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Der geheimnisvolle Lebensbaum
von H. K. Iranschähr


Einleitung

Jeder einsichtsvoll denkende und tiefschauende Mensch erkennt, daß seit der Erschaffung des Menschen ein harter Kampf sein Leben durchzieht. Er ahnt, daß das menschliche Leben von Anfang an durch sittliche Niederlagen hindurchgegangen ist.
Er gesteht, daß der zum Ebenbild Gottes erschaffene Mensch, wenn er auch oft göttlich gehandelt und schöpferisch gewirkt hat, einen Fall erlitten haben muß, der ihn von seiner ursprünglichen Würde und Unschuld herabgezogen hat, wodurch er sich von Gottes Reich und Ordnung entfernte.
Er versteht aber den Grund und den wirklichen Vorgang dieses Falles nicht. Daher findet er keine Beziehung zwischen diesem Sündenfall und der Schlange sowie dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, dessen Früchte der Urmensch gekostet, was nach den Überlieferungen der Heiligen Schriften zum Sündenfall geführt hat, dessen Mythos mit dem Schleier der Symbole verhüllt ist. Die Schöpfungsgeschichte des Menschen ist in der Tat mit dem Siegel der allegorischen Bilder versiegelt worden, und der Schlüssel dazu ist verloren gegangen.
Die vorliegende Schrift bietet nun dank der Gnade Gottes den richtigen Schlüssel zum Mythos des Sündenfalls und der Erbsünde. Dadurch wird jedem klar, daß dieser Mythos weder eine erdichtete Erzählung, noch eine, wie manche glauben, unreale, mystische und heilige Sage, sondern die symbolische Darstellung einer wirklichen Tatsache ist, die auf einen wissenschaftlich anerkannten und im menschlichen Körper stattfindenden organischen und allgemeingültigen Vorgang hinweist.
Man wird erkennen, daß diesem Mythos eine auf Wahrheit beruhende prophetische Offenbarung zugrunde liegt, und wir werden auch lernen, was wahre schöpferische und esoterische Mystik ist.
Dieser Schlüssel wird uns befähigen, nicht nur den Urgrund des Sündenfalls zu erkennen, sondern er wird uns auch auf die Mittel hinweisen, kraft derer wir die tragischen Folgen des Sündenfalls und der Erbsünde zu beseitigen vermögen. Er wird uns also auf den richtigen Weg zur Erlösung und zur Enthüllung des Geheimnisses der wahren Alchimie führen.
Es ist nach der Ansicht einzelner, die sich auf göttliche Offenbarungen aus der Geisteswelt berufen, anzunehmen, daß dem Sündenfall des Urmenschen ein Sündenfall der Engel oder Geister vorangegangen sei. Mit anderen Worten: Der Sündenfall des Menschen auf dieser Erde sei eine Widerspiegelung oder die Folge des Falls der Geister, der sich im Himmel, das heißt in der Geisteswelt, ereignet haben soll.
In der vorliegenden Schrift wird dieses Problem des Falls der Geister oder Engel nicht behandelt, weil es mit dem menschlichen Verstand nicht erfaßt und mit materiellen Mitteln nicht erforscht werden kann.
Hier werden wir nur den Vorgang des menschlichen Sündenfalls auf dieser Erde, seine physischen und geistigen Folgen und die Mittel der Erlösung von denselben erforschen und darstellen.
In dieser Darstellung und Erklärung vereinigen sich das Psychische und das Moralische, der Leib und die Seele, Wissenschaft und Religion, Dogmatik und Mystik, Symbolik und Wirklichkeit. Dadurch wird bewiesen, daß diese scheinbar gegeneinander kämpfenden oder wirkenden Wissensgebiete doch in Einklang gebracht werden können, ja einander sogar erklären und ergänzen.
Möge der Heilige Geist der Wahrheit diese Schrift durchdringen und die nach Erlösung und Vollkommenheit suchenden Seelen auf den rechten Weg weisen!
H. K. Iranschähr

Die Erschaffung des Urmenschen und sein Sündenfall
Als der Mensch erschaffen wurde, bewunderten ihn viele Engel, einige aber beweinten sein Schicksal!

Die zweifache Natur des Menschen
Der Mensch ist wahrlich ein rätselhaftes Geschöpf und birgt in sich ein großes Mysterium.
Mohammed hat gesagt:
"Allah sprach: ,Der Mensch ist Mein Geheimnis und Ich bin sein Geheimnis!' "
Der Mensch besitzt in der Tat alle Gegensätze in sich: das Gute und das Böse, das Göttliche und das Teuflische, den Engel und das Tier, den Himmel und die Hölle, die dunkle Materie und den lichten Geist, den Körper und die Seele, die blinde Kraft und das Bewußtsein, die Gebundenheit und die Freiheit oder die Notwendigkeit und die Möglichkeit!
Diese gegensätzlichen Kräfte sind voneinander getrennt und bekämpfen scheinbar einander. Doch arbeiten sie zusammen für dasselbe Ziel und bilden eine einzige Wesenheit oder Einheit. Sie werden im Laufe der Entwicklung ineinander verschmelzen und zu einer Einheit werden, um zu ihrem gemeinsamen, ursprünglichen Quell zurückzufließen.
Dies ist das Wunder und das Geheimnis des menschlichen Wesens und der Schöpfung überhaupt.
Diese zweifache Natur des Menschen kommt immer in seinem täglichen Leben in Form von Tugend und Laster und als Lust und Unlust, als Glück und Unglück oder Freude und Leid und als Neigung und Abneigung usw. zum Ausdruck.
Jeder einsichtsvolle Mensch, der sein Leben beobachtet, wird sicher feststellen können, daß zwei gegensätzliche Kräfte oder Mächte in ihm miteinander kämpfen und um die alleinige Herrschaft ringen. Die eine will ihn von den Fesseln der Materie befreien, zur höheren Sphäre der Geistigkeit, der Reinheit und der Gottebenbürtigkeit emporheben, mit einem Wort, ihn zu einem Heiligen Gottmenschen machen.
Die andere Kraft oder Macht will ihn in den Pfuhl der niederen Triebe und Laster herabziehen und ihn in der sumpfigen Region der Niederträchtigkeit und der Bosheit festhalten und aus ihm einen grausamen Dämon machen.
Diese Dualität des menschlichen Wesens, welche ihre Entsprechung in der Natur, in den positiven und negativen Kräften hat, finden wir in den Mythen und Legenden aller Völker symbolisch in mannigfacher Art dargestellt.
In der griechischen Philosophie und Mythologie vereinigt Eros, Gott der Liebe, in sich die höchste göttliche Liebe zum Wahren, Schönen und Guten, wie auch die sinnlich tierische Liebe.
Zarathustra sagt in bezug auf diese Zweiheit der Natur des Menschen im Anfang der Schöpfung folgendes:
"Ich will zu euch von jenen zwei Geistern sprechen, welche am Anfang des Lebens anwesend waren, und der Heiligere von ihnen sagte zu dem Unheiligen: ,Wahrlich, unser Gedanke, unsere Lehre, unsere Vernunft, unser Wunsch, unsere Worte und Taten und unsere Seelen sind nicht ein und dasselbe.' " (Die Gathas von Zarathustra, übersetzt von H. K. Iranschähr. Berlin, 1930. (Yasna 45,2.)
Diese Dualität weist gleichfalls auf die okkulte Weltanschauung hin, daß der Mensch ursprünglich ein zweigeschlechtliches, also männlich-weibliches Wesen war, und daß erst später in der Lemurischen Zeit die Geschlechter von einander getrennt wurden. Die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams, des ersten Menschen, wie der Mythos sagt, stellt sinnbildlich diese Trennung dar. Auch nach der indischen Mythologie waren die Geschlechter zuerst ungetrennt. Das Ideal wird in dem männlich-weiblichen Gott Shiva dargestellt. Seine linke Hälfte ist Devi (Göttin). Zuletzt wurde aus Fleisch und Knochen des Mannes das Weib gebildet. Schon in der Schöpfungsgeschichte des Manu wird das Bild von Brahman gebraucht. "Seinen eigenen Körper teilend, wurde der Herr halb Mann und halb Weib."
Nach dem Mythos des Sündenfalls, da der Baum der Erkenntnis die beiden Eigenschaften des Guten und des Bösen besaß und der Mensch seine Früchte kostete, hat er darnach von Anfang an eine zweifache Natur gehabt, ein Teil vom Guten oder Gott und ein anderer Teil vom Bösen oder Satan. Er ist zugleich himmlisch und irdisch, tierisch und engelhaft. Er steht auch zwischen dem Tier- und Engelreich. Darum kämpfen in ihm zwei Naturen oder die Mächte des Lichts und der Finsternis.

Das Herausfallen des Menschen aus der Gottesordnung
Wenn man sich das Leben der Menschenrasse seit dem Eintritt des Menschen in das Dasein vor Augen hält, erkennt man mit tiefem Bedauern, daß das böse Element im Menschen im allgemeinen immer vorherrschender gewesen ist. Die dunkle Seite seiner Natur hat immer noch die Oberhand.
Trotz aller großen Fortschritte, wunderbaren Errungenschaften, Erfindungen und genialen Kulturgüter und Denkmäler, die der Mensch im Laufe seiner Entwicklung bis heute hervorgebracht hat, sind seine bösen und zerstörenden Gedanken und Taten immer überwiegend geblieben. Denn er hat sich in mancher Hinsicht viel wilder, blutdürstiger und raubsüchtiger erwiesen, als die wildesten Raubtiere, so daß manche geistig erwachten und erleuchteten Seelen in tiefer Verzweiflung ausgerufen haben:
"Es ist wahrlich entsetzlich, ein Mensch zu sein!"
Wenn man aber anderseits erkennt, daß, wie alle Religionen und Weisen verkündet haben, der Mensch als Geistwesen mit Gott verwandt und verbunden ist und daß Gott ihn als Sein Stellvertreter auf Erden (im Koran) und als Sein Ebenbild (in der Bibel) erschaffen hat, so wird man in Staunen versetzt und sich fragen:
Wie ist es dann möglich, daß dieser von einem allweisen, reinen, guten und vollkommenen Gott zu Seinem Ebenbild geschaffene Mensch ein solch tierisches, ja teuflisches Leben führen und diese Erde zu einem menschlichen Schlachthof, zu einer wahren Hölle machen kann?
Daher haben viele erleuchtete Denker und Seher erklärt, daß der Mensch ursprünglich als reines, heiliges Geschöpf aus der Hand Gottes hervorgegangen und erst später verunreinigt und verdorben worden sei.
Es müsse daher etwas mit dem Menschen geschehen sein, das mit dem Urplan und Willen Gottes nicht übereinstimmte und in Widerspruch stand. Der Mensch ist also aus Gottes Weltordnung herausgefallen.
Daß etwas Ungöttliches im Menschen erzeugt worden ist, das ihn aus der göttlichen Weltordnung herausgerissen hat, darüber zweifeln die Weisen nicht. Wie aber dieser Fall oder diese Absonderung zustande gekommen sei, darüber sind die Ansichten verschieden.
Walter Schubart sagt:
"Schon den Denkern des Altertums drängte sich die schmerzliche Überzeugung auf, daß der Mensch nur durch eigene Schuld oder zur Verbüßung eines vorweltlichen Verbrechens in die Welt der Zerklüftung gelangt sein konnte, daß er zum mindesten durch den Eintritt in die Individuation die Urschuld auf sich lud. Anaximenes vermutete ein Urverbrechen, das die Einheit der Welt zertrümmerte. Nach orphischer und gnostischer Lehre ist die menschliche Seele durch eine Art Sündenfall aus ihrer göttlichen Heimat in das irdische Sein herabgestürzt. Eingeschlossen in das Grab des Leibes sehnt sie sich nach Rückkehr in ihren göttlichen Ursprung."
Dieses Heraustreten aus der Weltordnung ist in den Religionen und Mythen aller Kulturvölker in verschiedenen Formen, Symbolen und Bildern dargestellt worden.
In den drei semitischen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islam nennt man diesen Vorgang Sündenfall. In diesen drei Religionen ist der gleiche Mythos von Adam, Eva, ihr Ungehorsam gegen das Verbot Gottes, ihre Verführung durch den Satan vermittelst der Schlange und schließlich ihre Verbannung aus dem Himmel oder Paradies auf die Erde bild- und märchenhaft geschildert worden.
Diese Märchen oder Mythen enthalten aber einen tiefen, esoterischen Sinn, sie verbergen das Geheimnis dieses rätselhaften Vorgangs, den man Sündenfall nennt.
Das menschliche Bewußtsein kann den Gedanken nicht fassen, daß nur ein reines, gottgewolltes Leben das Unglück und Elend der Menschheit verringern oder abwenden kann. Sie ist unfähig zu begreifen, daß das Erkennen der Wahrheit, das heißt die Verwirklichung der göttlichen Weisheit, allein die gestörte Harmonie wieder herzustellen und das Dasein auf dieser Erde lebenswert zu gestalten vermag.
Die Wahrheit allein kann alle Lebensprobleme lösen, alle verwirrenden Geheimnisse der Schöpfung enthüllen und den Menschen ein seliges, friedliches Leben schenken.
Die Wahrheit läßt heute ihren Warnungsruf lauter werden denn je und fordert uns auf:
Ringt nach höherer Erkenntnis oder Weisheit und verschwendet nicht eure heiligen Kräfte zur Verfolgung unwürdiger und sinnlicher Ziele!
Handelt nur aus rechten, auf göttlicher Weisheit beruhenden Beweggründen!
Veredelt und vergeistigt euch und erhebt euch über die tierische Stufe empor!
Schafft für eure Seelen eine reine, Heilige Umgebung und fordert dadurch ihr Wachstum, ihre Erlösung und Offenbarung!

Die verschiedenen Auslegungen des Sündenfalls und der
Erbsünde
Das Wort "Sünde" ist im allgemeinen wie folgt definiert worden:
Sünde ist das Vergehen wider ein religiöses oder ein Sittengesetz. Sie ist das Unrechte, die Zuchtlosigkeit, die fleischliche Begierde, die Habgier, der Hochmut usw. Sie ist das Grundübel, die fahrlässige Gemütshaltung und das Vergehen im Bereiche der Sittlichkeit. Sie ist der Mangel und die Umkehrung der religiösen Grundfunktionen von Gemüt und Wille gegenüber dem Heiligen.
Sünde ist das Widerstreben gegen den Willen Gottes.
Nach der Auffassung der esoterischen Mystik ist Sünde die Unwilligkeit, das Böse in sich und in der Welt zu bekämpfen. Sie ist das Erlahmen der Selbstüberwindung. Sie ist der Verzicht auf den Kampf um die Erlösung und Vollendung der Seele.

Die Ansichten der christlichen Theologen
Diese Darlegung über die Sünde und den Sündenfall ist auszugsweise aus dem Artikel "Sünde und Schuld" in verkürzter und zusammengefaßter Form wie folgt entnommen:
1. Die alttestamentliche Auffassung, daß die Sünde auf dämonischem Einfluß beruhe, auf einen gottfeindlichen Gegenspieler, wie Satan, zurückzuführen ist, wie in dem Mythos vom Paradies. Die erste Sünde entsteht durch die Versuchung eines tierisch-dämonischen Wesens, das Mißtrauen gegen Gott und sinnliches Begehren in den damals noch kindlichen Menschen erweckte.
2. Paulus kennt das Fleisch als die Sphäre der Sünde (z. B. Röm. 8, 3) und den Leib mit seinen Gliedern, den Organen der Tat, als ihren Wirkungsbereich. Er will sie aber nicht aus der sinnlichen Materie oder gar der geschlechtlichen Lust erklären, denn die Fleischlichkeit umfaßt den ganzen gefallenen Menschen.
3. Wie in der Gnosis sei die Sünde von außen in die ursprünglich rein geschaffene, sündenlose Seele eingedrungen. Nach Pistis Sophia erscheinen die Archonten (hierarchischen Führer) den Menschen als die zur Sünde zwingenden Urheber.
4. Die Sünde ist ein chronischer Gesamtzustand, von dem die einzelnen Tatsünden die akuten Steigerungsausbrüche sind. Sie ist also eine gewisse menschliche Anlage und verursacht durch allgemeine Unvollkommenheit des Wesens des Menschen und zugleich aus der unreinen Art seiner Zeugung.
5. Die an das biblische Wort (Genesis 8, 21) anknüpfende Lehre vom "bösen Trieb", die schon bei Jesus Sirach (37, 3; vgl. 21,11 und 15, 14) erkennbar ist, soll die Ursache der Sünde sein.
6. Für Clemens von Alexandria ist die Sünde auf Irrtum oder Schwäche beruhende Vernunftwidrigkeit, ein Ungehorsam gegen Gott. Er lehnt die Erbsünde und die Erbschuld ausdrücklich ab.
7. Nach Gnosis ist die Materie das schlechthin Böse, der Ursprung der Sünde. Damit war die Sünde zu einer physischen Substanz geworden.
8. Nach Origenes ist die Sünde ein nichtwirklicher, im Grunde vorübergehender Zustand; denn keine der vernünftigen Seelen ging als böse aus der Hand des Schöpfers hervor, und am Ende kehren alle zu Gott zurück.
Die göttliche Vorsehung hat die Sinnenwelt als Läuterungsstätte für die in Mißbrauch ihrer Entwicklungsfreiheit vorzeitlich abgefallenen Geister geschaffen und sie je nach dem Grad ihres Sündenfalls in feinere oder gröbere Materie inkorporiert.
(Origenes erklärt die These, daß die Materie Ursache des Bösen sein sollte, als unchristliche Anschauung.)
9. Nach Tertullian ist die Sünde ein natürlicher Zustand, der auf der Minderwertigkeit der menschlichen Fortpflanzung beruht. Damit hat er das Gebiet der Erbsündenlehre betreten und dabei das Vererbte als ein Physikalisches gedacht. Das Vererbte ist für ihn Ansteckung.
10. Nach Augustinus liegt die Erbsünde in der Geschlechtslust. Im Urzustand fungieren die Geschlechtsglieder ohne Wollust, nur dem zwecktätigen Willen gehorsam.
11. Plagius bestritt die Erbsünde und sagte, Adam habe nur ein böses Beispiel gegeben, doch keinen erbsündigen Keim fortgepflanzt. Der Tod sei natürliches Geschick, nicht Folge einer Erbsünde. Die Taufe bedeute dann den Erlaß der Tatsünden und nicht der Erbsünden.
12. Nach Melanchton liegt das Wesen der Erbsünde in dem Fernsein von Gottesfurcht, Gottesliebe und Gottvertrauen. Sie erschwert die Entscheidung des freien Willens zum Guten und schwächt die sittlichen Kräfte.
Er beschreibt das Wesen der Sünde als religiösen Mangel.
13. Für Luther ist die Sünde das Gegenteil der Gesinnung, die in der Erklärung des ersten Gebots mit den Worten bezeichnet wird:
"Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und ihm vertrauen!"
Außer diesen theologischen Ansichten hat es auch philosophische Anschauungen über die Sünde und den Sündenfall gegeben, die entweder den Sündenfall verleugnen oder ihn als natürliches und nicht schuldhaftes Wesen des Menschen betrachtet haben.
Im allgemeinen wird die Sünde wie folgt definiert: Die Sünde ist die bewußte Verletzung des Willens Gottes. Sie ist das Handeln gegen die im Gewissen anerkannten Normen oder Gesetze oder gegen die Ahnung des göttlichen Willens, der sich in der Vernunfttätigkeit des Menschen kundtut.
Sie ist die Neigung, die Gesetze zu übertreten. Sie ist eine seelische Unreinheit, die beseitigt werden kann. Sie ist ein Verstoß gegen die Sitte oder gegen die göttlichen Gebote, ein Vergehen gegen Gott. Sie ist das widersprechende Verhalten des Menschen gegen den Heilswillen Gottes. Darum muß man sich – seiner Entwicklungsstufe entsprechend - der Heilsbestimmung Gottes fügen.
Die Sünde beruht auf dem Gegensatz des Wesenswillens und Lebenssinns des Menschen. Nach anderen beruht sie auf der selbständigen Realität des Bösen in der Welt. Die Sündhaftigkeit ist ein Verhängnis, eine Seelenknechtschaft. Sie beruht auf dem Urzweifel, der die Urform der Betätigung des Ichs ist.


Die Ansichten der außerchristlichen Theologen und der Geisteswissenschaft
Wir finden den Mythos des Sündenfalls und der Erbsünde auch bei anderen Religionen und philosophischen Weltanschauungen.
Einige dieser außerchristlichen Ansichten sind folgende:
Die Sünde besteht bei den Griechen in der Einwirkung böser Geister, die mit den Planeten in Verbindung stehen.
In peripathetischer und hermetischer Auffassung durchbricht die Seele aus Ungehorsam gegen ihren Schöpfer den Sphärenkreis und empfängt beim Niedersteigen die bösen Eigenschaften von den Planeten, um sie bei ihrem dereinstigen Wiederaufstieg an sie zurückzugeben. Nach platonisierender Auffassung dagegen besteht die Sünde in dem durch Eros bewirkten Übergang in die Welt der Erscheinung, der es daher durch Askese zu entsagen gilt.
Die Sünde sei, wie alles Gute und Böse auf Erden, von den allmächtigen Göttern verhängt: So sind die Menschen heilig oder Frevler nach Zeus` Willen, eine Stufe der Auffassung, die dem alten Jahvismus nicht unbekannt ist.
Die Weltanschauung Zarathustras über den Ursprung des Sündenfalls ist ganz anders, sie ist mehr philosophisch oder geisteswissenschaftlich.
Wir lesen in den Gathas, dem ältesten Teil des Avesta, der heiligen Schrift Zarathustras, folgendes:
"Im Anfang der Schöpfung sind in der spirituellen Welt zwei Geister als Zwillinge offenbart worden. Der eine Geist ist die Reinheit (Spentman) des Gedankens, des Wortes und des Handelns, und der andere Geist ist die Unreinheit (Ahriman) des Gedankens, des Wortes und des Handelns.
Die Weisen haben von diesen beiden das Gute gewählt und die Unweisen das Böse. Als diese beiden Geister zusammentrafen, haben sie das Leben und den Tod geschaffen. (Der reine Geist das Gute und der unreine den Tod.)
Von diesen beiden Geistern hat der Anhänger der Lüge, der Unreinheit oder der böse Ahriman die schlechteste Tat für sich gewählt. Der Anhänger der Wahrheit, des guten und Heiligen Spentman hat den himmlischen Geist, die Vernunft, gewählt, welche mit dem göttlichen Gewand geschmückt ist.
Darum werden am Ende aller Dinge die Anbeter der Wahrheit zu dem schönsten Ort (Paradies) und die Anhänger der Lüge zu dem schlimmsten Ort (Hölle) geführt." (Yasna 30, 1–5)
Da der Mythos vom Sündenfall in der islamischen Theologie etwas von der jüdisch-christlichen abweicht und für die Erklärung dieses Mythos manche Beweise liefert, darum sollen die Verse des Korans (Sura 7, 10–24) über den Ursprung des Sündenfalls hier angegeben sein:
"Wir haben euch geschaffen, dann gebildet und darauf zu den Engeln gesprochen: Fallt vor Adam nieder. Und sie fielen nieder, ausgenommen Iblis (Satan), der nicht war von den Niederfallenden. Gott sprach: Was hindert dich, daß du nicht niederfällst, so ich dir befohlen? Jener erwiderte: Ich bin besser als er; mich hast du aus Feuer geschaffen, ihn aber hast du aus Erde geschaffen. Gott sprach: Fort von hier, es soll nicht geschehen, daß du in diesem hochmütig bist. Hinaus, denn wahrlich, du bist der Niedrigen einer. Jener bat: Warte mir bis zum Tag, an dem auferweckt wird. Gott erwiderte: Siehe, du sollst derer sein, denen gewartet wird. Jener sprach: Weil du mich in die Irre jagst, will ich ihnen nachstellen auf deinem rechten Weg. Ich will ihnen kommen von vorn und von hinten, von ihrer rechten und von ihrer linken Seite; du wirst nicht finden, daß die meisten ihrer dankbar sind. Gott sprach: Hinaus aus diesem, verachtet und verstoßen sei! Folgt dir einer von ihnen, ganz gewiß fülle ich die Hölle mit euch allesamt. Und du, oh Adam, bewohne du und dein Weib das Paradies, und genießt da, wo ihr auch wollt. Nähert euch aber nicht diesem Baum, ihr würdet der Gottlosen sein. Und Satan flüsterte ihnen zu, er wolle ihnen entdecken, was ihnen verborgen war von ihrer Scham, und sprach: Euer Herr verwehrte euch diesen Baum nur deshalb, damit ihr nicht Engel würdet oder der Ewigen. Und er schwor ihnen: Wahrlich, ich bin euer treuer Berater. So betörte er sie in Täuschung. Und als sie vom Baum kosteten, merkten sie ihre Scham, und sie begannen um sich Blätter des Paradieses zusammenzufügen. Da rief ihnen ihr Herr zu: Habe ich euch nicht diesen Baum verwehrt und zu euch nicht gesagt, Satan sei euer offener Feind? Sie erwiderten: Herr unser, wir haben unsere Seelen befrevelt, und wenn du uns nicht verzeihst und dich unser erbarmst, ganz gewiß sind wir der Verlorenen. Er sprach: Fort mit euch. Einer sei des andern Feind, und auf Erden sei euch Aufenthalt und Unterhalt bis auf ferne Zeit. Auf dieser sollt ihr leben, auf dieser sollt ihr sterben, und aus dieser sollt ihr fortgebracht werden."
Es sei hier noch bemerkt, daß die Auslegungen der islamischen Theologen über die Natur des verbotenen Baumes verschieden sind. Nach einigen ist damit der Weinstock, nach anderen der Feigenbaum und wieder nach anderen der Kampferbaum gemeint. Noch einige glauben, daß damit der Baum des Wissens, das heißt des Erkennens des Guten und des Bösen, gemeint ist. Im allgemeinen nimmt man aber an, daß es sich um die Weizengarbe handelt. Diese verschiedenen Benennungen haben einen esoterischen Sinn und beziehen sich auf das Rückgrat des Menschen, wie wir in späteren Kapiteln erfahren werden.
In der jüdisch-gnostischen Lehre ist der Mythos vom Paradies und Sündenfall wieder ganz anders ausgelegt worden.
S. Lublinski schreibt darüber folgendes:
"Baruch (der Gesegnete, der dritte väterliche Engel) ist der Baum der Erkenntnis und Nahas, die Schlange, ist gleichzeitig der Baum der Erkenntnis. Eden ist die Natur, die Erdgöttin selbst, die Mutter aller Menschen und aller Lebewesen. Elohim gibt dem Menschen das Pneuma, den Geist.
Über Elohim steht als Weltenschöpfer ,der Gute'. Elohim fühlte mit Schmerz, daß er den Heiligen Geist den sündigen Menschen mitgeteilt habe und will ihn zurücknehmen. Der ,Gute' (Weltenschöpfer) aber erwidert:
,Aus gemeinsamem Wohlgefallen habt ihr die Welt gemacht. Laß also die Eden die Welt behalten, solange sie will, du aber bleibe bei mir.'
Die Eden (das verlassene Weib von Elohim) bedrängt und peinigt aus Rachsucht das Pneuma, den Gottesgeist im Menschen, indem sie Wollust und Begierden erweckt und Irrlehren verbreitet. Ihr Helfershelfer ist die Schlange Nahas, der dritte der mütterlichen Engel, der zugleich der Baum der Erkenntnis ist. Nahas verführt die Eva und buhlt mit ihr und Adam läßt sich auch von ihm zu schändlicher Lust mißbrauchen.
Elohim sendet den Baruch zu den Menschen, und dieser verbietet dem ersten Elternpaar, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Baruch ist schließlich zu dem 12jährigen Knaben Jesus gekommen, der die Befreiung der Menschen von Nahas und Eden vollenden wird."
August Horneffer schreibt folgendes:
"Bezeichnend ist, daß Clemens von Alexandrien meint: Die große Sünde der bösen Engel, um derentwillen sie gefallen und von Gott verbannt worden seien, sei die Schwatzhaftigkeit gewesen, sie hatten die Geheimnisse Gottes ausgeplaudert, deren Mitwisser und Mitarbeiter sie gewesen."
Da ist Gott mit seinen Heerscharen also als eine Mysteriengemeinde gedacht, die ihre Gnosis gegen Unberufene schützt.
Wir lesen in der "Allgemeinen Geschichte der Philosophie" von Paul Deussen folgendes:
"Der britische Mönch Pelagius sagte: Der Fall Adams ist nur ein individueller, nicht ein solcher der ganzen Menschheit gewesen. Noch jetzt wird der Mensch ohne Sünde und frei geboren und kann durch seine Willensfreiheit seine Seligkeit selbst erwirken, wobei er durch die göttliche Gnade sowie durch Vorbild und Lehre Christi eine bei der allgemeinen Verderbtheit der Menschen vollkommene Unterstützung finde."
Max Heindel schreibt folgendes:
"Der Fall ins Geschlecht war nötig, um das Gehirn zu erbauen. Das war aber bestenfalls nur Mittel zur Erlangung von Erkenntnissen. Diese Weisheit wird der Mensch dann ohne Zusammenwirken mit einem andern zur Erschaffung neuer Körper verwenden können.
Der Kehlkopf wird wieder das verlorene ,Wort', das schöpferische ,Fiat' sprechen, das unter der Führung von großen Lehrern im alten Lemurien zur Schaffung von Pflanzen und Tieren verwendet wurde. Der Mensch wird durch die Anwendung des richtigen magischen Wortes fähig werden, einen Körper zu schaffen."
Nach der gnostischen Lehre (10) ist der Sündenfall in der Schöpfung zugestoßenes Mißgeschick, das von dem Mißverstehen oder Mißbrauch einer ihrer entscheidend göttlichen Züge, der Freiheit des Geistes, herrührt.
Auch die modernen geisteswissenschaftlichen Weltanschauungen erkennen die Schuld der Urmenschen an, wenn auch in einer anderen Form.
H. P. Blavatsky, die Verkünderin der Theosophie im Abendland, sagt folgendes:
"Unser sich verkörperndes Ego war ein Gott in seinem Ursprung, gleich allen ursprünglichen Ausströmungen des einen unerkannten Prinzips... Aber seit seinem ,Falle in die Materie' muß es sich durch den Weltkreislauf hindurch immer wieder verkörpern, und so kann es nicht ein freier und glücklicher Gott sein, sondern ein armer Wanderer, der auf dem Wege sucht, das wieder zu gewinnen, was er verloren hat."
Sie schreibt hier nicht, was dieser arme Wanderer verloren hat, aber in ihrer Schrift "Die Geheimlehre" weist sie auf den Fall des Menschen hin und erklärt, daß der Urmensch, der nur seiner äußeren Form nach Mensch, aber noch gemüt- und seelenlos war, sich mit einem weiblichen Ungeheuer vereinigt und auf diese Weise das Affengeschlecht erzeugt hatte. Danach haben die heutigen Menschen und die Affen dieselben Ahnen.
Wir lesen in den "Tempellehren" folgendes:
"Mit dem ersten Ausströmen des Prinzips der Form trat die Sünde (Knechtschaft und damit die Begrenzung des Geistes) ins Dasein und mit ihr zugleich der Impuls, von diesen Beschränkungen befreit zu werden, denn den Geist zu beschränken, bedeutet ihn quälen.
Gerade der Kampf des zur Manifestation schreitenden Geistes – um seine Freiheit zu erlangen – dient nur dazu, die Stärke und die Substanz dieser Fesseln zu verdichten, seine Natur zwingt ihn zu kämpfen, und somit wird durch die der Bewegung innewohnende Kraft noch mehr von seiner ursprünglichen Essenz zur Manifestation gebracht."

Die Zusammenfassung der Ansichten
Aufgrund dieser angeführten Ansichten und Weltanschauungen kann das Problem des Sündenfalls folgendermaßen von sechs verschiedenen Gesichtspunkten oder Aspekten aus betrachtet werden:
1. Es sind die bösen Geister oder gefallenen Engel der früheren Schöpfung, wie Satan und Teufel, welche die Urmenschen verführt und zum Ungehorsam getrieben haben. In diesem Falle sind an erster Stelle diese bösen Geister an dem Sündenfall schuld, denn wenn sie nicht da wären, würden auch die Urmenschen nicht verführt und ungehorsam geworden sein.
2. Die gefallenen oder bösen Geister sind nichts anderes als die menschlichen Seelen selbst, die als Strafe für ihren Ungehorsam auf die Erde herabgefallen und in den irdisch-materiellen Körper gefesselt worden sind. Sie sind also schon vor ihrer Einverleibung in menschliche Körper Sünder gewesen.
3. Über den Fall der Geister führt Johannes Greber in seiner wertvollen Schrift "Der Verkehr mit der Geisterwelt" laut der Offenbarung eines guten Geistes eine sinnvolle Erklärung an:
"Über die Schöpfung Gottes und ihr Schicksal enthält das Neue Testament nicht viel. Die Wahrheiten über die Geisterschöpfung, den Abfall eines Teiles der Geisterwelt unter der Führung Luzifers, über die von Gott geschaffenen Besserungsstufen, auf denen die abgefallenen Geister wieder zu Gott zurückgeführt werden, über die Einhüllung der Geister in die Materie waren für die damaligen Zeiten ebenso schwer verständlich, wie sie es für die jetzige Zeit sind.
Doch Paulus deutet an verschiedenen Stellen seiner Briefe diese Wahrheiten wenigstens an. So schreibt er in seinem Brief an die Römer (8, 19-24):
,Das sehnsüchtige Verlangen der ganzen Schöpfung wartet auf das Abstreifen der Hülle als Kinder Gottes. Denn der materiellen Vergänglichkeit ist die Schöpfung unterworfen worden, nicht auf eigenen Wunsch hin, sondern auf Veranlassung dessen, der ihre Unterwerfung bewirkt hat, wegen der Hoffnung auf Rettung, weil ja auch die Schöpfung von der Knechtschaft des Verderbens erlöst und dadurch zu der Freiheit gelangen wird, die in der Herrlichkeit der Kinder Gottes besteht. Wir wissen ja, daß bis jetzt die ganze Schöpfung überall seufzt und mit Schmerzen einer Neugeburt harrt. Auch wir, die wir doch den Geist als Erstlingsgabe bereits besitzen, seufzen gleichfalls in unserem Innern nach der Kindschaft, indem wir auf die Auflösung unseres Leibes warten.' "
4. Die Trennung der Geschlechter in männliche und weibliche ist die Sünde gewesen, denn ohne dies wären die Urmenschen nicht in Versuchung und zur Sünde verführt worden.
5. Die Trennung der Seelen aus der Allseele oder dem Allgeist, das heißt ihre Individualisierung als selbständige Seelen, ist es, die als Abfall betrachtet werden kann.
Diese zwei letzten Ansichten oder Hypothesen können aber in das Problem des Sündenfalls gar nicht einbezogen werden, denn erstens ist der Fall in die Materie und die Trennung der Geschlechter nicht freiwillig, sondern gemäß dem Willen Gottes geschehen, und daher bilden sie keine Sünde, denn wo kein freier Wille tätig ist, da kann von einem Ungehorsam und von einer Sünde keine Rede sein. Zweitens beweist der jammervolle Zustand der Menschheit, daß etwas gegen den Willen und den Plan Gottes geschehen sein muß, denn dieser entsetzliche Zustand kann mit dem Willen eines allweisen Gottes nicht übereinstimmen.
6. Es sind nur die Urmenschen selber, die nach der von Gott ausgeführten Trennung in Geschlechter durch ihren Ungehorsam gegen den Willen und das Verbot Gottes gesündigt und dadurch die kollektive Schuld, das Elend, Leid und Unglück verursacht und auf die gesamte Menschheit übertragen haben, wie dies in den semitischen Religionen symbolisch geschildert wird.
Trotz der Verführung durch die bösen Geister tragen also die Menschen selber allein die Schuld, denn sie wurden vorher von Gott gewarnt.
Diese Anschauung scheint die allein richtige und logische zu sein.
Das zu lösende Hauptproblem oder Rätsel dieses Mythos bleibt aber immer dies: warum sollte die Frucht des Baumes der Erkenntnis, die das höchste Gut und der Schlüssel zur Weisheit und Vollkommenheit ist, verboten und das Kosten derselben eine Sünde sein? Welche Beziehung besteht zwischen diesem Baum und dem Verderben und Elend der Menschheit?
Die oben angeführten Weltanschauungen geben aber für dieses lebenswichtige Problem keine den Verstand befriedigende Antwort. Dadurch fehlt auch in diesen Weltanschauungen das richtige Heilmittel zur Erlösung des Menschen von diesem Grundübel.
Die Wahrheit liegt also woanders und ist bis heute verborgen geblieben.
Nun möchte ich mit Hilfe der Intuition, die ich durch die Gnade Gottes empfangen durfte, dieses Problem im Lichte der Wahrheit richtig darstellen und zu lösen versuchen. Ich hoffe, daß jeder verstandesbegabte Mensch von der Richtigkeit dieser Lösung und Erklärung überzeugt sein wird.
Es handelt sich hier um das richtige Erfassen der inneren, verborgenen Sinne der Symbole, mit denen die Weisen die Wahrheit vor den Augen der unreiferen Menschen verhüllt haben. Denn die an das starke Geisteslicht ungewohnten, schwachen Augen können vom Lichte der Wahrheit geblendet werden.
Sie müssen daher die Wahrheit hinter dem Schleier der Symbole, Legenden und Kulte suchen.
Es ist jetzt an der Zeit, daß diese Schleier ein wenig gelüftet und einige Geheimnisse enthüllt werden, damit die Wahrheit sich in ihrer Herrlichkeit offenbaren und die Menschheit von den Fesseln der Unwahrheit befreit werden kann.
Darum sagte auch Jesus Christus:
"Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen."
Um das Licht der Wahrheit zu empfangen, müssen die Grundmauern des Fanatismus und des blinden dogmatischen Glaubens in Stücke zerfallen. Solange ihr die Wahrheit nicht über alle Güter der Welt und über alle eure geistigen Werte schätzt und hochhaltet, solange werdet ihr Sklaven eurer Unwissenheit bleiben.
Überwindet darum die angeborenen und vernunftwidrigen Gewohnheiten, Meinungen, Weltanschauungen und Dogmen, damit ihr höhere Erkenntnis erwerben, bessere Umstände herbeiführen und die Welt erneuern könnt.

Die Entstehung und Bedeutung der Mythen
Unter allen mannigfachen, veränderlichen Formen suche den unveränderlichen Geist, der alle diese Formen schafft und sich ihrer bedient.
Um die mystisch esoterische Bedeutung und Erklärung des Mythos vom Sündenfall richtig zu erfassen, müssen wir einen Blick in das Gebiet der Entstehung der Mythen werfen:
Die Menschen sind und bleiben immer am engsten mit der Natur verbunden. Ihr Schicksal ist immer mit den Ereignissen der Natur verflochten. Sie haben daher stets versucht, die in der Natur herrschenden Kräfte zu erfassen und zu meistern, um sie für die Verbesserung ihrer Schicksale und zur Erleichterung ihres harten Lebenskampfes und ihrer Nöte zu gebrauchen.
Die rätselhaften und merkwürdigen Naturerscheinungen und die ewige Verknüpfung des menschlichen Lebens mit der Natur gaben in erster Linie Anlaß zur Bildung von Sagen und Mythen. Die Mythen und Legenden spielen daher in der geistigen Entwicklung der Menschheit eine gewichtige Rolle. Sie sind Ausdrucksformen der Urkraft und Zeichen des erwachenden und schaffensdurstigen Genius des Menschen.
Sie sind keine wertlosen Produkte der Phantasie, wenn sie auch die groteskesten und derbsten Formen annehmen und der freispielenden Phantasie einen großen Platz einräumen.
Sie besitzen einen inneren Gehalt und einen wertvollen Sinn, der nur denen verständlich werden kann, die über das Wesen des Menschen und seiner seelisch-geistigen Entwicklung klare und richtige Einsicht besitzen. Im allgemeinen kann man die Mythen in drei Gruppen einteilen, entsprechend der Geisteslage und Reife der Völker, die sie geschaffen und gebildet haben.

Die Mythen der primitiven Naturvölker
Bei den primitiven und wilden Naturvölkern, die noch keinen Gottesbegriff haben und bei denen das religiöse Bewußtsein im eigentlichen Sinne des Wortes noch nicht erwacht oder mit aufdämmerndem sittlichen Empfinden vermischt ist, bestehen die Mythen – wenn man überhaupt das Wort Mythos für sie anwenden kann – meistens in der grotesken Vorstellung und Schilderung der guten und der bösen Geister, die man sich den Menschen gegenüber günstig oder böswillig gesinnt und tätig vorstellt.
Bei diesen Völkern, die noch kindliche Gemüter, Vorstellungen und Glauben oder vielmehr Aberglauben haben, vermischen sich Phantasie und Denken, Mensch und Natur, Gott und Welt, Leib und Seele, Begriff und Anschauung oder Verstand und Gefühl. Denn es fehlt bei ihnen noch das scharfe höhere Unterscheidungsvermögen.
Darum bilden sich bei ihnen die Mythen spontan und brechen aus dem Hintergrund ihres instinktiven Bewußtseins und Empfindens hervor.
Die meisten der Mythen dieser Völker beziehen sich daher auf die Naturerscheinungen und versinnbildlichen die immer wiederkehrenden Naturereignisse, wie die Jahreszeiten, Unwetter, Stürme, Katastrophen, Sonnenauf- und -untergang, Donner, Blitz, Regen, Schnee, Regenbogen usw., die für sie unlösbare Rätsel bleiben.
Mit einem Wort, beziehen sich diese Mythen auf alles, was außerhalb des Menschen in seiner Umgebung oder Umwelt in der Natur vor sich geht und was auf das Leben des Menschen einwirkt.
Der Mensch selbst spielt dabei noch keine große Rolle, obgleich in manchen Sagen und Mythen die Lebenswerke und Heldentaten der Stammesväter oder der Ahnherren des Volkes oft in einem bunten Kleid der Phantasie dargestellt werden.
Die primitiven Völker nehmen aber in ihrer Einfältigkeit diese Mythen, Legenden und Phantasiebilder als Wirklichkeit an, und sie geben ihnen durch ihren kindlichen Schaffensdrang eine konkrete Form und Gültigkeit.
Gemäß ihrer Entwicklungsstufe und geistigen Reife haben sie die Vorgänge ihres dunklen Unterbewußtseins, ihrer verwirrenden Träume und dumpfen hellseherischen Wahrnehmungen in mannigfachen Gestalten dargestellt.
Ihre Deutungen der Naturereignisse und ihre Darstellung und Gestaltung derselben entsprechen immer ihrem primitiven Wahrheitssinn und ihrem instinktiven Empfinden, mit einem Wort, ihrer geistigen Entwicklung.
Bei diesen Völkern herrscht daher meistens Zauberei und Götzendienst. Zügellose Phantasie und Gemütserregung bilden die Grundlage ihrer Mythen und Kulte, wobei die Furcht der größte Faktor ist.
Trotz der derbsten Formen, ihres niedrigen Inhalts und ihres Mangels an höherer Sittlichkeit haben diese primitiven Völker mit ihren Mythen, Märchen und Sagen der Entwicklung der Kulturen und vor allem dem religiösen Erwachen der Menschheit gedient.

Die Mythen der polytheistischen Völker
Die Mythen der Völker, welche Vielgötterei treiben, kennzeichnen sich durch zwei besondere Züge. Erstens personifizieren sie alle Naturkräfte und –gewalten als Götter und Riesen oder als Dämonen, und zweitens geben sie diesen Kräften menschliche Gestalt. Darum sind ihre Mythen von menschenähnlichen Gestalten und Heldensagen erfüllt.
Bei diesen Völkern ist schon ein religiöses Empfinden und ein seelisches Verlangen nach Erkennen der Geheimnisse der Natur wach geworden, obgleich bei ihnen noch Vielgötterei herrscht.
Sie vermenschlichen nicht nur die Götter und Dämonen, sondern sie bauen ihnen auch Tempel und Altäre und errichten ihnen Statuen und Denkmäler. Sie beten sie an und bringen ihnen materielle und manchmal auch Menschenopfer dar.
Sie bringen oft die Ereignisse der Erde und des menschlichen Schicksals mit den Gestirnen in Verbindung und schreiben auch den Tieren und Pflanzen magische Kräfte zu, die auf die Menschen einwirken.
Darum liegen ihren Mythen die Göttergeschichten und die Heldensagen zugrunde. Dennoch erreichen Religion, Kunst und Wissenschaft unter dem Impuls ihres Schaffensdrangs und erwachten Geistes eine höhere Entwicklung.
Der größte Teil der Mythologie verdankt sein Bestehen dem schöpferischen Geist dieser polytheistischen Völker, wie der Inder, Babylonier, Chaldäer, Ägypter, Griechen, Römer usw. In bezug auf die Mythen sind sie die produktivsten Völker gewesen.
Die menschliche Phantasie und Vorstellungskraft haben in den herrlichen Kulturen dieser Völker ihren höchsten und schönsten Ausdruck gefunden.

Die Mythen der monotheistischen Völker
Diese Völker, welche an einen einzigen Gott als Schöpfer der Welt glauben, umfassen die herrschenden und religiös-geistig durchdrungenen Kulturen. Obgleich sie nicht so reich an Mythen sind wie die polytheistischen Völker, so haben ihre Mythen dennoch einen tieferen Sinn und einen höheren Wert.
Während bei den polytheistischen Völkern die Götter vermenschlicht werden, das heißt Menschengestalt annehmen, werden hier bei den monotheistischen Völkern die Menschen vergöttlicht. Der Mensch als Ebenbild Gottes wird als schöpferisch und machtvoll betrachtet und angesehen.
In der Tat besitzt der im Menschen wohnende und wirkende Gottesgeist, als Ausstrahlung des Urschöpfers, im kleinen Maße und potentiell alle Attribute und Eigenschaften der Gottheit.
Bei dieser dritten, monotheistischen und hoch entwickelten Völkergruppe sind alle wirkenden Kräfte der Natur, wie auch der Menschen, auf einen einzigen, machtvollen, unsichtbaren Gott bezogen. In den Mythen dieser Völker wird nach Gottes- und Welterkenntnis gestrebt.
Bei diesen Völkern erforscht und bemächtigt sich der schaffensfreudige Geist des Menschen nicht nur der Kräfte und Ereignisse der Natur allein, sondern auch der Erlebnisse des Innenlebens des Menschen, nur schmückt er sie mit bunten Phantasiegebilden aus. Er fügt noch viele sonderliche Einzelzüge dem ursprünglichen Stoff hinzu, und es entstehen daraus künstlerisch reizvolle Mythenbilder.
Die Mythen erhalten bei diesen Völkern ein sittliches Motiv und einen tiefreligiösen Grundton.
In ihren Mythen ist das geistige Element überwiegend, und man versucht auch oft, die Ereignisse der Welt und die Motive der Mythen verstandesmäßig und menschlich zu begründen und zu erklären.
Es wird also danach gestrebt, für die brennenden Probleme der Schöpfung und des Lebens und Schicksals grundlegende und zweckmäßige Lösungen zu suchen und zu geben.
Man könnte sagen, daß in den Mythen der primitiven Naturvölker die Naturereignisse oder die Umgebung die größte Rolle spielen, während bei der zweiten Gruppe, nämlich den polytheistischen Völkern, der Mensch selbst vorherrscht und den Helden der Handlungen darstellt. In den Mythen der monotheistischen Kulturvölker bilden aber Gott oder seine Eigenschaften als Ideale und Stellvertreter auf Erden wie Könige, Priester oder Helden die Hauptpersonen der Darstellung.
Bei diesen Mythen, die kultisch gefärbt und religiös betont sind, beziehen sich oft die Motive auf innere Ereignisse, die sich im Körper oder im Seelengrunde des Menschen vollziehen und sein Leben beeinflussen. Die forschenden Augen seines Geistes sind mehr und mehr nach innen gerichtet als nach außen, wie es bei den ersten zwei Gruppen der Fall gewesen ist.
Diese Mythen sind also meistens Widerspiegelungen der in der Tiefe der Seele und im Innenleben des Menschen stattfindenden Vorgänge oder erlebten Zustände und beruhen daher auf wirklichen Tatsachen.
Manche unter denen, die solche inneren Vorgänge erlebt und geschildert haben, sind sich vielleicht in vielen Fällen selbst des Sinnes ihrer Erlebnisse nicht bewußt gewesen, denn sie besaßen den Schlüssel der Symbolik nicht oder ihre Visionen bezogen sich nicht auf ihr persönliches Leben, sondern auf den Kosmos oder auf die gesamte Menschheit. Sie sind nur Werkzeuge gewesen für die Übertragung der Wahrheit oder Offenbarungen Gottes auf andere Menschen oder auf die kommenden Generationen und Rassen.
Es kommt dabei auf das intuitive Erfassen und auf die richtige Deutung des Gehalts und der Grundgedanken dieser Mythen an.
Trotz dieser Einteilung der Völker und ihrer Mythen in drei Gruppen und trotz der Unterschiede zwischen ihnen sind die Grenzen zwischen ihnen nicht ganz scharf voneinander getrennt, denn bei vielen Völkern finden wir Mythen, die alle Eigentümlichkeiten der drei erwähnten Arten von Mythen verzeichnen.
Die Schilderung der Ereignisse, der Kräfte und der Wesenheiten wird über den normalen Menschenverstand hinaus gesteigert. Alles wird rätselhaft, zauberhaft, erschütternd und erregend oder Staunen und Bewunderung heischend dargestellt.
Durch diese Übertreibung werden die einfachen geschichtlichen Ereignisse und Persönlichkeiten oft mit übernatürlichen und übermenschlichen Kräften und Charakterzügen geschmückt und umhüllt, so daß der geschichtliche Kern darin verschwindet.

Der verborgene Sinn der religiösen Mythen
Der Mensch ist immer bestrebt gewesen, nicht nur alles, was in seiner Umwelt geschieht, sondern auch alles, was in seinem Innern vor sich geht, zu untersuchen und zu enträtseln, das heißt, nach seiner Vorstellung und Verstandeskraft zu veranschaulichen, um es zu erfassen und sich zugänglich zu machen. Er will alles erfahren, begreifen und erleben, alles durchdringen und ergründen. Aus diesem Schaffens- und Forschungsdrang seines wißbegierigen Geistes wird der Antrieb nach der Erfassung des Sinnes der Mythen geboren.
Im Lichte dieses Suchens nach dem Urgrund aller Dinge ist er zur Erkenntnis gelangt, daß die Mythen nicht die Früchte des kindlichen Gemütes und der groben Phantasie der Völker allein seien, sondern daß sie, besonders wenn es sich um die religiösen Mythen handelt, einen tiefen Sinn hinter ihren äußeren Formen verbergen.
Manche Mythen beziehen sich zum Beispiel ihrer äußeren Form nach auf Naturereignisse, aber in ihrem inneren Grunde versinnbildlichen sie die Vorgänge des menschlichen Lebens.
Zum Beispiel weist das Lebenswasser, von dem die Mythen vieler Völker sprechen und welches Leben spendet, heilt, verjüngt und vom Sterben rettet, äußerlich genommen auf den Regen hin, der vom Himmel herabfällt, die Erde befruchtet, die Vegetation verjüngt und die Natur von dem Tode befreit. Esoterisch oder innerlich genommen stellt aber dieses Lebenswasser der Mythen die Zeugungskraft oder Lebensessenz des Menschen dar, die auch, wenn sie richtig gebraucht wird, zur Verjüngung des menschlichen Organismus und zur Entfaltung seiner geistigen Kräfte dient. Sie kann ihm Erleuchtung und Erlösung schenken und ihn so unsterblich machen, wie wir es in dieser Schrift kennenlernen.
Es folgert aus dieser Wahrheit mit Notwendigkeit, daß wir vielen Mythen einen äußeren und einen inneren Sinn zuerkennen müssen. Dieser Sinn kann sich zugleich auf den Makrokosmos und den Mikrokosmos, auf die Natur und den Menschen und auf sein äußeres oder inneres Leben beziehen.
Wenn sich daher die religiösen Mythen mit den Anschauungen unserer Zeit nicht decken, dürfen wir sie deshalb nicht als Phantasie und wertlose Geistesausgeburten verwerfen. Wir müssen immer versuchen, den Schleier des Geheimnisses vor dem Gesicht dieser Mythen zu lüften. Dies kann aber nur mit reiner, von Ehrfurcht getragener Gesinnung geschehen. Dann können wir der Wahrheit näherkommen und den wahren, verborgenen Sinn und Geist dieser Mythen erfassen und erkennen.
Die religiösen Mythen müssen wir in zwei Gruppen einteilen:
1. Die Mythen, welche die Geistesprodukte der erhabenen Weltweisen und geistigen Führer der Völker sind, die diese Mythen absichtlich mit symbolischen und allegorischen Bildern der Sagen und Legenden bekleidet haben, damit sie von den unreiferen Menschen nicht erfaßt und mißbraucht werden und für die reiferen Seelen der künftigen Generationen aufbewahrt bleiben. So sind die allegorischen Geheimlehren und esoterischen Schriften aller Kulturvölker entstanden.
Danach muß man erkennen, daß diesen religiösen Mythen eine höhere Idee und ein tieferer Sinn zugrunde liegen und erst später mit Phantasiebildern der Völker mannigfacher Art immer mehr umhüllt und ausgeschmückt worden sind.
Wenn man diese äußeren Hüllen zu entfernen weiß, dann wird man die dahinter verborgen liegende Grundidee entdecken und erkennen.
Wie ein Mensch durch das Anziehen verschiedener Kleider jedesmal äußerlich anders aussieht, so verhält es sich auch mit den meisten Mythen. Hinter ihren verschiedenen Hüllen und Formen steckt immer ein und derselbe Grundkern, ein und dieselbe Grundidee.
Dieser Grundkern oder symbolische Sinn, der den inneren und wichtigen Gehalt der Mythen bildet, bleibt immer dem unerleuchteten Geiste der Menschen verborgen und mit dem Siegel des Geheimnisses verschlossen. Darum sehen diese Menschen in den Mythen nur Phantasiebilder und Aberglauben.
Die Charakteristik dieser ersten Gruppe von religiösen Mythen besteht darin, daß sie erstens Produkte menschlichen Denkens sind, da sie von den großen Weisen und geistigen Führern der Menschheit ausgedacht und bewußt in symbolische Formen gekleidet wurden.
Zweitens, daß die Schöpfer dieser Mythen oder Legenden die Gabe ihrer höheren Erkenntnis und inneren Schau durch systematische und jahrelang gepflegte Schulung und Übung errungen haben, wie dies in allen mystischen Orden und Mysterientempeln aller Völker und aller Zeiten der Fall gewesen ist.
2. Die Mythen, welche Produkte der Visionen und der prophetischen Offenbarungen sind, bei deren Bildung der menschliche Geist nicht unmittelbar gewirkt hat. Diese sind Inspirationen oder Eingebungen Gottes oder seines Heiligen Geistes. Hier ist der menschliche Geist nur der Empfänger, ein Spiegel des göttlichen Geistes oder Willens. Dieser Empfänger braucht daher nicht vorher jahrelang geschult und vorbereitet zu sein. Er muß aber die Reinheit des Herzens und die Heiligkeit des Lebens errungen haben, um aufnahmefähig zu werden.
Hier greift also Gott selber ein und läßt den Menschen das innerlich erleben, was Er bezweckt und bestimmt; doch darf man diese Offenbarungen mit den Kundgebungen der Geister durch Medien nicht verwechseln.
Die meisten dieser Mythen sind im Grunde die in symbolischen Bildern erlebten Wahrheiten oder versinnbildlichten Seelengeschichten und inneren Vorgänge des Menschen.
Diese religiösen Erlebnisse, wie die Visionen und prophetischen Offenbarungen, zu denen auch der Mythos des Sündenfalls gehört, werden von Gott für einen bestimmten Zweck eingegeben. Sie gehören also zu den ursprünglichsten religiösen Erlebnissen, die von Gott als Offenbarungsmittel durch seine Auserwählten angewandt werden.
Wir müssen uns nun vergegenwärtigen, daß bei der Bildung der religiösen Mythen im allgemeinen mehr das innere Erleben und die Gemütsbewegung und –stimmung maßgebend und wirksam sind als das Denken und die Spekulation. Daher findet man in den religiösen Mythen die mit Gedanken und logischen Begriffen durchwirkten Motive sehr selten, und dies täuscht viele Forscher und Gelehrte.
Ferner können diese inneren Erlebnisse oder Eingebungen und Offenbarungen nicht anders als durch Worte und symbolische Bilder ausgedrückt und wahrgenommen werden. Für den menschlichen Verstand gibt es keinen anderen Weg zur Wahrnehmung der inneren seelischen Erlebnisse als eben durch die Sinne und deren konkrete Begriffe.
Dennoch besitzen alle religiösen Mythen einen eigentlichen geistigen Gehalt, der ihnen die Kraft der sittlichen Erbauung und die Lebensdauer verleiht. Wenn sie auch vielfach mit den allegorischen Symbolen und gröberen Formen verhüllt sind, besitzen sie dennoch Eigenbedeutung und den Wahrheitssinn, oder wie man sagt, einen inneren Sachverhalt.
Der Mythos des Sündenfalls, wie er im Alten Testament erzählt worden ist, wenn er auch von seiner Ursprünglichkeit viel verloren hat, ist einer der wertvollsten der symbolisch-religiösen Mythen.
Origines, der Kirchenvater, sagt:
"Welcher Mensch findet sich, der ein solcher Idiot ist, anzunehmen, daß Gott im Paradiese, in Eden, Bäume pflanzte wie ein Landwirt usw.? Ich glaube, daß jeder Mensch diese Dinge für Bilder halten muß, unter denen ein geheimer Sinn verborgen liegt!"
Es kommt aber auf die richtige Erfassung des verborgenen Sinnes dieser religiösen Mythen an. Wir müssen daher lernen, diese geistigen Früchte zu schälen, um ihren Inhalt und Kern zu kosten. Wir müssen uns bemühen, den Schlüssel zu diesen versiegelten Geheimnissen zu finden. Dann werden wir hinter dem äußerlichen und grotesken Weltbild der Mythen das herrliche Antlitz der Wahrheit entdecken und bewundernd erschauen können.

Der Schlüssel zum richtigen Verständnis
Das geheimnisvollste Wunder, das je der Mensch erkannt hat und je erkennen wird, ist sein eigener Genius. Daher die Weisung:
"Mensch, erkenne dich selbst!"

Der Mensch als Abbild des Weltalls!
Der iranische Mystiker Algazaali hat im 10. Jahrhundert n. Chr. gesagt:
"Glaubst Du, daß, während die große Welt in Dir eingewickelt ist, Du ein kleines Wesen bist?"
Diese Worte des großen Mystikers verkünden eine tiefe Wahrheit und enthüllen das Geheimnis dieses sonder- und wunderbaren Geschöpfes, das wir Mensch nennen.
Diese Worte haben eine exoterische und eine esoterische Bedeutung, und danach kann man auch den Menschen von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachten.
Vom exoterischen Gesichtspunkt aus besitzt der Mensch einen physischen Körper, der alle Elemente des großen geoffenbarten Universums in sich enthält.
Der Mensch gleicht einem Baum, dessen Kern den Mikrokosmos und dessen äußere Gestalt den Makrokosmos darstellt. Wie ein Baum, der im Laufe seines Daseins Millionen von Blättern und Früchten hervorbringt, in einem kleinen Kern potentiell enthalten ist, so ist es auch mit dem Menschen der Fall.
Der Mensch, dessen Körper aus Trillionen von Zellen besteht, der die genialsten Einrichtungen besitzt und der die größten Leistungen und wunderbarsten Taten vollbringt, entstammt aus einem kleinen Samen, den man Sperma nennt.
In diesem Sperma als Mikrokosmos ist also der ganze Körper des Menschen, der mit all seinen Trillionen Teilchen, seinen wohlgeordneten Organisationen und seinen geistigen Fähigkeiten und Kräften den Makrokosmos darstellt, potentiell vorhanden und eingehüllt.
Esoterisch betrachtet, besteht aber der wahre Mensch nicht aus diesem sichtbaren Körper und auch nicht aus seinem Verstand oder Denkvermögen, denn diese sind nur seine Werkzeuge, sondern er besteht aus dem Geist, der ein Strahl aus dem Urgeist oder Gott ist, der das ganze Universum erschaffen hat.
Der Mensch ist daher als Geist und Ebenbild Gottes potentiell fähig, wie Gott Welten zu erschaffen. Das Universum ist darnach in diesem Gottesgeist des Menschen als Keim enthalten und eingeschlossen. Darum haben die großen Seher und erleuchteten Meister der Weisheit seit undenklicher Zeit verkündet, daß der wahre Mensch ein verborgener Gott sei, der seiner Offenbarung harrt, wie die indischen Weisen das wahre Wesen des Menschen mit folgenden Worten erklärt haben:
"Aham Brahma asmi", das heißt: "Ich bin Brahma, der Gott."
Mohammed hat auch dasselbe verkündet und gesagt:
"Allah sprach: O Mein Diener Mensch! Gehorche Mir und Ich werde dich zu Meinesgleichen machen. Siehe da, wie Ich spreche ,Es werde!', und es wird, so wirst auch du sprechen ,Es werde!', und es wird auch so werden!"
In der Tat besitzt der Mensch alles, was die religiösen Gemüter sich von den Himmeln vorgestellt haben, und alles, was der menschliche Verstand im großen Universum als vorhanden erdacht hat oder noch erdenken kann.
Daher der sinnvolle Spruch der brahmanischen Weisen:
"Tat Twam asi!", das heißt "Das bist Du!", was bedeutet, dieses geoffenbarte große Universum bist du, o Mensch!
Der Mensch als Abbild des Makrokosmos oder der großen Welt besitzt aber nicht nur alle Elemente und Kräfte der Natur und des Geistes, sondern er hat auch den Himmel, die Hölle, die Erde, das Paradies, die Engel und die Teufel in sich.
Der Kopf des Menschen stellt den Himmel und die Geisteswelt dar und steht als Zentrum des Denkvermögens und Sitz des Verstandes oder des Geistes in Beziehung mit der Geisteswelt und mit der Sonne, das heißt mit dem Sonnenlogos, der das Sonnensystem regiert.
Die Brusthöhle des Menschen, die das Herz und die Lunge enthält, welche die Hauptorgane der Blutzirkulation und der Atmung sind, bildet das Zwischenreich, die lunare Sphäre und steht als Zentrum der Gefühle und der Begierden mit der Astralwelt und mit dem Mond in Verbindung. Das Herz ist ja zugleich die Offenbarungsstätte der niederen und der höheren Gefühle, wie zum Beispiel des Hasses und der göttlichen Liebe.
Und die Bauchhöhle, das heißt alles, was unter dem Zwerchfell steht, wie der Magen, das Sonnengeflecht, die Nieren, die Milz, die Leber, die Harnblase, die Därme und die Geschlechtsorgane usw., welche die irdischen Elemente in sich aufnehmen, bearbeiten und zur Assimilation vorbereiten und auch die schädlichen und unbrauchbaren Elemente ausscheiden, stellt die physische Welt dar und hat daher enge Beziehung zur Erde, zur Willenskraft und den Handlungen des Menschen.
Im Kopf, der die mentale und kausale Welt im Menschen vertritt, liegt auch das Paradies. Und der Baum der Erkenntnis oder der Lebensbaum inmitten des Paradieses besteht aus dem Kleinhirn und Rückenmark. Die vier Arterien, welche das Blut dem Gehirn zuführen, versinnbildlichen die vier Ströme, die in das Paradies einfließen und welche sind: Pison, Gihon, Heddekel und Euphrat. Wie geschrieben steht, ein Strom ging aus von Eden, er teilte sich in 4 Hauptgewässer.
In der Brusthöhle, wo das Herz als Zentrum der Gefühle, der Begierden und der Liebe liegt und die astrale Welt vermittelt und darstellt, befindet sich das Fegefeuer, der Reinigungsort der Seele.
Darum haben alle Propheten, Weisen und Heiligen die Reinigung des Herzens von allen Schlacken der häßlichen Gefühle, Wünsche und Leidenschaften empfohlen und ihr großen Wert beigelegt. Es ist klar, daß mit diesem Herz das astrale Seelenherz gemeint ist, von dem das physische Herz nur ein Abbild und einen materiellen Aspekt darstellt.
Der untere Teil des Körpers, der den Magen, die Därme und die Zeugungsorgane usw. enthält, welche die Brutstätte aller sinnlichen, tierischen und niederen Triebe, Begierden und Leidenschaften und des Abfalls, wie auch der meisten Krankheiten sind, stellt die Hölle und die Unterwelt dar. Dieser Teil ist die Markthalle des Körpers oder das Wirtschaftsamt des körperlichen Staates.
Ein vollkommener Meister ist nur der, der den Körper, das Gemüt und den Verstand, das heißt die drei physischen, astralen und mentalen Welten, die in jedem Menschen liegen, beherrscht und seinem göttlich geistigen Willen unterworfen hat. Wir müssen weiter erkennen, daß alles, was nach dem Tode geschieht, das heißt alles, was die Seele im Jenseits, im sogenannten Fegefeuer, in der Hölle oder im Paradies oder Himmel erleben kann, auch zur Lebenszeit im menschlichen Körper stattfindet. Alle diese Erlebnisse kann also die Seele auch während ihres Aufenthaltes im physischen Körper erleben.
Noch wichtiger ist die Tatsache, daß nicht nur der Körper tatsächlich die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies in sich trägt, sondern daß auch alle Erlebnisse der Propheten, der Heiligen und der Mystiker als Visionen, Himmel- und Höllenfahrten, innere Schauungen, Erleuchtungen und Offenbarungen ihre Werkzeuge und Widerspiegelungsorte im menschlichen Körper haben.
Denn sonst vermöchten diejenigen Seher oder Propheten, welche über das Jenseits oder die Geisteswelt berichten, sich an ihre Erlebnisse nicht zu erinnern und dieselben durch Worte oder Bilder nicht zu übermitteln. Und alle Erlebnisse der Seele, die durch sinnliche Ausdrucksformen nicht übermittelt werden können, bleiben für unser persönliches Bewußtsein verborgen, sind also für uns nicht existierend.
Die wichtigsten dieser physischen Werkzeuge und Organe der Widerspiegelung der Erlebnisse der Seele in der Geisteswelt sind das Herz, der Kehlkopf, das Sonnengeflecht, die Zirbeldrüse, der Hirnanhang, das Rückenmark und die Zeugungskraft oder Lebensessenz.

Das große Geheimnis
Ohne einen tiefen Blick auf den Grund des Innenlebens des Menschen zu tun, ist es unmöglich, das Rätsel des Sündenfalls zu lösen und seinen verborgenen Sinn zu enthüllen.
Wie wir wissen, läßt das Seelenleben des Menschen, wie der Mystiker es in seinen Meditationen, Visionen, Ekstasen und Entrückungen erlebt, sich durch einen besonderen Charakterzug kennzeichnen, der darin besteht, daß in diesen inneren Zuständen die Schranken von Raum und Zeit wegfallen.
Es ist klar, daß, wie es auch in unseren Träumen teil- und zeitweise geschieht, das menschliche Ichbewußtsein oder das höhere Denkprinzip, das wir gewöhnlich Seele nennen, in solchen Zuständen, wo es von den Fesseln der Sinne befreit ist, für einen Augenblick allsehend und allgegenwärtig oder richtiger gesagt, sich seiner ursprünglichen Allwissenheit und Allgegenwart bewußt wird.
Wir wissen auch, daß dieses höhere Selbst des Menschen oder sein Geist ein ewig bewegliches Bewußtsein ist, das die denkbar höchste Geschwindigkeit oder Schwingungskraft besitzt.
Wir wissen weiter, daß das sonderbare Phänomen von Zeit nur aus der Verminderung der Schwingungspotenz des Bewußtseins des Geistes entsteht. Denn der ewig lebendige und bewegliche Geist wird durch die Sinne oder materiellen Fesseln des Körpers in seiner Bewegung oder Schwingung behindert und durch die Verlangsamung seiner Schwingung wird der Begriff von Zeit geboren.
Die Zeit ist also eine aus dem Verlangsamen der Bewußtseinsschwingung des Geistes entstandene Wahrnehmung, eine Aufeinanderfolge von Bewußtseinszuständen.
Was wir täglich auf dem physisch-materiellen Gebiet erfahren und erleben, bestätigt diese Tatsache.
Wir wissen, daß, je größere Geschwindigkeit ein Ding oder ein Mensch in seiner Bewegung gewinnt, desto mehr löst sich von ihm die Zeit, das heißt desto mehr fallen die Schranken der Zeit von ihm ab.
Der Vergleich eines Fußgängers mit einem Flieger oder eines Spatzen mit einem Adler kann uns die Wahrheit dieser Tatsache veranschaulichen und beweisen. Der Flieger und der Adler sind in bezug auf Raum und Zeit dem Fußgänger und dem Spatz ungeheuer voraus. Was diese letzteren in einem Tage raum-zeitlich sehen und erleben können, das können die ersteren in einigen Minuten vollbringen. Die Zeit verliert also sozusagen bei ihnen viel von ihrer Dauer und der Raum von seiner Ausdehnung. Deshalb erleben oder nehmen wir in unseren Träumen in einigen Sekunden Ereignisse wahr, die im Wachzustande und in der materiellen Welt Hunderte von Jahren in Anspruch nehmen und die ganze Erde umfassen würden. Wir können die ganze Geschichte eines Volkes in einem blitzschnellen Traum plastisch erschauen und erleben.
Je freier also der menschliche Geist in seiner Schwingung wird, desto schneller verschwindet auch der Begriff von Raum und Zeit aus seinem Bewußtsein. Er überwindet also den Raum und die Zeit. Wenn er vollständig von den Fesseln der Sinne frei wird, dann lebt er raum- und zeitlos, allwissend, allsehend und allumfassend. Denn dies ist ja der Charakter seines wahren Wesens. Darum sagte Sokrates, daß der menschliche Geist die volle Wahrheit nur nach dem Tode des Körpers, wodurch er ganz frei wird, erkennen kann. Diese Erkenntnis der Wahrheit im Jenseits kann nur den erwachten und erleuchteten Seelen gelingen, wie auch Sokrates meinte. Dies kann aber auch inmitten des irdischen Lebens, nach dem mystischen Tode, das heißt nach der völligen Beherrschung aller Sinnesorgane und Triebe und des niederen Intellekts geschehen, wie dies in den alten Mysterientempeln gelehrt und verwirklicht wurde. Für die unerwachten Seelen bleibt aber alles dunkel in dieser Welt wie auch nach dem Tode des Körpers, denn es bleibt, wie auch Jesus Christus sagte, auch derjenige im Jenseits blind, der in dieser Welt geistig blind ist, es sei denn, daß er dort aufwacht und nach dem Lichte sucht und nach Hilfe ruft. Dann wird er geführt, und es wird ihm geholfen.
Aus dieser Einsicht über das Wesen der Zeit kann man erkennen, daß die Erlebnisse der Propheten und der Mystiker, welche in ihren Visionen und Ekstasen in einigen Minuten die Himmel durchwandert und die Ereignisse der Zukunft wahrgenommen haben, keine Täuschungen und Phantasien gewesen sind, sondern auf Wahrheit beruhen.
Man erzählt, daß die Himmelfahrt Mohammeds, die zu seinen Lebzeiten stattfand und bei welcher er alle Himmel und die Hölle durchfuhr und lange Zeit Zwiesprache mit Gott hielt, so wenig lange gedauert habe, daß bei seiner Rückkehr der Ring seiner Haustüre noch nicht ganz still geworden war, das heißt er hatte noch nicht aufgehört, sich zu bewegen. Diese Überlieferung beruht ebenfalls auf Wahrheit.
Das Fallen der Schranken der Zeit und des Raumes hat auch die moderne Wissenschaft durch Erfahrungen bei Ertrinkenden und in Trancezuständen festgestellt. Wie im Traum die Sinneswahrnehmungen und Reize sich vervielfältigen, so geschieht auch in den Visionen noch in gesteigertem Maße die Erweiterung des Wahrnehmungsvermögens der Sinne und der Organe. Man weiß aus Traumforschungen, daß man künftige Ereignisse nicht nur voraussehen, sondern auch vorauserleben kann.
Dieses Geheimnis besteht darin, daß erstens bei diesen Visionen und Ekstasen wie auch bei unseren Träumen die Seele immer mit dem Körper, bzw. mit den Sinnesorganen verbunden bleibt, denn sonst würde der Tod eintreten.
Zweitens zerfällt in diesen Zuständen die ätherische Scheidewand, die den physischen Körper von dem Astralkörper trennt, oder, wie der Mystiker sagt, der Schleier des Geheimnisses wird von den inneren Augen der Seele weggenommen. Dies ist aber ein physiologischer Vorgang, der im Gehirn stattfindet.
Nach dem Wegfallen dieses Schleiers wird sich dann das schrankenlose Bewußtsein oder Wahrnehmungsvermögen der befreiten und schauenden Seele in diesen passiven und ruhenden Sinnesorganen widerspiegeln, und diese erhalten dadurch für einen Augenblick ein außerordentlich starkes Wahrnehmungsvermögen, das heißt, ihre Wahrnehmungsfähigkeit wird bis zur höchsten Potenz erhöht, man könnte sagen vertausendfacht.
Auf diese Weise wird nicht nur ein Hellsehen und Hellhören zustande kommen, sondern es wird in der Tat das Sehorgan zu einem Mikroskop oder Scheinwerfer und das Hörorgan zu einem starken Radiohörer oder Empfänger werden.
Über diesen merkwürdigen Vorgang findet man in den okkulten Schriften nur Andeutungen.
Der Theosoph und Okkultist C. W. Leadbeater sagt in seiner Schrift "Die Chakras" auf Seite 59 folgende Worte, die sehr bemerkenswert sind:
"Das Zentrum zwischen den Augenbrauen steht mit dem Sehvermögen noch in einer anderen Weise in Verbindung, denn es verleiht die Kraft, unendlich kleine physische Gegenstände vergrößert wahrzunehmen. Das Organ, das zu dieser besonderen Abart des Hellsehens dient, besteht aus einem winzigen biegsamen Röhrchen von ätherischer Materie, das – einer mikroskopisch kleinen Schlange vergleichbar – aus der Mitte des Chakra (Kraftzentrum) entspringt und an seinem Ende ein augenähnliches Gebilde trägt.
Dieses Auge kann sich ausdehnen oder zusammenziehen, um die Kraft der Vergrößerung je nach dem Umfange des zu untersuchenden Gegenstandes ändern zu können."
Auf diesen Vorgang wird auch in alten Schriften angespielt, wenn von der Fähigkeit gesprochen wird, sich nach Belieben groß oder klein zu machen. Um ein Atom zu beobachten, schafft man sich eben ein dessen Größe angepaßtes Sehorgan. Diese kleine Schlange, die in der Mitte der Stirne entspringt, wurde auch auf dem Kopfschmuck der ägyptischen Pharaonen symbolisch dargestellt, denn es wurde angenommen, daß sie, als die höchsten Priester des Landes, neben vielen anderen auch diese okkulte Kraft besaßen.
Drittens werden die Sinnesorgane in erster Linie die inneren Teile und die Vorgänge des Körpers im oben geschilderten, außerordentlich starken Maße wahrnehmen, da sie sich in dem Zustand der Vision oder Ekstase von der Außenwelt zurückgezogen und nach innen gerichtet haben, wie solche Konzentration auch beim Schauen durch das Mikroskop und beim Hören durch das Radio geschieht.
Unter der Wirkung dieser ungemein gesteigerten, erweiterten und konzentrierten Wahrnehmungsfähigkeit wird dann zum Beispiel das Sehorgan, gleich einem Mikroskop, das ganze Gehirn als einen herrlichen Garten, als Paradies sehen. Das Rückenmark wird dann als eine Schlange oder ein Drache, das Kleinhirn und die Nervenverästelung des Gehirns als Baum und die vier Arterien, die das Blut dem Gehirn zuführen, werden als Ströme oder Flüsse erscheinen.
So werden auch die Hirnrinde als Himmel, die Nervenzentren als Sterne, die Hirnwindungen als Wolken, die Knochen als Berge und Hügel, die Blutgefäße als Flüsse und Seen und die Muskeln als Wälder und Täler erscheinen usw.
Ein solches zum Mikroskop gewordenes und nach innen gerichtetes Sehorgan wird auch den Magen und die Därme mit all ihren unzählbaren Bazillen und Würmern, die einander verzehren, als Hölle und Unterwelt mit ihren vielen Dämonen, Drachen, Schlangen und Teufeln sehen.
Und das Hörorgan wird die aus der Bewegung der Organe und vor allem aus dem Blutkreislauf entstehenden Töne als Stimme, als himmlische Melodie, als Sturm, Donner, Posaunen usw. erschallen hören.
Es ist dann selbstverständlich, daß dieses Erlebnis durch das Gesetz der Assoziation manche aufgespeicherte, ähnliche Erinnerungsbilder im Gedächtnis erwecken wird, und daß dadurch ein jeder Schauende, der solches erlebt, diesen erschauten und gehörten Dingen und Tönen jene Namen geben wird, die ihm aus der äußeren Welt und dem täglichen Leben bekannt und vertraut sind.
Deshalb wird ein Hindu einem auf diese Weise erschauten Fluß den Namen Ganges geben, ein Ägypter ihn Nil, ein Israelit Jordan, ein Babylonier oder Chaldäer Euphrat oder Tigris nennen usw.
Auf diese Weise hat zum Beispiel Moses in seiner Vision auf dem Berge Sinai das Herz mit seinen Nerven oder das Gehirn mit seiner Nervenverästelung als brennenden Busch und Johannes als Harfe, wie auch Jakob das Rückgrat als Himmelsleiter gesehen. So ist es auch mit vielen anderen Visionen der Propheten, der Heiligen und der Mystiker aller Völker und aller Zeiten der Fall gewesen.
Im Lichte dieser hohen Erkenntnis kann man nun dem theologischen Streit der Jahrtausende ein Ende machen, der darin bestand, ob das Paradies auf Erden oder im Himmel gewesen ist, aus dem Adam und Eva ausgestoßen wurden.
Wie allgemein bekannt ist, nehmen viele Theologen an, daß das Paradies nicht auf Erden, sondern im Himmel lag und liegt, und daß der Sündenfall im Himmel stattgefunden hat, wodurch die Urmenschen aus dem Himmel verjagt und auf die Erde verbannt worden sind. Danach wird die Erzählung des Alten Testaments, daß Gott in Eden, einem Land in Mesopotamien, einen Garten, das heißt das Paradies, baute und Adam und Eva dort einsetzte, sinnlos oder vielleicht als eine eingeschobene Dichtung betrachtet.
Andere glauben, daß es zwei Paradiese gegeben hat, eines auf Erden und das andere im Himmel. Das irdische ist das des Alten Testaments, und das andere liegt im Jenseits, wo die abgeschiedenen Seelen ihren Aufenthalt haben können. Nun ist die Wahrheit die, daß es zwei Paradiese gegeben hat, das eine im Himmel und das andere auf Erden. Aber diese beiden liegen auch, esoterisch genommen, im Menschen selber. Von diesen beiden ist das eine materiell und irdisch und liegt im menschlichen Körper und das andere ist geistig und himmlisch, und dies ist der selige Zustand, in dem sich die Seele in den Visionen und Entrückungen befindet oder ihn erst nach dem Verlassen des Körpers im Himmel erleben wird. Nach Kap.: 2, 15, der Genesis setzte Gott den Urmenschen ins Paradies, um es zu bebauen und zu bewachen. Dieser Edengarten war also etwas Unvollkommenes und mußte erst vom Menschen bearbeitet und bebaut werden. Dies beweist schon, daß dieses Paradies weder irdisch noch himmlisch sein kann, sondern im Menschen selber liegen muß, damit er es weiter bebauen und bewahren kann. Es ist nichts anderes, als sein Gehirn, und das Landstück Eden, in dem der Garten lag, ist wiederum nichts anderes als der Körper.
Als Jesus am Kreuze dem Schächer sagte:
"Heute wirst du mit mir im Paradiese sein" (Lukas: 23, 43), hatte er sicher damit das geistige Paradies gemeint, jenen himmlischen Zustand der Seligkeit der Gemeinschaft mit Gott, das heißt jenen seligen Augenblick, in dem die Seele sich ihrer Freiheit und Göttlichkeit bewußt wird. Dies ist auch durch Paulus bestätigt worden, als er sagt, daß das Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können. (1. Kor.: 15, 50)
Wo aber Jesus vom Himmelreich in bezug auf die Wiedergeburt der Seele spricht, da kann der Himmel im Menschen, das heißt das Gehirn gemeint sein, wo die Widerspiegelung der Erleuchtung und der Wiedergeburt stattfindet.
Von der Hochwarte dieser Wahrheit aus kann man nun verstehen, wie es den großen Weisen und Sehern der alten Völker möglich gewesen ist, über den Organismus des Menschen und über die Kräfte, Elemente und Gesetze der Natur und sogar über die Beschaffenheit der Gestirne ein solch tiefes Wissen zu besitzen, zu einer Zeit, wo keines von den heutigen Instrumenten und Forschungswerkzeugen vorhanden war, ein Wissen, das über die heutige Wissenschaft hinausgeht, sie vielfach überragt und die Wissenden in Staunen versetzt.
Jene großen, erleuchteten und eingeweihten Seher und Meister der antiken Welt hatten aber erst in vielen Erdenleben, durch viele Opfer und Anstrengungen, ihre Organe und Sinne verfeinert und geschärft, ihr Wahrnehmungsvermögen gesteigert und mittels harter Schulung ihres Willens, ihrer Vorstellungs- und Denkkraft dieses hohe Wissen und diese göttlich-schöpferische Macht errungen.
Darum kann die heutige Wissenschaft, wenn sie sich ernst mit der okkulten Geheimlehre des Ostens beschäftigt, nur Nutzen daraus ziehen und neue Erkenntnisse ihrem heutigen, sinnfällig gewonnenen Wissen hinzufügen.
Aufgrund dieser gewaltigen und geheimnisvollen Tatsache hat der erleuchtete Mystiker, der die Macht der inneren Schau erlangt und den Einfluß und die Schranken von Raum und Zeit überwunden hat, sehr recht, wenn er sagt:
"Um die Natur und die Welt und ihre Vergangenheit und Zukunft zu erkennen, habe ich mein Laboratorium, mein Museum und mein Observatorium in mir selbst."
So beruht auch der Mythos des Sündenfalls auf einer Offenbarung, die einen im menschlichen Körper stattfindenden organischen Vorgang in sich schließt und den der Verkünder der Genesis als Vision erlebt und in dieser Form symbolisch dargestellt hat.
Was wir hier als großes Geheimnis und als Schlüssel zur Auslegung der religiösen Mythen kennengelernt haben, ist nur die physiologische Entsprechung der seelischen Erlebnisse gewesen, die an sich einen hohen Wert besitzen, der durch diese Auslegung und Entsprechung nicht verlorengeht. Wir müssen uns deshalb vergegenwärtigen, daß sich das Erkennen der Wahrheit nicht auf diese physiologisch bedingten Vorgänge oder Zustände beschränken läßt.
Gott kann zum Beispiel in jedem Augenblick einen Auserwählten, also eine Menschenseele, ohne vorherige Vorbereitung und äußerliche Schulung, die höchsten Wahrheiten erleben und alle Himmel und ihre Bewohner und Vorgänge erschauen und erkennen lassen. Und dies kann ohne das menschliche Wollen und Verlangen geschehen, wie es bei den großen Propheten der Fall gewesen ist. Die physiologischen Vorgänge sind nur, wie schon erwähnt, Ausdrucksformen der inneren geistigen Erlebnisse für die äußere materielle Welt, um sie dem Menschenverstand wahrnehmbar zu machen. Denn anders kann sich ja der äußere Mensch dieser geistigen Erlebnisse nicht bewußt werden. Die prophetischen Offenbarungen bleiben daher immer besondere Werke Gottes, welche die Führung, Belehrung und Erleuchtung der Völker und der Menschheit bezwecken. Daher bleibt auch der Mythos des Sündenfalls als eine der wertvollsten und herrlichsten Offenbarungen Gottes bestehen. Die Heiligkeit solcher Offenbarungen, die von Gott durch den Heiligen Geist für bestimmte Zwecke inspiriert und geleitet werden, wird durch diesen physiologischen Vorgang keinesfalls aufgehoben oder unterschätzt. Im Gegenteil werden sie einen wissenschaftlich festen Grund erhalten, besser verstanden und besser gewürdigt und anerkannt werden.

Die mystisch-esoterische oder geisteswissenschaftliche Auslegung des Mythos des Sündenfalls
Gib mir, o Herr, das innere Licht und laß mich das Urbild der Schöpfung erschauen!

Die wahre schöpferische Mystik, die mit wahrer Geisteswissenschaft und wahrem Okkultismus eins ist, und die ihre Lehre durch Versenkung, innere Schau und göttliche Intuition unmittelbar aus der Quelle der Wahrheit schöpft, verkündet uns, daß der Sündenfall und die Erbsünde sich nur auf den Mißbrauch der Zeugungskraft durch die ersten Menschen beziehen und nur daraus entstanden sein können. Der Sündenfall ist nichts anderes gewesen, als der Fall in die vorzeitige Zeugung.
Der ganze Mythos des Sündenfalls in den semitischen Religionen beruht auf dieser Tatsache, und der Baum der Erkenntnis und die Schlange stehen im Zusammenhang mit diesem organisch vollzogenen und symbolisch dargestellten Vorgang, wie wir in Nachfolgendem sehen werden.
Die in den anderen Religionen und Mythen der Völker verbreiteten Legenden und Symbole, die sich auf dieses Problem beziehen, weisen gleichfalls auf diesen körperlichen Vorgang und Mißbrauch hin.
Die ganze Tragik des Lebens und des Schicksals des Menschen, mit einem Worte seine Sündhaftigkeit, das heißt seine erbliche Veranlagung, zu sündigen, die ihn zum Sklaven der sinnlichen Lust und tierischen Triebe gemacht hat, liegt allein in diesem Mißbrauch der Zeugungskraft.
Wir wollen nun diese Tatsache näher studieren.

Der Fall in die Materie und die Trennung der Geschlechter
Die wahre esoterische Mystik oder Geisteswissenschaft lehrt uns, daß die menschlichen Urwesen in den ersten zwei Stadien oder Perioden ihrer Entwicklung lange Zeit hindurch ohne physischen Körper waren, und daß sie zuerst in einem astralen und dann in einem ätherischen Körper lebten.
Sie waren also vordem nur ätherische Wesen und konnten daher die physische Welt nicht so wahrnehmen, wie wir es jetzt mit unseren physischen Sinnen tun. Da sie keinen physischen Körper besaßen, so waren auch ihre Sinne oder Wahrnehmungswerkzeuge anders geartet und nach innen gerichtet. Sie lebten wie in einem dumpfen Wahrnehmungszustand in bezug auf die physische Welt, ohne äußeres Bewußtsein.
Darum kann man diese menschlichen Urwesen im Vergleich mit den heutigen sichtbaren Menschen unsichtbare Geistwesen nennen, gleich den entkörperten Seelen der Verstorbenen, die noch eine Weile in ihrem Astralkörper weiterleben und die man bei den Spiritisten "Geister" nennt.
Die Geisteswissenschaft lehrt uns weiter, daß diese Urmenschen damals noch eingeschlechtig waren, das heißt jeder war zugleich männlich-weiblich. Sie zeugten nur durch die Spaltung ihres Wesens, das heißt durch Ausschwitzung oder Ausscheidung der Elemente ihres ätherischen Organismus, sie hatten aber dabei von diesem Vorgang kein Bewußtsein in unserem Sinne. Diese Zeugung geschah also unbewußt und ohne Leidenschaft und Willensakt und daher schmerzlos, wie auch heute die Fortpflanzung bei vielen niederen Tieren und bei den Pflanzen ebenso geschieht.
Vor dem Fall in die Materie, das heißt in die physische Welt, und bevor sie einen physischen Körper erhielten, lebten diese menschlichen Urwesen sozusagen in einem paradiesischen Zustand, indem sie von Leid, Kranksein, Altern, Tod, Gutem und Bösem nichts wußten, wie die Kinder. Sie hatten keine sinnlichen Leidenschaften und Begierden, aber auch kein Bewußtsein von ihrem seligen Zustand und ihrem Glück, weil sie keinen Gegensatz und keinen anderen Zustand kannten.
Die Schöpfungsgeschichte der Urmenschen im ersten Kapitel des Alten Testamentes, wo gesagt wird, daß Gott den Menschen Ihm zum Bilde schuf, bezieht sich auf diese voradamitischen Urmenschen, die nur einen Ätherkörper besaßen, in einem dumpfen Bewußtseinszustand lebten und Geisteswesen waren.
Es ist aber notwendig, hier zu bemerken, daß mit dem Wort "Ebenbild Gottes" nur der im Menschen wohnende und wirkende unmaterielle Gottesgeist gemeint ist und nicht der aus dem Leibe bestehende unsichtbare, ätherische oder sichtbare physische Mensch.
Als nun die Zeit kam, da diese Geistwesen durch ihren Ungehorsam die tiefste Schicht der Materie betreten mußten und einen physischen Körper bekamen, da haben sie erst die physische Welt und alle ihre Formen und Lebewesen allmählich wahrgenommen und auch einander und die Welt sinnenhaft und materiell erkannt.
Diese Bekleidung mit dem physischen Körper geschah gemäß dem Willen Gottes, sie kann nur als der Fall oder die Herabsenkung der Seele in die dichte sichtbare Materie betrachtet werden.
Der Mythos, daß Gott Adam und Eva nackt sah und sie mit Röcken aus Tierfell bekleidete, muß sicher, wie alle anderen Teile des Mythos des Sündenfalls, symbolisch aufgefaßt und gedeutet werden. Er weist nur auf die Tatsache hin, daß die Urmenschen im Anfang keinen physischen Körper gehabt haben, und daß sie erst später einen solchen bekamen. Denn sonst müßte Gott mit Seiner eigenen Hand Tiere geschlachtet haben, um aus ihrem Fell für Adam und Eva Kleider zu machen. Solche Gedanken sind ja Unsinn und absurd.
Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments im zweiten Kapitel, die von der Erschaffung Adams aus dem Erdenkloß handelt, bezieht sich eben auf diese Periode der Bekleidung der ätherischen Menschen mit dem physischen Körper.
Die beiden ersten Kapitel des Alten Testaments, die einander scheinbar widersprechen, behandeln in der Tat dasselbe Wesen, das zum Menschen wird; sie schildern nur die zwei verschiedenen Phasen seiner Entwicklung und Menschwerdung.
Je weiter nun die ätherischen Urmenschen in die Materie hinabsanken und ihre physischen Körper fester wurden, desto mehr verloren sie ihr astrales Gesicht, das heißt ihr ätherisch-astrales Hellsehen oder Wahrnehmungsvermögen. Ihre physischen Sinne entwickelten sich also auf Kosten ihrer astralen Sinne. Durch ihren physischen Körper wurden sie nunmehr an die Schwerkraft der Erde gebunden und sind damit zu Erdenbürgern geworden.
Diese Umwandlung findet ihre Entsprechung im Wachs-tum der Kinder, die so lange in Unschuld und Einfalt leben, bis die sinnlichen Triebe in ihnen aufwachen und sie von ihrem himmlischen Zustand in den irdisch-sinn-lichen Strudel des materiellen Lebens gezogen werden.
Die Trennung der Geschlechter bei den Urmenschen bedeutet auch nicht, wie manche behauptet haben, Sündenfall. Diese Trennung, die von Gott gewollt war und in dem Mythos durch die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams symbolisch dargestellt worden ist, fand erst später und ganz langsam statt.
H. P. Blavatsky sagt darüber folgendes:
"In der dritten Rasse (der Lemurier) fand die Trennung der Geschlechter statt. Die Menschen waren zuerst ungeschlechtig, wurden dann ausgesprochen hermaphroditisch oder doppelgeschlechtig, und schließlich begannen die menschenenthaltenden Eier allmählich und ihrer evolutionellen Entwicklung nach nahezu unbemerkbar zuerst Wesen hervorzubringen, in denen ein Geschlecht das andere überwog, und schließlich unterschiedliche Männer und Weiber."
Den Vorgang der Trennung der Geschlechter finden wir auch in der Entwicklung des Embryos. Wie die medizinische Wissenschaft sagt, bleibt der Embryo bis zum dritten Monat doppelgeschlechtig und daher ist sein Geschlecht bis dahin noch unbestimmt. Erst im dritten Monat läßt sich sein Geschlecht bestimmen. Der Embryo wiederholt also im kleinen den Entwicklungsvorgang der menschlichen Rasse.
Diese Geschlechtertrennung und die heutige Art der Zeugung sind aber, wie die Geisteswissenschaft sagt, vorübergehend und werden wieder bei den späteren Wurzelrassen verschwinden. Darauf hat auch Christus hingewiesen. Die Menschen werden durchgeistigt und wieder geistig zeugen können durch das schöpferische Wort und bewußt und dem Plane Gottes entsprechend. Diese Rückkehr zur Eingeschlechtigkeit geschieht gleichfalls gemäß dem Gesetz der Schöpfung. Denn alles in der geoffenbarten Welt entsteht aus dem Einen und wird wieder in das Eine eingehen. Die Schöpfung beginnt mit der Entfaltung und Mannigfaltigkeit und vollendet sich in der Einswerdung.
Alle Mannigfaltigkeiten werden zur Einfachheit und alle Vielheiten zur Einheit zurückkehren!
H. P. Blavatsky sagt in der "Geheimlehre":
"Die Menschheit mußte – nachdem sie die letzte Grenze und den Wendepunkt erreicht hatte, wo ihre geistige Natur allein der physischen Organisation Platz zu machen hatte in die ,Materie' und Zeugung verfallen. Aber die Evolution und Involution des Menschen sind zyklisch. Er wird enden, wo er begann."

Der Sündenfall war der Fall der Urmenschen in die vorzeitige Zeugung
Die Urmenschen besaßen, als sie physische Körper bekamen, eine starke sinnliche Triebkraft wie die Tiere, da sie überhaupt ausgeprägte tierische Züge besaßen. Sie hatten mehr Tierisches als Menschliches an sich. Die Worte, nach denen Gott Adam und Eva mit Tierfellen bekleidete, deuten auf diese tierische Natur hin.
Sie hatten, wie die Tiere, zwei mächtige Triebe, die ihr Leben beherrschten, nämlich die Triebe der Ernährung und der Zeugung. Sie besaßen wohl einen gewissen Intellekt und einen teilweise freien Willen, die sie von den Tieren unterschieden und über diese stellten. Ihr Intellekt war aber sehr stumpf und ihr Wille noch sehr schwach und triebhaft. Diese beiden Kräfte waren daher noch nicht ausgebildet und geläutert, sondern dem sinnlichen Triebe unterworfen.
Deshalb war es im Plane Gottes festgelegt, daß diese tierhaften Urmenschen zuerst für eine kurze Zeit ihren Willen und ihren Verstand läutern und höher entwickeln und selbst moralisch und geistig wachsen sollten, um die tierische Natur in sich vollständig zu überwinden, das heißt die tierische Stufe zu übersteigen und edle, hochgeistige Menschen zu werden. Sie sollten ihr ursprüngliches instinktives Wissen nicht durch den Intellekt verdrängen, sondern es zum intuitiven, allumfassenden Bewußtsein, also zur Weisheit oder reinen Vernunft, erheben und entwickeln.
Für diesen Zweck gab es nur ein Mittel, und dies war und ist immer noch die Zeugungskraft oder Lebensessenz.
Daß diese Lebenssubstanz oder schöpferische Kraft mit der Entwicklung des Verstandes und den anderen geistigen und das Wachstum fördernden Kräften des Körpers eng verbunden ist, weiß ein jeder, und es wird durch die medizinische Wissenschaft vielfach bestätigt.
Dr. Julius Schulz sagt:
"Das Nervensystem hängt in erster Linie von den Unterleibsorganen, speziell den Keimdrüsen ab. Dem Gehirn bestimmt war das Denken – der Geist –, der Ursprung des Gedankens liegt aber in den Drüsenfunktionen begründet."
Die Wirkung der Zeugungskraft auf die geistige Entwicklung des Menschen ist unleugbar und wird noch im nächsten Kapitel eingehend erklärt.
Wir wissen aus vielen Erfahrungen, daß die Vergeudung dieser wichtigen Lebensessenz zur geistigen Schwäche, ja zum Irrsinn führt, und daß alle großen Meister, Führer, Weisen und Heiligen diese Kraft nicht vergeudet und verbraucht, sondern in geistige Kraft und in Nervenfluidum umgewandelt haben.
Wir wissen auch, daß die sinnliche Lust eine viel stärkere und gewaltigere Wirkung auf den Organismus hat als alle anderen Triebkräfte des Menschen, wie die Lust zum Essen, zum Schlafen usw.
Deshalb darf man die Befriedigung der sinnlichen Lust nicht mit der Stillung des Hungers, des Durstes und der anderen körperlichen Bedürfnisse auf die gleiche Stufe stellen, denn alle anderen Bedürfnisse und Funktionen der Organe sind nur Mittel, um diesen wichtigsten aller körperlichen Säfte, die Lebensessenz, zu schaffen. Sie ist in der Tat, wie die medizinische Wissenschaft sagt, die Nahrung und die Basis der Nervensubstanz und damit der geistigen Lebendigkeit des Menschen.
Darum kam das Verbot Gottes, daß diese schöpferische Kraft bei den Urmenschen für eine bestimmte Zeit nicht für die Zeugung gebraucht werden sollte, damit der menschliche Verstand oder Geist dieselbe zum Aufbau des Gehirns und des Nervensystems und zur Entfaltung und Ernährung des höheren Intellekts oder Verstandes und des sittlich-geistigen Willens verwenden könnte. Vor allem sollte diese Kraft zur Entwicklung des Großhirns und des cerebrospinalen Nervensystems und besonders des Hirnanhangs und der Zirbeldrüse im Gehirn verwendet werden. Diese letzteren Organe spielen in der Vergeistigung und Erleuchtung des Menschen, das heißt in seiner Höherentwicklung, wie wir später erkennen werden, eine große Rolle.
Dieses Verbot war also auf Weisheit gegründet, denn Gott wußte, daß der Mensch, wenn er einmal diese Frucht der sinnlichen Lust gekostet und dadurch das damit verbundene Gute und Böse erkannt hatte, er wegen der Schwäche seines Verstandes und der Triebhaftigkeit seines Willens unfähig sein würde, das Böse zu bekämpfen und das Gute zu vollbringen.
Dann würde es sehr schwer sein, ihn vom Mißbrauch dieser Kraft zurückzuhalten, denn der Mensch hatte ja Willensfreiheit bekommen und würde sicher von dieser Freiheit Gebrauch machen zu seinem Verderben. Er hat auch schließlich so gehandelt und ist durch den Mißbrauch dieser Kraft in die Sünde gefallen. Anstatt das Gute in sich herrschen zu lassen, wurde er selbst dadurch der Herrschaft des Bösen oder Satans untertan. Daher ist er ein intellektuelles, egoistisches und einseitig und unharmonisch ausgebildetes Wesen geworden und auf der tierischen Stufe stehengeblieben. Ist es nicht auch noch heute so in unserer Zeit?
Daraus kann man ersehen, wie sehr jenes Verbot begründet war und wie es auf Weisheit beruhte.
Der deutsche Okkultist und Yoga-Kenner Willy Adelmann-Huttu-la schreibt über dieses Problem folgendes:
"Die Meister lehren und beweisen, daß die Sexualenergie, wenn sie, statt nach außen abgegeben, verfeinert und in höhere Kanäle geleitet wird, Wirkungen auf die menschliche Konstitution hervorbringt, die mit einem Wiederverjüngungsprozeß verglichen werden könnten, und daß das vielgerühmte Lebenselixier der mittelalterlichen Rosenkreuzer und Alchimisten auf bestimmten physiologischen Vorgängen beruhe, welche mit dem Geheimnis der Sexualenergie, die eine schöpferische, lebenspendende Kraft darstellt, in engem Zusammenhang stehe. Daß an dieser Lehre etwas Wahres sein muß, dürfte dem Leser bei einiger Überlegung bald klar werden."
Darum haben manche Weisen und Seher gesagt:
"Die sinnliche Lust wurde bei den Urmenschen das Grab ihrer Unschuld und Göttlichkeit!"
Es sei aber hier betont, daß der richtige Gebrauch dieser schöpferischen Kraft oder Lebensessenz an sich nicht gefährlich und verwerflich ist, auch war er nicht für immer verboten, sondern nur vorübergehend, für kurze Zeit, für eine bestimmte Periode der Entwicklung.
Der Urmensch hat aber gegen den Willen Gottes diese Kraft vorzeitig gebraucht und von diesem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen die unreifen Früchte gekostet oder richtiger gesagt, er selbst war unreif, diese Früchte zu verdauen.
Das menschliche Geschlecht ist dadurch in geistiger Hinsicht ein Zwerg oder wie eine vorzeitig gepflückte, unreife Frucht geblieben.
Dies ist der Ursprung und der wahre Sinn des Verbotes Gottes und des Sündenfalls der Urmenschen.
Warum man aber diesen Vorgang durch das Symbol des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen und der Schlange usw. dargestellt hat, das werden wir in dem nächsten Kapitel erfahren. Zur Bestätigung der Wirklichkeit dieser Tatsache und dieser Ansicht seien einige Hinweise aus den Schriften anderer Denker angeführt.
Dr. med. Oberdörffer sagt:
"Die ersten Menschen waren vom Plexus sacralis (Kreuzbein-geflecht) beherrscht und lebten daher noch rein und unschuldig. Plexus sacralis, der untere Teil des sympathischen Nervensystems, hat die Aufgabe, die Bildung der Keimdrüsen zu beeinflussen. Diese Bildung geschieht noch ohne Sinnlichkeit und Leidenschaft. Als sich bei den ersten Menschen dann der Plexus prostaticus (Vorsteherdrüsengeflecht) entwickelte, dem die Verwertung der Lebenssäfte unterstellt ist, fing die Leidenschaft und Sinnlichkeit an, die Menschen zu beherrschen."
W. Adelmann-Huttula sagt in seiner Schrift über "Seelenkunde":
"Es gibt sozusagen zwei entgegengesetzte Pole, nach welchen die Lebenskräfte des Menschen strömen können: nämlich nach dem Gehirn und dem Zeugungsapparat. Beim sinnlich-materiali-stischen Durchschnittsmenschen strömt diese Energie vom Gehirn nach den Zeugungsorganen, woselbst sie durch gewohnheitsmäßigen Sexualverkehr, wie er im ,zivilisierten Mitteleuropa' jetzt allgemein ,Sitte' ist, nach der Peripherie abgeleitet wird.
Beim richtigen Praktiker im Radscha-Yoga verhält sich die Sachlage nun gerade umgekehrt. Er trachtet danach, den Strom der lebenserneuernden Sexualität von den Genitalien nach dem Kopfe zu leiten, gemäß einer Verheißung in den Upanischaden (indische Geheimtexte), woselbst es heißt:
,Wer seine Lebenskräfte im Kopfe festhält, der erreicht das Höchste.'
Die Sexualenergie ist eine schöpferische Kraft: Nach dem Zentralnervensystem und dem Gehirn geleitet, vermag sie den Körper zu erneuern und macht den Menschen zu einem Gott. Die Überwindung des Sinnlichen bedeutet die Geburt des Übersinnlichen."
Auch nach Zarathustra ist die Ausschweifung oder die sinnliche Lust des Sichauslebens die Ursache des Sündenfalls, das heißt des Verlustes des Geisteslichts gewesen.
Wir lesen in der "Weltanschauung der Rosenkreuzer" von Max Heindl folgendes:
"Wir konnten beobachten, daß vor dem Fall das Bewußtsein des Menschen seinen Brennpunkt nicht in der physischen Welt hatte. Als ihre Augen geöffnet wurden und ihr Bewußtsein nach außen auf die Tatsachen der physischen Welt gerichtet wurde, änderten sich die Bedingungen. Die Fortpflanzung wurde nicht mehr durch die Engel, sondern durch den Menschen selbst geleitet, der die Wirkung der Sonnen- und Mondkräfte nicht kannte.
Er mißbrauchte die geschlechtliche Tätigkeit, indem er sie zur Befriedigung der Sinnenlust verwendete. Die Folgen waren die Schmerzen der Schwangerschaft. Von da ab erhielt das Bewußtsein des Menschen seinen Brennpunkt in der physischen Welt, obwohl er die Dinge bis gegen das Ende der atlantischen Epoche nicht klar umrissen sah."
Wenn wir nun den Sündenfall im Lichte dieser esoterischen Erkenntnis und Auslegung der Tatsachen und der Wahrheit verstehen, dann werden die symbolischen Darstellungen und Bilder des Alten Testaments einen tieferen Sinn erhalten.
Deshalb haben die Erkenner der Wahrheit gesagt, daß die heiligen Schriften aller Religionen mit drei Siegeln versiegelt seien, das heißt einen dreifachen Sinn haben, einen buchstäblichen, einen symbolischen und einen tief verborgenen geistigen Sinn.

Die Zeugungskraft und der Sündenfall
"Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt werden wird, und nichts verborgen, was nicht bekannt werden wird."(Mathäus: 10, 26)
Die Zeugungskraft oder Lebensessenz ist eine der wichtigsten und heiligsten Substanzen des Körpers, wie das Wort selbst schon besagt, und braucht keinen anderen Beweis. Deshalb kann man sie auch ,Lebensstrom' oder ,Lebenswasser' nennen.
Dr. Julius Schulz sagt:
"Die Sexualstoffe sind die feinsten und chemisch wirksamsten Stoffe, die der Schöpfer hervorgebracht hat. Aus ihnen geht der Mensch, die Krone der Schöpfung, hervor. Alle Fortschritte, die ganze Entwicklung des Alls sind an diese Stoffe gebunden. Sie bergen in sich Mächte und Kräfte, die, richtig verwendet, neue Welten zu schaffen vermögen und unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen."
Die Wichtigkeit dieser schöpferischen Kraft beruht einerseits auf ihrer chemischen Zusammensetzung und Beschaffenheit und andererseits auf ihrer Beziehung zu manchen kosmischen Strahlen oder Kräften.
Als materiell-chemischer Stoff ist sie die feinste Substanz unseres Körpers und enthält die Essenz aller Säfte unserer Organe.
Dr. med. H. Oberdörffer führt aus:
"Die Speisesäfte werden durch Leber und Nieren gereinigt und die letzte Verfeinerung geschieht in den Keimdrüsen durch den vermittels des Atems eingeführten Lichtsamen, der mit den gereinigten Speisesäften hier zusammentrifft und die Lebenskeime bildet. Der Plexus sacralis (Kreuzbeingeflecht) besorgt die letzte Umwandlung der Körpersäfte zu den lebenenthaltenden Keimzellen."
Die Keimdrüsen enthalten einen Stoff, den man Lezithin nennt und der die Grundsubstanz des Gehirns und der Nerven ist. Er findet sich in allen tierischen Zellen, aber besonders im Eidotter, im Herz, in den Nieren, der Leber und den Keimdrüsen.
Dr. Oberdörffer ist der Ansicht, Lezithin sei die wichtigste Produktion der physiologischen Arbeit unseres ganzen Organismus. Die lezithinhaltige Masse oder der gelbe Körper, der den Eierstock der Mutter umhüllt, dient dem neuen Wesen nach der Befruchtung als erste Nahrung.
Und Dr. J. Schulz sagt in seiner erwähnten Schrift:
"Die Sexualstoffe liefern uns durch ihren Eiweiß- und Phosphorgehalt Nährstoffe in potenzierter Form, besonders für Nerven und Gehirn."
Es genügt uns, daran zu denken, daß in den Keimdrüsen jene Samen sich entwickeln, aus denen neue Menschenwesen hervorgehen.

Die Kundalinikraft
Die Kundalini wird als spirituelle Schöpfungskraft, als Elektro-Magikon, und bei den Hermetikern als geheimes Feuer der Weisen betrachtet.
Die Hindus betrachten sie als Shakti, die Königstochter Shiva, die göttliche Kraft, welche am Bewußtseinspol, im Gehirn, als Denkkraft waltet. Die Kundalini, als Shakti, stellt die göttliche Kraft am Lebenspol, die Lebens- und Liebeskraft am Pole des Seins dar.
Die Kundalini, dargestellt als vierblättrige Lotosblume, ruht am Eingang Brahmas, beim Pol der warmen Flamme. Erwacht, äußert sie sich als tönendes Leben und läßt die Stimme der Stille im Herzen erklingen. Im Gehirn liegt der Pol der kalten Flamme, die leuchtet, aber nicht brennt. Durch Kundalini vollzieht sich dort die Vereinigung der vier Ätherarten.
Meister Hilarion äußert sich in dieser Hinsicht wie folgt:
"Das schöpferische Feuer (Kundalini) ist das Grundprinzip des Lebens in jedem Atom der Offenbarung. Es ist im richtigen Verhältnis beigemischt der Luft, die Ihr atmet, der Nahrung und dem Wasser, die Ihr zu Euch nehmt, und es ist in verdichteter Form in den Fortpflanzungsorganen allen organisierten Lebens enthalten."
Die Kundalini-Kraft kann aber sowohl tödlich wie auch heilvoll sein. Sie hat also eine zweifache Natur, die gegensätzlich wirkt und kann daher, wie alle Kräfte des Kosmos, je nach dem richtigen Gebrauch oder Mißbrauch zerstörend oder aufbauend wirken.
Diese schöpferische Kraft, von der die Zeugungskraft ein schwacher Aspekt oder Ausfluß ist, kann mit einem mächtigen Wasserfall oder Vulkanausbruch verglichen werden. Wie man diese gewaltigen Naturkräfte, die sehr gefährlich sein können, für gute Zwecke verwenden kann, so ist es auch mit der Kundalini und Zeugungskraft der Fall.
Man kann durch den richtigen Gebrauch dieser Kraft heilvolle und lebensfördernde Resultate erzielen, wie auch durch den Mißbrauch derselben Unheil und Verderbnis hervorrufen.
Sie kann also je nach dem Fall und je nach der Reife und Beschaffenheit der Wesen aufbauend und anregend oder verderblich und vernichtend wirken. Darum nennt man diese Kraft auch Schlangenfeuer.
Diese Kraft, die das ganze Universum erfüllt, wirkt in allen Wesen, im Atom sowohl wie auch in der größten Sonne. Die im Menschen wirkende Kundalini ist also dieselbe Energie, die in der Sonne wirksam und im Innern der Erde aufgespeichert ist und als flüssiges Feuer existiert. Sie durchdringt die ganze Natur und kann von keiner anderen Kraft beeinflußt oder gehindert werden.
Der Okkultist und Theosoph C. W. Leadbeater schreibt in seiner Schrift:
"Die Kundalini ist die Kraft der ersten Ausgießung des dritten Logos auf dem Wege der Rückkehr (das heißt dem Aufstieg auf den Kreis der Entwicklung).
Die Kräfte im Mittelpunkt der Erde stehen mit Kundalini in Wechselbeziehung. Aus dem Laboratorium des Heiligen Geistes (des dritten Logos), tief unten in der Erde, stammt Kundalini und gehört jenem furchtbaren, glühenden Feuer der Unterwelt an.
Kundalini hat an der Basis des Rückgrates, wo das Wurzel-Chakra (Kraftzentrum) liegt, ihren Sitz. Sie ist enthalten in einer Anzahl konzentrischer Hohlkugeln von astraler und ätherischer Materie, die ineinander geschachtelt sind.
Sieben solche Kugeln sind im Innern des Wurzel-Chakras ganz nahe am Steißbein, teils innerhalb des letzten Hohlraumes des Rückgrates, teils rund um diesen, angeordnet.
Durch ihre Tätigkeit werden auch alle anderen Chakras (Kraftzentren) tätig. Bevor dieses Feuer im Astralkörper erweckt wurde, war dieser unfähig, die Umwelt klar zu erkennen. Vom Erwachen dieser Kraft im Astralkörper weiß das physische Bewußtsein nicht das geringste. Sie äußert sich in sieben verschiedenen Schichten oder Kraftstufen. Bei vielen Menschen ist nur eine Schicht angeregt, sie glauben aber, daß sie ganz erweckt sei.
Das erwachte Schlangenfeuer durcheilt wie flüssiges Feuer den ganzen Körper in einer Bahn, die gleich einer zusammengeringelten Schlange spiralförmig gewunden ist. Seine wichtige Funktion ist, die Kraftzentren des Ätherkörpers, durch die es hindurchgegangen ist, zu beleben und sie in einem großen Maße zu befähigen, als Verbindungspforten zwischen dem physischen und dem Astralkörper zu dienen."
Die Kundalini-Kraft ist also eine universale, feurige Energie, die in der ganzen Materie wirkt oder noch schlummert. Sie durchdringt anregend alle Geschöpfe, und daher nennt man sie fließendes Feuer oder Feuerflut.
Sie dringt in den menschlichen Körper mittels des Astral- und Ätherkörpers ein. In jedem Geschöpf ist sie je nach dem Grade seiner Entwicklung mehr oder weniger erwacht und tätig.
Das eigentliche Zentrum dieser schöpferischen Energie im Menschen ist der Astralkörper. Von dort aus durchdringt sie zuerst den Äther- und dann den physischen Körper und erweckt und stärkt alle seine Zentren, eins nach dem andern.
Ihre Hauptfunktion besteht aber darin, daß sie durch das Erwecken des Hirnanhangs und der Zirbeldrüse alle Erlebnisse der Seele in der Astral- und Mentalwelt auf den physischen Körper überträgt und sie dem äußeren Menschen bewußt werden läßt, also die Erleuchtung bewirkt.


Das Kundalini-Feuer und die Kraftzentren des Körpers
Wie wir wissen, erkennt der Okkultismus oder die Geisteswissenschaft und Theosophie im Körper des Menschen sieben Hauptkraftzentren, die man im Sanskrit Chakras (sprich Tschakra), im Persischen Tscharkh nennt, welches Rad, Wirbel und Zirkel bedeutet, weil diese Kraftzentren den Augen der Hellseher als wirbelnde Räder erscheinen. Da sie auch als mit vielen Farben besäte Blumenblätter erscheinen, hat man sie in der indischen Mythologie mit Lotosblumen verglichen und als Lotosblumen dargestellt.
Diese Kraftwirbel entspringen eigentlich dem Astral- und Ätherkörper und haben nur ihre entsprechenden Organe oder Empfangsstationen im physischen Körper.
Von diesen sieben Kraftzentren sind zwei im Kopf, eins im Hals oder Kehlkopf, eins im Herzen, eins im Sonnengeflecht, eins in der Milz und eins am unteren Ende der Wirbelsäule, das heißt am Kreuzbein.
Es ist ersichtlich, daß erstens die Kundalini an der Basis der Wirbelsäule als Erweckerin und Nährerin aller Kraftzentren betrachtet wird und daß zweitens das Rückenmark in diesem Prozeß eine große Rolle spielt.
Diese Kraftzentren sind eigentlich, wie schon erwähnt wurde, im Ätherleib des Menschen gelegen und werden von den Hellsehern als schwingende und strahlende Räder gesehen. Die im physischen Körper verzeichneten und entsprechenden Organe sind nur Tätigkeitsfelder oder Eingangstore dieser ätherischen Kraftzentren mit ihren kosmischen Strahlen oder ihrem Feuer.
Die Kundalini kann und wird alle diese Kraftzentren im Körper der Reihe nach von unten erwecken und beleben. Ihre Hauptaufgabe besteht aber darin, durch das Rückenmark zum Gehirn zu steigen, um dort den Hirnanhang und die Zirbeldrüse zu erwecken, zu ernähren und sie anzuregen.
Nach der okkulten Lehre nimmt diese Kraft die drei unsichtbaren Kanäle des Rückenmarks als Weg zum Aufsteigen zum Gehirn.
H. P. Blavatsky sagt in der "Geheimlehre" folgendes:
"Einige Tantrikas (heilige Schriften der Hindus) verlegen die drei Nadis (Kanäle der Lebenskraft) Sushumna, Ida und Pingala in das verlängerte Mark, dessen Zentrallinie sie Sushumna nennen, und in die rechte und linke Abteilung Pingala und Ida und auch in das Herz, dessen Abteilungen sie die gleichen Namen beilegen.
Es sei noch erwähnt, daß die sieben himmlischen Menschen, von denen in der Gnostik und Mystik die Rede ist, die sieben Kraftzentren im Leibe des Sonnenlogos darstellen!

Die Auswirkung der normalen Entfaltung der
Kundalinikraft
Die natürliche Erweckung und Anregung dieser schöpferischen Kraft, wie dies in den alten Mysterientempeln und Yogaschulen durch reine, keusche und geistige Lebensführung angestrebt und ausgeübt wurde, bringt manche physiologischen und geistigen Resultate hervor.
Im physischen Organismus kann sie folgende Vorgänge hervorbringen:
a) Sie erzeugt ein warmes Glühen, das bis zur Hitze und zum Brennen übergehen kann und das in allen Teilen des Körpers und besonders im Rückgrat, Kehlkopf, Herz und Gehirn gespürt wird.
b) Sie schärft die Empfindung, stärkt die Sinne und gewährt dem ganzen Körper eine große Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit.
c) Im Kraftzentrum am unteren Teil der Schulterblätter vereinigt sie sich mit dem Prana, der Sonnenenergie, und steigt dann zum Gehirn auf, um dort den Hirnanhang und die Zirbeldrüse zu erwecken und zu beleben. Sie verbindet diese beiden miteinander. Dadurch erhalten diese beiden Kraftzentren eine vierdimensionale Bewegung oder Schwingung. Daraus entsteht ein feuriger, strahlender Kreis oder ein magnetisches Feld um diese Drüsen herum, und sie nehmen an Tätigkeit und Ausstrahlung zu.
Dann ist dieses Zentrum oder magnetische Feld für den Empfang des Blitzes der Erkenntnis oder der Flamme des Geistes aufnahmefähig und standhaft geworden.
Die spirituelle Flamme des Geistes, des höheren, wahren Selbst des Menschen, wird von dem so geschaffenen magnetischen Feld angezogen. Sie steigt dann herab und vereint sich mit diesen feurigen materiellen Strömen. Mit anderen Worten, der Geist befruchtet die Materie in diesem vorbereiteten Gehirnschoß, und das Resultat ist das Geborenwerden des Lichtes der höheren Erkenntnis, das heißt die Erleuchtung.
Der Heiligenschein, den man bei manchen Propheten und Meistern oder Heiligen um das Haupt erschaut hat, ist eben die physische Manifestation dieser irdischen und himmlischen Flammen, die sich im Zentrum des Kopfes miteinander verschmolzen haben.
Dies ist nicht nur mystisch, sondern auch objektiv und tatsächlich die Vermählung des Geistes mit der Materie oder der Sonne mit der Erde.
d) Wenn diese Organe des Gehirns allmählich an höhere Schwingungen und Hitze gewöhnt und stark genug geworden sind, dann wird die Flamme des Geistes sich mehr und mehr entfalten und an Stärke zunehmen, bis sie schließlich den Teil des Ätherkörpers im Kopfe, jenes Gewebe, das als Scheidewand zwischen der physischen und der astralen Welt dient, verbrennen wird. Dadurch wird der Eingang zur geistigen Welt geöffnet, und es entsteht eine dauernde Verbindung mit der Astralwelt, die in sieben Regionen oder Ebenen eingeteilt ist.
Folglich setzt allmählich das Hellsehen, die innere Schau und später das ununterbrochene höhere Bewußtsein ein. Der auf diese Weise erleuchtete Mensch wird nun zugleich die Vorgänge der physischen und der astralen Welt wahrnehmen können.
e) Im Laufe von weiteren Perioden der Anstrengung und des Fortschrittes wird dieser Vorgang sich auch auf dem Gebiete des astralen und mentalen Körpers wiederholen und noch größere Resultate hervorbringen, das heißt, daß auch die beiden astralen und mentalen Schleier verbrannt werden, damit die Seele von allen diesen Schranken und von Wiederverkörperungen vollständig befreit wird. Dies ist die wahre Erlösung der Seele, die sie durch unendliche Anstrengungen und Opfer erringen muß.
Die geistigen Folgen und Früchte der Tätigkeit der Kundalini sind je nach der erreichten Stufe der Entwicklung verschieden und zahlreich, und je höher der Mensch steigt, desto herrlicher und göttlicher werden auch diese Resultate sein. Ich will nur einige von ihnen angeben.
Die erste Folge besteht im Erwachen und Sichausdehnen des Bewußtseins, so daß man ein über das normale Wachbewußtsein hinausragendes, kosmisches Bewußtsein empfängt. Dies offenbart sich als das universale Bewußtsein der Einheit und der Allverbundenheit aller Menschen und aller Wesen.
Eine andere Folge ist die Steigerung der Kraft der unpersönlichen selbstlosen Liebe und Opferwilligkeit, der Verzicht auf individuelle Interessen und Wünsche zugunsten der Allgemeinheit und das Widmen der Kräfte und des Lebens für das Wohl der Menschheit.
Eine dritte Folge ist der Gewinn an Macht und Herrschaft über seine niedere Natur. Die niederen, sinnlichen Triebe und Begierden werden veredelt, umgewandelt und vergeistigt, sie werden dem höheren spirituellen Willen unterworfen und zur Ausführung der heilvollen Pläne und göttlichen Ideale der Seele dienen.
Im allgemeinen werden alle seelisch-geistigen Kräfte und vor allem die Unterscheidungs-, Verstandes- und Urteilskräfte gestärkt und machtvoll. Doch können alle diese Fähigkeiten, die zur Meisterschaft führen, nur durch unaufhörliches Streben und größere Opfer errungen werden. Denn ohne Opfer gibt es keinen Erfolg und keinen Sieg!
Mögen wir das nötige Opfer aufbringen, um dieses göttliche Ziel der Erlösung zu erreichen!

Das Prana oder die Vitalitätskraft
Prana bedeutet im Sanskrit Lebensprinzip und Lebenshauch oder Lebensodem. Man versteht aber in der okkulten Wissenschaft darunter jene feurige Energie, die als Strahl vom Zentrum der Sonne ausgeht und unmittelbar alle Reiche im Sonnensystem belebt und erwärmt.
Prana ist also eine die Materie belebende kosmische Kraft. Wir wissen, daß die Strahlen der Sonne verschiedene Funktionen und Wirkungen in der Materie zu erfüllen haben. Prana ist eine Art dieser feurigen Strahlen der Sonne.
Von dieser Kraft erhält jedes Geschöpf, je nach seiner Aufnahmefähigkeit, soviel wie es braucht oder es vertragen und assimilieren kann.
Der menschliche Ätherkörper, den man auch Modellkörper nennt, weil er den Urtyp bildet, nach dem und in dem der physische Körper aufgebaut und mit ihm innig verschmolzen und eins wird, erhält die Kraft des Prana auf verschiedenen Wegen. Er empfängt sie durch drei Zentren, nämlich das Zentrum zwischen den Schulterblättern, das Zentrum oberhalb des Sonnengeflechts und das Zentrum der Milz. Durch diese Zentren wird dann der ganze Ätherkörper von dieser Kraft durchdrungen. Dann erst wird sie durch das Milzzentrum in den physischen Körper hineinströmen. Der Strahl des Prana wirkt aufbauend und stärkend, er fördert das Wachstum der Zellen, setzt die Atome in Bewegung und dient so der Bewahrung der Formen der Materie.
Es ist dieser pranische Lebensstrom, der den menschlichen Körper gesund und lebendig erhält. Von ihm entstammt die magnetische Heilkraft des Menschen. Das Bewahren vollkommener Gesundheit und das Heilen der Krankheiten durch Magnetismus beruht auf dem Erkennen und der richtigen Verwendung dieser belebenden Kraft der Sonne.
Wir lesen in der "Weltanschauung der Rosenkreuzer" von Max Heindl folgendes:
"Die Lebenskraft der Sonne (Prana), die uns als farbloses Fluidum umgibt, wird vom Lebensleibe durch den ätherischen Doppelgänger der Milz aufgenommen, wo sie eine merkwürdige Umsetzung in Farbe durchmacht. Sie wird schwach rosarot und verbreitet sich über alle Nerven des dichten Körpers!"
C. W. Leadbeater sagt in seiner Schrift "Die Chakras" über die Kraft des Prana folgendes:
"Sie ergießt sich in sechs horizontale Ströme, während ihre siebente Abart in die Nabe des Rades (ätherischer Wirbel, durch den dieser Strom sich in die Milz ergießt) eingezogen wird.
Sie tritt in einzelne Atome ein, steigert ihre Tätigkeit, belebt sie und bringt sie zum Glühen. Sie erfaßt das Atom von innen her, während Elektrizität, Licht und Wärme usw. von außen her wirken.
Der Wille des Sonnenlogos richtet sich auf ein physisches Uratom, und dadurch werden ca. 14 000 Millionen Blasen im Koilon zusammengehalten. Diese Blasen sind nur Hohlräume im Koilon, dem wahren Äther des Raumes.
Die Willenskraft des Logos quillt im Innern des Atoms auf. Diese Vitalitätskraft verleiht dem Uratom eine Anziehungskraft, und dadurch lagert es um sich sechs weitere Atome und bildet ein subatomisches Element, ein Vitalitätskügelchen. Diese Kügelchen fallen auf in der Atmosphäre durch ihren Glanz und ihre Lebendigkeit und bekunden aktives Leben.
Im Sonnenschein quillt diese Vitalität beständig neu auf, und die Kügelchen nehmen an Geschwindigkeit und Zahl zu. Bei wolkigem Himmel nehmen sie ab, und in der Nacht werden sie ganz eingestellt."
Hieraus kann man die Wichtigkeit der Sonnenwärme und des Sonnenlichtes für die Gesundheit und für die Heilkunst erkennen. Aus diesem Grunde haben auch die Weisen und Meister des Ostens dem bewußten tiefen Atmen eine sehr große Wichtigkeit und Heilkraft beigelegt. Denn durch den Atem nehmen wir diese Lebensenergie der Sonne in uns auf.
Es ist daher keine Phantasie gewesen, was die alten Weisen, wie Zarathustra und andere, verkündet haben, daß eine Zeit kommen wird, wo die Menschen nur von Luft leben werden, das heißt von der pranischen Lebensenergie der Sonne. Es ist aber klar, daß diese späteren vollkommeneren Menschen auch andere, viel feinere Körper haben werden als wir.
Jedenfalls geht aus dieser Tatsache die Wichtigkeit des Atems ganz klar hervor.
Wir müssen nun erkennen, daß jede universale Energie, wenn sie sich durch eine bestimmte begrenzte Form, sei es ein Wesen oder ein Ding, manifestiert, individualisiert und differenziert wird. Sie wird sich auch bei jeder Individualisierung neue Eigenschaften aneignen. So ist es auch mit der universalen Lebenskraft, dem kosmischen Prana, das alles im Raum durchdringt.
Darum wird sie durch die Sonne, die Planeten, den Menschen usw. stufenweise individualisiert und auf jeder Stufe etwas differenziert, das heißt neue Eigenschaften erhalten. Ihre Grundbeschaffenheit bleibt aber immer und überall die gleiche.
Solange dieses Prana im Organismus eines Lebewesens wirkt, solange lebt es, und je mehr ein Wesen von dieser Energie in sich aufnimmt und assimiliert, desto gesünder, kräftiger, lebendiger und magnetischer wird es auch sein.
Der Überschuß dieser Kraft bei den Menschen bildet um ihre Körper eine eiförmige Lichthülle mit leuchtender, schöner Rosafarbe, die von sensiblen Menschen gesehen werden kann. Diese Hülle nennt man Gesundheitsaura oder physischen Magnetismus.
Jeder wahre Heilmagnetiseur muß daher diese Gesundheitsaura mit einem großen Überschuß an Prana und in vollkommener Form und Farbe besitzen.
Man darf aber diese pranische Energie mit der sogenannten Lebenskraft, die das Produkt der Verbrennung der Nahrungsstoffe und der Tätigkeit der menschlichen Organe ist, nicht verwechseln. Diese letztere Kraft, die man auch animalischen Magnetismus und Nervenfluidum nennt, ist als Essenz der eingenommenen Nahrungssäfte reine Produktion der menschlichen oder tierischen Organe, während Prana, wie wir gesehen haben, eine kosmische, universale Energie ist, die durch die Sonne auf unseren Planeten ergossen wird und die wiederum von dem Planeten durch den Ätherkörper und die Milz in unseren physischen Körper einströmt und ihn bis zum Tode durchflutet.
Durch das tiefe Einatmen der reinen Luft können wir, wie schon gesagt wurde, die Menge dieser Kraft in unserem Körper vermehren und ihn mit dieser kosmischen Elektrizität laden.
K. von Reichenbach, der dem Prana den Namen Od gegeben hat, erklärt uns:
"Wie beim Heilmagnetismus, so wird auch hier ein ätherisches Fluidum aus dem Körper des Heilers und vor allem aus seinen Augen, Fingern und seinem Hauch entströmen und in den Körper des Patienten eindringen, um die Lücken seiner Organe zu füllen und sie zu ernähren und zu beleben."
Aus den angeführten Beschaffenheiten des Prana kann man schließen, daß manche Krankheiten ihre Ursache in der Störung des Ätherkörpers haben, weil dadurch der physische Körper der Heilkraft des Prana beraubt wird. Diese Störung kann darin bestehen, daß entweder der Ätherkörper gehindert wird, Prana aufzunehmen oder zu assimilieren, oder daß er davon viel und übermäßig aufnimmt, wie es in den tropischen Ländern geschieht, oder daß er zu wenig aufnimmt, wie es in den feuchten und nebligen Ländern vorkommt.
In diesen Fällen muß der Heiler zuerst feststellen, ob es sich um einen Mangel an Prana oder um einen Überfluß desselben bei dem Patienten handelt, und ob die Ursache im physischen oder im ätherischen Körper liegt.
Durch die passive und vertrauensvolle Haltung des Patienten gegenüber dem Heiler, besonders dem Heilmagnetiseur können mittels der fluidalen, magnetischen Kräfte auch die seelisch-geistigen Ströme des Heilers, das heißt seine Gedanken und Gefühle und seine Tugenden und Laster auf den Patienten übertragen werden.
Wenn zum Beispiel der Magnetiseur eine große Neigung zum Alkohol oder einem anderen Laster hat, wird dies auch im Patienten eine ähnliche Neigung erwecken. Denn der Patient vertraut ja dem Heiler nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele und seinen Geist mit vollem Glauben an. Durch die Behandlung entsteht von selbst eine gegenseitige seelisch-geistige Verbindung und Wechselwirkung zwischen dem Heiler und dem Patienten. Der Heiler beeinflußt daher unwillkürlich und unbewußt das Gemüt und den Geist des Patienten. Daraus kann man die Tragweite der Verantwortlichkeit und der Notwendigkeit der Lebensreinheit des Heilers erkennen.
Nach der Lehre der okkulten Wissenschaft liegt zwischen dem astralen und dem ätherischen Körper ein aus besonderen physischen Atomen bestehendes Gewebe, das als Schutzhülle oder Schutzwall betrachtet wird. Seine Aufgabe besteht darin, die vorzeitige Verbindung der unreifen und unerfahrenen Seelen mit der Astralwelt und das Eindringen der astralen Wesenheiten oder der fremden Einflüsse in den physischen Körper zu verhindern.
Dieses Gewebe ist wie eine Brücke oder, noch richtiger gesagt, wie eine Schleuse zwischen der physischen und der astralen Welt oder Ebene von Gottes Vorsehung eingerichtet. Es ist, wie der Mystiker sagt, der Wächter an der Grenze beider Welten oder das Fenster, das sich zum Himmel öffnet und den Durchblick oder Durchbruch in die geistige Welt ermöglicht. Es ist dieses Gewebe oder Fenster, das die Seele daran hindert, ihre Erlebnisse in der Geisteswelt, sei es im Wach- oder Schlafzustand, auf unseren Gedächtnisapparat zu übertragen.
Durch die Einweihung und Erleuchtung wird nun, wie dies in dem ägyptischen Mysterientempel geschah, diese Schleuse oder dieses Fenster plötzlich und für kurze Zeit aufgetan, und wie der Blitz die dunkle Sphäre des Himmels beleuchtet, so wird auch hier die Seele durch das spirituelle Licht oder Feuer des Heiligen Geistes erleuchtet.
Diese Erleuchtung widerspiegelt sich dann im physischen Körper als Lichterscheinung und Verklärung, als leuchtende Hülle oder Aura oder als Heiligenschein, der für die sensitiven Menschen oder Hellseher sichtbar wird.
Es ist dieser innere und äußere Vorgang gewesen, der auch bei Jesus geschah, als er am Jordan von Johannes getauft wurde, wodurch Jesus seine Einweihung und Erleuchtung erlebte, wie in den Evangelien berichtet worden ist,
"alsbald er aus dem Wasser stieg und sah, daß sich der Himmel über ihm auftat und der Geist gleich wie eine Taube herabkam auf ihn" (Markus: 1, 9-11).
In den apokryphen Evangelien wird auch erzählt, daß zugleich bei der Taufe auch ein Licht erschien, das ihn und seine Umgebung umhüllte.
Bei einem vollkommenen Meister, der die fünfte Einweihung empfangen hat, wird aber das erwähnte ätherische Gewebe oder jene Schleuse dem höheren geistigen Willen des Meisters unterstellt, so daß er sie zu jeder Zeit nach seinem Wunsche öffnen und dadurch in die astrale oder mentale Welt, das heißt in die höheren Bewußtseinsebenen eintreten und dort wirken kann. Für ihn entsteht daraus keine Gefahr, da er die Organe seiner physischen, astralen und mentalen Körper durch systematische und jahrelange Übung verfeinert und ausgerüstet hat.
Er kann auch schließlich alle die drei ätherischen, astralen und mentalen Schleier oder Grenzgewebe wegnehmen oder zerreißen, um ununterbrochen und zugleich in drei Welten bewußt wirken zu können. Dies ist der Zustand, den man die Kontinuität des Bewußtseins oder fortdauernde Bewußtheit nennt.
Wenn aber dieses Gewebe bei den unreifen und unvorbereiteten Menschen plötzlich durch große Erschütterung oder willkürlich durch Rauschmittel verletzt oder zerrissen wird, dann kann die Gefahr sehr groß sein. Denn man kann dadurch unwillkürlich hellsichtig, aber zugleich der Gewalt der astralen dunklen Wesenheiten oder Geister ausgeliefert werden, ohne Abwehrmittel zu besitzen.
Dieses unwillkürliche und unbeherrschte Hellsehen führt die unreifen Menschen oft entweder zur Geisteskrankheit und zum Irrsinn oder zum Hochmut, Selbstwahn und zur Selbstüberhebung, Selbsttäuschung und Selbstanbetung.
Daher besteht die Notwendigkeit der Warnung vor Nervenerschütterungen und vor dem Streben nach okkulten Kräften und die Notwendigkeit der mystisch-esoterischen Schulung für diejenigen, die sich irgendwie für das Hellsehen oder andere okkulte Fähigkeiten veranlagt fühlen.
Das beste aller Schutzmittel gegen alle solche Gefahren ist die reine, selbstlose und heilige Lebensführung in voller Demut und Hingebung.
Nun müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Prana oder die Lebenskraft, die unseren Körper belebt, auf die Zeugungsorgane einen großen Einfluß ausübt. Sie wird in ihnen aufgespeichert, das heißt was sich im Organismus als Überschuß von dieser Kraft befindet, wird in diesen wichtigen Organen, welche die Behälter der schöpferischen Lebensessenz sind, aufbewahrt.
Sie wird dann in der Zeit des Mangels an Prana für die Belebung des ganzen Körpers und vor allem der Nerven gebraucht.
Die magnetische Heilkraft oder der Heilmagnetismus des Menschen besteht aus dem rosafarbenen Strahl der pranischen Atome und der erwähnten Kundalinikraft und wie wir gesehen haben werden diese beiden Kräfte in den Zeugungsorganen aufgespeichert und verwertet. Deshalb schwächt der Mißbrauch der Zeugungskraft die Nerven, stört die Gesundheit und hindert die geistige Entwicklung und Erleuchtung.
Und darum haben die alten Weisen, darunter auch Jesus, wie wir nachstehend sehen werden, um Kranke heilen zu können, das heißt den Heilmagnetismus in sich zu steigern, die Keuschheit empfohlen.

Die Zusammenfassung und die Schlußfolgerung
Aus der in diesen Kapiteln gewonnenen Erkenntnis gelangen wir nun zu der Schlußfolgerung, daß einerseits der Hirnanhang, die Zirbeldrüse und das Rückenmark miteinander und mit den Zeugungsorganen in enger Verbindung und Wechselwirkung stehen, und daß andererseits diese Organe bei der Regulierung der Geschlechtsentwicklung und der geistigen Entfaltung und Erleuchtung des Menschen die größte Rolle spielen.
Nach Prof. Herring ist der Hirnanhang der Hauptteil des Hypothalamus, in dem die Geschlechtsfunktionen und die Fortpflanzung eine anatomische Basis haben.
Der Hirnanhang und die Zirbeldrüse sind in der Tat die Durchgangstore zur geistigen Welt, der Welt der Ideen, der Ursachen und der abstrakten Wahrheiten, woraus alle Erleuchtungen und Entwicklungen hervorgehen.
Die Einwirkung der Zeugungskraft oder Lebensessenz auf den gesamten Organismus und vor allem auf das Rückenmark und Gehirn und damit auf das ganze Nervensystem ist auch jedem Laien bekannt, denn die körperlichen Zustände und Empfindungen, die man nach dem Gebrauch oder Mißbrauch dieser heiligen Kraft erlebt, beweisen ihre Verbindung mit den wichtigen Organen des Körpers und besonders mit dem Gehirn und Rückenmark zur Genüge.
Jeder weiß, daß die bloße Vorstellung, das heißt das bildhafte, gedankliche Ausmalen der sinnlichen Vorgänge im Schlaf oder Wachzustand eine gewaltige Wirkung auf die Tätigkeit der Zeugungsorgane ausübt. Dies beweist zur Genüge die innigste Verbindung der Zeugungsorgane mit den Gehirnzentren und besonders mit der Denktätigkeit und folglich mit der geistigen Entwicklung und Erleuchtung des Menschen.
Die Einwirkung des Hirnanhangs und der Zirbeldrüse auf das geistige Leben und Schaffen des Menschen ist aber viel größer und tiefgehender als wir uns heute denken.
Da aber, wie bereits gesagt wurde, die Zirbeldrüse als positiver Pol der schöpferischen Geisteskraft heute fast untätig ist, weil ihre Nährsubstanz zu den Genitalien herabgezogen und verbraucht wird, ist darum auch der Hirnanhang als negativer Pol derselben Kraft in seiner Entwicklung und Tätigkeit gehemmt und zurückgeblieben.
Deshalb besitzt der heutige Mensch im allgemeinen weder ein geistiges Schauen oder eine höhere Intuition, noch ein schöpferisches Denken. Denn alles, was er denkt, das heißt alles, was er als Erzeugnis seines Denkens betrachtet und hervorbringt, ist nur die Produktion seiner sinnfälligen Wahrnehmungen, die er gedanklich bearbeitet, es ist also nur Flickwerk.
Das spontane, ursprüngliche und schöpferisch selbständige Denken fehlt noch bei ihm. Er ist an seine Sinne gebunden, und daher kennt er außer seinen Sinneserkenntnissen keine anderen Wahrheiten. Der schöpferisch-göttliche Geist ist in ihm noch nicht wach und tätig.
Bei einem vollkommenen Meister sind aber der Hirnanhang und die Zirbeldrüse voll erwacht und wirksam, und daher kann er sie als Werkzeuge gebrauchen, um geistig zu schauen und schöpferisch zu denken und zu wirken.
Um diese höhere Stufe der Entwicklung zu erreichen, kommt es in erster Linie auf die reine Lebensführung und geistige Schulung und sorgfältige und allmähliche Steigerung der Tätigkeit dieser beiden Drüsen durch die Kundalinikraft an.
Der Zentralkanal des Rückenmarks ist das Bindeglied und der Durchgang der geläuterten Zeugungskraft und der Kundalini von unten nach oben zum Gehirn und auch umgekehrt. Dieser Kanal ist aber heute noch nicht ganz offen und tätig, und er kann daher diese Funktion noch nicht richtig erfüllen. Er wird bei den späteren, vollkommeneren Rassen für diese Aufgabe fähig sein, wie dies bis jetzt durch besondere und anstrengende körperliche und geistige Übungen von einigen Yogis und Mystikern vollbracht worden ist. Das sympathische Nervensystem, das die unwillkürliche Tätigkeit mancher Organe und das unbewußte instinktive Triebleben des Menschen leitet, wird dann von dem menschlichen Verstand vom Gehirn aus beherrscht. Der menschliche Geist wird erst dann der alleinige Herrscher in seinem Hause, im physischen Reich des Körpers.
Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf die "Autobiographie eines Yogi" von Paramahansa Yogananda, O. W. Barth Verlag.
Wir müssen nun erkennen, daß heute dreiviertel der feurigen Kundalinikraft nach unten zu den Zeugungsorganen geht und dort vergeudet wird. Der Zentralkanal des Rückenmarks und die heute noch unsichtbaren Nebenkanäle werden später völlig geöffnet und tätig, und dadurch wird das Hinaufsteigen dieser schöpferischen feurigen Kraft ohne Gefahr möglich sein.
Diese Kunst der Verwandlung ist es, die bei den Yogis und den wahren Alchimisten der Seele und auch in allen alten Mysterientempeln und Schulen gelehrt und verwirklicht wurde. Diese Verwandlung wird im neuen Zeitalter einen normalen Vorgang bei den meisten reiferen Menschen bilden und mit vollem Bewußtsein vollbracht werden. Sie werden aber mit dieser heiligen Kraft ehrerbietig umgehen und sie nur für heilvolle Zwecke gebrauchen.
Wenn daher in den heiligen Schriften geschrieben steht, daß bei der Wiederkunft Christi ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden, so weist dies beim Menschen auf die erwähnte organische und geistige Reinigung, Umwandlung und Erneuerung hin, die nur im menschlichen Körper durch die Sublimierung und Umleitung der Zeugungskraft und durch die Vergeistigung und Erleuchtung der Seele, als durch neue göttliche Gesinnung vollzogen wird.
Die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten bedeutet, vom mystischen Gesichtspunkt aus, die Offenbarwerdung des kosmischen Bewußtseins oder des Gottesgeistes in der wiedergeborenen und erleuchteten Seele des Menschen.
Denn Christus ist im mystisch-esoterischen Sinne nichts anderes als das allgegenwärtige Licht der Wahrheit, das kosmische, allumfassende Bewußtsein der Einheit oder der ewig lebendige Heilige Geist Gottes, der in jeder Seele latent vorhanden ist und wirkt, und erst bei der Wiedergeburt der Seele offenbar und der alleinige Herrscher im Menschen sein wird.
Die Endzeit versinnbildlicht nach der mystischen Auffassung die letzte Stunde der Wanderung oder die letzte Station auf dem Wege der Wiedergeburt und Erleuchtung der Seele, die zum Tempel der Erlösung pilgert und die nunmehr das herrliche Ziel vor ihren Augen schaut.
Auf diese Weise wird sich auf allen Gebieten des Wissens und in allen Phasen des Lebens der Völker ein neuer Horizont eröffnen und ein neuer Geistesodem wirken. Dann wird überall Harmonie herrschen, und im Schoße dieser göttlichen Kraft wird eine neue, herrliche, reine und spirituelle Kultur geboren, welche die Menschheit zur Vollkommenheit und Gottseligkeit führen wird.

Die Bedeutung der Schlange im Mythos vom Sündenfall
Das Elixier der Erlösung kannst du nur dann empfangen, wenn du den Drachen der sinnlichen Lust in dir besiegst.
Wir finden in den Legenden aller Völker Schlangen, Drachen und mythische Vögel, die eine Doppelnatur haben. Entweder sind sie furchtbare Ungeheuer, welche die Helden zu vernichten suchen und ihnen den Weg zum heiligen Quell des Lebenswassers versperren, oder sie sind Wächter des heiligen Quells und Führer und Schutzengel für diejenigen, welche mit reinen Händen und Füßen nach diesem Wasser der Unsterblichkeit oder des ewigen Lebens suchen.
Diese Vorstellungsbilder der Tiergestalten beziehen sich aber oft auf das Rückenmark oder Rückgrat des Menschen mit den Rippen und anderen Verbindungsorganen im Gehirn, welche zusammen in Form von Schlangen, Drachen oder Vögeln erscheinen.
Wir wollen daher diese Legenden näher betrachten:

Die Schlange und ihre Beziehung zum Rückgrat
Die Schlange hat in der Schöpfung eine besondere sinnvolle Stellung und Bedeutung.
Wie manche Worte einen Doppel- und Gegensinn und manche Pflanzen zugleich das weibliche und das männliche Element in sich haben, und wie manche Dinge gegensätzliche Eigenschaften besitzen, so hat auch die Schlange eine doppelte Natur. Sie ist zugleich das Symbol des Niederen und des Höheren und versinnbildlicht die unterste und die oberste Stufe der Entwicklung.
Sie stellt gleichzeitig die Schlauheit, die verführerische Tücke und auch die Weisheit, die Umwandlung, das Schweigen und die Genügsamkeit dar.
Deshalb hat man im Osten die großen Weisen "Schlangen" genannt, und man spricht auch in den Legenden von den fliegenden, feurigen Schlangen neben den kriechenden.
Die Schlange ist durch das Ablegen ihrer Haut das Symbol der Wiederverkörperung, der Umwandlung und der Unsterblichkeit. Sie versinnbildlicht also das Gute und das Böse in sich und steht in Beziehung zum Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Durch diese ihre zweifache und gegensätzliche Natur hat sie in der Mystik und der Mythologie der Völker eine besonders wichtige Bedeutung erhalten.
Es ist daher kein Zufall, daß in dem Mythos des Sündenfalls die Schlange unter allen anderen Tieren als Symbol und Werkzeug der Versuchung und der Verführung der Urmenschen gewählt worden ist.
Wenn die östlichen Völker die Figur der Schlange, die sich in ihren Schwanz beißt und dadurch einen Kreis bildet, als Symbol der Vollkommenheit, der Weisheit und der höchsten Religion betrachten und gebrauchen, liegt darin sicher ein tiefer Sinn verborgen.
Erstens stellt der Kreis die Vollkommenheit und die Schöpfung dar, da er die grundlegenden geometrischen Figuren, woraus alle Formen der geoffenbarten Welt entstehen, in sich einschließt.
Zweitens stellt diese Figur den Kreislauf des Lebens oder den Anfang und das Ende der Schöpfung und der Entwicklung oder der Involution und der Evolution dar, die durch den Kopf und den Schwanz, die zusammengekommen sind, dargestellt wurden. Drittens stellt dieser Schlangenkreis den Zustand des Gleichgewichts aller Kräfte dar. Wie das Gift der Schlange, als Symbol der Zeugungskraft, in dieser gerundeten Haltung ihres Körpers einen Kreislauf durchmacht und in alle Teile ihres Körpers verteilt wird, so wird auch die Zeugungskraft bei den vollkommenen Weisen und Meistern einen Kreislauf vollziehen.
Bei diesen Meistern, wie auch bei den Propheten und Heiligen, wird die Lebensessenz oder Zeugungskraft, welche durch die Schlange symbolisiert wird, einen Kreislauf durchmachen, indem sie durch das Rückenmark zum Gehirn hinaufgezogen wird, nachdem sie verfeinert und umgewandelt worden ist. Sie wird dann im Gehirn mit der Kraft des Geistes verschmolzen und als geistiger Strom über den Kehlkopf in das Herz hineinfließen und von dort durch das Blut verteilt und wieder in das Rückenmark zurückkehren. Auf diese Weise wird die vergeistigte Kraft einen Kreislauf vollziehen und den ganzen Körper beleben, reinigen und ernähren.
Dieser Kreislauf der schöpferischen Lebensessenz kann aber auch eine umgekehrte Richtung einschlagen, das heißt vom Herzen über den Kehlkopf nach dem Gehirn und von dort aus wieder zum Rückenmark zurückkehren, je nachdem, ob der Strebende den Pfad der Mystik oder der Geisteswissenschaft und des Okkultismus gewandert ist. Mit anderen Worten, ob die Liebe oder die Erkenntnis die Grundlage seines Strebens gewesen ist, oder ob das Gefühl oder der Verstand überwiegend gewirkt hat.
Bei den vollkommenen Meistern vereinen sich aber diese beiden Ströme, das heißt die beiden Wege verschmelzen miteinander und bilden eine Einheit. Denn es gibt keine Vollkommenheit ohne Ausgleich und Gleichgewicht, das heißt ohne harmonische Zusammenarbeit aller gegensätzlichen Kräfte oder Ströme.
Nach Dr. med. Oberdörffer sind die Keimzellen die eigentlichen Träger des Lebens. Die Zellen dienen der beständigen Neubildung der Keimzellen, so daß ein ununterbrochener Kreislauf besteht. Wie die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, so steigen auch die Keimzellen zum Gehirn und schließen den Kreis.
Dieser vollkommene Kreislauf des Lebensstromes im Körper wird in der Mystik durch die Figur der Zahl 8 symbolisch dargestellt, wo zwei Kreise miteinander verschmelzen und eine Einheit bilden.
Dies ist der normale Weg der Umwandlung der Lebensessenz und der Erleuchtung und Vergeistigung gewesen, den Gott für die Menschen bestimmt hatte, wonach sich der Mensch vom Tier vollständig trennen und zum Gottmenschen, zum wahren Ebenbild Gottes, entwickeln sollte.
Die Wahl der Schlange im Mythos des Sündenfalls beruht nun auf den drei folgenden Gründen:
1. Der niedere, triebhafte, hochmütige und listige Intellekt als Vertreter und Symbol des Luzifers hatte die Urmenschen durch die Einbildungs- oder Vorstellungskraft zum Gebrauch ihrer Zeugungskraft getrieben und verführt, und da die Vorstellungskraft beim Weibe sehr stark entwickelt ist und auf ihr Gemüt einen großen Einfluß ausübt, hatte daher Luzifer oder der tierische Intellekt seine Versuchung bei dem Weibe begonnen und, auf die Tiere zeigend, den Zeugungsakt vor seinem empfindlichen Gemüte bildhaft und plastisch dargestellt. Die Vorstellung oder Imagination, die an sich eine schöpferisch wirkende, göttliche Kraft ist, hat also in dieser Verführung durch den Mißbrauch die größte und erste Rolle gespielt.
Die Schlange stellt nun durch ihre kriechende Natur und ihre weiche, bunte und schillernde Haut, welche die unerfahrenen Kinder sehr leicht täuscht, die Vorstellungskraft dar. Darum sprach Gott, daß nunmehr ewige Feindschaft zwischen der Schlange und dem Weibe sei. Das Weib wird aber den Kopf der Schlange zertreten, das heißt es wird im Laufe der Höherentwicklung die Schlange der Vorstellungskraft und der impulsiven Gefühlswallung in sich überwinden und sie in höhere, göttliche Intuition umwandeln.
Wir lesen in der "Weltanschauung der Rosenkreuzer" von Max Heindl folgendes:
"Das Geschlecht des Ego (Seele) äußert sich in den inneren Welten als zwei getrennte Eigenschaften: Wille und Vorstellungskraft. Der Wille ist die männliche Kraft und steht mit der Sonnenkraft in Verbindung. Die Vorstellungskraft ist eine weibliche Kraft und ist immer mit der Mondkraft verbunden. Daher die Neigung der Frauen zur Phantasie und der besondere Einfluß des Mondes auf den weiblichen Organismus." Weiter sagt er: "Wir erinnern uns, daß bei der Trennung der Geschlechter der Mann ein Ausdruck für den Willen, der ein Teil der zweifachen Seelenkraft ist, wurde, während das Weib den andern Teil, die Vorstellungskraft, verkörperte."
Die Wichtigkeit der Vorstellungskraft im Leben des Menschen ist außer Zweifel und jedem bekannt. Wie diese Seelenkraft in der Ausbildung der schöpferischen Kräfte des Glaubens, der Liebe und der Erkenntnis, wie auch des Aberglaubens, der Krankheiten und anderer zerstörender Kräfte eine große Rolle spielt und wegen ihrer zweifachen Natur heilvoll und unheilvoll wirken kann, so ist auch die Natur der Schlange, die im Mythos des Sündenfalls die Trägerin der schöpferischen Lebensessenz und auch die Verführerin des Urmenschen gewesen ist, zwiefältig.
Die Schlange hat also zu der Vorstellungskraft des Weibes enge Beziehung und hat daher in der Versuchung des Luzifers jene bekannte Rolle gespielt.
2. Wie das Gift der Schlange sowohl tödlich sein, als auch zu Heilzwecken gebraucht werden kann, so ist es auch mit der Zeugungskraft der Fall. Denn je nach dem richtigen Gebrauch und dem Mißbrauch kann diese Kraft zum Heil oder Unheil, zur weißen oder schwarzen Magie, wie auch zum Tod oder zum ewigen Leben führen.
Deshalb haben alle großen Meister, Heiligen und geistigen Führer der Menschheit die Menschen vor dem Mißbrauch dieser Kraft gewarnt. Die Beherrschung und die Umwandlung dieser Kraft wurde in allen mystischen Schulen und Mysterientempeln gelehrt, und dies bildete die Hauptbedingung für das Erlangen der Einweihung und der Wiedergeburt der Seele.
3. Die Schlange hat äußerlich große Ähnlichkeit mit dem Rückgrat des Menschen, welches, wie wir gesehen haben, mit der Zeugungskraft in enger Verbindung steht. Darum steht auch im Mythos geschrieben, daß Gott Eva aus der Rippe Adams erschuf, denn die Rippen sind Teile des Rückgrats und stehen dadurch mit der Zeugungskraft in Verbindung.
Das Rückgrat, das durch das verlängerte Mark mit dem Gehirn verbunden ist, sieht in der Tat wie eine Schlange aus, deren Kopf im Gehirn liegt, und die Zirbeldrüse und der Hirnanhang stellen ihre Augen dar.
Wir müssen uns auch daran erinnern, daß das Rückgrat bei dem Embryo noch ein Schwänzchen besitzt, das allmählich verschwindet.
Der Mythos der ehernen Schlange, die Moses in der Wüste aufrichtete, um die Gebissenen zu heilen, steht gleichfalls in Beziehung zum Rückgrat und bedeutet das Hinaufziehen der Lebensessenz zum Gehirn, wie dies in den Mysterientempeln gelehrt wurde und wo das Atmen die wichtigste Rolle spielt. Dadurch wird der Heilmagnetismus im Körper erzeugt, wie dies auch aus den oben angeführten Worten Jesu Christi zu ersehen ist.
Dr. med. Oberdörffer bestätigt diese Tatsache indem er sagt: "Die beiden Grenzstränge des sympathischen Nervensystems an beiden Seiten des Rückgrats bilden die Schlange, welche aus dem dumpfen Triebleben der unteren Organe immer wieder ihr Haupt erhebt und durch ihre Verführung täglich viele aus dem Paradiese stoßen will. Es ist der siebenköpfige Drache, der bezwungen werden muß."
Aus diesen Gründen kann man erkennen, daß die Schlange mit der Zeugungskraft zusammenhängt und daher im Sündenfall den berechtigten Platz besitzt und daß der Kampf gegen diese Schlange in den Mythen der Völker nichts anderes ist, als die Bändigung und Beherrschung der sinnlichen Lust oder Leidenschaft, welche die Schlange im Menschen darstellt.
H. P. Blavatsky sagt in der "Geheimlehre":
"Viele unter denen, die als Heiland bezeichnet werden, waren ,gute Hirten', wie zum Beispiel Krischna, und von ihnen allen wurde gesagt, daß sie ,den Kopf der Schlange zermalmt' hätten – mit anderen Worten, daß sie ihre sinnliche Natur besiegt und die göttliche Weisheit bemeistert haben. Apollo tötete den Python, eine Tatsache, die ihn von der Beschuldigung freispricht, selber der große Drache, Satan, zu sein; Krischna erschlug den Wurm Kalinaga, die schwarze Schlange; und der skandinavische Tor zermalmte das Haupt des symbolischen Kriechtieres mit seinem Kreuzhammer."
In allen Mythen und Legenden, in welchen von dem Kampfe mit den Drachen oder Schlangen die Rede ist, handelt es sich in Wirklichkeit um die Besiegung und Überwindung dieses einen Teufels, den die Menschen selber in ihren Herzen beherbergen.

Die Folgen des Sündenfalls in der Entwicklung der Menschheit und in ihrem Schicksal
Wir sind wahrlich aus dem Lichthort der Göttlichkeit in den dunklen Abgrund der Unmenschlichkeit herabgefallen!
Da aber die Urmenschen das auf tiefer Weisheit begründete Verbot Gottes nicht beachteten und sich vom niederen Intellekt, dem Luzifer, verführen ließen und, die Tiere nachahmend, ihre Lebensessenz für die Befriedigung ihrer sinnlichen Triebe vergeudeten und sie vorzeitig für die Zeugung mißbrauchten, fielen sie in die Sünde, das heißt sie sonderten sich von dem von Gott für sie bestimmten Wege und Plane ab. Sie sind dadurch aus der natürlichen Weltordnung der Schöpfung herausgefallen und müssen die zweifachen tragischen Folgen ihres Ungehorsams tragen und erleiden.
Die körperlichen Folgen
Anstatt die schöpferische Lebenskraft zu entfalten und sie im Gehirn zu behalten und damit die geistigen Kräfte und die dazu nötigen Organe zu ernähren und zu entwickeln, zogen die Urmenschen diese Kraft nach unten zu den Genitalien und erregten und stärkten dadurch ihre tierischen Triebe und sinnlichen Leidenschaften.
Es sollte aber ursprünglich nur etwa der zehnte Teil dieser schöpferischen Kraft für den Zweck der Zeugung gebraucht und der Rest für die Ernährung der geistigen Organe des Gehirns und der Regeneration des ganzen Körpers verwendet werden. Durch den Sündenfall ist es aber umgekehrt geworden, wie es noch heute der Fall ist.
Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß, wie die medizinische Wissenschaft sagt, bei jeder Samenergießung etwa 80 Millionen Spermatozoen, das heißt Befruchtungskeime (es sind kleine, mit einem dicken Kopf und einem dünnen Schwanz versehene Körperchen, die durch eigentümliche Umwandlung aus gewissen Zellen der Hoden gebildet werden), des Mannes verbraucht werden, während im allgemeinen zur Befruchtung nur ein einziges Spermatozoon in das Ei der Gebärmutter hineindringen darf und wird.
Wie wir in früheren Kapiteln gesehen haben, stehen die Zirbeldrüse und der Hirnanhang in enger Beziehung zu den Zeugungsorganen und ihren Sekretionen, und diese Drüsen des Gehirns, wie auch die Zeugungskraft selbst, üben auf die geistige Entwicklung des Menschen eine große Wirkung aus.
Nun sind diese wichtigen Gehirnorgane durch den Sündenfall in ihrem Wachstum gehindert worden, weil sie ihre Nahrung, die Substanz oder Sekretion der Zeugungsorgane, entbehrt haben.
Durch den vorzeitigen Gebrauch der Zeugungskraft haben also die Urmenschen eine verkehrte organische Entwicklung in ihrem Körper geschaffen.
Dieser physiologische Vorgang und diese Verkehrtheit in der organischen Funktion hat sich dann als Veranlagung und Vererbung in den kommenden Generationen der Urmenschen fortgesetzt und auf diese Weise allmählich die Erbmasse oder Erbsünde gebildet, unter deren Last und Qual die ganze Menschheit leidet.
Über die tragische Wirkung dieses Falles durch den Ungehorsam der Ureltern haben auch einige große Denker und erleuchtete Menschen hingewiesen.
Dr. Alfred Strauss sagt in seiner Schrift "Die Theurgischen Heilmethoden" folgendes:
"Die Tiere waren von Anfang an nach Arten und Geschlechtern geschaffen, waren also in männlich und weiblich getrennt. Als nun Adam bei der Betrachtung der Tiere die Zerteilung ihrer ,Tinkturen' in männliche und weibliche wahrnahm und zu lange dabei verweilte, erregte Satan in ihm die niedersinnliche Tierlust und den Wunsch, auch ein Bild seinesgleichen zur Geschlechtsvermehrung zu haben. Damit war er aber bereits von der ihm innewohnenden Braut, der göttlichen Sophia (Weisheit), abgewichen. Nun war er bereits nicht mehr gut, und Gott machte Adam in der weisen Absicht eine Gehilfin, ihn vor einem tieferen Fall zu bewahren.
Daher bestand der Fall des Menschen in der Aufnahme der niedersinnlichen Trieblust zur Geschlechtsvermehrung nach der Art der Tiere. Durch die Verführung des Satans war der Mensch von dem himmlischen in das irdische Paradies gefallen."
Der Sündenfall bestand nicht in der Geschlechtsvermehrung nach der Art der Tiere, denn dies war ja ein Teil des Planes der Entwicklung, sondern, wie schon gesagt wurde, nur in dem Mißbrauch, das heißt dem vorzeitigen Gebrauch der schöpferischen Lebensessenz für den Zweck der Zeugung.
Deshalb hat der Mensch von Jugend an mit seinen frühzeitig erwachten, sinnlichen Trieben zu kämpfen, ohne die nötigen geistigen und moralischen Widerstandskräfte oder Waffen dazu zu besitzen. Er leidet daher furchtbar unter dem Zwiespalt seiner Natur und weiß nicht wie er sich helfen und richtig verhalten und wie er in diesem inneren Kampfe den Sieg über seine niederen Triebe erringen soll.
Er wiederholt aber nicht nur die vererbte Sünde und verfolgt blindlings die Veranlagung seiner Ureltern, sondern er stärkt noch durch seine vernunftwidrige Lebensweise und durch künstliche Reizmittel die unheilvollen Wirkungen der Sünde.
Diese vorzeitige geschlechtliche Reife verursacht schwere und plötzliche Veränderungen im Organismus, Charakter und Leben, worunter die Menschen, und besonders die Jugend, leiden, denn sie stehen den unwiderstehlichen sinnlichen Erregungen hilflos und ratlos gegenüber. Sie liefern sich dann meistens ihrer verheerenden Gewalt aus.
Dr. med. Oberdörffer drückt denselben Gedanken aus, wenn er sagt:
"Der Mensch schleppt die tragischen Äußerungen der Sünde mit. Der Sündenfall hat das göttliche Urbild des unschuldigen Urmenschen verunstaltet. Er sollte seinen Geist in Harmonie bringen mit dem Willen Gottes, der die Wurzel aller Gesetze der Natur und der Schöpfung ist. Er muß nun wieder den Anschluß an sein Urbild finden."
Prof. A. Jeremias schreibt in seinem Buche "Die außerbiblische Erlöser-Erwartung" folgendes:
"Sobald die Spaltung eintritt und in der mythischen Sprache an die Stelle der Zeugung durch das Wort, die Zeugung, in der die Geschlechter verbindenden Liebe eintritt, meldet sich der Erosgedanke, der die Sehnsucht der Welt bildet, die Sehnsucht nach ihrer göttlichen Seite und die Qual nach ihrer sinnlichen Seite. Es ist der Gedanke vom Ewigweiblichen, das hinanzieht und das hinabzieht."
Und der deutsche Mystiker Jakob Boehme sagt, daß der Sündenfall durch die sinnliche Lust, die der Teufel im Zorne in Eva gebracht hatte, zustande kam. Hätte Eva ihre Augen vom Baum und der Schlange abgewandt, sagt er, wäre sie im Paradiese geblieben; sie hatte ja das Gebot; da sie aber dem Teufel folgte und wollte klug sein, da ward sie närrisch.
Die organische Folge dieses Mißbrauchs, der sich auf alle Menschen übertragen hat, besteht darin, daß bei der Jugend die Zeit der Reife oder Pubertät viel früher eintritt, als es sein sollte. Sie sollte erst etwa um das 28. Lebensjahr, also nach vier Perieden von sieben Jahren, einsetzen, damit bis dahin der Verstand, der sittliche Wille oder das moralische Empfinden und die geistige Widerstandskraft sich entwickeln und stark genug werden können, um den Sturm der Leidenschaften zu überwinden.
Die Lebensweise und die mannigfachen Anreize des heutigen Lebens der Kulturmenschen tragen aber sehr dazu bei, diese frühzeitige Reife zu zeitigen.
Die schwedische Mystikerin Fürstin M. Karadja sagt folgendes:
"Das Weib, sitzend auf dem scharlachfarbigen Tier (in der Offenbarung Johannes), ist Venus-Astaroth. Als der Geist der Macht (Luzifer) sich von Gott und seinen himmlischen Gefährten trennte, wurde er der reinen Liebe beraubt und erschuf als Ersatz dafür die sinnliche Liebe. Rot erzeugte das Schwarze. Luzifer gebar die Lucia. Die sieben Laster sind die Früchte der Verbindung der Unwissenheit mit der sinnlichen Liebe. Die Unwissenheit ist der erste Sprößling der mißbrauchten Macht."
Die kommenden Rassen, geleitet vom Lichte der Wahrheit, werden sich durch reine Lebensführung und Überwindung der sinnlichen Triebe und ihre Umwandlung in geistige Kräfte eine neue Bewußtseinsregion im Herzen erschließen, die mit göttlicher Widerstandskraft erfüllt wird.
Die Jugend dieser Rassen wird viel später die Pubertät erlangen und dadurch werden sich die Gehirnzellen und Kräfte bei ihr schneller entwickeln, denn sie werden mit den feurigen Elementen der sublimierten und vergasten Zeugungskraft ernährt.
Die Jugend wird aber dadurch nicht frühzeitig altklug werden und ihre Frische und ihren Reiz nicht einbüßen, sondern sie wird in Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin stark sein und inmitten der jugendlichen Frische und Lebendigkeit erhabene und edle Charaktere, Anmut und höhere sittliche Empfindung besitzen.

Die geistig-moralischen Folgen
Da Leib und Seele zueinander in enger Beziehung stehen und aufeinander einwirken, hat der Sündenfall den Menschen in seinem geistigen Wachstum gehindert und ihn Millionen von Jahren vom Ziele seiner Entwicklung und Vollendung zurückgehalten. Darum muß er nun mit größter Mühe und Qual einen weiten Umweg machen, um sich zu erlösen und sein von Gott bestimmtes Ziel zu erreichen. Er ist dadurch erlösungsbedürftig geworden und muß um seine Erlösung ringen.
Er hat nun das Gute und das Böse erkannt, aber nach den Prinzipien der Weisheit verpflichtet jede Erkenntnis den Menschen, und jede versäumte Pflicht rächt sich und fordert durch Leid ihre Erfüllung.
Gegenüber dieser Unterscheidung und Erkenntnis des Guten und des Bösen ist aber der Verstand und der Wille des Menschen ungeläutert und zu schwach und unfähig, das Böse zu beherrschen und zu überwinden und das Gute ausschließlich und restlos zu vollbringen, weil sein Verstand und Wille eben noch triebhaft und unerleuchtet und daher dem Irrtum untertan sind.
Der gefallene Mensch kann aber nicht zurückkehren in den Zustand der ursprünglichen Unschuld, zu seinem paradiesischen, unbewußten Zustand, denn dies ist unmöglich und wäre gegen den Plan und das Gesetz der Höherentwicklung und widerspricht daher auch der Weisheit Gottes. Für den Rückfall und Rückschritt des Menschen auf der Bahn der Entwicklung und der Vollendung hat die Allweisheit Gottes eine Grenze festgelegt; der Mensch kann daher nicht mehr zur Stufe des Tieres, die er zur Hälfte überschritten hat, zurückfallen. Er muß immer weiter fortschreiten und immer höher steigen.
Für den Fortschritt, das heißt für das Emporsteigen der Seele zum Gipfel der Vollkommenheit, hat Gott keine Grenze festgelegt. Die Menschenseele kann das Böse in sich zu jeder Zeit bekämpfen und besiegen, ihre Befreiung von den Fesseln der Materie beschleunigen und sich dadurch eher erlösen und vervollkommnen. Hierzu hat sie potentiell die Macht und die Freiheit, denn dies entspricht dem Willen Gottes und dem Plan der Schöpfung.
Es fehlt ihr nur das Licht der Wahrheit und die Macht des göttlichen Willens, die sie sich durch Opfer und Anstrengung oder Leid erringen muß.
Wir müssen ferner erkennen, daß der Versucher, der als Luzifer die Urmenschen verführte und den Sündenfall verursachte, nichts anderes war und ist als der niedere, hoffärtige, kurzsichtige und hochmütige Intellekt des Menschen. Er ist noch heute die Wurzel aller Sünden, allen Übels und Unglücks der Menschheit, denn alle Laster, wie Haß, Neid, Hochmut, Rachsucht, Habgier, Eitelkeit, Selbstwahn usw., sind nur seine Produkte. Er ist der eigentliche Luzifer, und diese Laster sind seine Gehilfen, Werkzeuge und Teufel, die der Mensch selbst täglich ernährt und beherbergt und von denen er sich beherrschen und fesseln läßt.
Um diese Versuchung und diese Gefahr zu vermeiden, war ja jenes Verbot ergangen, und es war daher gerecht und weise begründet.
Die seelisch-geistigen Schäden des Mißbrauchs der schöpferischen Zeugungskraft sind unendlich größer und folgenschwerer als man denkt.
Durch die Wirkung dieses Ungehorsams und des Mißbrauchs wurden die tierischen Triebe und die sinnlichen Leidenschaften bei den Menschen gestärkt, nahmen überhand und beherrschten sein Leben, denn wenn der höhere Verstand und die reine Vernunft sich rechtzeitig entwickeln könnten, dann würde der Mensch imstande sein, alle seine Triebe, Leidenschaften und Sinne im Zügel zu halten, zu bemeistern und umzuleiten und dadurch keine Laster mehr zu erzeugen. Er könnte dann ein reines, vernunftmäßiges und gottgewolltes Leben führen und vollkommene Harmonie und Glückseligkeit genießen.
Er hat aber leider anders gehandelt und sich ein schweres, leidvolles Leben und Schicksal geschaffen. Darum liegen den fast neunzig von hundert Fällen aller Sünden, Verbrechen und Leiden die unbeherrschten und ungebändigten sinnlichen Gelüste als Ursache zugrunde.
Der Kirchenvater Augustinus sagt:
"Adam verlor durch Sünde seine Willensfreiheit und den Beistand der Gnade, kraft deren er bei dem Guten hätte verharren können. Er verfiel dem Todesschicksal, unfähig zum Guten. Die vererbte Sünde hat die Menschheit an Leib und Seele vergiftet."
Durch den Ungehorsam und den Mißbrauch der schöpferischen Lebensessenz wurde also in der geistigen Entwicklung des Menschen eine verkehrte Richtung eingeschlagen.
Die sinnlichen Triebe und Leidenschaften wurden, wie bereits gesagt, früher erweckt und tätig als der Verstand, der sittliche Wille und die Vernunft. Dadurch blieb der Mensch Sklave seiner Sinne und seiner Leidenschaften, und bis die reine Vernunft in späteren Lebensjahren zur Herrschaft gelangt, werden diese sinnlichen Laster und Dämonen die körperliche Gesundheit ruinieren und die geistige Erleuchtung unerreichbar machen. Durch die Vergeudung dieser Lebensessenz wird der Mensch des größten Faktors seines geistigen Fortschritts beraubt; sein Verstand und seine Vernunft werden immer schwach bleiben und sich sehr langsam und kümmerlich entwickeln.
Die Folge dieses Zustandes liegt klar auf der Hand, und das Leben und Schicksal der heutigen Menschheit liefern die traurigen Beweise und Beispiele dafür.
Wie der Embryo im Mutterschoß im ersten Stadium seiner Entwicklung noch keine Ähnlichkeit mit der vollendeten Form des Kindes zeigt, so verhält sich auch der heutige Mensch in bezug auf den Geistesmenschen, den Gott als Sein Ebenbild erschaffen hatte. Durch den Sündenfall ist der Mensch in geistiger Hinsicht ein Embryo geblieben!
Durch seinen Ungehorsam gegenüber dem Willen Gottes blieb also der Urmensch nun ein halbmenschliches und halbtierisches Wesen, also ein Tiermensch oder ein denkendes Tier, anstatt sich völlig vom Tiere zu trennen und ein höheres, geistiges Geschöpf, das heißt ein Gottmensch, zu werden, wie dies Gott für ihn von Anfang an bestimmt hatte.
Der heutige Mensch steht nun mit einem Fuß auf der tierischen und mit dem andern auf der rein geistigen Stufe; er besitzt aber keine Kraft, die tierische Stufe für immer zu verlassen und sich auf die rein geistige Stufe zu schwingen.
Darum muß er durch einen harten Kampf gegen seine niedere, tierische Natur den von Gott für ihn bestimmten Rang wieder zurückerobern, das heißt sich vergeistigen und vergöttlichen.
Als weitere Folge des Sündenfalls wurde die Seele überflutet von den Eindrücken der physischen, astralen und mentalen Welt und unfähig, sie zugleich zu überwinden und zu beherrschen. Daher haben die negativen Strömungen und Kräfte dieser drei Welten das Leben des Menschen überwältigt und die positiven Kräfte daran gehindert, die normale geistige Entwicklung zu sichern. Diese negativen Kräfte haben sich zu einem Hüter der Schwelle verwandelt, welcher die Seele mit der Kette der niederen Triebe gefangen und gefesselt hält. So ist sie nun gezwungen, diese Feinde zu besiegen und sich frei zu machen.
Die Folge dieses Zustandes ist, daß alles, was den heutigen Menschen bis zum Ende des dritten Jahrzehntes seines Lebens bewegt, mit Leidenschaft verbunden ist. Alle seine Entscheidungen und Beschlüsse und alle seine Unternehmungen beruhen meistens auf unreifen Trieben und unlauteren Begierden. Habgier, Selbstsucht oder Ehrgeiz herrschen über alle seine Gedanken, Gefühle und Taten. Er schwankt immer zwischen Neigung und Abneigung, Sympathie und Antipathie. Er bindet sich mit unreinen Unternehmungen und Gedanken, die auf sein Leben und Schicksal eine fatale, unheilvolle Wirkung ausüben.
Die ungezügelten und unbeherrschten Leidenschaften öffnen ihm für alle Arten Laster, Schwächen und Verbrechen die Tür. Sie vernichten nicht nur die Frische der Jugend und die blühende Schönheit und Gesundheit des Körpers, sondern sie zerstören auch die Seele und den Geist des Menschen.
Wenn der gesellschaftliche Verkehr des heutigen Kulturmenschen auf reine, keusche, selbstlose Liebe gegründet würde, welch heilvoller Segen könnte daraus entstehen. Die holde Anmut eines keuschen Mädchens und eines Jünglings gewährt die herrlichste und seligste Freude und Wonne. Es gibt nichts beseligenderes, als das Schauen der gotterfüllten Augen eines keuschen, unschuldigen Menschenkindes. Die Blicke der Kinder bezaubern und besänftigen uns, weil sie von Unschuld, Vertrauen und Reinheit der Sinne und Gedanken zeugen.
Liebe ohne sinnliche Gedanken ist aber für den heutigen Menschen ein undenkbares Ding geworden. Reine, keusche Liebe ohne Leidenschaft und Begehren ist für ihn überhaupt keine Liebe oder eine abnormale und verkehrte Liebe. Er kann sich die berauschende und erlösende Wirkung dieser Liebe nicht vorstellen und die daraus ausstrahlende Wärme und Seligkeit nicht fühlen und empfinden.
Jeden Tag treffen wir verblaßte und kränkliche Gesichter von Freunden und Bekannten, die uns vor einigen Jahren mit blühender Frische, Schönheit und Anmut immer erfreut hatten. Der Grund dafür liegt in den meisten Fällen darin, daß sie ihre Keuschheit verloren und ihre schöpferische Lebensessenz vergeudet oder mißbraucht haben.
Bloße Sinnenbefriedigung kann aber niemanden für immer glückselig machen. Ihr Reiz und Rausch ist vergänglich, ihre verderbliche Wirkung aber ewig. Ein solches Leben entbehrt seines Sinns und wird bald zum Überdruß, wie man dies täglich feststellen kann.
Keusche Liebe führt aber zum reinen, glücklichen Leben, zum göttlichen Ideal und zum seligen Ziel der Vollkommenheit. Sie hält den Körper immer frisch und gesund. Ein solches Leben zu führen ist bei den heutigen Verhältnissen und Forderungen der Zeit und den gesellschaftlichen Sitten, Bindungen und Gewohnheiten sehr schwer und scheint fast unmöglich zu sein. Darum braucht der einsichtige Mensch, der nach Erlösung und Vollkommenheit ringen will, einen Heldenmut und eine göttliche Geisteskraft, um dieses hohe Ziel zu erreichen.
Dieses Problem ist das schwierigste aller Lebensprobleme des Menschen, und seine Lösung hängt von der Lösung vieler anderer Probleme ab. Darum muß es im Lichte der göttlichen Weisheit besonders behandelt werden.
Aber trotz diesem furchtbaren Zustand, in den der Mensch gefallen ist, steht ihm der Weg der Erlösung noch offen.
Die Vorsehung Gottes, Seine Weisheit und Gnade haben den Menschen auch die Mittel zur Befreiung zur Verfügung gestellt.
Der erste Schritt zur Befreiung ist das Erkennen der Wahrheit und des Weges, der zur Befreiung führt.
Doch das Erkennen der Wahrheit und des Weges allein genügt nicht und führt nicht zum Ziel. Man muß zugleich vom falschen Wege umkehren und den richtigen Weg gehen.
Dieser richtige Weg ist aber nichts anderes, als die Verwirklichung der anerkannten Wahrheit, also die Selbstüberwindung. Diese Selbstüberwindung bedeutet die Veredelung der menschlichen Natur, mit einem Worte, die Heiligung des Lebens, die alle großen Führer der Menschheit verkündet haben.
Hierzu braucht man vor allem eine glühende Sehnsucht und Liebe zur Wahrheit und einen göttlich starken geistigen Willen, um alle Dämonen in sich zu besiegen und umzuwandeln.

Die Wege zur Erlösung
"Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach", Jesus Christus. (Lukas: 9, 23)
Daß der Mensch und die Welt einer Erlösung bedürfen, daran zweifelt keiner. Denn die sich in der verschiedensten Weise äußernden Leiden und Nöte der Menschen beweisen schon die Erlösungsbedürftigkeit der Menschheit und der Welt.
Die Ursache aller dieser Leiden liegt, wie die großen Denker gesagt haben, in der Unwissenheit, das heißt im Mangel an wahrer Erkenntnis oder geistiger Entwicklung der Menschen.
Wir haben aber im ersten Teil dieser Schrift erklärt und bewiesen, daß dieser Mangel oder diese Geistlosigkeit von der Erbsünde, das heißt von der vorzeitigen Entwicklung der sinnlich tierischen Triebe auf Kosten der Vernunft und der geistigen Kräfte herrührt.
Der Gedanke und das Gefühl der Erlösungsbedürftigkeit macht sich bei allen Völkern, von den primitivsten bis zu den geistig hochentwickeltesten Völkern, bemerkbar. Dieses Gefühl oder dieser Gedanke hat ja in dem Aufbau und Fortschritt der geistigen Entwicklung und Kultur der Menschheit einen großen, anregenden und tatkräftigen Dienst geleistet.
Die Gründung von verschiedenen großen Religionen und ihre Lehren, Systeme, Kulte und ihre mächtigen Organisationen und Institutionen beruhen auf dieser Idee der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und der Welt.
Wie wir wissen, haben sich nicht nur die Propheten und Religionsstifter mit diesem Problem und Gedanken beschäftigt und befaßt, sondern auch die großen Denker, Philosophen und geistigen Führer und Lehrer der Menschheit.
Ob nun diese Erlösung im religiösen Sinne als Bewirkung der Gnade für die Aufhebung der Sünden und der Schuld des Menschen und für die Verwirklichung der seligen Gemeinschaft mit Gott, das heißt Gottinnigkeit, aufgefaßt wird oder im philosophischen Sinne als Überwindung und Tilgung der Unwissenheit, des Irrtums und der Unvollkommenheit oder als Befreiung des menschlichen Geistes von den Fesseln der Materie betrachtet wird, bleibt sich gleich und ändert die Tatsache der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nicht.
Nur in der Wahl und Empfehlung der Mittel und Wege der Erlösung scheiden sich die Religionen von der Philosophie. Die Erlösungsreligionen bauen ihre Lehren auf der Gnade Gottes und auf das Vollbringen der Erlösung durch einen fremden Erlöser oder Mittler auf, während die Philosophie die Erlösung nur durch Selbsterkenntnis, das heißt durch das Erringen von höherem Wissen, und die Entwicklung der schöpferischen Fähigkeiten und Kräfte des Geistes, also durch Selbstanstrengung und Selbstüberwindung, als möglich betrachtet.
Die esoterische Mystik verbindet diese beiden Ideen oder Weltanschauungen miteinander und sagt: Die Erlösung bedeutet das Herausführen der Seele durch die göttliche Macht des Geistes aus der materiell-körperlichen Gefangenschaft, um sie das spirituelle und schöpferische Dasein, das ihr verlorengegangen ist, wiedergewinnen zu lassen. Sie wird dadurch zur Entfaltung und Offenbarung ihrer ursprünglichen Gottähnlichkeit und zu ihrer Vereinigung mit Gott gelangen können.
Manche Ideen oder Ideologien, wie das Ringen nach sozialer, gerechter Ordnung, Güterverteilung, gemeinsamem Leben und nach wirtschaftlicher Solidarität, wie auch das Streben nach Befreiung aus dem Druck und Drang der materiellen Welt durch Kunst und Ästhetik usw., sind nur Zeiterscheinungen und notwendig gewordene Anstrengungen zur Aufhebung der äußeren Leiden und Nöte. Sie sind aber nur provisorische Betäubungsmittel, zeitweilige Entrückungen und Befreiungsversuche, aber keine radikalen Mittel zur Erlösung der Seele von den geschilderten Folgen der Erbsünde. Denn diese Erlösung kann und soll zuerst vom Geiste aus und auf dem geistigen Gebiet geschehen, sonst bleiben alle solche Maßnahmen und Ordnungen erfolglos und unfruchtbar.
Dennoch sind diese sozialen und ästhetischen Bestrebungen und Mittel zu bejahen und zu begrüßen. Denn sie sind die Kennzeichen für das Erwachen der Seelen und Vorbereitungen für die gründliche geistige Umwandlung der Menschheit im neuen, aufdämmernden Zeitalter.
Professor A. Jeremias sagt:
"Das tragische Geheimnis liegt im Eros, der aus reiner Vergeistigung ins Materielle geschleppt, des Verderbens Ursache ist."
Wir haben hier nun die folgenden Fragen zu beantworten: Was ist das zu Erlösende, und wovon soll es erlöst werden? Wer ist der Erlöser, wer wird die Erlösung bewirken, und was wird die Folge der Erlösung sein?
Wie schon gesagt, die Erlösung der Seele von der Erbsünde bedeutet ihre Befreiung von den Fesseln des Körpers und die Überwindung des Todes durch die Auferstehung des Leibes. Dies ist die Wiedergeburt der Seele und das Erreichen des ewigen Lebens. Dies zu lehren, war die eigentliche Mission Jesu Christi, die er in seinem eigenen Leben als Vorbild und Beispiel vollbracht hat. Darum konnte er von sich sagen:
"Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmer mehr sterben." (Joh. 11, 25-26.)
Man könnte hier nun einwenden und sagen: Wenn die vorzeitige Zeugung durch Adam und Eva der falsche Weg gewesen ist, dann kann der rechte Weg nichts anderes sein, als das Aufschieben der Zeugung für eine spätere, reifere Zeit. Viele werden sicher dies in ihrem Eheleben verwirklichen können und viele andere noch auf die Zeugung überhaupt verzichten, wie dies jetzt aus Armut oder aus Bequemlichkeit und anderen Gründen oft geschieht.
Damit ist aber dieses Grundproblem nicht gelöst und das Grundübel der Erbsünde nicht aufgehoben. Der Kernpunkt dieses Problems liegt woanders. Denn durch die Wirkung der Erbsünde ist, wie schon bewiesen, im Wachstum des menschlichen Körpers eine verkehrte Ordnung eingetreten, nämlich die frühzeitige Erwachung und Betätigung der sinnlichen Triebe vor der völligen Entwicklung der Vernunft und der anderen geistigen Kräfte der Seele.
Diese sinnlichen Triebe darf man aber jetzt weder unterdrücken noch ihnen freien Lauf und Spielraum lassen, das heißt sie vergeuden, denn in beiden Fällen wird der Körper an Gesundheit und vor allem der Geist des Menschen an Mangel der Ernährung und Entwicklung leiden, wie es heute vielfach der Fall ist. Diese beiden verkehrten Richtungen der Übertreibung und des Mißbrauches sind ja die Hauptursachen des geistigen und sittlichen Verfalls der heutigen Kulturmenschen.
Die wichtigste Frage, die gelöst werden muß, bleibt also dies: Wie kann man die sinnlichen Triebe bis zur geistigen Reife beherrschen und zügeln ohne dem Körper einen Schaden zuzufügen, das heißt die Gesundheit einzubüßen? Mit anderen Worten, wie kann man die schöpferische Zeugungskraft vor dem willkürlichen und unwillkürlichen Verlust bewahren und sie im Innern des Körpers zur Belebung und Ernährung der Organe anwenden und nur den geringsten, nötigen Teil derselben für Zeugungszwecke gebrauchen?
Um einige Einwände von vornherein zu beseitigen und einige Fragen zu beantworten, sagen wir:
1. Man braucht auf das Eheleben nicht zu verzichten, sondern es nur zu heiligen.
2. Man darf weder seine sinnlichen Triebe unterdrücken oder abtöten und seine Zeugungskraft versiegen lassen, noch dieselbe vergeuden.
3. Man soll seine Zeugungskraft im Körper behalten und sie nur für die Fortpflanzung gebrauchen.
4. Man soll die aufbewahrte Zeugungskraft für die Belebung seiner Organe und vor allem seines Gehirns und seiner Nerven verwenden.
Dieser letztere Punkt ist der wichtigste Teil dieses ganzen Problems, welches die medizinische Wissenschaft, zusammen mit der Lehre der esoterischen Mystik, zu lösen hat. Denn dadurch allein kann die seit Jahrmillionen durch die Erbsünde eingetretene, verkehrte Ordnung allmählich wieder in die rechte Bahn zurückgeführt werden. Dies ist der richtige Weg, der zur Erlösung der menschlichen Seele, das heißt zu ihrer Wiedergeburt und Auferstehung aus dem Grab des physischen Körpers führen kann.
Wenn die Ursache einer Krankheit oder eines Übels festgestellt worden ist, dann wird auch die Heilung und die Beseitigung derselben nicht mehr schwer sein.
Aus den bisher dargelegten Tatsachen haben wir die Wahrheit über den Ursprung und den Vorgang des Sündenfalls und der Erbsünde mit ihren Folgen erkannt. Diese Erkenntnis hat uns auch den Weg gezeigt, der zur Beseitigung dieser Folgen führen kann. Wir müssen nur die Einzelheiten dieses Weges kennenlernen.
Wer die Wahrheit erkennt, der wird von den Fesseln der Unwahrheit erlöst. Das Erkennen der Wahrheit ist aber von der Tat untrennbar, denn sonst ist es keine wahre Erkenntnis. Wahres Erkennen ist das Erleben und das Verwirklichen der anerkannten Wahrheit. Das bloße Wissen um ein Heilmittel macht niemanden gesund, solange man dieses Heilmittel nicht anwendet.
Wenige geben sich die Mühe, nach dem rechten Weg der Wahrheit zu suchen, und sehr wenige unter den Suchenden sind fähig oder tapfer genug, den gefundenen und anerkannten rechten Weg bis zum Ende zu gehen. Darum können sie das Endziel nicht erreichen.
Wir wollen nun die Beschaffenheiten dieses Weges und die dazu nötigen Rüstzeuge untersuchen. In bezug auf den rechten Weg, der zur Aufhebung des Grundübels, das heißt zur Beseitigung der Folgen der Erbsünde führt, sind bis heute der Menschheit drei verschiedene Hauptrichtungen gezeigt worden.
Diese drei Richtungen oder Wege kann man wie folgt feststellen:
1. Der Weg der vollständigen Entsagung und Enthaltsamkeit, den man den radikalen Heilsweg nennen kann.
2. Der Weg der vollen Freiheit in der Befriedigung der Triebe und der sinnlichen Begierden. Dies ist der breite, entgegengesetzte Weg.
3. Der Weg der Beherrschung der Sinne und der Triebe und der Sublimierung der Zeugungskraft durch wahre Erkenntnis und Selbstüberwindung. Dies ist der mittlere Weg der Weisheit.
Diese drei Wege bilden der Reihe nach die These, die Antithese und die Synthese, und ein jeder von ihnen hat in der Entwicklung der Menschheit seine Führer gehabt und eine bestimmte Wirkung ausgeübt.
Der erste Weg ist der Weg der Weltflucht und der Lebensverneinung, der zweite Weg der Weltsucht und der Lebensanbetung und der dritte der Weg der Weltüberwindung und der Lebensheiligung. Der erste Weg beruht auf höchstem Idealismus, der zweite auf tiefstem Materialismus und der dritte auf reinstem Realismus.
Der erste Weg will das irdisch-materielle Leben auslöschen, weil es ein Schein ist, der zweite Weg will es voll ausnützen und genießen, weil es als die alleinige Wirklichkeit erscheint, und der dritte will es veredeln und vergeistigen, weil dies das einzige Mittel ist, die Seele oder den Geist von den Fesseln der Materie zu befreien.
Der erste Weg ist der Weg der sofortigen und restlosen Befreiung, der zweite der Weg der ewigen Versklavung der Seele und der dritte der Weg der allmählichen Erlösung der Seele.
Der erste Weg will die Seele oder den Geist mit einem Male von der Kette der Wiederverkörperungen oder Erscheinungen auf dieser Erde und der materiellen Zeugung, also vom irdischen Dasein befreien. Der zweite stürzt die Seele noch tiefer in den Abgrund der Materie, der Sinnlichkeit, der Tierheit, der geistigen Blindheit und des Verderbens.
Der dritte Weg führt zur Veredlung und Erhebung, zum Gleichgewicht und zur Heiligung und Vergöttlichung des Lebens und dadurch zur allmählichen Befreiung der Seele.
Der erste Weg predigt die Verachtung und den Nichtgebrauch der materiellen Güter der Natur und der sinnlichen Kräfte des Menschen, der zweite Weg treibt zur Anbetung und zum Mißbrauch aller dieser Kräfte für die Befriedigung der Begierden und Leidenschaften, und der dritte Weg empfiehlt den richtigen und weisen Gebrauch derselben Kräfte.
Der erste Weg ist der Weg der Wahrheit in ihrer nackten Wirklichkeit und zeigt das Endziel des menschlichen Daseins: die Befreiung des Geistes von der Materie und das Herrschenlassen desselben über die Materie. Der zweite Weg schlägt die entgegengesetzte Richtung ein, die zum Verderben und zur Torheit führt. Der dritte Weg ist der Weg der Weisheit, der durch die geebneten Straßen des Gleichgewichts und der Harmonie zum Endziel, zur Erlösung führt.
Der erste Weg will die Augen der Seele auf einmal zum blendenden Lichte der Wahrheit öffnen, der zweite Weg stürzt sie in den Abgrund der Finsternis hinab. Der dritte Weg führt sie zuerst zu einem Dämmerlicht, um ihre Augen an das große, blendende Licht der Sonne der Wahrheit gewöhnen zu lassen.
Der erste Weg beruht auf tiefsinnigem Pessimismus, der zweite auf blindem Egoismus und der dritte auf lichtvollem Optimismus. Der dritte Weg der Weisheit und der Harmonie wird der Weg der neuen Rasse des kommenden Zeitalters sein, und dieser Weg erst wird die Menschheit für den ersten Weg der Wahrheit, der zum Endziel, zur vollständigen Befreiung der Seele oder des Geistes führt, vorbereiten, sie reif und dazu fähig machen.
Diese drei Wege können auf alle Phasen oder Äußerungen des Kulturlebens der Menschheit, wie Religion, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik, Philosophie, Gesellschaftsleben usw., bezogen und in ihnen gefunden werden. Denn die Richtungen dieser Kulturfaktoren zeigen immer den einen oder den anderen von diesen drei Wegen und führen zu demselben. Sie weisen überall in der Kulturgeschichte der Völker auf die drei Punkte, die zwei extremen und den mittleren Punkt oder die These, Antithese und Synthese hin, welche in der Entwicklung der Menschheit immer eine große Rolle gespielt haben.

Die Heiligkeit und Wichtigkeit der Lebensessenz
Ehrfurcht haben vor der Zeugung ist die beste Übung zur Tugend und zur sittlichen Zucht, sie führt zur göttlichen Weisheit und Heiligkeit.
Vor allem müssen wir erkennen, daß die Zeugungskraft oder Lebensessenz an sich heilvoll und gut ist, wie überhaupt alle Kräfte, die im Menschen und in der Natur wirken. Es ist nur der Mißbrauch dieser Kräfte durch die Menschen, der alles Gute in Böses verwandelt und das Heilvolle unheilvoll macht.
Die Lebensessenz des Menschen, wie das Wort schon besagt, ist die wichtigste und die heilvollste aller Kräfte, ja eine heilige Kraft im Menschen, weil sie eine göttlichschöpferische Wirkung und Macht besitzt.
Das Wort Eros, das man heute gewöhnlich für sinnliche Liebe oder Lust gebraucht, hatte im Griechischen ursprünglich einen hellen, guten Sinn gehabt. Es bezeichnete die dritte Person der griechischen antiken Trinität, von der Uranos, als Himmelsgott und Gäa, als Erdgöttin, die zwei ersten Personen waren. Eros war als personifizierte, zeugende Kraft in der Natur betrachtet. Die Mythologie machte sie dann zum Liebesgott, und später entstellte man ihre ursprüngliche Bedeutung und gab ihr den Sinn von Wollust und der tierischen Gier.
In der griechischen Philosophie hat man es aber richtig als Liebe zum Wahren, Schönen und Guten bezeichnet und beibehalten.
Die Laster oder Sünden, und vor allem der Mißbrauch dieser schöpferischen Lebensessenz, übt nicht nur auf den physischen Körper, sondern auch in erster Linie auf die feineren und wertvolleren astralen und mentalen Körper des Menschen eine zerstörende Wirkung aus. Mit anderen Worten werden durch diesen Mißbrauch die seelischen und geistigen Organismen des Menschen, das heißt sein Gefühls- und Geistesleben, sehr beeinträchtigt und geschädigt.
        Diese Schäden kann man wie folgt kurz darstellen:
  1. Der Mißbrauch der Lebensessenz setzt die Schwingungsrate des spirituellen Lichtes in den inneren seelisch- geistigen Ebenen herab und raubt dadurch dem Menschen die Fähigkeit der intuitiven Wahrnehmung oder des inneren Schauens und der geistigen Unterscheidungskraft. Der Mensch wird dann geistig stumpf oder gar blind und in seiner Erleuchtung gehemmt.
  2. Dieser Mißbrauch verdichtet die Substanz des Astralkörpers und erschwert die Verwirklichung der höheren Ideale und die Be-freiung der Seele von den Fesseln der tierischen Triebe des Menschen. Die Seele wird nicht mehr fähig, die feineren Gefühle, die vom Geiste als Kraftströme in ihr offenbar werden, für höhere Zwecke zu gebrauchen.
  3. Dieser Mißbrauch wird den Astralkörper daran hindern, reichlich kosmisch-spirituelles Licht zu absorbieren und es nach außen zu übertragen. Daraus wird im Astralkörper Dichtigkeit, Stauung und Verstofflichung entstehen.
        Dies wird die Auflösung des Astralkörpers nach dem physischen Tode und die schnellere Befreiung der Seele von ihm erschweren. Die Schwere eines solchen Astralkörpers macht auch die Erlösung der Seele im Jenseits von ihrer Last schmerzvoll. Dies erzeugt dann jenen qualvollen Zustand, den man Fegefeuerreinigung nennt.
  Dagegen werden durch die Enthaltsamkeit und die Aus- übung der Tugenden und die Überwindung der Begierden die Bande, die den Astralkörper an den physischen binden, locker und lose zusammengehalten. Dadurch wird die Trennung des Astralkörpers und seine Auflösung beim Tode wie auch die Befreiung der Seele von ihm im Jenseits viel leichter und schneller vor sich gehen, und die Todesqualen werden beseitigt.
Ein chinesischer Meister sagt folgendes:
"Der Tor verschwendet das höchste Kleinod seines Leibes in unbeherrschter Lust und versteht es nicht, seine Samenkraft zu wahren. Die Heiligen und Weisen haben keine andere Art ihr Leben zu pflegen, als die Lüste zu vernichten und den Samen zu wahren. Die angesammelten Samen werden in Kraft verwandelt."
Wer seine Lebensessenz vor Mißbrauch schont, stellt sich in Einklang mit dem Heilswillen Gottes. Er vermeidet dadurch das willkürliche Verletzen des Willens Gottes. Er wird sündenfrei, rein und heilig. Er bringt vertrauende, gehorsame Hingabe an sein höheres Selbst dar. Er läßt dadurch Gott allein in ihm und durch ihn wirken. Er wird zu einem Geisteshelden, zu einem Überwinder, dem Christus einen siebenfachen Lohn verheißen hat (Offenbarung: 2 und 3).
Die Selbstüberwindung verleiht geistige Kraft, Beschaulichkeit und himmlische Vision. Sie entfaltet die geistige Willenskraft zum heilvollen, tätigen Leben. Sie veranlaßt und befähigt den Menschen, den sittlichen Gedanken und Idealen gerecht zu werden. Sie gewährt ihm schöpferische Macht des Wortes, Anmut und Würde.
Heil dem, der sich der Heiligkeit seiner Lebensessenz bewußt wird und bewußt bleibt.
Selig der, welcher die Heiligkeit seiner Lebensessenz von jeglicher Befleckung frei und rein hält!

Keuschheit und geistige Erleuchtung
Keuschheit kann verschieden aufgefaßt und definiert werden. Sie bedeutet: sich von dem ungesetzlichen Gebrauch der Lebensessenz fernhalten. Sie bedeutet, sich von allen Gedanken, Gefühlen und Handlungen, welche sich auf Lüsternheit richten, rein zu halten. Sie bedeutet weiter das Empfinden von Schamhaftigkeit vor sich selbst und vor dem sinnlich-tierischen Triebe des Menschen. Sie bedeutet das Erfühlen von Ehrfurcht und Scheu vor dem Denken an die animalische Funktion seiner Zeugungsorgane usw.
Die esoterische Mystik erweitert aber den Sinn der Keuschheit auf das seelisch-geistige Gebiet und sagt: Keuschheit bedeutet, alle seine körperlichen und seelisch-geistigen Kräfte nur für den heilvollen Zweck des schöpferischen Wirkens gebrauchen oder sich von dem Mißbrauch dieser Kräfte für die Befriedigung der sinnlichen Gelüste fern und frei zu halten.
Die heutigen Menschen sind im allgemeinen noch sehr weit davon entfernt, die Tragweite der Wichtigkeit und der Heiligkeit der Keuschheit zu erfassen. Sie wissen nicht, daß die Keuschheit große psychische Energie und ein tiefes, intuitives Empfinden erzeugen kann.
Der ungesetzliche Verlust der Keuschheit oder der Mißbrauch der Lebensessenz für sinnliche Befriedigung bedeutet Selbsterniedrigung und Erniedrigung der andern zum tierischen Triebleben. Dies bedeutet nicht nur die Vergeudung der schöpferischen Kraft des Lebens, sondern auch Verlust der moralischen Würde, Zuchtlosigkeit und Entweihung des Lebens. Durch diesen Mißbrauch verliert der Mensch die Herrschaft des Geistes über das Fleisch, über das Tier in sich und fällt zur tierischen Stufe hinab.
Ein Mystiker sagt: Nichts hat in meinem Leben so bittere und schmerzliche Reue erweckt, als der willkürliche, gesetzwidrige Verlust meiner Keuschheit, dieses Kleinodes meines Lebens.
Dr. med. Oberdörffer sagt:
"Das Wachstum der Gehirnzellen und ihre Entfaltung ist gebunden an die Absorption der Keimzellen aus den Zeugungsorganen als den Trägern ewiger Energieformen, die man vom biologischen wie auch religiösem Standpunkt mit Recht das ewige Leben nennen kann."
Darum haben die großen Weisen der Welt die Enthaltsamkeit ausgeübt und anempfohlen. Denn dies ist für die geistige Entwicklung und Erleuchtung unentbehrlich. Sie gewährt den Weisen eine magisch wirkende, geistige Macht. Ohne Keuschheit kann kein Mensch die höhere Stufe der Adeptschaft oder Meisterschaft erlangen.
Die Wiedergeburt der Seele, die Auferstehung und das Erreichen des ewigen Lebens, das heißt die Überwindung des Todes, von denen Christus gesprochen und sie seinen Jüngern und treuen Nachfolgern verheißen hat, setzen die Ausübung der Enthaltsamkeit als unumgängliche Bedingung voraus.
Wir müssen weiter erkennen, daß die Verklärung des Leibes, die Heilung der Kranken und die Erleuchtung der Seele von der Sublimierung der Lebensessenz abhängt. Denn wie schon im ersten Teil dieser Schrift bemerkt wurde, ist die Flamme des schöpferischen Geistes in der Zirbeldrüse und die Flamme der mentalen Energie oder Denksubstanz im Hirnanhang eingeschlossen. Wenn nun diese beiden Flammen zusammenkommen, das heißt sich gegenseitig anziehen und miteinander vermählen, dann werden Geist und Denken im Menschen eins. Dann sind die inneren Tore weit und breit geöffnet, und die Strahlen der unendlichen Weisheit und Liebe, welche die Grundlage aller Dinge sind, werden aufleuchten. Hier findet die Vermählung der Seele mit dem Geist statt, und die Folge davon wird die Geburt der höheren Intuition, die Erleuchtung der Seele und die Offenbarung des Geistes sein.
Für diesen Zweck muß aber die sublimierte Lebensessenz erst heraufgezogen und zum Gehirn, zu den beiden erwähnten Drüsen, welche große Kraftzentren sind, zugeführt werden. Denn diese Lebensessenz muß zuerst diese beiden Drüsen oder Kraftzentren erwecken und entfalten. Dann werden sie einander wie die zwei Pole der Elektrizität anziehen und sich miteinander vereinen. Die Lebensessenz gleicht dem Öl, und die zwei Drüsen bilden die Lampe. Dieses Öl soll daher dieser Lampe zugeführt werden. Daraus wird dann die geistige Flamme entstehen und die Erleuchtung hervorgehen.

Die Grundbedingungen der Beseitigung der Folgen der Erbsünde
Wann wirst du, o Mensch, die Grenzen der Tierheit überschreiten und den Pfad der wahren Menschlichkeit betreten?

Die Heiligung des Familienlebens
Wir haben gesehen, daß die Erlösung der Seele von den Fesseln dieses Sündenstoffes oder der niederen sinnlichen und tierischen Triebe nur durch die zweifache körperliche und geistige Wiedergeburt oder Umwandlung, mit einem Wort, durch die Reinigung und Heiligung des Lebens möglich ist.
Wir müssen nun die Bedingungen dieser Heiligung suchen und erkennen. Diese Heiligung kann vor allem nicht durch bloße Enthaltsamkeit, Askese oder Ehelosigkeit erzielt werden. Sie ist eine heilige Wissenschaft und Kunst, die zugleich mit Opfermut und Entsagung, mit Ehrfurcht, Einsicht und Verantwortungsgefühl errungen werden muß.
Solange aber der Gottesgeist im Menschen nicht der alleinige Herrscher seines Landes, des Körpers, geworden und das göttliche Verantwortungsbewußtsein gegenüber allen Geschöpfen in ihm nicht erwacht ist, und schließlich solange der sittlich-geistige Wille und die höhere göttliche Vernunft, welche beide als Ausstrahlungen des Gottesgeistes im Menschen schlummern, nicht entfaltet und tätig geworden sind, solange wird der Mensch unfähig bleiben, die tierische Stufe zu überschreiten, die niederen Triebe und Laster zu beherrschen und das Böse zu überwinden; solange wird er leiden müssen.
Darum ist das Erringen wahrer Erkenntnis oder Wahrheit über die Natur des Menschen, den Zweck und das Ziel seines Daseins und über seinen Fall und den Weg der Erlösung der erste und der wichtigste Schritt auf diesem Weg. Denn die Wahrheit allein, wie Christus sagte, kann die Menschen befreien. Und die Wahrheit verkündet uns heute, daß der Ursprung und Urgrund aller Leiden im Menschen selber liegt. Sie zeigt uns aber zugleich den rechten Pfad der Weisheit, der zur Aufhebung des Leides führt, und diese Weisheit erfordert vor allem den richtigen Gebrauch der Lebensessenz.
Da die Familie der Ursprung des sozialen Lebens und der Herd der Kultur ist, muß deshalb auch die Reinigung und Heiligung des Lebens dort beginnen.
Das Band der Familie und des gemeinsamen Lebens darf daher nicht abgeschnitten, sondern muß mit reinen Händen und reinen Herzen geknüpft werden.
Der Rettungsanker und das Heilmittel bestehen also nicht in der Ehelosigkeit oder in der Verunglimpfung der sinnlichen Triebe und gar in der Abtötung der Sinne und der Liebe, sondern nur in ihrer Reinigung und Heiligung.
Dieses Heilmittel besteht, mit anderen Worten, in der Umwandlung der niederen Form der leidenschaftlichen Liebe in höhere leidenschaftslose, keusche Liebe. Darauf kommt es nur an.
Wir müssen daher erkennen, daß, gemäß den Prinzipien der Weisheit, keine Reform weder übertrieben noch erzwungen werden darf, das heißt, man darf sie weder über die Grenzen der Natur und der Kraft der Menschen hinaus antreiben, noch ihnen Gewalt auferlegen. Dies hindert aber nicht, daß die Erneuerungen, wenn die Zeit dazu reif und geeignet ist, radikal und wirksam gemacht werden sollen.
Wir müssen daher nach den Mitteln und Wegen suchen, die uns zuerst befähigen, die heutigen Mißstände, vor allem im Schoß der Familie, zu verbessern und den Mißbrauch und die Entheiligung der schöpferischen Lebensessenz zu beseitigen.

Die wichtigsten Bedingungen
Über die richtige Verwendung der schöpferischen Lebensessenz und die eigentliche Aufgabe dieser Kraft sagt Dr. Oberdörffer folgendes:
"Die Hauptbestimmung der Genitalien ist, Lebenssäfte zu bilden, um die Gewebe des Körpers zu ernähren und zu beleben. In zweiter Linie: Kindererzeugung ." (Apokalypse)
Dieses hohe Ziel des richtigen Gebrauchs aller Kräfte, von dessen Erlangen die Erlösung der Menschheit von den Folgen der Erbsünde abhängt, kann unter drei folgenden Bedingungen am sichersten und am schnellsten erreicht werden:
1. Die Menschen müssen bis zum Reifealter, bis zu der Zeit, wo ihre Vernunft einigermaßen entwickelt worden ist und die Herrschaft über ihre Sinne und Triebe gewonnen hat, keusch bleiben.
Prof. Ch. Baudouin schreibt folgendes:
"Jedenfalls sollte, wenn schon nicht aus moralischen, so doch aus den einfachsten hygienischen Gründen, bis ins Alter völliger Reife Keuschheit grundsätzlich bewahrt werden. Der Hirn-Nervenapparat, dessen Entwicklung sich am spätesten, vielleicht erst im 24. Jahre, vollendet, würde sicherlich dabei gewinnen."
Manche Gelehrte und Ärzte glauben, daß im allgemeinen die Enthaltsamkeit oder Keuschheit bis zum 25. Lebensjahr ohne körperlichen Schaden bewahrt werden kann.
Es sollten die Menschen bis zum 28. Lebensjahr ihre schöpferische Lebensessenz nur für das Wachstum ihrer Organe und vor allem für die Entwicklung und Erleuchtung ihres Verstandes und die Entfaltung ihrer göttlichen Vernunft verwenden, das heißt wirken lassen.
Diese geistige Entwicklung bedeutet aber nicht, die Jugend vorzeitig intellektuell aufziehen und das normale natürliche Aufblühen des Körpers dadurch zu verdrängen, sondern es bedeutet, sie einerseits seelisch und moralisch zu stärken und klare, scharfe Unterscheidung und Einsicht in ihr zu erwecken. Und andererseits einen machtvollen, geistig sittlichen und erleuchteten Willen in ihr zu entfalten und zu entwickeln. Dies wird sie befähigen, Selbstzucht und Selbstbeherrschung auszuüben und das Leben zu bemeistern. Dann wird ihr Verstand oder Intellekt nicht mehr unter die Herrschaft und Gewalt der sinnlichen Triebe geraten, sondern über diesen stehen und sie beherrschen.
In der heutigen Gesellschaft werden die Kinder durch unzählbare Reizmittel und Verführungen angeregt und frühzeitig geweckt. Außerdem trägt die Fleischnahrung bei Kindern zum Wachstum der tierischen Eigenarten und Eigenschaften bei.
Darum müssen zuerst die Sitten und Gebräuche, die falschen Gewohnheiten des sozialen Lebens und vor allem die Familienverhältnisse und die Erziehungsmethoden gänzlich geändert und auf neue, gesunde und geistig-ethische Grundlagen aufgebaut werden.
Obgleich dieses hohe Ideal erst im kommenden Zeitalter verwirklicht sein wird, müssen dennoch die heutigen Völker daran arbeiten und den Boden für jenes Ideal und jenen hohen geistigen Fortschritt vorbereiten. Sie müssen schon heute die nötigen Bedingungen schaffen, damit die neuen Generationen mit besseren Anlagen zur höheren Gesinnung und Einsicht und moralischen Ansichten zur Welt kommen. Denn die Zukunft ist immer die Frucht der Gegenwart, wie auch die Gegenwart die Frucht der Vergangenheit ist.
2. Die Lebensessenz oder der Saft der Keimdrüsen, den man mit Recht das Lebenselixier nennen kann, muß nur für die Regeneration oder Ernährung der Organe des Körpers durch innere Absorption und für die Fortpflanzung gebraucht werden, und dies auch unter bestimmten Bedingungen als heiliger Akt in tiefster Ehrfurcht. Dieser heilige Akt muß von der schmutzigen Sinnlichkeit und Leidenschaft unbefleckt bleiben, damit die hochentwickelten, reiferen Seelen sich inkarnieren können.
Deshalb haben manche Religionen auf die Keuschheit und Jungfräulichkeit vor der Ehe großen Wert gelegt und diese für eine gottgewollte Ehe als Bedingung hingestellt. Außerdem haben sie für das Vollziehen des Zeugungsakts manche Kulte und bestimmte, günstigere Zeiten nach der Konstellation der Gestirne festgelegt und vorgeschrieben.
Bei manchen Völkern, und besonders bei den Mohammedanern, ist die Jungfräulichkeit des Weibes die Hauptbedingung der gesetzlichen Ehe, es sei denn, es handle sich um eine Witwe. Die Feststellung des Mangels an Jungfräulichkeit der Frau nach der Eheschließung ist einer der Gründe, die den Mann zur Scheidung berechtigen. Diese Bedingung schließt aber auch die Keuschheit der Männer ein.
Diese gesetzliche Bestimmung über die Keuschheit hat eine sehr tiefgehende und heilvolle Wirkung auf das soziale und ethische Leben der Völker, auf die Sittlichkeit der Lebensdauer und Eigenart der Kulturen wie auch auf das moralische Denken und geistige Wachstum der einzelnen.
Dr. med. Oberdörffer drückt diesen Gedankengang mit klaren Worten aus und sagt: "Die Energie unserer Sexualstoffe ist schöpferisch. Alles Gute und alles Böse auf der Erde hängt von dem Zustande der Sexualkraft ab. Wenn sie nach der positiven Seite Verwendung findet, wenn sie allein zu eigener Belebung und Erneuerung dienen, dann entfaltet sich ein ungeahntes Wachstum an Körper und Seele. Wird diese gewaltige Schöpferkraft von unserem Verstand und unserer Weisheit geleitet, dann bleibt uns nichts unerreichbar."
Die heutigen Menschen sind noch unfähig, die Wirklichkeit und die Wichtigkeit dieser okkulten Gesetze, die das Menschenleben regieren, zu begreifen, denn die sittliche Entartung verschleiert ihre Geistesaugen, und sie können die Wahrheit noch nicht sehen. Bald werden aber diese Schleier von ihren inneren Augen wegfallen, und sie werden die Wahrheit in ihrer Größe und Macht erschauen können.
3. Der Überfluß der Lebensessenz muß für die Ernährung des Körpers selbst verwendet und vor allem in Nervenkraft und geistigen Strom umgewandelt werden.
Dr. med. Oberdörffer sagt:
"Die Stoffe der Keimdrüsen haben zweitens – neben der Zeugung – die Bestimmung, durch die Absorption der eigenen Keimstoffe den eigenen Körper zu befruchten, so daß ein ununterbrochenes Neuwerden, eine fortwährende Verjüngung stattfindet. In diesem Prinzip gipfelt das ganze, aber gewaltige Geheimnis der Verjüngung."
Die bloße Ehelosigkeit oder Zurückhaltung der Lebensessenz kann aber nicht zur Verjüngung des Körpers und Erlösung der Seele führen und die Vollkommenheit fördern. Gleichfalls kann die bloße Unterdrückung der sinnlichen Lust dem Aufbau des Körpers und dem Wachstum des Geistes nicht dienen.
Für diesen Zweck muß man erstens die göttliche Kunst lernen, die schöpferische Lebenskraft in Nervenfluidum und in Geisteskraft umzuwandeln. Dies ist jene praktische, heilige Wissenschaft, die, wie schon erwähnt wurde, in allen mystischen Orden, Weisheitsschulen und Mysterientempeln der alten Kulturvölker gelehrt wurde. Diese heilige Kunst haben auch manche Propheten und Religionsstifter in ihrem inneren Kreis ihren intimen Jüngern verkündet und gelehrt.
Hier ist es notwendig, zu erwähnen, daß in dieser Kunst der Umwandlung der Wille, der Atem und die Vorstellungskraft die größte Rolle spielen. Die Entfaltung und Verwendung dieser Kräfte ist aber individuell und kann daher nur durch eine systematische, individuelle Schulung unter der Führung berufener, heiliger Meister der Weisheit gelernt werden. Denn sonst wird jeder Versuch, diese Kunst durch bloße Unterdrückung der Triebe, durch Askese oder Atemübungen zu erringen, gefährlich sein, das heißt zum Irrsinn führen. Deshalb haben alle Meister der Weisheit davor gewarnt.

Der Weg zur Erfüllung der Bedingungen
In dem aufdämmernden, neuen Zeitalter, in dem die ganze Kultur und damit auch das soziale Leben der Menschen sich völlig neu und heilig gestalten wird, werden auch bei allen Völkern mystisch-esoterische Schulen der Weisheit auf ethischen Grundlagen gegründet, in denen die göttliche Kunst und Wissenschaft der Heiligung des Lebens und der Sittenreinheit, mit einem Wort, der Lebensweisheit, von berufenen Meistern oder Weisen gelehrt und ausgeübt wird.
Dann werden die Begriffe Keuschheit und Heiligkeit ihren wahren Sinn erhalten, und man wird diese ohne Gefahr und Schaden mit größter Leichtigkeit und heilvoller Wirksamkeit ausüben können. Man wird im Lichte der Weisheit über die Sünde und Buße, über die Enthaltsamkeit und Erlösung ganz andere Auffassungen erhalten und dadurch imstande sein, die tragischen Folgen der Erbsünde, der menschlichen Schwäche, in lichtvoller Einsicht und Nachsicht zu beseitigen und die Überwindung des Bösen und der Sünde mit voller Geisteskraft und Bewußtheit vollbringen können.
Wenn im Mythos des Sündenfalls geschrieben steht, daß das Weib den Kopf der Schlange zertreten wird, und wenn Johannes schildert, daß er in seiner Vision das Weib mit der Mondsichel unter seinen Füßen sah, weist dies alles darauf hin, daß in einer fernen Zukunft die sinnliche Lust oder Leidenschaft, diese größte Versucherin, die durch die Schlange symbolisiert wird, durch das Weib vollständig überwunden, das heißt umgewandelt sein wird. Denn wie der Sündenfall anfänglich vom Weib ausging, so wird er auch sein Ende durch das Weib finden.
Das Weib wird also, wie Christus sagte, den ersten Schritt zur endgültigen Erlösung der Menschheit tun.
Das Wiederherstellen und Bewahren des so ersehnten Völkerfriedens hängt sehr von der innerlichen Erleuchtung, der Selbstbeherrschung, der geistigen Mündigkeit und Freiheit und der materiellen Unabhängigkeit der Frau ab.
Denn alle Männer erhalten ihren ersten geistigen und seelischen Impuls von der Mutter, und die mütterliche Erziehung spielt in der seelisch-geistigen Entwicklung der Männer eine große Rolle. Die Männer stehen im allgemeinen unter dem Einfluß der Liebe und der Anziehungskraft der Frau.
Die Frauen könnten wahrlich das Gesicht der Welt und das Schicksal der Menschheit zum Besten ändern, wenn sie eine höhere Erkenntnis und Weisheit besäßen und wenn sie ihre Macht bewußt für die Rettung der Menschheit einsetzen würden. Wenn alle Mütter bei allen Völkern erleuchtet, gleichgesinnt und willig wären, um den Völkerfrieden zu bewahren, dann würde der Dämon des Krieges für immer besiegt sein.
Mohammed hat die große Wahrheit gesprochen, indem er gesagt hat:
"Das Paradies liegt zu Füßen der Mütter."
Die Frauen besitzen eine große Macht, von der sie entweder noch keine Ahnung haben, oder sie gebrauchen dieselbe nur zur Befriedigung ihrer niederen Wünsche, persönlichen Begierden und sinnlichen Triebe. Sie tragen eine gewichtige Verantwortung für das Schicksal der Menschheit. Und solange sie nicht Herrscherin über ihre Leidenschaften geworden sind, solange werden sie ihre Macht nicht entfalten und sie nicht zum Wohl der Menschheit gebrauchen können.
Sie müssen endlich durch neue Erziehung zur Erkenntnis ihrer besonderen Sendung und Aufgabe gelangen und ihre gewaltige Macht und Verantwortlichkeit vollbewußt zum Heil der menschlichen Rasse gebrauchen.
Die heilvolle und harmonische Gestaltung der Zukunft der Kultur und das Bewahren derselben vor Untergang und Verfall hängt sehr viel von dem Erwachen des weiblichen Geschlechts zum Bewußtsein seiner göttlichen Mission ab, und dies ist nur durch die geistige Erleuchtung und die Selbstbeherrschung möglich.
Deshalb ist die richtige Erziehung und Befreiung des weiblichen Geschlechts von den Ketten der Leidenschaften und der Abhängigkeit viel wichtiger und für die Heiligung des Lebens und Reinigung der Kultur viel ausschlaggebender, als man denkt.
Die Erfüllung dieser angedeuteten Bedingungen scheint aber für viele unter den heutigen Lebensverhältnissen und Gesellschaftsordnungen fast unmöglich, außer für wenige einzelne Menschen. Sie sind dennoch immer ausführbar, denn wenn ein brennendes Verlangen in den Herzen der Menschen entflammt und wenn eine große, heiße Sehnsucht nach Vollkommenheit und Erlösung in den Seelen geboren wird, dann werden alle uns heute unmöglich erscheinenden Fortschritte verwirklicht. Das neue Zeitalter wird ja einen ungeahnten geistigen Aufschwung mit sich bringen, in dessen Schoß ein starker Wille und eine unbesiegbare, schöpferische Begeisterung geboren werden. Und diese göttlichen Kräfte werden dann das vollbringen, was wir uns heute nicht erträumen können.
Deshalb sieht sich die göttliche Vorsehung veranlaßt, durch gewaltige Erschütterungen und große Leiden die Menschen aufzurütteln und sie aus ihrem tiefen Schlaf der Unwissenheit und geistigen Trägheit zu erwecken.

Das Problem der Ehe und der Ehelosigkeit
"Höher als die körperliche Zeugung steht die seelische, und sie stiftet eine Welt innigerer Gemeinschaft und festere Freundschaft als jene." (Sokrates)
Die vollständige Ehelosigkeit kommt für die Allgemeinheit der heutigen Menschheit gar nicht in Frage und ist auch mit göttlicher Weisheit und menschlicher Vernunft unvereinbar. Sie ist überhaupt im jetzigen Stadium der Entwicklung unmöglich und unausführbar, denn sie kann infolge der Stauung der Zeugungskraft nur zum Wahnsinn und schließlich durch Verzicht auf Kinderzeugung zum Absterben der menschlichen Rasse als physische Wesen führen.
Pastor Steffen sagt mit Recht:
"Der Naturtrieb der Geschlechtlichkeit ist so mächtig, daß niemals durch einen äußeren Zwang den Menschen ohne schwere, sittliche Nöte Ehelosigkeit auferlegt werden kann. Auch die moralische Anstrengung, diese Grundkraft des Lebens zu bändigen, wird immer wieder die Ohnmacht aller Gesetzlichkeit erfahren."
Daher brauchen wir uns mit dieser radikalen Forderung der Ehelosigkeit, deren Verwirklichung noch weit entfernt liegt, heute nicht zu beschäftigen. Das zu lösende Problem bleibt für uns die Ehe und die gemilderte und bedingte Ehelosigkeit, worunter man auch freie Ehen versteht. Dies ist aber an sich kein geringeres und minder wichtiges Problem. Denn nicht nur das Bestehen und die Entwicklung der menschlichen Rasse, sondern auch ihre Rettung und Erlösung hängt von der richtigen Lösung dieses großen Problems ab. Auch dieses Problem konnte bis heute nicht restlos gelöst werden. Denn die Beweggründe, die Art, die Reifezeit, die Bedingungen und die sozialen Bedürfnisse und Verhältnisse sind so unendlich mannigfach und verschieden, daß man dieses Problem mit allgemeingültigen Gesetzen und Maßnahmen nicht lösen und die Ehe nicht restlos regulieren kann. Deswegen sind auch die Meinungen darüber so verschieden.
Diese Ansichten kann man wie folgt in drei Hauptgruppen einteilen:
1. Die Ehe, die sinnliche Liebe und die Zeugung sei etwas Befleckendes und Sündhaftes.
2. Die Ehe und die sinnliche Liebe sei das kleinere Übel, das man möglichst vermeiden soll.
3. Die Ehe ist ein heiliges Gebot, und man soll sie rein und heilig halten.
Jede von diesen Ansichten hat natürlich ihre Vertreter und Verteidiger, die ihre Beweise aus der Geschichte und den jetzigen sozialen Verhältnissen und Geschehnissen des Familienlebens anführen.
Wir wollen nur andeutungsweise diese drei verschiedenen Ansichten schildern:

Die Ehe als etwas Sündhaftes
Von einigen Denkern ist die Ehe und damit die sinnliche Liebe, das heißt der organische Austausch von sinnlicher Lust, immer als etwas Unreines, Befleckendes und Sündhaftes betrachtet worden. Manche haben auch die gesetzliche Ehe verwerflich empfunden. Sie finden den Vollzug der sinnlichen Lust als etwas Unwürdiges, Erniedrigendes, Tierisches und Abscheuliches.
Augustin – der große Kirchenvater – sieht die Sünde nicht erst in einzelnen, gesetzwidrigen Handlungen, sondern in der mit Abwendung von Gott gegebenen Macht der Selbstsucht und der Sinnlichkeit, die alle Adamskinder beherrscht.
Diese Ansicht beruht auf der Vorstellung von der Unreinheit alles Geschlechtlichen und von der Wirksamkeit der Gebete der "Reinen".
Als Theologe blieb Luther unter den Nachwirkungen Augustinus´ befangen in dem katholischen Dualismus, wonach der geschlechtliche Verkehr, auch der Eheleute, Sünde bleibt, unter Berufung auf Psalm 51, 7, welcher lautet:
"Siehe, ich bin in sündlichem Wesen geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen." (Bußgebet Davids!)
Bei den Brahmanen und Hindus gibt es ebenfalls Ansichten, welche die Ehe oder die sinnliche Vermischung als etwas Unreines betrachten.
Heinrich Zimmer führt die Worte eines frommen Hindu an und schreibt:
"Ich war aber befleckt, weil nach der Anschauung gläubiger Hindus jeder Verwandte von Vaterseite her durch eine Kindesmutter in der Familie auf zehn Tage nach ihrer Entbindung unrein wird."
Im Islam ist nach dem Koran die Ehe mit all ihren Pflichten und Rechten ein heiliges Gebot Gottes. Dennoch wird der Vollzug des Beischlafs, wie schon erwähnt, als verunreinigender Akt betrachtet, der eine rituelle Waschung und Reinigung erfordert, ohne welche die Gebete und andere religiösen Handlungen und Vorschriften ungültig und wertlos bleiben.
Die heutige Form der Ehe ist in der Tat, und im allgemeinen, etwas Unwürdiges, denn sie wird meistens auf materiellen Interessen oder selbstsüchtigen und sinnlichen Begehren aufgebaut. Sie ist in vielen Fällen bar aller Treue, echter, reiner und opferfreudiger Liebe. Dadurch ist das Familienband so locker geworden, und die Ehe hat ihren sakramentalen Charakter und Segen verloren. Von ihrer Heiligkeit und Seligkeit findet man selten eine Spur, und eine solche Ehe erscheint wie ein Wunder.
Das Los der Menschheit ist zu beweinen, aber nicht zum verzweifeln, denn eine neue Sonne steigt herauf und kündet das Heranbrechen eines neuen Tages des Heils an, wie wir in folgenden Kapiteln sehen werden.

Die Ehe als kleineres Übel
Viele Denker sagen, daß die Ehe trotz ihrer Entfernung von einer idealen Ethik und einer seelisch-geistigen Vereinigung gegenüber der Zuchtlosigkeit und der heimlichen Lüsternheit dennoch nur ein kleineres Übel ist.
Nach dieser milderen und mittleren Anschauung ist die Ehe und die damit verbundene sinnliche Liebe an sich keine Sünde, sondern nur ein kleineres Übel, das für viele Menschen notwendig und nützlich ist, denn sie kann auf sie heilvoll wirken und sie vor größeren Sünden schützen.
Christus hat ja gesagt, daß es Menschen gibt, die um des Himmelreiches willen sich selbst freiwillig verschneiden (Matth. 19, 12), das heißt ehelos leben. Er legt also auf die Ehelosigkeit einen großen Wert. Darauf beruht auch die unbedingte Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit der Priester in verschiedenen Religionen.
Das Gelübde der Ehelosigkeit in den meisten mystischen Orden und Mönchsbrüderschaften bei allen Völkern ist ja bekannt. Diese Ehelosigkeit der Priester beruhte bei den alten Völkern auf der Vorstellung, daß dadurch eine Art Weihe an die Gottheit dargebracht wurde.
Prof. Dr. Königer, Bonn, schreibt:
"Da Christus und die Apostel die um des Himmelreichs willen freiwillig erwählte Ehelosigkeit als höherstehend denn die Ehe erklärten und durch ihre eigene Lebenspraxis durchgeführt hatten, gewann die Stimmung für das Zölibat, besonders durch die im Mönchstum geförderten Gedanken, immer mehr an Boden."
Wie wir wissen, haben Christus und seine Apostel für die Masse des Volkes die Ehelosigkeit nicht empfohlen, sie haben aber sich gegen Hurerei und Geilheit sehr streng geäußert. Hat Christus nicht gesagt:
"Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen." (Matthäus: 5, 28) und "Wer eine abgeschiedene Frau freiet, bricht die Ehe." (Matthäus: 5, 32).
Origenes´ "Ermahnung zum Martyrium" gehört hier her. Wir lesen dort:
"Daß es in den ersten Jahrhunderten nach Christus weibliche Asketen gab, die in ,geistlicher Ehe' oder im ,geistlichen Verlöbnis', das heißt unter Verzicht auf Geschlechtsgemeinschaft, mit männlichen Asketen zusammenlebten. Diese Sitte ist im 2. Jahrhundert bei gewissen Gnostikern, bei Enkratiten und Montanisten nachweisbar. Durch das Konzil von Nicäa 325 wurde dies verboten."
Paulus sagt:
"Wisset ihr nicht, daß eure Leiber Christi Glieder sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne. Oder wisset ihr nicht, daß, wer an der Hure hanget, der ist ein Leib mit ihr? Denn ,Es werden', spricht Gott, ,die zwei ein Fleisch sein.' Wer aber dem Herrn anhanget, der ist ein Geist mit ihm. Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außer seinem Leibe, wer aber huret, der sündigt an seinem eigenen Leibe." (1. Korinther: 6,15-18.)
Friedrich Heiler schreibt folgendes:
"Das zölibatäre Leben ist für den Mystiker eine innerlich notwendige Bedingung für das höhere religiöse Leben. Die Ehe ist eine Fessel, welche die reine Hingabe an das eine höchste Gut hemmt.
Die indischen, hellenischen und persischen Mystiker haben ebenso wie die christlichen Mystiker der Ost- und Westkirche die Ehelosigkeit als alleiniges und vollkommenes Keuschheitsideal gepriesen. Das tridentinische Konzil hat diese mystische Auffassung feierlich sanktioniert, indem es den mit Anathem belegt, der die Ehe über die Jungfräulichkeit stellt."
Nur durch gegenseitige Opferwilligkeit kann die Ehe ewiges Glück und inneren Frieden gewähren und zur harmonischen Seelengemeinschaft führen. Eine solche Gesinnung und stetige Opferwilligkeit vermag alle Schwierigkeiten, wie aus dem Unterschiede der Bildung, des Standes, der geistigen Reife und der religiösen Richtung und Empfindung entstehen können, zu beseitigen und die Gegensätze zu überbrücken.
Eine solche Ehe allein kann zur Einheit des Sinnlichen und des Seelischen und zur geistigen Entwicklung der durch Ehe verbundenen Menschen führen. Sie allein vermag eine sittliche Reinheit zu leisten und ein harmonisches, seliges Leben in Gemeinschaft sichern.
Mögen die Menschen dieses hohe Ideal erfassen und es in ihrem Leben verwirklichen!

Die Ehe als heiliges Gebot
Die dogmatischen Religionen, und besonders die semitischen, betrachten die Ehe und das Gründen der Familie als heiliges Gebot Gottes, also als unbedingte Pflicht des Menschen.
Gott hat ja nach der Erschaffung Adams und Evas gesagt:
"Und sie werden sein ein Fleisch." (1. Mose: 2, 27, und Matth. 19, 5-6.) Und Er hat ebenfalls geboten: "Seid fruchtbar und mehret euch!" (1. Mose: 1, 22.)
Dennoch hat Gott befohlen, daß die Ehe und das Familienleben rein und heilig gehalten werden müssen. Die Ehe muß idealisiert und von allen unwürdigen Beweggründen und selbstsüchtigen Interessen und Absichten fern und rein gehalten werden.
Pastor Steffen sagt mit Recht:
"Das Leibliche wird Ausdruck des Seelischen, und das Seelische will sich gestalten im Leiblichen."
Die Ehe soll also zugleich die Leiber und die Seelen miteinander innig verbinden und vereinen. Mann und Frau sollen sich einander freudig hingeben und seelisch-geistig ineinander aufgehen, um sich gegenseitig ergänzen und vollenden zu können.
Eine solche geheiligte Ehe und gereinigte Liebe wird den Gedanken und das Gefühl der Selbstsucht und des Selbstgenusses auflösen und aufheben und eine selige und harmonische Gemeinschaft gestalten.
Mereschkowski schreibt:
"Muß denn der Christ den Geschlechtsakt außerhalb der religiösen Andacht, gleichsam zum Ruhm des Satans, ausführen? Nein, ich bekenne, daß ich im Augenblicke der Vereinigung mit meiner Frau geistig, mit Verstand und Herzen, vor dem Herrn stehen muß, wie ich vor Ihm stehe, wenn ich beim Gottesdienste vor Seinen Altar stehe."
Die Frau hat sich aber in letzter Zeit von vielen Beschränkungen befreit und, wie man sagt, sich emanzipiert. Sie ist heute bei den Kulturvölkern durch die Umwandlung der Verhältnisse des politischen und des wirtschaftlichen Lebens ganz anders eingestellt und ausgebildet, als vor Jahrtausenden und Jahrhunderten.
Sie hat aber dadurch eine Wesensveränderung erfahren und eine Sonderart gewonnen, die ihre Familienpflichten als Gattin und Mutter, besonders in den unteren Klassen des Volkes, sehr beeinträchtigt und beschränkt hat.
Berufstätigkeit, Politik, wirtschaftliche Sorgen und der Kampf um die Existenz stellen sie heute vor viele Sonderansprüche und Aufgaben, die den Einsatz ihrer ganzen Kraft erfordern.
Viele ihrer früheren Eigenschaften, Lebensaufgaben, Rechte und Privilegien haben ihren alten, eigensten Wertmaßstab verloren.
Trotz der Gleichwerdung ihrer Bildung mit der des Mannes und obwohl sie mehr Freiheit erhalten und in sittlich-geistiger Hinsicht selbständiger und selbstbewußter geworden ist, kann sie doch die Bürde ihres Lebens allein nicht tragen und die Schwierigkeiten des harten Lebenskampfes nicht überwinden.
Sie steht mitten im Existenzkampf und ist hilfebedürftig. Man muß sie daher mehr denn je unterstützen, mit sorgender Liebe führen und umgeben und ihr Opfer schätzen und ihr Wesen achten.
Dies kann nur durch eine seelisch-geistige Verbindung unter einer treuen, selbstlosen und opferfreudigen Liebe und Ehe geschehen.
In der letzten Zeit hat man von Seite der Staaten, wie auch der freien und religiösen Organisationen, sehr viel zur Verbesserung der Lage der Frau beigetragen. Man hat viele Institutionen in allen Ländern ins Leben gerufen, um die sittliche Stellung des Menschen, und vor allem der Frau, zu heben und die furchtbaren Mißstände und Ursachen des sittlichen Elends und Verderbens zu beseitigen.
Alle solchen Ideale, Ordnungen, Maßnahmen und Hilfsaktionen, die in dieser Richtung unternommen werden, wie zum Beispiel die Eugenik, das heißt die Volks- oder Rassenhygiene usw., sind gewiß zu begrüßen und zu unterstützen.
Sie können aber ihr hohes Ideal nur unter zwei Bedingungen erreichen und es heilvoll und segensreich gestalten:
1. Diese Unterstützungen und inneren Umstellungen müssen vom Geiste aus, das heißt aus innerem Drang und persönlicher Überzeugung, geschehen. Sie müssen freiwillig und freudig aufgenommen und nicht als Zwang auferlegt werden, denn sonst bringen sie Unwilligkeit und geistigen, wenn auch unbewußten Widerstand und Unzufriedenheit hervor. Für diesen Zweck sind die gründliche und logische Aufklärung dieser Probleme nötig und an das Gewissen der Menschen zu appellieren.
2. Sie müssen jegliche Übertreibung vermeiden, denn jede Übertreibung schlägt in den Gegenpol um und führt zum entgegengesetzten Pol und Ziel. Sie erzeugt das Gegenteil dessen, was man ursprünglich gewollt und gewünscht hat. Dies erfahren wir ja täglich.
Die größten und göttlichsten Tugenden, Ordnungen und Ideale, wie auch alles Gute und Heilvolle, können durch Übertreibung und Mißbrauch in Laster und Sünden und in Schlechtes und Verderbliches verwandelt werden. Man soll immer das Gute und das Schöne bejahen und fördern.
Sokrates sagt:
"Die höchste Liebe zieht das göttlich Schöne an sich, von dem alles einzelne Schöne nur ein schwaches Abbild ist."
Die Spannung, die für die Ehe notwendig ist, darf nicht aus der sinnlichen Leidenschaft entstehen oder von ihr erwartet werden. Sondern sie soll auf der gegenseitigen Opferwilligkeit, Treue, Liebe und Verehrung beruhen.
So kann die Ehe zu einem erlösenden und beglückenden Erlebnis werden und zu einem Band der Harmonie, des Seelenfriedens und der Glückseligkeit.
Der goldene Weg der Weisheit weist uns immer darauf hin, daß wir bestrebt sein sollen, in allen Forderungen und Äußerungen des Lebens Mäßigkeit und Gleichgewicht zu schaffen.
Darum liegt die Entscheidung bei dir, o Leser: "Ob du in der Ehe oder ehelos lebst, hängt alles Glück und Heil deines Lebens von deiner Einstellung zu deinem Leibe und deiner Seele ab. Ob du den Geist über das Fleisch herrschen läßt oder umgekehrt, das allein ist maßgebend und entscheidend. Weder Abtötung noch Anbetung des Fleisches, sondern die Beherrschung und die Überwindung, das heißt die Unterwerfung desselben unter den göttlich-geistigen Willen, kann allein dir inneren Frieden, Erlösung und ewige Seligkeit schenken!"
Die Sublimierung der Lebensessenz und ihre Folge
Die Wiedergeburt der Seele und die Auferstehung des Leibes stehen in enger Beziehung zur Umwandlung der Zeugungskraft.
Es ist eine erprobte Tatsache, daß man mit bloßer Theorie oder mit bloßem Wissen um die Notwendigkeit der Enthaltsamkeit nicht zum erwünschten Ziel gelangen kann. Es liegt oft eine große Kluft zwischen dem Wissen und dem Können. Die Erfahrung lehrt uns, daß vor dem gewaltigen Ansturm der sinnlichen Leidenschaften die Kraft der Vernunft, des Verstandes, des Gewissens und des sittlichen Bedenkens und Bewußtseins verschwindet.
Die Überflut des sinnlichen Rausches bricht jeden Damm der moralischen und geistigen Bollwerke. Weder die Mahnung, die Abschreckung und die Warnung der andern, der Vorgesetzten, der Lehrer und der Priester, noch der gute Wille und die guten Vorsätze und Entschlüsse des Menschen selber können die überwältigende Macht der sinnlichen Triebe niederbrechen und eindämmen. Mit moralischen Predigten, Sätzen und Sprüchen oder mit Lehren der großen Weisen kann man nicht immer die entfesselten Dämonen der sinnlichen Lust im Zaum halten. Solche Waffen bleiben in diesem Kampf oft ohne Wirkung.
Die verfrühte sinnliche Reife, als Folge der Erbsünde, und die verführenden Reizmittel der heutigen Gesellschaft und der materiellen Kultur machen alle Maßnahmen der Selbstbeherrschung erfolglos und die Enthaltsamkeit fast unmöglich.
Man spricht mit Recht von geschlechtlicher und sittlicher Not der Jugend, welche nicht allein darunter leidet, sondern auch viele Erwachsene und zum Lichte der Wahrheit erwachten Menschen leiden darunter.
Dieses ernste und schwere Problem der Enthaltsamkeit muß daher auch von praktischer Seite aus behandelt und gelöst werden. In bezug auf den Gebrauch der Lebensessenz hat man die folgenden sieben Ansichten und Möglichkeiten vor sich:
1. Die sinnliche Lust oder die Lebensessenz mit Gewalt unterdrücken und verdrängen.
2. Dieselbe durch ehelose Selbstbefriedigung ohne Bedenken gebrauchen.
3. Sie willkürlich und persönlich mißbrauchen.
4. Sie im Eheleben ohne den Zweck der Fortpflanzung gebrauchen.
5. Sie unwillkürlich verlorengehen lassen.
6. Sie nur zur Fortpflanzung gebrauchen.
7. Sie sublimieren und umwandeln.
Die ersten drei Ansichten und Möglichkeiten sind gefahrvoll, unwürdig und verwerflich. Die vierte und die fünfte Richtung sind harmlos, wenn sie normalerweise geschehen und nicht übertrieben werden. Die sechste und die siebente Methode sind gut, heilvoll und empfehlenswert.
Da aber das Führen des Ehelebens und auch in der Ehe das Verschwenden der Lebensessenz Mißbrauch und Verlust für alle Menschen nicht leicht oder möglich sind, bleibt nur die siebente Methode das beste und das wirksamste Mittel zur Lösung dieses Problems. Wir wollen daher dies etwas näher betrachten und untersuchen.

Die Umwandlung der Lebensessenz
Diese Umwandlung ist nicht nur zur Vermeidung der Gefahren des Mißbrauchs und des Verlustes der Lebensessenz, sondern in erster Linie für die geistige Entwicklung und Erleuchtung notwendig und unentbehrlich. Alle großen Weisen, Meister und Mystiker haben diese letztere Methode ausgeübt und empfohlen.
Diese Sublimierung oder Umwandlung der Lebensessenz besteht in der Verfeinerung und Verteilung dieser Kraft im Innern des Körpers unter alle Organe und besonders an einige wichtige Drüsen und Nervenknoten, welche in der Erleuchtung der Seele und der Reinigung und Verklärung des Leibes eine große Rolle spielen.
Diese Umwandlung bedeutet im Grunde, wie schon betont wurde, nichts anderes, als die Umleitung der Lebensessenz zu verschiedenen Organen und Kraftzentren des Körpers, damit sie dieselbe aufsaugen und assimilieren und sie dadurch regenerieren und entwickeln.
Die chinesische Mystik sagt uns darüber:
"Die Kraft der Nieren steht unter dem Zeichen des Wassers (oder Zeugungskraft oder Lebensessenz). Wenn die Triebe sich regen, so fließt es nach unten und erzeugt Kinder. Wenn man im Moment der Auslösung es nicht nach außen fließen läßt, sondern es durch die Kraft des Gedankens zurückleitet, so daß es nach oben dringt in den Tiegel des Schöpferischen und Herz und Leib erfrischt und nährt, so ist das die rückläufige Methode. Darum heißt es: ,Der Sinn des Lebenselixiers beruht vollkommen auf der rückläufigen Methode."
Allen diesen verschiedenen Methoden und Mitteln der Umwandlung liegt die Beherrschung der Gedanken, der Gefühle, das heißt der Vorstellung und der Phantasie und auch des triebhaften Willens, zugrunde. Dies bedeutet Selbsterziehung und Selbstüberwindung. Hierzu braucht der Mensch eine große, starke geistige Willenskraft, um auf alle Begierden und auch alle erlaubten Genüsse des Lebens verzichten zu können, wenn es darauf ankommen würde.
Nicht die Abtötung oder Abstumpfung der Triebe und der Sinne, sondern das Am-Zaume-Führen derselben ist notwendig. Ein starker Geisteswille, der von höherer Erkenntnis durchdrungen und von Weisheit geleitet ist, kann nicht gestatten, daß die sinnlichen Triebe überhand nehmen und sich stürmisch und sinnlos ausleben. Er setzt ihrem Ungestüm gegenüber eine vernünftige Widerstandskraft, schafft ein Gegengewicht und leitet die Lebensessenz um.
Wie die Schlange durch Kälte regungslos und unschädlich wird, so kann auch die Schlange der sinnlichen Lust durch manche Abkühlungsmittel zeitweise regungslos und still gemacht werden. Dies ist aber nur ein flüchtiges Mittel und daher keine heilvolle, radikale Methode der Weisheit, und dies führt zu keinem endgültigen Sieg und zu keinem heilvollen Ziel!
Diese Schlange soll daher belebt und regsam bleiben, aber bezaubert und beschworen, das heißt gezähmt, beherrscht und geführt werden.
Die sinnlichen Triebe völlig aufzulösen, widerspricht der Weisheit, sie sollen vielmehr in eine höhere Energie umgewandelt und im Haushalt des Körpers verwendet werden.
Diese Sublimierung oder Umwandlung, das heißt Umleitung und Austeilung der schöpferischen Lebensessenz im Innern des Körpers, dient nicht nur, wie schon erwähnt, zur Belebung und Regenerierung der Organe und zur Erweckung und Entwicklung einiger psychischer Kraftzentren, sondern sie ist hauptsächlich für die Verwirklichung der Wiedergeburt und die Erleuchtung der Seele notwendig.
Dies ist das große Geheimnis der Auferstehung und der Überwindung des Todes, das in den alten Mysterientempeln und von allen großen Meistem und Weisen der Welt gelehrt worden ist. Es ist die wahre Alchimie und die eigentliche Mission aller großen Religionen gewesen. Dieses Geheimnis wird nun im neuen Zeitalter mit voller Kraft und Klarheit nicht nur enthüllt und gelehrt, sondern auch gelebt und verwirklicht.
Mereschkowskij sagt:
"Der letzte Sinn der Liebe ist nicht die Zeugung von Sterblichen, sondern die Auferstehung der Toten."
In der Tat führt die sinnliche Liebe zum Tode, die keusche Liebe aber zur Wiedergeburt und zum ewigen Leben!
Mit dieser Umwandlung können zwei Zwecke verfolgt und erzielt werden: die Belebung und Verjüngung des Körpers und die Erleuchtung und Erlösung der Seele. Für den ersten Zweck genügt es, wenn man den Erguß und Verlust der Lebensessenz durch die natürliche Methode der "Karezza" von J. William Loyd verwendet. In diesem Falle wird der Überschuß der Lebensessenz sich in die Blutgefäße ergießen und zur Belebung und Regenerierung des ganzen Körpers dienen. Dies ist die einfachste, natürliche Kunst der Umwandlung, die jedem empfohlen werden und leicht gelernt werden kann.
Die zweite Methode, die zur Wiedergeburt und Erlösung der Seele führt, ist eine heilig-göttliche und mächtige Kunst, die jedoch mit größeren Gefahren verbunden ist und daher nur unter der Leitung eines vollkommenen Meisters geschehen kann.
In dieser Kunst handelt es sich um die Umleitung der Lebensessenz auf verschiedene Kraftzentren und Organe des Körpers, um diese zu erwecken und zu entfalten und sie mit kosmischen Kräften in Verbindung zu bringen. Für diese heilige Kunst sind besondere Übungen und vor allem die Schulung der Gedanken-, Vorstellungs- und Willenskraft und die Atemübungen erforderlich, die nur von einem Meister gelehrt und geleitet werden können. Denn der segensreiche Erfolg in dieser heiligen Kunst hängt von verschiedenen Bedingungen ab, die eine höhere Erkenntnis und ein göttliches Verantwortungsbewußtsein erfordern. Hier muß erst festgestellt werden, ob das Schicksal des Bewerbers es überhaupt erlaubt, diese Kunst zu lernen oder nicht, dann, ob sein körperlicher Zustand dafür geeignet ist oder nicht, und schließlich, ob seine Lebensweise, sein Beruf und seine sozialen Verhältnisse dafür günstig sind oder nicht. Dies alles kann nur ein Meister feststellen.
Um die "Yoga-Lehrbriefe" von Paramahansa Yogananda kann man sich bei der folgenden Adresse bewerben: Gemeinschaft der Selbstverwirklichung, Laufamholzstr. 369, 90482 Nürnberg.
Darum haben die großen, geistigen Führer und Lehrer der Menschheit in früheren Zeiten diese göttliche Kunst der Wiedergeburt der Seele durch die Umwandlung der Lebensessenz nur den reiferen Seelen in den alten Mysterientempeln nach harten Prüfungen gelehrt und sie vor den Profanen verborgen gehalten. Deshalb hat auch Jesus Christus diese Kunst der Wiedergeburt zu seiner Lebzeit nur verschleiert angedeutet und nach seiner Auferstehung auch nur seinen intimen Jüngern mit symbolischen Worten gelehrt, von denen nur wenige Bruchstücke aufbewahrt geblieben sind.
Diese Kunst ist die eigentliche Alchimie der Seele, und darin liegt auch die Gefahr, wenn sie von unreiferen oder unehrlichen und neugierigen Menschen erstrebt und geübt wird. Diese Gefahr besteht darin, daß solche Menschen entweder dem Nervenzusammenbruch und Wahn-sinn oder gar dem Tod erliegen oder, ohne es zu wissen und zu wollen, zu blinden Werkzeugen der Schwarzmagier und der Mächte der Finsternis werden und unfähig sind, sich von den Krallen dieser Dämonen zu retten. Sie müssen dann ein Leben des Elends, des Verderbens und des Unheils führen und viele Inkarnationen geistig käm-pfen, um den rechten Pfad des Lichtes wieder zu finden. Deshalb verweigern manchmal die erhabenen Meister einem Jünger, diese göttliche Kunst zu lehren und empfehlen ihm, ein Familienleben zu führen und nur auf dem breiten Weg der geistigen Bestrebung zu wandern, um sie vor solchen Gefahren zu verschonen. Die Geschichte vieler Pseudo-Okkultisten im Osten und im Westen, welche diese heilige Kunst mit unreinen Händen und unreinem Herzen geübt und ihre Gier nach Macht und Geld mit ihrem Leben eingebüßt haben, kann eine lichtvolle Warnung für die neugierigen, machtsüchtigen oder unreiferen Menschen bilden.
Eine von reiner Absicht und selbstlosem, edlem Wunsche des Dienstes an der Menschheit erfüllte und entflammte Seele wird aber immer den rechten Pfad finden und das heilige Ziel der Wiedergeburt und der Erlösung erreichen. Denn sie wird von der Macht des Lichtes durch die erhabenen Meister der Weisheit und der heiligen Hierarchie geführt, belehrt und geschützt.

Die Wiedergeburt und die Auferstehung der Seele
Die herrliche Frucht der Sublimierung oder Umwandlung der Lebensessenz wird die Wiedergeburt der Seele inmitten des irdischen Lebens und die Auferstehung des Leibes sein, wie Christus es vollbracht und verheißen hat. Erst nach dieser Wiedergeburt wird der Mensch das Reich Gottes, das heißt die alleinige Herrschaft des Willens Gottes, in sich erleben.
Wiedergeburt der Seele bedeutet ihre vollständige Befreiung von den Fesseln des Fleisches oder des Körpers, so daß sie inmitten des irdischen Lebens in voller Freiheit wirkt, das heißt den Körper vollständig beherrscht, und ihn als gehorsamen Diener für die Ausführung ihrer göttlichen Ideale gebraucht.
Die Auferstehung ist die Folge dieser Wiedergeburt und hat eine besondere Bedeutung. Sie kann sowohl auf die Seele wie auch auf den Körper bezogen werden. In bezug auf die Seele bedeutet sie eben die Befreiung der Seele von den Fesseln des physischen Leibes, also eine geistige Auferstehung. Dann kann die Seele ihren Lichtleib oder Astralkörper oder auch ihren Geistesleib, das heißt den Mentalkörper, benützen und in diesen feineren Leibern erscheinen und wirken, welche nur von den hellsichtigen Menschen wahrgenommen werden können.
Alle vollkommenen Meister, welche die Glieder und Mitarbeiter der heiligen Hierarchie oder der weißen Bruderschaft sind, wie Jesus Christus und noch andere, haben diese Wiedergeburt und geistige Auferstehung vollbracht. Darum nennt man sie auferstandene Meister.
Die Auferstehung des Leibes von den Toten kann in fünffacher Art geschehen, wie wir gleich kennen lernen werden.
Aus allem, was in den Evangelien von Christus und seinen Aposteln über die Auferstehung berichtet worden ist, geht klar hervor, daß es sich in den meisten Fällen um die geistige Auferstehung handelt. Und in einigen wenigen Fällen, wo von der Auferstehung des physischen Leibes die Rede ist, handelt es sich um die Wiederbelebung und Auferweckung der Leiber, die nicht verwest und aufgelöst worden sind.
Wenn man diese Stellen der Evangelien mit tiefer Einsicht liest und darüber meditiert, wird man diese Tatsache erkennen. Wir wollen daher erst diese Stellen anführen und ihre wichtigsten Worte zu erklären versuchen:
Jesus Christus sagt:
"Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben."(Johannes: 11, 25-26.) Mit dieser Auferstehung meinte er sicher nicht die Wiederbelebung oder Auferweckung seines physischen Leibes, denn er sprach diese Worte vor seiner leiblichen Auferstehung und dies zu Maria und Martha vor dem Grab ihres Bruders Lazarus, den er auferweckte. Mit diesen Worten meinte er seine geistige Wiedergeburt und die Unsterblichkeit seiner Seele.
Diese Tatsache wird auch durch andere Worte Christi bestätigt, wenn man sie mit Andacht im Lichte der wahren Erkenntnis betrachtet. Denn er hat schon vor der oben angeführten Rede gesagt:
"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ,Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben hindurchgegangen.'"
"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es kommt die Stunde, und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben."
(Johannes: 5, 24-25.)
Wir sehen hier deutlich, daß er schon von den Toten spricht, die seine Stimme hören und an ihn glauben und dadurch lebendig werden. Es handelt sich hier also nicht um die Toten, die in den Gräbern lagen, denn sie sind ja gar nicht auferstanden, sondern um die geistig Toten und um ihre geistige Auferstehung und geistige Unsterblichkeit.
Er sagt gleich danach:
"Verwundert euch nicht. Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes." (Johannes: 5, 28-29.)
Hier bedeutet "Gräber" nichts anderes, als die physischen Körper, in denen die menschlichen Seelen so zu sagen begraben sind, denn wir werden gleich sehen, daß die verwesten und aufgelösten Leiber nie auferstehen werden können.
Also, alle lebenden, aber geistig Toten werden seine Stimme, das heißt die Worte der Wahrheit, hören. Diejenigen unter ihnen, welche guten Willens sind und gute Werke vollbracht haben, werden geistig auferstehen, das heißt erleuchtet und erlöst werden. Diejenigen aber, die böse Taten verübt haben, werden gerichtet, das heißt alles das ernten, was sie gesät haben. Dies geschieht ja täglich, aber die Menschen wissen nicht, daß sie schon auf dieser Erde und in diesem Leben gerichtet werden.
Dies wird durch den Brief Paulus´ an die Korinther noch klarer und deutlicher bestätigt:
"Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben, auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, und dasselbe plötzlich in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune schallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit. Dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Aber der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber ist das Gesetz." (1. Korinther: 15, 50-56.)
"Darum kennen wir von nun an niemand nach dem Fleisch, und wenn wir auch Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr." (2. Korinther: 5, 16.)
Paulus sagt weiter:
"Welcher (Christus) unseren nichtigen Leib verklären wird, daß er ähnlich werde seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, mit der kann er auch alle Dinge untertänig machen. Sintemal durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten kommt." (1. Korinther: 15, 21.)
Dieser verklärte Leib, in dem die Apostel Jesu auf dem Berge und auch nach seiner Auferstehung sahen, ist nichts anderes, als eben der geistige, strahlende Leib Christi gewesen, der den physischen Leib angezogen hatte, das heißt in physischer Gestalt erschienen war.
Paulus schreibt weiter an die Römer und Galater:
"Denn wo ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen, wo ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäft tötet, so werdet ihr leben." (Römer: 8, 13.) "Wer auf sein Fleisch sät, der wird vom Fleisch das Verderben ernten, wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten." (Galater: 6, 8.)
Aus diesen Worten geht wieder klar hervor, daß Paulus auf das Geistige großen Wert legt und daß die Auferstehung im geistigen Leibe geschehen sein soll.
Mereschkowskij schreibt:
"Noch wichtiger ist, daß für diese (ägyptische) Mystik, ebenso wie für das Christentum, das dem Tode nicht unterliegende Wesen des Menschen – die Persönlichkeit – weder im Körper noch im Geiste liegt, sondern in der Verbindung von Körper und Geist, im geistlichen Leib Sahu (ägyptisches Wort für geistigen Leib). Nur dieser Körper kann auferstehen."
Diese Auferstehung oder Erscheinung der Seele in ihrem geistigen Leibe geschieht schon heute bei einigen erleuchteten Seelen, aber oft unbewußt und nur flüchtig und zeitweilig. Sie wird im neuen Zeitalter von vielen Seelen bewußt, willkürlich und beständig verwirklicht werden. Auch viele Menschen werden dann fähig sein, solche geistigen Leiber der erleuchteten Seelen wahrzunehmen und mit ihnen zu verkehren und zusammen zu arbeiten.
Die Möglichkeiten und Herrlichkeiten der künftigen Fortschritte der kommenden Rassen sind wahrlich heute für uns unvorstellbar. Mögen wir uns für diese segensreiche Zukunft vorbereiten!

Die Auferstehung des physischen Körpers und die
Besiegung des Todes
Wie sollen wir die Stellen der Bibel und auch anderer heiligen Schriften, die von der Auferstehung des physischen Leibes sprechen, verstehen und auslegen? Die göttliche Weisheit gibt uns den Schlüssel zur Lösung dieses Problems und belehrt uns wie folgt:
1. Mit den Gräbern, aus denen die Seelen auferstehen werden, ist in allen heiligen Schriften eigentlich der physische Körper gemeint. Der physische Körper ist ja in der Tat ein Grab für die Seele.
2. Der ,jüngste Tag' des Gerichts ist nichts anderes, als das irdische Leben selbst, in dem jeder Mensch für seine in früheren Erdenleben vollbrachten guten und bösen Taten bestraft oder belohnt wird als Folge des Gesetzes von Ursache und Wirkung und Rückwirkung. Dies ist auch der Sinn des Schicksals, das auf ausgleichender Gerechtigkeit beruht.
3. Der Astral- und der Mentalkörper oder der Lichtleib und der geistige Leib, in denen die Seele nach dem Tode des physischen Körpers weilt und wohnt und auch erscheint, sind im Grunde auch materiell, nur aus feineren materiellen Elementen der Gefühle und der Gedanken bestehend. In diesem Sinne wird die Seele im materiellen Körper auferstehen. Und da diese feineren Körper immer die Gestalt des physischen Körpers haben, wie wir sie im Traum sehen oder wie die Hellseher sie erschauen, so werden sie für die geistig ungeschulten Menschen als physischer Körper erscheinen.
Dr. Joseph Franz Allioli, der Herausgeber der bekannten, illustrierten "Heiligen Schrift" sagt über den geistigen Leib, von dem Paulus so oft spricht, folgendes:
"Der geistige Leib der Auserwählten wird dem Leibe Jesu nach der Auferstehung ähnlich werden, der ein wirklicher, fühl- und tastbarer Leib, aber zugleich so geistig war, daß er plötzlich von Ort zu Ort versetzt werden und andere Körper durchdringen konnte."
Vom mystisch-esoterischen Standpunkt aus muß man unter der Auferstehung des physischen Leibes seine Überwindung und Umwandlung verstehen. Dadurch kann auch der Tod des physischen Körpers überwunden werden.
Diese Umwandlung des physischen Körpers und damit die Besiegung des Todes kann in fünffacher Art vollbracht werden, je nach der erreichten Stufe der Entwicklung und der Fähigkeit der Seele.
Diese fünf Möglichkeiten der Seele sind:
1. Die entwickelte Seele kann zeitweilig und mit vollem Bewußtsein den physischen Körper verlassen, ohne ihm einen Schaden dadurch zuzufügen. Dies ist das willkürliche Austreten aus dem Körper und das Wiedereintreten in denselben durch die Seele. Diese Fähigkeit besitzen schon heute einige erwachten Seelen, und sie können dann in ihrem Astral- oder Mentalkörper woanders erscheinen und wirken. Dies nennt man die Bilokation.
2. Die entwickelte Seele kann den Körper nach ihrem Willen und Wunsch so lange am Leben erhalten und gebrauchen, wie sie will. Die großen Meister besitzen schon diese Macht und machen davon Gebrauch.
3. Man kann auch den physischen Körper am Leben erhalten, ohne ihn zu gebrauchen. Manche Yogis in Indien lassen ja, wie bekannt und bestätigt worden ist, ihren Körper für mehrere Monate begraben und ihn wieder auferwecken.
In den alten Mysterientempeln war auch die dreitägige Begrabung im Sarg, als mystischer Tod, für das Erlangen der Wiedergeburt üblich und notwendig. Darauf beruht auch die Auferweckung Lazarus´ durch Christus nach drei Tagen Grablegung und auch seine eigene Auferstehung nach drei Tagen.
Es ist aber auch möglich, daß der physische Körper Jahrtausende balsamiert bleibt, ohne dadurch verwest zu sein.
Paul Brunton erzählt solche Möglichkeiten aus dem Munde eines Adepten, Ra-Mak-Hotep, den er in Ägypten getroffen hatte. Er sagt:
"Die Körper der Adepten – sagt Ra-Mak-Hotep – sind in den undurchdringlichen Gräbern Ägyptens verborgen, erwartend die Rückkehr ihrer Geister. Eines Tages werden diese zurückkommen in der Tat, um diese Körper wieder zu beleben, die dann in die äußere Welt zurückkehren werden. Der Mechanismus dieser Rückkehr zum Leben muß durch jene begabten Menschen ausgeführt werden, welche die erforderlichen Erkenntnisse besitzen. Ein Teil der Rituale der Auferweckung wird im Singen von einigen ,Worten des geheimen Gebets' bestehen. Dies kann Ihnen sonderbar erscheinen, ihre Körper sind aber nur scheinbar balsamiert. Der Hauptunterschied zwischen diesen und den anderen Mumien ist dies, daß bei diesen ersteren das Herz niemals herausgezogen worden ist (wie bei den Mumien)."
4. Eine vollkommene Seele kann den Körper zu jeder Zeit auflösen und ihn wieder aufbauen, wann und wo sie will.
5. Sie kann schließlich zu jeder Zeit aus den Elementen des Äthers einen neuen Körper oder nur einen Teil oder ein Glied desselben schaffen, um damit auf der physischen Ebene zu wirken, etwas Wichtiges zu vollbringen. Dies geschieht natürlich nur in größeren wichtigeren Angelegenheiten. Auf diese Weise geschehen oft Wundertaten, Rettungen, Schutz und blitzartige Hilfe usw. Die erhabenen Mitglieder der heiligen Hierarchie und die großen Mächte des Lichtes haben diese Macht.
Auf diese verschiedenen Arten kann also der Tod überwunden und die Auferstehung und das ewige Leben des Leibes erlangt werden.
Diese göttliche Kunst hatte Jesus schon in seinem früheren Leben errungen, und er wollte sie auch lehren. Die Menschen seiner Zeit waren aber nicht reif dazu. Darum sagte er zu seinen Jüngern, daß er noch vieles zu lehren hätte, aber sie könnten es noch nicht fassen.
Im neuen Zeitalter wird dies für viele erleuchtete Seelen möglich sein; dann werden sie zu auferstandenen Meistern, zu Überwindern des Todes!
Wir müssen nun bedenken, daß, wenn die Menschen durch den Mißbrauch der Zeugungskraft die Todverfallenheit verursacht haben, oder, wie es geschrieben steht, wenn der Tod der Sünde Sold ist, so muß auch durch den richtigen Gebrauch, das heißt die Umwandlung derselben Kraft, der zerstörte, paradiesische Urstand der Unsterblichkeit wiedergewonnen und hergestellt werden können.
Alle erwachten Seelen müssen nach diesem erhabenen Ziel trachten, streben und ringen. Dieses Ziel ist aber mit dem Erreichen der geistigen Wiedergeburt und der Auferstehung im Schoß der göttlichen Weisheit bedingt. Daher tut die geistige Auferstehung durch die Wahrheit für die heutige Menschheit am meisten not.
Die geistige Auferstehung tut vor allem not! Tut ab das Irdische in euch, damit das Himmlische in euch auferstehen und sich offenbaren kann. Vertraut nicht allein auf menschliche Vernunft, sondern erringt das unmittelbare Erkennen und Erleben der göttlichen Wahrheit in eurer eigenen Seele.
Wahre Erkenntnis eures Wesens kann das Hängen an den vergänglichen Dingen dieser Erscheinungswelt in euch aufheben und euch von dieser Sklaverei befreien. Sucht darum das ewig Lebendige in euch. Dann werdet ihr erfühlen, daß in euch etwas aufleuchtet, das nicht euer persönliches, eitles Ich ist, sondern etwas Erhabenes, das euer persönliches Ich als Werkzeug und Spiegel benützen und sich dadurch offenbaren will.
Es ist das Ebenbild Gottes in euch, euer wahres, höheres Selbst. Es ist der heilige Geist der Wahrheit, der euch von allen Qualen des irdischen Lebens frei machen kann. Dieser Heilige Geist in euch hat sich in die Welt der Materie ergossen, um den Körper zu veredeln und zu vergeistigen, ihn also zu seinesgleichen zu machen. Er stammt aber aus Gott, dem ewig Lebendigen.
Schafft darum durch euren Gehorsam und Opfermut freie Bahn für seine göttliche Erlösungstat. Laßt diesen Gottesgeist in euch auferstehen und den tiefen Sinn eures Daseins in eurer Seele zum Ausdruck kommen. Dieser Sinn ist nichts anderes, als die Offenbarung Gottes im Herzen des Menschen.

Die sozialen und ethischen Mittel zur Beseitigung der Folgen der Erbsünde
Die Verwirrungen im Menschenreich und die Irrungen im Menschenleben sind so tief und erschütternd, daß sie viele ernst denkende Menschen über die Rettung des menschlichen Geschlechts von der Entartung und dem Verfall in Verzweiflung versetzt haben. Darum sehen manche einsichtigen Denker in den heutigen, furchtbaren Ereignissen die Zeichen des Untergangs und der Vernichtung der heutigen Kultur und Menschheit.
Wenn wir aber nach den Ursachen dieses Verfalls suchen, werden wir erkennen, daß die moralische Gesunkenheit oder die Sittenverderbnis allen diesen Mißständen und Entartungen zugrunde liegt. Es ist deshalb nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die heutigen unheilvollen und verheerenden Zustände die Folgen der niedrigen Gesinnung und Gesittung sind. Mit anderen Worten, sie sind aus dem Mißbrauch der schöpferischen Kräfte und vor allem der Lebensessenz des Menschen entstanden. Denn dieser Mißbrauch hat die Menschen auf die Stufe des Tieres herabgesetzt und darin festgehalten und dadurch zur Zuchtlosigkeit und Lüsternheit geführt, aus der alle anderen Übel geboren sind.
Dr. med. Oberdörffer sagt:
"Die körperliche und geistige Blüte aller großen Völker hat ihren Untergrund immer in der Kenntnis der Sexualgesetze gehabt, und sobald diese Kenntnis verlorenging und Genußleben und Sittenlosigkeit einsetzte, begann der Verfall."
Der Mensch ist wahrlich nicht nur unter die Herrschaft der tierischen Triebe geraten, sondern noch unter die tierische Stufe gesunken, denn die wildesten Raubtiere mißbrauchen ihre Naturtriebe nicht und haben nie soviel Verheerungen und Vernichtungen angestiftet wie der heutige sogenannte Kulturmensch.
Dennoch ist die Hoffnung auf die Rettung der Menschheit und der Kultur nicht ganz verloren. Es muß nur mit größtem Opfermut und größter Geisteskraft daran gearbeitet werden.
Um die zerstörte Lebensharmonie und Gottesordnung im Menschenreich wiederherstellen zu können, müssen die Menschen auf den heiligen Pfad der Sittenreinheit und der Weisheit zurückgeführt werden. Sie müssen zuerst die Tatsache ihrer tiefen Gesunkenheit anerkennen, und dann müssen sie lernen, ihre schöpferische Lebenskraft auf gottgewollte Weise zur Erhebung der menschlichen Rasse zu gebrauchen.
Das soziale Leben der Völker muß daher von Grund auf erneuert, veredelt und auf heilbringenden, ethischen Prinzipien neu aufgebaut werden.

Die richtige Aufklärung
Alles Übel entsteht aus Unwissenheit. Um das Unheil der Erbsünde aus dem sozialen Leben der Menschheit auszumerzen, nimmt die richtige Aufklärung die erste Stelle ein. Sie muß die Menschen und vor allem die Jugend über die Bestimmung des Menschen und über die Aufgabe und den weisen Gebrauch seiner Lebensessenz belehren. Richtige Aufklärung ermöglicht und erleichtert das Erfassen der Probleme, der Wesen, der Dinge und der Begriffe. Sie läßt die Wahrheit entdecken und macht sie verständlich und begreiflich.
Diese Aufklärung enthält eine zweifache, positive und negative Seite oder Ausdrucksform, nämlich das Gebot und das Verbot in bezug auf den Gebrauch der heiligen Organe.
Die negative Seite der Aufklärung besteht in der Schilderung der Schäden und Gefahren des Mißbrauches der Lebensessenz und die positive Seite in der Darlegung der Vorzüge und der heilvollen Wirkungen des richtigen Gebrauchs derselben Kraft. Mit diesem Problem steht auch die Keuschheit und die Enthaltsamkeit in enger Beziehung, wie wir in den vorangegangenen Kapiteln erklärt haben.
Die negative Seite der Aufklärung darf aber nicht betont und hervorgehoben werden. Man darf die Fragen betreffs der heiligen Organe nicht direkt besprechen, sondern nur flüchtig die Gefahren des Mißbrauches erwähnen und bemerken. Im Gegenteil muß die positive Seite des Problems, nämlich die Sittenreinheit und Keuschheit, mehr betont, hervorgehoben und erklärt werden.
Diese Betonung der Vorteile des richtigen Gebrauchs dieser Kraft und der Keuschheit überhaupt darf aber nicht der Erweckung der Selbstliebe und des Egoismus dienen, das heißt zur Selbstsucht oder zur Verachtung und Vermeidung des anderen Geschlechtes führen. Man sollte daher die Jugend dazu bringen und erziehen, die Keuschheit und Enthaltsamkeit um der Heiligkeit willen dieser Tugenden zu würdigen und auszuüben und nicht allein wegen ihrer Nützlichkeit und ihrer körperlichen und materiellen Vorteile.
Man muß dieses sittliche Verhalten als heilige Pflicht der Menschenwürde und das Gegenteil davon, nämlich die Unzucht, als Befleckung der Seele und Verletzung der menschlichen Ehre betrachten und erfassen. Man muß also nur aus innerem Drang und heiligem Pflichtbewußtsein, nicht aus Angst oder Zwang, sich des Mißbrauchs der Lebensessenz enthalten und ihn bekämpfen. Das innerliche oder ethisch-geistige Verhalten muß über den körperlichen Genuß hinausgehen und gewürdigt werden.
Diese Auffassung ist gewiß sehr schwer zu erfassen und noch schwerer zu vollbringen, aber sie bildet die Grundlage der höheren Moral und Sittlichkeit und muß daher von Kindheit an gelehrt und gepflegt werden.
Dieser Gesichtspunkt muß jeder Erziehung und jeder sittlichen Verzichtleistung zugrunde liegen. Daher muß auch die Aufklärung über den richtigen Gebrauch und den Mißbrauch der heiligen Lebensessenz diesen wichtigen Punkt immer vor Augen halten und in den Vordergrund stellen. Die größte Aufmerksamkeit der Gesetzgeber, der Eltern, der Erzieher und der Pädagogen und Schriftsteller muß auf die positive Seite dieser Aufklärung gerichtet sein.
Diese Aufklärung soll auch die Menschen darüber belehren, daß der Mensch kein absolutes Recht dazu hat, seine Lebenskräfte und seine menschliche Würde zu vergeuden und zu erniedrigen, denn er hat diese von Gott geliehen bekommen, um sie für den Fortschritt der Allgemeinheit und der Menschheit in gottgewollter Weise zu gebrauchen.
Die Beherrschung und Umwandlung der sinnlichen Triebe soll also die Grundlage der gesellschaftlichen Verbindung, der Ehe und der Familie bilden.
In dieser Hinsicht kann die praktische Methode "Karezza" von J. William Lloyd von großem Vorteil und Nutzen sein, obgleich sie die Umwandlung der Lebensessenz und seelisch-geistige Entwicklung nicht bezweckt und verfolgt.
Das Schamgefühl muß gepflegt und gewürdigt werden, denn es ist ein natürliches Schutzmittel gegen den Mißbrauch und die Unzucht. Es wirkt hemmend und erlösend auf die sinnlichen Regungen. Es ist das Siegel und der heilige Schleier der Keuschheit.
Die religiöse Einstellung des Menschen spielt hier auch eine große Rolle. Wenn der Mensch sich immer der Gegenwart Gottes bewußt bleibt und sie wahrnimmt, kann dies eine vorbeugende Macht auf sein Triebleben ausüben.
Diese Aufklärung soll weiter die führenden Persönlichkeiten der Völker davon überzeugen, daß die so befürchtete Gefahr des Geburtenrückgangs nicht so groß ist, als die Gefahr der Entartung der Völker durch die Sittenlosigkeit.
Sie soll vor allem die Jugend belehren, daß weder die Mißachtung, die Unterdrückung und Verdrängung der sinnlichen Triebe noch ihre Vergeudung und der verfrühte Gebrauch derselben heilsam sein kann.
Die sittliche Reinheit und Festigkeit, die holde Anmut, der Adel der Seele, die geistige Ritterlichkeit, die Keuschheit der Empfindung und die Lauterkeit der Gesinnung, mit einem Wort, die körperliche und geistige Heiligkeit muß überall gepriesen, hochgeschätzt und ihr gehuldigt werden.
Denn durch die Bejahung und Betonung einer Tugend stärkt und befruchtet man dieselbe, und man gelangt dadurch viel schneller zum Ziel als durch die Verneinung, Verwerfung und Verbietung ihres Gegenteiles, also eines Lasters oder einer unlauteren Neigung.
Aus diesem Grunde hat in bezug auf dieses Problem die Bedrohung, Verängstigung und Warnung sehr wenig Nutzen.
Man muß aber die positive Seite dieses lebenswichtigen Problems ganz einfach und klar darlegen, damit die Menschen, und vor allem die Jugend, das Aneignen der Tugend, der Entschlossenheit, der Selbstzucht, der Enthaltsamkeit und das Bewahren der Keuschheit selbstverständlich, nützlich, menschenwürdig und notwendig finden kann. Sie muß also von selbst die Gefahr und die Unwürdigkeit des Mißbrauchs der Lebensessenz begreifen und sich vor Augen halten und die Bekämpfung der niederen Leidenschaften und sinnlichen Triebe als ihre heilige Pflicht ansehen.
Die Jugend muß gelehrt werden, daß die Lebensessenz des Menschen eine heilige Gabe ist, die von Gott nur für den Zweck der inneren Ernährung der Organe des Körpers und der Fortpflanzung den Menschen gegeben worden ist, wie das Wort Zeugungskraft es schon besagt.
Die medizinische Wissenschaft, die staatlichen Ämter der Wohlfahrt und Volksgesundheit und die religiösen und geistigen Organisationen können auf diesem Gebiet der positiven Aufklärung große Dienste leisten.
Die Staaten und Eltern müssen daher vor allem für eine wirksame und auf tiefe Weisheit gegründete Aufklärung der sexuellen Fragen eintreten. Hier haben die berufenen Ärzte eine wichtige, heilvolle Aufgabe zu erfüllen.
Diese Aufklärung muß den wahren Sinn aller sittlichen Gebote und Verbote verstandesmäßig und recht anschaulich erklären, so daß die Jugend in den wichtigen Lebensfragen und besonders über die Erscheinungen der Pubertät an keinem Zweifel und an keiner Unklarheit zu leiden braucht.
Die richtige Aufklärung soll den festen Unterbau jeder Ethik, jeder moralischen Unterweisung und jeder Erziehung und Jugendführung bilden.


Das Reinhalten der sozialen Umgebung
Die Aufklärung allein kann nichts nützen und kein sittsames Leben schaffen, wenn der Mensch in einer schlechten und besudelten Umgebung zu leben gezwungen ist. Denn die Erlebnisse und Einflüsse der sozialen Umgebung und besonders die Not wirken auf das Gemüt und den Charakter des Menschen viel mächtiger und zwingender als alle Gebote und Verbote der Religionen und alle Gesetze und Vorschriften der Staaten.
Daher muß zugleich mit der Aufklärung die soziale Lebensweise und Umgebung der Menschen, vor allem der Jugend, geändert und gereinigt werden, mit einem Wort eine reine physische und geistige Atmosphäre geschaffen werden.
Die Beseitigung jeden Dinges, das die sinnliche Lust frühzeitig erweckt oder sie anreizt, ist das zweite wirksame Heilmittel gegen die Gefahren der Versuchungen und der Unsittlichkeit oder Unzucht.
Dies zu erfüllen, ist aber die schwierigste Aufgabe, denn das soziale Leben der heutigen Kulturmenschen hat einerseits der Jugend große Freiheit und Selbständigkeit gegeben und andererseits soviel Mittel zur Reizung der sinnlichen Triebe erzeugt und dargeboten, daß die Jugend sich bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr vieler Versuchungen und Verlockungen ausgesetzt findet.
Das heutige Leben der Kulturvölker bildet mit all seinen Einrichtungen und mannigfachen Bequemlichkeiten und Genußmitteln eine unendliche Kette von verführerischen Reizungen, mit denen die einfältigen und schuldlosen Herzen der Jugend in jedem Augenblick verlockt, gefesselt und befleckt werden können.
Die meisten Schauspiele, Filme, Lustlokale, Kaffeehäuser, Tanzlokale, Ausstellungen usw. und vor allem die Literatur in Wort und Bild sind heute Brutstätten der Verführung, der Reizung der sinnlichen Gelüste, und – wir können es wagen und sagen, – ein Pfuhl von Unrat und Sittenverderbnis geworden.
Man darf sich daher nicht wundern, wenn man in vielen Ländern und besonders in den großen Städten die Jugend in verwahrlostem, verdorbenem und verrohtem Zustand und Elend herumlaufen sieht. Es ist entsetzlich und erschütternd, zu beobachten und festzustellen, mit welcher Wucht und Schnelligkeit die verheerenden Unsittlichkeiten, besonders nach jedem Krieg, wodurch das Band der Gewissenhaftigkeit und der moralischen Festigkeit zerrissen wird, sich unter dem Deckmantel der falschen, sogenannten Freiheit und Kunst wie eine Seuche verbreiten und den zarten sozialen Organismus der Jugend, besonders bei den jungen Völkern, fesseln und zugrunde richten.
Dr. med. Oberdörffer hat in folgenden wenigen Worten diese tiefgreifende Tatsache der heutigen Unzucht und ihrer Folgen klar dargelegt:
"Wenn wir eine Psychoanalyse aller Verbrecher der Welt aufstellen könnten, so würden die Wurzeln aller Verbrechen auf die Herrschaft des Geschlechtstriebes und deren unreinen Besitzer zurückreichen."
Die Menschen müssen endlich begreifen, daß die sinnlichen Versuchungen und Mißbräuche die schlimmsten Feinde der Seele und der Menschenwürde sind. Denn sie hindern die Befreiung und Erhebung der Seele über die tierische Stufe und die Veredelung und Vergöttlichung der Natur des Menschen.
Der verderbliche Einfluß einer moralisch unsauberen Umgebung auf den Charakter der Menschen ist eine unleugbare Tatsache. Die unheilvolle Wirkung der schlechten Gesellschaft und Freundschaft auf das sittliche Bewußtsein und Gewissen oder auf die Gesinnung und Gesittung des Menschen ist undenkbar groß.
Die kommende, erleuchtete Rasse wird mit Schmerzen und Schaudern vor der Schau der Reiz- und Rausch-mittel und Lustbarkeiten der heutigen Kultur zurückschrecken.
Die Erlösung der Menschheit von dem Joch der Verderbnis und die Rettung der heutigen Kultur vom Untergang hängt von der Erziehung der Jugend im Geiste der sittlichen Reinheit ab, welche die dreifache Keuschheit oder Heiligkeit des Körpers, des Herzens und des Denkens in sich einschließt.
Diese dreifache Keuschheit oder Reinheit ist der Gradmesser jeder wahren, schöpferischen Kultur.
Wir müssen noch erkennen, daß die fleischlose Ernährung des Körpers, vor allem bei der Jugend, zu dieser Reinheit gehört und in der Rettung und Veredlung der Menschheit eine wichtige Rolle spielt. Denn das Fleisch des Tieres enthält Stoffe, die geeignet sind, die Eigenart des Tieres, also die tierischen Triebe, zum Gedeihen zu bringen. Durch den Fleischgenuß übertragen sich die tierischen Veranlagungen und Eigenschaften auf die Menschen und machen sie für den Reiz dieser Anlagen empfänglich.
Es muß wahrlich eine neue, reine, soziale Umgebung und ein neues, gesundes Gesellschaftsleben geschaffen werden, damit in ihrem heiligen Schoß eine neue, körperlich seelisch und geistig gesunde und blühende Generation geboren werden und gedeihen kann.

Die Würdigung der Keuschheit und der Sittenreinheit
Die nötige Würdigung und Huldigung der Keuschheit und der sittlichen Reinheit fehlt bei den heutigen Kulturen. Man verspottet sogar solche Begriffe und Ansichten. Die Unwissenheit hat wahrlich mehr gesündigt als alle Laster und Verbrechen der Menschen.
Doch die Wahrheit wird allmählich die dunkle Tiefe der menschlichen Unwissenheit mehr und mehr beleuchten.
Es ist nicht ohne Grund gewesen, daß die alten Völker die Keuschheit und Jungfräulichkeit hochgeschätzt und ihnen großen Wert beigelegt haben.
Sie haben in ihrem Glauben, daß die schuldlosen und keuschen Jünglinge und Mägde Krankheiten heilen können, recht gehabt.
In der Tat strömt aus solch reiner und keuscher Jugend ein heilvoller und heilwirkender seelischer Strom aus, der den an Mangel magnetischen Fluidums leidenden Organen der Kranken die nötige magnetische Heilkraft zuführt und so die Ursache der Krankheit beseitigt.
Die Keuschheit ist bei allen Völkern etwas Heiliges, das mit Ehrfurcht betrachtet und behandelt wird.
Durch die Keuschheit gewinnt der sittlich-geistige Wille der Seele Herrschaft über den Leib. Sie ist mit wahrer Schamhaftigkeit verbunden.
Wahre Schamhaftigkeit hat aber mit Schüchternheit, Befangenheit, Kopfhängerei oder Dummheit nichts gemeinsam. Sie gewährt im Gegenteil schamvolle Unbefangenheit, Anmut, Erhabenheit und Edelmut.
Wahres Schamgefühl ist das Kennzeichen der wahren Keuschheit und Jungfräulichkeit. Sie hält die Seele von der Befleckung frei.
Die Keuschheit ist also mit ungesunder Prüderie, mit heuchlerischer Frömmelei nicht zu verwechseln. Sie ist eine positive, heilvoll wirkende Kraft, die nie genug gewürdigt werden kann.
Der Mißbrauch der Keuschheit, des heiligsten Gutes des Menschen, muß daher als Befleckung der Seele und als Sünde betrachtet und verachtet werden.
Viele Menschen glauben, daß man ein Verfügungsrecht über diese Kraft, das heißt seine Lebensessenz, besitze, wie über alle Organe seines Leibes und sein Leben überhaupt.
Dies ist eine falsche Auffassung, die auf Unwissenheit beruht.
Wie jedes Organ des Körpers nicht sich selbst angehört und nicht berechtigt ist, für sich allein zu leben und zu arbeiten, sondern für den gesamten Organismus, und wie es vor ihm für sein Dasein und seine Tätigkeit verantwortlich ist, so steht es auch mit dem einzelnen Menschen gegenüber der Gesamtheit, von der er ein verantwortliches Glied ist.
Der Mensch hat kein Recht, auf seine Menschenwürde zu verzichten und die Heiligkeit seines Leibes und seiner Seele zu entweihen. Wie er nicht berechtigt ist, seine Sinne abzutöten, so ist er auch nicht berechtigt, sich zur tierischen Stufe herabzusetzen und sich von seinen niederen Sinnen und tierischen Trieben versklaven zu lassen.
Je mehr bei einem Volk die körperliche und seelische Keuschheit und Reinheit gewürdigt und gepflegt wird, desto höher wird das Niveau seiner Kultur stehen.
Wahre, höhere Kultur vermeidet jegliche Einseitigkeit und Ausschließlichkeit oder Übertreibung.
Die heutige Kultur ist aber zu einer materiellen Körperkultur geworden. Sie legt den größten Wert und das größte Interesse auf den Körper und seine Pflege allein, und dies auf Kosten und zum Schaden der Seele, als ob der Mensch nur aus diesem sterblichen und verweslichen Körper bestände und keine andere Pflicht hätte, als die, diesen Körper zu pflegen und gar anzubeten.
Die heutige vermaterialisierte Kultur verneint die Seele oder sie vernachlässigt die Pflege und Ernährung, die ihr gebührte. Sie begreift nicht, daß die Keuschheit oder sittliche Reinheit die beste Nahrung für die Seele ist. Der sterbliche und verwesliche Körper darf daher nicht die Pflege der Seele, die unsterblich und das wahre Wesen oder Selbst des Menschen ist, zurückdrängen.
Keuschheit und Treue sind das kostbarste, was die Brautleute bei der Vermählung einander schenken können.
Wie die Braut mit großer Freude die Ausstattung für ihr künftiges Heim und gemeinsames Leben besorgt und ansammelt, so muß sie auch ihr teures Kleinod, die Keuschheit, für ihren Bräutigam aufbewahren. Dieselbe Pflicht gebührt auch dem Mann gegenüber seiner künftigen Lebensgefährtin.
Keuschheit und Treue sind die Grundpfeiler des heiligen Tempels der Familie, und dieser Tempel ist die Geburtsstätte der himmlischen Harmonie, Freude und Glückseligkeit.
Die sinnliche Befriedigung soll von religiösen Empfindungen getragen sein. In der keuschen, reinen Liebe liegt mehr Regung und Reiz, mehr Verjüngungs- und Belebungskraft als in der organischen Vereinigung. In der kindhaften Unschuld und im Austausch vom magnetischen Strom reiner, keuscher Liebe findet eine Seelengemeinschaft und eine berauschende und überquellende Seligkeit statt. Sich im Schoß einer sich hingebenden Liebe geborgen fühlen und vom Wunder der Verschmelzung zweier Herzen überwältigt und erschüttert sein, gewährt eine unbeschreibliche, lang andauernde Wonne und Entzückung, die in der flüchtigen Berührung der Organe nicht zu finden ist. Solcher Liebesaustausch wirkt körperlich und geistig verjüngend, denn er bleibt von trügerischen Folgen, Enttäuschungen und Kraftverschwendung frei. Er wird zu einem Jungborn der höchsten Inspiration und der geistigen Erhebung und Erleuchtung.
Eine solche Liebe versetzt die Seele in einen paradiesischen Zustand der Unschuld und Gottseligkeit. Denn hier umarmen sich die Seelen in tiefer gegenseitiger Hingabe. Hier vollzieht sich eine Wechselwirkung der Schenkens- und Empfangsfreude. Hier schwingt und klingt eine himmlische Symphonie, welche erhebend und erlösend auf den Leib und die Seele der Liebenden einwirkt. Viele wissen aus Erfahrung, daß die holde, schuldlose Zeit der Verlobung viel reizvoller ist, als die Zeit der Vereinigung. In dieser Zeit der Unschuld und der gegenseitigen Anziehung empfinden die Verlobten einen seligen Glücksschauer, der ihre Leiber und ihre Seelen mit himmlischer Wonne erfüllt und ernährt. Daher sagt auch der Mystiker, daß die Macht und Wunderkraft der göttlichen Liebe in ihrer Unstillbarkeit liege!

Die Entwicklung des sittlich-geistigen Willens
Die Entwicklung und Schulung eines sittlich-geistigen Willens tut heute sehr not. Sie ist für die Rettung der Menschheit von der Entartung und vom Untergang wie auch für die Herstellung neuer Ordnung im Menschenreich unentbehrlich. Sie gewährt Sicherheit gegen jeglichen Mißbrauch der schöpferischen Lebensessenz; sie gebiert die Macht der Selbstbeherrschung und der Selbstüberwindung.
Der heutige Kulturmensch besitzt im allgemeinen nur noch einen triebhaften Willen, der sich von den tierischen und sinnlichen Trieben verleiten läßt.
Dieser Wille ist unfähig, die stürmenden Wogen der Leidenschaften zu bewältigen. Er ist der Ausdruck des dumpfen, instinktiven Trieblebens. Er ist der Gehilfe des niederen Intellekts, der auch seinerseits der ungeläuterten, tierischen Natur unterworfen ist.
Der triebhafte Wille muß daher gereinigt und geheiligt und zum göttlichen Geist im Menschen emporgehoben, das heißt von ihm durchdrungen und erleuchtet werden, damit er ein geeignetes Werkzeug dieses Geistes werden kann.
Ein solcher Wille wird dann zu einer zielbewußten Energiequelle in der Hand des göttlichen Geistes im Menschen. Dann kann dieser Wille erleuchtet und ein Machtfaktor werden, um die triebhaften Sinne zu bändigen. Dann wird er fähig sein, jegliche selbstsüchtige Betätigung der Begierden zu hindern und alle ungöttlichen Wünsche und Gedanken zu besiegen. Ein solcher sittlich-geistig erleuchteter Wille wird sicher seine Macht nur zum Wohl und Heil der Menschheit verwenden. Er wird die in den niederen sinnlichen Trieben liegenden Kräfte umzuwandeln wissen, das heißt sie in geistige Energie umsetzen.
Die Schulung und Entwicklung dieses Willens ist bei der Jugend, die mit den sinnlichen Trieben oft zu kämpfen hat, sehr nötig und wichtig. Denn von diesem ersten Kampf hängt die Richtung und die Gestaltung des künftigen Lebens und Wirkens des Menschen ab.
Dr. med. Oberdörffer weist auf diesen Kampf mit folgenden Worten hin:
"In den Jahren der Geschlechtsreife steht der Mensch wie Herkules am Scheidewege, ob er den Kampf mit dem jetzt erwachenden Drachen der Begierden und der Leidenschaft aufnehmen will oder ob er sich kampflos treibenlassen will in den alles verschlingenden Strom des Verderbens und des Todes."
Die Stärke eines sittlich-geistigen Willens zeigt sich nicht in der Ausübung der Gewalt und der Roheit, sondern in der Göttlichkeit seines Zieles. Er manifestiert seine Macht nicht in der Unterjochung der Schwachen, sondern in der Selbstüberwindung, das heißt in der Bekämpfung der Dämonen der Begierden und der ungöttlichen Wünsche in sich.
Ein solcher Wille gebietet Stille dem Sturm der wogenden Leidenschaften und macht dem Unfug und den Umtrieben der sinnlichen Unzucht ein Ende.
Ohne diese sittlich-geistige Willenskraft kann keine heilvolle, große Tat vollbracht werden.
Keiner zweifelt an der zweifachen, gegensätzlichen Natur des Menschen, das heißt am Vorhandensein zweier Kräfte oder Mächte, die um die Herrschaft im Menschen ringen und kämpfen. Wenn wir diese Tatsache vor Augen halten und uns vergegenwärtigen, daß die Erlösung des Menschen von dem Sieg der göttlichen Macht über die tierische Natur des Menschen abhängt, dann werden wir von der Wichtigkeit und Notwendigkeit der Entwicklung des sittlich-geistigen Willens in uns überzeugt sein.
Die Vereinigung dieser zwei Naturen oder Kräfte des Menschen, wie des persönlichen Ichs mit dem höheren Selbst, des Trieblebens mit dem Geistesleben, des materiellen Wunsches mit dem spirituellen Ideal, des instinktiven Bewußtseins mit dem intuitiven Wissen, des Gefühls mit dem Verstand und, mit einem Wort, der tierischen Natur mit dem göttlichen Geist im Menschen, bildet die grundlegende Aufgabe jeder Religion und jeder wahren Erziehung.
Es muß aber hier wohl bemerkt und betont werden, daß in dieser Vereinigung das Niedere gereinigt und verfeinert und zum Höheren emporgehoben werden muß, damit es sich mit ihm verschmelzen und eins werden kann. Dann gewinnt das Höhere oder Göttliche die alleinige Herrschaft im Leben des Menschen.
Und wo keine Zweiheit mehr existiert und wo die Einheit allein als Gottes Geist und Macht regiert, da hört jeder Kampf auf, und da herrscht ungestört und ungetrübt Harmonie, Friede und Seligkeit.
Ohne die schöpferische Macht der gereinigten und erleuchteten Willens- und Vorstellungskraft wird die Seele immer in der tierisch-sinnlichen Welt gefangen und gefesselt bleiben.
Alle großen Lichtspender und Lehrer der Menschheit sind mit einem machtvollen und heilvoll wirkenden geistigen Willen ausgerüstet gewesen, denn sonst wären sie nicht fähig gewesen, alle Dämonen der Laster und der niederen Leidenschaften ihres persönlichen Ichs zu bändigen und zu besiegen!
An dem Tage, an dem dieser spirituelle Schöpferwille in den Menschen entwickelt und ihr Leben regieren und leiten wird, an dem Tage wird auch das Gottesreich auf Erden zur Herrschaft kommen.
Die Erweckung und Entfaltung dieser machtvollen Seelenkräfte muß die Grundlage jeder wahren Erziehung und Jugendführung bilden.
Das Bewahren der sittlichen Ordnung, des Völkerfriedens und der Harmonie im sozialen Leben beruht auf der Ausrüstung der Jugend mit diesen erlösenden, erhabenen Kräften.
Durch diese Kräfte kann es dem Menschen gelingen, das Selbstinteresse und die Selbstsucht in sich zur Ruhe zu bringen. Bei einem mit diesen Kräften durchdrungenen Menschen fließen Selbstliebe und Nächstenliebe zusammen. Er bringt die chaotischen Antriebe seiner tierischen Natur zur Klärung und wandelt sie durch das heilige Feuer seines gottdurchleuchteten Willens in geistig-schöpferische Kräfte um.

Die ethische Grundlage der Erziehung
Der Kulturmensch beginnt anzuerkennen, daß die Erziehung schon von der Geburt des Kindes an anfangen soll. Man kann sogar schon von der vorgeburtlichen Erziehung des Kindes sprechen, die vielmehr die Mutter betrifft, denn in der Tat übt der körperliche und seelisch-geistige Zustand der Mutter einen großen Einfluß aus auf das Kind, das sie in ihrem Schoß trägt.
Es kommt aber auf die Art dieser Erziehung an, und dies allein ist maßgebend und schicksalbestimmend.
Diese Erziehung soll vor allem auf die feste Grundlage der Ethik oder des sittlichen Adels aufgebaut werden.
Die ethische Erziehung der Kinder ist das wirksamste Heilmittel gegen den Unfug des Egoismus und der Unzucht, welche die heutige Kultur vergiftet und ihren Verfall und Untergang nahegebracht haben.
Wahre Ethik besitzt in der Tat eine reinigende und läuternde Kraft, die das individuelle, wie auch das soziale Leben von allen verderblichen Elementen und Schlacken reinigt.
Ethik ist jene Wissenschaft, die nicht nur das Sittliche im Leben, das heißt alles, was gut, edel und göttlich ist, lehrt, sondern auch den Menschen zur Verwirklichung ihrer Aufgabe, nämlich des Vermeidens des Bösen und des Vollbringens des Guten, hilft und sie dazu bringt. Sie ist also keine bloße Theorie oder Lehre, sondern eine heilvolle, tatkräftige Führung und Ausbildung.
Wahre Ethik umfaßt und beantwortet die Fragen: Wie soll man leben und warum soll man so leben? Sie stellt Gesetze und Lebensregeln auf, die zum Erreichen des Ziels des Daseins erforderlich sind.
Wenn wir im Lichte der reinen Vernunft oder der Weisheit annehmen, daß das Ziel des menschlichen Daseins die Befreiung der Seele von den Fesseln der Materie ist, weil von dieser Befreiung die Offenbarung ihrer Göttlichkeit abhängt, dann müssen wir nach Mitteln und Wegen suchen, die das Erreichen dieses Ziels am besten und am schnellsten ermöglichen.
Diese Mittel und Wege in Form von Lebensregeln oder moralischen Prinzipien auszudrücken und ihren Gebrauch zu erleichtern, ist die Aufgabe und die Grundlage der wahren Ethik.
Diese ethischen Gesetze oder Vorschriften und Prinzipien bezeichnen die Bedingungen eines harmonischen, friedlichen und glücklichen Lebens.
1. Alle Geschöpfe sind miteinander im Leben und Schicksal durch die Einheit ihres Ursprunges und ihres Endzieles allewig verbunden, daher die Allverbundenheit.
2. Alle Geschöpfe sind durch ihre allewige Verbundenheit, je nach ihrer Art und Kraft, zur gegenseitigen Hilfe und Liebe verpflichtet, daher die gemeinsame Verantwortlichkeit.
3. Alle Geschöpfe sind gemäß dem Gesetz der Höherentwicklung, welche das Universum regiert, verpflichtet, ihr individuelles Interesse und Wohlsein dem Interesse und Wohlsein der Gesamtheit zu opfern: daher die Opferwilligkeit.
Auf den drei Säulen der Allverbundenheit, gemeinsamen Verantwortlichkeit und Opferwilligkeit muß der Dom jeder wahren Ethik und Erziehung, ja jeder heilvollen Kultur aufgebaut werden.
Die Allverbundenheit ist die Frucht der höheren Erkenntnis oder Weisheit und steht in Zusammenhang mit dem Denken des Menschen.
Die gemeinsame Verantwortlichkeit ist die Frucht des Bewußtseins der Einheit aller Geschöpfe und hängt mit der Liebe oder dem Fühlen des Menschen zusammen.
Die Opferwilligkeit ist die Frucht der göttlichen Liebe und steht mit dem Wollen des Menschen in Zusammenhang.
Durch die Verwirklichung dieser drei Grundprinzipien der Ethik werden also das Denken, das Fühlen und das Wollen oder Handeln des Menschen, welche die drei Ausstrahlungen seines Lebens oder Äußerungen seiner Seele sind, ernährt, veredelt und vergöttlicht.
Auf diese Weise wird der Mensch nunmehr immer göttlich denken, göttlich empfinden und göttlich handeln. Dadurch wird er zum Ebenbild Gottes und wird zur Vollkommenheit und Gottseligkeit gelangen und so den Sinn seines Daseins und das Ziel seines Lebens erfüllen.
In der heutigen Kultur legt man aber wenig Wert auf die moralische Bildung, und in manchen Ländern hat man sogar in letzter Zeit den Religions- und Moralunterricht aus dem Schulprogramm herausgenommen.
Diese Abneigung gegen die Morallehre rührt davon, daß man in vielen Ländern den Moralunterricht mit dem dogmatischen Konfessionsunterricht verwechselt hat, da sie zusammenfließen.
Da nun der dogmatische Religionsunterricht, der auf dem Autoritätsglauben gegründet ist, den heutigen entwickelten Verstand nicht befriedigt, hegt man überall gegen ihn eine Abscheu, und man verurteilt gleichzeitig die Morallehre und will auch sie abschaffen.
In der Tat ist der übliche Religionsunterricht mit dem fortgeschrittenen Denken des heutigen Menschen unvereinbar. Aber deshalb darf man nicht die Morallehre verneinen und abschaffen.
Hierin liegt ein zweifacher Irrtum, der im Lichte der Wahrheit erklärt und beseitigt werden muß.
Erstens hat man die wahre Religion mit der dogmatischen Konfession verwechselt, während die wahre Religion, als Ausdruck der ewig lebendigen, unbegrenzten und universalen Wahrheit, mit den konfessionellen Dogmen, Bekenntnissen und Glaubenssätzen nichts zu tun hat, denn diese letzteren sind an Raum und Zeit gebunden und den steten Veränderungen unterworfen. Wahre Religion ist aber ein in der Tiefe einer jeden Seele eingeborenes, sittliches und ehrfurchterweckendes Empfinden.
Jeder Mensch besitzt, bewußt oder unbewußt, im Grunde seines Herzens diese Religiosität, das heißt ein heißes Verlangen nach Freiheit, nach Glückseligkeit und nach Wahrheit, also nach seliger Gemeinschaft mit seinem Schöpfer.
Ob dieses Verlangen sich früher oder später, stark oder schwach manifestiert oder in diesem Leben überhaupt nicht zur Offenbarung gelangt, was fast unmöglich ist, ist gleich, denn es ist immer da und wird sich einst offenbaren, denn es bildet einen Wesensteil der Beschaffenheit der menschlichen Seele.
Daher gibt es Menschen und Völkerschaften, die keine von den bekannten Weltreligionen kennen und von ihnen nichts gehört haben, und dennoch sind sie nicht ohne Religion in dem oben angegebenen Sinne dieses Wortes. Sie sind vielleicht besser mit dem Schöpfer des Weltalls verbunden als viele Gläubige der Weltreligionen.
Die eigentliche Aufgabe der Religion und der Ethik oder Morallehre besteht darin, die Hindernisse zu beseitigen, welche die Offenbarung der in der Tiefe der Seele schlummernden göttlichen Empfindungen erschweren oder unmöglich machen.
Dieses innere, seelische Verlangen nach Wahrheit und Seligkeit ist der Keim der Religion oder der wahren Religiosität und zugleich ein Funken der Moral oder der sittlichen Empfindung, ob der Mensch sich zu dieser oder jener Konfession bekennt oder zu keiner, bleibt sich gleich.
In der Tiefe der Seele ist jeder Mensch ohne Ausnahme religiös, sittlich veranlagt und gottsuchend, denn dies ist das Erbgut jeder Seele.
Die Erziehung bedarf nicht unbedingt einer dogmatischen und konfessionellen Lehre, sie kann aber ohne Lehre der Ethik und ohne wahre Religion im weitesten und erhabensten Sinne dieses Wortes nicht bestehen. Sie kann diese Lehre nicht entbehren, denn sonst wird sie in ihrer Aufgabe versagen und ihren eigenen Sinn und Wert verlieren.
Dieser Religionsunterricht muß aber fähig sein, eine innere Gewißheit, eine Glaubensstärke zu erzeugen und eine Überzeugungskraft und Wärme auszustrahlen.
Die wahre Moral- und Religionslehre erfordert daher eine tiefe Einsicht, Nachsicht oder Weisheit.
Sie muß eine zugleich das Herz und den Verstand befriedigende Antwort auf alle brennenden Fragen des inneren Lebens darbieten können. Anstatt Verwirrung muß sie Erleuchtung, Klärung der Probleme und der Gedanken schaffen.
Diese religiöse und ethische Lehre bildet das Herz wahrer Erziehung, sie ist der schöpferische Keim der Menschenbildung, der Erhebung des Menschen zu seiner gottgewollten Bestimmung und Vollendung.
Die ethische Erziehung kann aber nur dann fruchtbar werden, wenn das soziale Leben ein die Würdigung der Moral förderndes Vorbild vor den Augen der Jugend darstellt.
Die Jugend bedarf mehr Vorbilder als Prediger, mehr sittlicher Ermunterung und Anspornung als Warnung und mehr sauberer Umgebung als moralischer Vorschriften.
Der hochklingende Übermut und die trotzige und skeptische Haltung der Jugend, die nur zeitliche Erscheinungen ihres inneren Wandels und Wachstums sind, müssen richtig verstanden und mit Güte und Nachsicht entgegengenommen und umgeleitet werden.
Die Würde und Größe des Menschen muß nicht in seiner äußeren Macht, sondern in dem Adel seines Charakters und in dem Reichtum seines Herzens, in der Pflege und Erfüllung seiner moralischen Pflichten, mit einem Wort, in der Reinheit seiner Empfindungen und der Göttlichkeit seiner Gedanken und Handlungen gesucht und gewürdigt werden.
Die Selbstbeherrschung, die Enthaltsamkeit und die Entsagung in den schweren Stunden der Not und des Opfers müssen bei der Jugend angeregt und verankert werden.
Die sinnliche Reinheit und die sittliche Erhabenheit müssen mit allen Mitteln der Begeisterung und Verehrung unterstützt und bekräftigt werden.
Nicht die Muskelkraft, sondern die moralische Festigkeit, Tugendhaftigkeit und Opferwilligkeit müssen als Kennzeichen der Stärke und der Ehrwürdigkeit betrachtet und erstrebt werden.
Nicht die leibliche Schönheit und harmonische Körperbildung allein, sondern vielmehr die seelische Harmonie und Schönheit, wie Edelmut, Hingabe, Güte, Vergebung und Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit, müssen verehrt und Gegenstand der Achtung und Verehrung werden.
Die Ausbildung des Leibes muß mit der Herzensbildung und die Ausbildung des Intellekts mit der sittlichen Empfindung Hand in Hand gehen. Keine darf auf Kosten der anderen gepflegt und hervorgehoben werden.
Wahre, ethische Erziehung lehrt die Jugend, sich in allen Lebenslagen Mäßigkeit aufzuerlegen, Verzicht zu leisten, Wertunterschiede zu machen und Selbstgenügsamkeit auszuüben.
Sie befähigt den Menschen, in seinem persönlichen, vergänglichen Wesen das Ewige zu entdecken und zu erkennen.
Sie entflammt im Menschen das innere Licht und läßt ihn dieses unvergängliche Licht in dem Vergänglichen erschauen und erleben.
Sie bereitet eine heilige Stätte im Herzen vor für die Wiedergeburt der Seele, für wahre mystische Einweihung in das Mysterium der Schöpfung.
Reine Gesinnung, sittliches Verhalten, Hilfsbereitschaft, Opfermut, mit einem Wort, seelischer Adel bilden die Grundzüge einer wahren, ethischen Erziehung.
Nur von einer Jugend, die im Schoß dieser Ethik, welche die drei Heiligkeiten der Reinheit, Weisheit und Harmonie in sich trägt, geboren und erzogen wird, kann man die Rettung der heutigen Kultur und Menschheit erhoffen und erwarten.

Schlußbetrachtung
Trachtet nach sittlicher Reinheit, denn die Sittenverderbnis ist das Grab jeder Kultur und der Menschlichkeit!
Wir haben in dieser Schrift den Ursprung des Sündenfalls und der Erbsünde und ihre Folgen von einem mystisch esoterischen Standpunkt aus erforscht und erkannt. Wir haben auch die Wege und Mittel ihrer Beseitigung kennengelernt.
Nun müssen wir die Kraft und Macht erringen, diese verpflichtende Erkenntnis in die Tat umzusetzen. Die Quelle dieser Macht ist nichts anderes, als die ewig lebendige Wahrheit, die man Gott oder Schöpfer nennt. Diese Quelle steht jeder Menschenseele zur Verfügung, und jede Seele ist ursprünglich mit dieser Quelle verbunden, denn sie ist in ihrem Schoß geboren und selbst ein Strahl derselben. Sie hat sich nur von der Materie verblenden lassen und die Verbindung mit ihrer Quelle der Macht und der Wahrheit verloren. Sie muß nun erwachen und sich nach jenem Quell sehnen und nach ihrer Freiheit ringen.
Die heutigen Kulturmenschen denken aber im allgemeinen ganz anders. Sie betrachten sich selbst, das heißt ihr sterbliches Schein-Ich, als Maßstab aller Dinge und die Befriedigung seiner Lüste und Begierden als den Zweck und Sinn des Lebens. Die Verwirklichung dieses Zieles, das heißt das Schaffen seines Glückes durch seine eigene Kraft ohne an die Macht Gottes zu appellieren, nimmt von Tag zu Tag zu. Rationalismus oder der übertriebene Intellektualismus, Hand in Hand mit der materiell-körperlichen Kultur, hat die Vorherrschaft und gar die alleinige Herrschaft in der heutigen Welt gewonnen.
Wer an die höhere Bestimmung des Menschen glaubt, die Menschheit zur Vernunft aufruft und ihr dadurch zu helfen hofft, der nimmt und erkennt damit die Existenz einer übermenschlichen und überweltlichen Urvernunft als höchste Weisheit und Macht an, wonach sich jeder sehnen und streben soll.
Wer die Existenz einer Urvernunft erkennt, der wird unbedingt nach ihr verlangen und streben, um an ihrer Weisheit und Macht teilnehmen zu können. Er wird durch Opfer und Freude ihre Eigenschaften in sich aufnehmen, sich einverleiben und verwirklichen, das heißt zum lebendigen Brot seines Lebens machen.
Denn dies ist die Forderung der wahren Erkenntnis oder Wahrheit. Wer die Wahrheit wirklich erkennt, der wird sie unbedingt von Herzen lieben, und wer die Wahrheit liebt, der wird ihre Forderungen mit Freude erfüllen. Ohne dies wird es ihm unmöglich sein, zu der Quelle der höchsten Weisheit zu gelangen und daraus die erlösende Kraft der Wahrheit zu schöpfen. Und er wird unfähig sein, der Welt etwas Höheres und Göttliches darzubieten und der Menschheit wirklich zu helfen.
Jede Seele besitzt potentiell diese Erkenntnismöglichkeit und diese schöpferische Macht und Fähigkeit, denn sie hat an dem Wesen der Urvernunft teil.
Diesen das ganze Universum durchflutenden Quell der schöpferischen, überweltlichen Urvernunft oder höchsten Intelligenz und Weisheit nennen wir Gott oder Schöpfer.
Sich mit diesem Urquell allen Seins und aller Macht zu verbinden und zu vereinen, ist die wahre Religion, das Strebensziel aller Weisen und aller nach Wahrheit und Vollkommenheit suchenden Seelen.
Die Vollkommenheit ist das Endziel des menschlichen Daseins auf diesem Planeten.
Die Vollkommenheit besteht in der vollen Entfaltung aller schöpferischen Kräfte, die im Menschen potentiell vorhanden sind.
Vollkommen werden bedeutet, aus Unwissenheit zur Weisheit, aus Gefangenschaft zur Freiheit, aus Machtlosigkeit zur Macht, aus Irrtum zur Wahrheit oder aus Finsternis zum Licht zu gelangen.
Trachtet darum unermüdlich nach Vollkommenheit.
Die Vollkommenheit offenbart sich vor allem in der Reinheit des Körpers, der Seele und des Geistes.
Reinheit bedeutet, von allen fremden Elementen, die zum wahren Wesen der Dinge nicht gehören, frei sein.
Der Mißbrauch der menschlichen Organe und Kräfte verunreinigt den Körper, die Seele und den Geist.
Wer daher rein bleiben will, muß jede Unreinheit von sich fern halten.
Wer zum geistig Unvergänglichen gelangen will, der muß sich vom sinnlich Vergänglichen abwenden.
Wer sich nach Osten begeben will, muß sich vom Westen entfernen.
Schwankt deshalb nicht zwischen der tierischen Sinnlichkeit und der höheren Geistigkeit, und laßt euch durch den Trug der Sinne nicht in den Abgrund der Tierheit hinabstoßen.
Trachtet darum nach Reinheit durch den richtigen Gebrauch aller Kräfte eurer Natur.
Erkennt, daß keine Kraft an sich zu verdammen ist, sondern nur der Mißbrauch derselben, denn dieser allein erzeugt Unheil und hindert den Fortschritt und die Vollkommenheit.
Reinheit gewährt körperliche, seelische und geistige Kraft, Harmonie und Schönheit, welche die Grundelemente der Vollkommenheit sind. In der Weltallharmonie offenbaren sich die Macht und die Weisheit des Schöpfers.
Bringt daher euren Körper, eure Seele und euren Geist, das heißt euer inneres und äußeres Leben, miteinander und mit dieser Weltallharmonie in Einklang.
Harmonie liegt allem Erschaffenen zugrunde, und darauf beruht die Weltordnung.
Die Harmonie ist aber ohne göttliche Liebe undenkbar, denn es ist diese Liebe, die alle Atome des Weltalls miteinander verbindet und zusammenhält.
Es ist die Kraft dieser Liebe, die alle Welten, die Sonnen und die Milchstraßen im Schoß des unendlichen Raums schwingen heißt und bewegen läßt.
Die menschliche Liebe ist ein niederer Aspekt, ein Schimmer und schwacher Abglanz dieser universalen spirituellen Liebe. Sie kann aber gereinigt und entfacht werden, denn sie ist mit ihrem Urquell, der göttlichen Liebe, verbunden.
Deshalb kann nur eine reine selbstlose Liebe euch in den Mühsalen des täglichen Lebens wahren Frieden, innere Ruhe und Herzensstärke geben.
Trachtet darum nach reiner, selbstloser und göttlicher Liebe.
Werdet über eure Schwäche und Machtlosigkeit nicht betrübt und entmutigt, sondern erweckt in euch den machtvollen Helden der reinen, göttlichen Liebe; er wird euch zum Sieg über alle Hindernisse führen.
Ihr werdet durch diese Liebe Opfermut, Lebensfreude und Seelenharmonie erlangen.
Reine, göttliche Liebe weckt in euch das Einheitsbewußtsein, klärt das Gewissen und regt euch zur Opferwilligkeit an.
Wer daher wahre, schöpferische Liebe besitzt, denkt nicht mehr an seine Person, sondern verwendet alle ihm zu Gebote stehenden Kräfte zum Wohl und Heil der Menschheit.
Werdet daher nachsichtige und gütige Führer denen, die durch die grausamen Hände der Unwissenheit von dem sonnigen Pfade der Weisheit und der Reinheit fortgestoßen sind.
Wendet eure Herzen nicht mit Abscheu ab von denen, die jetzt in der Dunkelheit des Sinnentrugs und der Unwissenheit umhertasten, sondern laßt auf ihrem Wege das helle Licht der Liebe, der Wahrheit und der Weisheit leuchten. Werdet durch die Reinheit des Denkens geeignete Werkzeuge für die Offenbarung der göttlichen Weisheit!
Lebt rein, keusch und heilig, damit ihr helfen, retten und heilen könnt!

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update 23.08.2001 Thomas Linsner