vermehren und mit der Zeit das Wasser wieder verunreinigen würde.
Du wirst dann bemerken, daß diese Parasiten beim ersten Einpumpen frischen Wassers noch lebendiger und kräftiger werden; aber durch das weitere Pumpen werden sie gezwungen, ihren Ort zu verlassen.
So geschieht es auch im Gemüte des ernst strebenden Pilgers. Zuerst werden seine Triebe und Begierden heftiger und lebendiger als zuvor, aber er wird seinen Mut nicht verlieren, sondern in seinem Reinigungswerk weiter fortfahren und in sein Gemüt neue, reine und heilige Gefühle, Triebe und Gedanken einströmen lassen. Allmählich werden seine alten Gefühle und Gedanken ausscheiden und ihren Platz den neuen harmonischen, heilsamen Gefühlen und Gedanken überlassen.
So wird endlich der niedere Geist gereinigt und klar, und das Höhere sich in ihm widerspiegeln wie der Mond im stillen, klaren Wasser.
Dieser neu geschaffene Zustand wird keinen günstigen Boden für die Geburt schädlicher Triebe mehr bilden, sondern das Gemüt gegen den Einfall negativer Gedanken schützen und für die Zuströmung der Heilkraft des höheren Geistes, des Christus im Menschen, einen geeigneten Boden bereiten.
Rüste dich darum, o Pilger, mit Zuversicht aus und sei deines Sieges bewußt, denn:
Heilig ist dein Ziel!
Auch wenn durch Felsen und Schluchten Dein Weg dich führt, schreite ihn in Gottvertrauen, voller Hoffnung und Zuversicht. Vertraue auf Gott, o Wanderer, er wird zum Ziel dich führen. Laß dich nicht locken, noch stören von Menschengetue und -lärm. Banne den Zweifel, steh nicht still, ob es stürmt oder die Sonne scheint. Schreite mit sicherem Fuß deinen Weg, frohgemut bei Tag und bei Nacht. Strebe mit Zuversicht nach deinem Ziel: liebend dienen der Menschheit.
Schweigen!

Der Pilger:
Wie die Töne einer Zauberflöte, so fesseln mich, o heiliger Meister, deine göttlichen Worte.
An deiner Schwelle, o heiliger Tempel der Erleuchtung, trinkt meine Seele den Nektar der Erlösung!
Ich habe diesen Trank über dem Sternenzelt gesucht, ich fand ihn an deinem Altar. Mein Entschluß ist gefaßt. Meine Dankesschuld kann ich nur durch Aufopferung abtragen! Nimm mich, o heiliger Tempel der Wahrheit, in deine Dienerschaft auf!

7. Vor dem großen Altar des Tempels
Lauscht, ihr Brüder und Schwestern, im Tempel der Wahrheit. Hört, wie die Engel flüstern: "Friede und Heil dir, o Menschheit!"
Der Pilger:
Herr Gott! – Träume ich oder ist es Wirklichkeit?
Ein Lichtmeer umhüllt mich!
Es scheint mir, als ob ich in der Luft schwebe.
Es ist mir, als wenn ich in die Sonne versetzt wäre.
Eine himmlische Melodie umtönt mich und setzt mein
Herz in harmonische Schwingung mit dem Weltall!
Ich lausche ihr innig, nicht mit den Ohren, sondern mit allen Atomen meines Körpers, denn alle meine Zellen schwingen mit.
Ich lausche ihr mit meiner ganzen Seele!
Auch wenn dies nur ein Traum wäre – so würde ich ihn gerne dem irdischen Leben vorziehen!
O erlösender Tempel! Wie magisch wirkt deine Heilkraft! Wie segensreich ist deine Atmosphäre! Wie erhebend deine himmlische Melodie!
Ich lausche; die Melodie verdichtet sich, ändert ihren Ton und nimmt den Charakter einer Stimme an.
Ja, sie ist eine Stimme geworden, eine himmlische Stimme.
Ich vernehme sie:
Du bist in der Wirklichkeit, o lichtsuchender Pilger!
An meinen Altar tritt nur, wer seine niederen Begierden im Feuer der Sehnsucht verbrannt, sein Herz mit dem Lichte der aufopfernden Liebe geläutert und seine Seele durch Selbsterkenntnis befreit und mit Gottesweisheit ernährt hat.
Dein Mut, dein Eifer, deine Geduld, Treue und Ausdauer haben dich zu mir geführt und dir die Tür zu meinem Altar geöffnet.
Sei gesegnet, o siegreicher Pilger!
Erkenne nun, daß die heilige Flamme auf meinem Altar nur aus der Glut göttlicher Liebe hervorgeht und sich nur durch Opfer ernährt, das meine treuen, unsterblichen Diener darbringen!
Wenn du dich sehnst, in meine Dienerschaft aufgenommen zu werden und den heiligen Trank der Unsterblichkeit aus meiner Hand zu erhalten, dann mußt du die unauslöschbare Flamme der göttlichen Liebe in deiner Seele entzünden – und deine Opferbereitschaft bezeugen!
Dein Herz ist deine Opferschale, o liebreicher Pilger, doch niemals darfst du dich mit leerer Schale meinem Altar nähern!
Fülle die Schale deines Herzens mit dem Elixier des Glaubens, der Treue, Hingebung und Dankbarkeit!
Erkenne die sieben göttlichen Wahrheiten, lebe danach und mache sie zu einem untrennbaren Teil deines Lebens:
1. Keine Religion ist höher – als die Wahrheit!
2. Keine Wahrheit ist höher – als die Selbsterkenntnis!
3. Keine Erkenntnis ist höher – als die Gottesweisheit!
4. Keine Weisheit ist höher – als die Einheit!
5. Keine Einheit ist höher – als die allumfassende Liebe!
6. Keine Liebe ist höher – als die Selbstaufopferung!
7. Keine Selbstaufopferung ist höher – als die Selbstaufopferung für die Erlösung der Menschheit!
Du hast noch die sieben heiligen Aufgaben zu erfüllen:
1. Halte stets deine Zunge, dein Herz, dein Gemüt und deinen Verstand rein! Lerne göttlich zu reden, zu fühlen, zu wollen, zu denken und zu handeln!
2. Betrachte alle Menschen und Wesen als deine Brüder, und liebe sie alle von Herzen!
3. Ringe unermüdlich nach wahrer Erkenntnis, nach göttlicher Weisheit. Sie verleiht dir Unterscheidung, Einsicht und Erleuchtung und macht dich von Eigendünkel und Irrtum frei.
4. Sei alleiniger Herrscher in deinem Haus, das heißt beherrsche deinen Körper, deine Triebe, Begierden, Gefühle und Gedanken.
5. Sei Gebieter deiner niederen Natur, doch untertan deinem höheren Selbst.
6. Deine Liebe soll unbefleckt und frei sein von Selbstsucht, nur erfüllt von Hingabe und Opferfreudigkeit.
7. Güte, Friede und Liebe sollen alle deine Blicke, Worte und Taten ausstrahlen!
Bist du nun bereit, diese Wahrheiten anzuerkennen und diese Pflichten zu übernehmen und mit unerschütterlichem Glauben, in voller Hingabe zu erfüllen?
Du schweigst, o Pilger, dein Schweigen nehme ich als dein Gelübde an.
Wohlan, o heiliger Bruder! Du bist in die segenbringende Dienerschaft meines Tempels, in die Ritterschar der Diener der Menschheit und der Lichtkämpfer der Wahrheit aufgenommen!
Schweigen!

VI. Danksagung und Entschluß des Pilgers
Meine Seele zittert aus Dankbarkeit zu dir, und ruft aus: Erhabener Meister! Seitdem ich den heiligen Kelch des Schweigens aus Deiner Hand empfing, habe ich nur einen Tropfen getrunken; dieser einzige Tropfen hat meine Seele berauscht und trunken gemacht. Was für himmlische Seligkeit werde ich empfinden, wenn ich die Kraft haben werde, den ganzen Becher zu leeren!
Ein einziger Blick der Liebe von Dir, o lebendige Wahrheit, hat mir die Pforten des Himmelreichs geöffnet.
Wie groß und gewaltig wird meine Freude sein, wenn meine Augen Dein Antlitz in stiller Anbetung schauen werden.
Ein einziger Ton der Weisheit von Dir hat in der Tiefe meiner Seele eine ewig berauschende Symphonie erweckt; wie bezaubernd wird die Wirkung Deiner Worte sein, wenn meine geistigen Ohren Deine Stimme völlig wahrnehmen werden!
Wahrlich, Deine Güte kennt keine Grenzen!
Deine Liebe ist unerschöpflich wie das Licht der Sonne! Deine Weisheit erhaben wie Gottesgeist in Dir.
Wie leer wäre mein Leben, wenn Deine Liebe mich nicht zu Dir geführt hätte!
Wie versklavt bliebe meine Seele, wenn sie den Weg durch Dich zur erlösenden Wahrheit nicht gefunden hätte!
Ich erkenne nur eine einzige, heilige Pflicht: mich Deiner Liebe würdig zu erweisen!
Ich erkenne nur eine einzige Glückseligkeit: den Hauch Deiner Weisheit einatmen zu dürfen!
Ich folge einem einzigen Ziel: den Weg zu gehen, den Du selber gegangen bist und den Du mir gezeigt hast! Darum fasse ich meinen heiligen Entschluß und gelobe Dir:
Deine Lehren in mein Leben aufzunehmen, daß sie zur lebendigen Macht werden, zum Heil der Menschheit. Erhabener Gott! Schöpfer, Ernährer und Erhalter aller Welten! Nimm den Lobgesang und das Gelübde meiner dankbaren Seele an!
Die erwachte suchende Seele, die diese Lehre der Gottesweisheit von dem in ihrem eigenen Herzen wohnenden Meister, dem heiligen Geist der Wahrheit, empfangen hatte, stand nun auf dem Berge der Erkenntnis, umhüllt vom Lichte wahren Glaubens. Sie erhob ihre Hände zum Himmel und sprach mit Inbrunst aus:
O Du großer Gott!
O Du großer machtvoller Gott! Urgrund und Schöpfer aller Welten. Laß alle meine Gefühle und Gedanken im Feuer der opferfreudigen Liebe gereinigt und geheiligt werden. Gib mir Deiner Weisheit helles Licht, die Kraft der Hingabe und Opfermut. Und segne alle meine Worte und Taten. Auf daß ich in Deinem heiligen Namen dem Heil und der Erlösung der Menschheit in Demut und Dankbarkeit dienen kann.
Friede sei mit allen Wesen im Weltall!
Heil und Segen allen Wesen im Weltall!
Schweigen!

Worte von Paramahansa Yogananda:
Es gibt verschiedene Techniken, die einem helfen, den GEIST zu finden. Eine davon ist das Schweigen. Euch in Schweigen zu üben, bedeutet, alle Wünsche zum Schweigen zu bringen, die von außen in euer Bewußtsein einzudringen versuchen; dann erst könnt ihr tief nach innen tauchen und eure Seele fühlen.
Wenn ich in tiefem Schweigen meditiere und mein Atem aussetzt, durchrieselt mich ein seliger Schauer, und dann flüstert Gott mir zu: "Ich bin hier."
Glaubt nicht, daß die Suche nach Gott nur aus Meditation bestehe! Jede gute Eigenschaft, die ihr durch eure Gedanken und Handlungen ausdrückt, bringt den verborgenen Nektar der göttlichen Gegenwart zum Fließen, vorausgesetzt, daß eure innere Wahrnehmung tief genug geht.
Nichts anderes als nur die Reinigung seines Geistes verleiht dem Menschen die Fähigkeit, sich von den dreifachen, die Reinkarnation erzwingenden Eigenschaften der menschlichen Natur zu befreien – den sattwischen (geistig höher entwickelnden), den radschastischen (zu Tätigkeiten anregenden) und den tamastischen (geistig erniedrigenden) Eigenschaften.
Wißt ihr auch, daß in eurem Innern, in eurer Seele, ein herrlicher Garten liegt? Ein Garten voll wundersamer Gedanken, die den Duft der Liebe, der Güte, des Verstehens und Friedens verbreiten – süßer als der aller irdischen Blumen. Jedesmal, wenn jemand euch in seinem Ärger mißverstanden hat und ihr ihm weiterhin Liebe erweist, habt ihr eine duftende Blume erblühen lassen. Hält der Duft solch verständnisvoller Liebe nicht länger an als der jeder Rose? Betrachtet euren Geist deshalb immer als einen Garten; pflegt ihn, damit er schön bleibt und den Duft göttlicher Gedanken verbreitet; laßt ihn nicht zu einem Sumpf werden, in dem übelriechende, gehässige Launen wuchern. Wenn ihr die himmlisch duftenden Blumen des Friedens und der Liebe züchtet, wird sich die Biene des Christusbewußtseins in euren Garten stehlen. So wie die Biene nur honigsüße Blumen aufsucht, so kommt Gott nur zu euch, wenn euer Leben vom Honig süßer Gedanken erfüllt ist. Nehmt euch vor, daß ihr in eurem Garten guter Seeleneigenschaften das übelriechende Unkraut des Zorns nicht dulden werdet. Je mehr blumenhafte göttliche Eigenschaften ihr entwickelt, desto eher wird Gott eurer Seele Seine geheime Allgegenwart offenbaren.
Derjenige liegt in den Armen der Täuschung gefangen, der einen anderen Himmel ersehnt als das Einssein mit Gott – die wahre Quelle der Glückseligkeit.
Viele Täuschungen sind am Werk, um den Menschen davon abzuhalten, nach dem Erleben des Kosmischen Bewußtseins zu streben.

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update 23.03.2000 Thomas Linsner